Mountainbiken 3.0 Mountainbiken 3.0

Mountainbiken 3.0: Digitale Netze, elektronisch unterstützt?

Wie sieht die Zukunft des Bike-Sports aus?

Henri Lesewitz am 17.02.2018

Treten, lenken, atmen: Am Grundkonzept hat sich 40 Jahre nach der Erfindung des Mountainbikes nichts geändert. Dennoch entwickelt sich der Sport permanent in alle Richtungen. Ein Blick in die Zukunft.

52,4 % unserer Leser fährt am allerliebsten Singletrails. Etwa ebenso beliebt sind Wald- und Schotterwege. Nur 12 Prozent bevorzugen Downhill-Parks. 

WIRD MOUNTAINBIKEN DEN SOMMERTOURISMUS REVOLUTIONIEREN? 

Antwort von Dr. Dieter Stöhr, Koordinator MTB-Modell Tirol 2.0: 
Eine spannende Frage. Wir haben gerade wieder im MTB-Arbeitskreis Themen wie E-MTB-Boom, Winteröffnung von MTB-Routen und Versicherungsfragen diskutiert. Die Tiroler Touristiker erwarten vom Biken in den nächsten Jahren sehr viel.

Dr. Dieter Stöhr

Dr. Dieter Stöhr, Koordinator MTB-Modell Tirol 2.0

Derzeit läuft ein engagiertes Investitionsprogramm, das die Rad-Infrastruktur bis hin zu gebauten Trails weiter verbessern soll. Die Landwirte sind in Tirol sehr kooperativ. Bis Ende 2018 wollen wir knapp 300 Kilometer vertraglich freigegebene Singletrails haben.

Mittelfristig ist die Prognose schwieriger. Im Nahbereich der Skigebiete wird sicher ein breites Angebot an Flowtrails entstehen. Anspruchsvolle Trails runden das Angebot ab, die braucht es fürs Image. Die Masse bleibt aber auf Flowtrails.

Viele Wanderer werden aufs E-Bike umsteigen und die Berge auf den Almwegen neu erleben. Gebaute Uphill-Strecken für E-Biker werden von der Industrie gerade heftig gepushed. Einen Boom erwarte ich aber nicht. Ohne die Nähe einer Bergbahn fehlt da, anders als bei Downhill-Trails, das Finanzierungsmodell.

Antwort von Harald Maier, Initiator MTB Tourismus Kongress
Wie der Sport in 20 Jahren aussieht? Puh, das kann wohl kaum einer genau sagen. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass Wisch-Handys mal das große Ding werden? Trends passieren. Und für mich sind E-MTBs da momentan ganz spannend. Das sind ja jetzt quasi alles noch Prototypen.

Harald Maier

Harald Maier, Initiator MTB Tourismus Kongress

Aber in einigen Jahren werden das Smartbikes sein, die ganz normalen Leuten den Zugang zur Natur ermöglichen. Das wird dem Biken einen ganz neuen Stellenwert verschaffen. Vor allem die Skiregionen erhoffen sich da ganz viel. Die investieren gerade Millionen in Trails und Infrastruktur. Peanuts im Vergleich zum Skizirkus, aber immerhin.

Die Frage ist nur: Wer wird die Strecken einmal unterhalten? Bisher machen das ja vor allem die Liftbetreiber. Doch die werden vom E-MTB-Boom nicht profitieren. Vielleicht wird es Abrechnungssysteme geben, wo die Trail-Gebühr direkt vom Handy abgebucht wird – im Microcent-Bereich.

Muskel-Biker wird es weiterhin geben, aber sie sind – aus meiner Sicht – eine aussterbende Rasse. Nur: Wer weiß das heute schon so genau?


SETZT SICH VERNETZTES BIKEN DURCH?

Die Trainings-App Strava, die Routing-App Komoot, das Suspension-Abstimmungs-Tool Shockwiz von Sram, oder auch die per Handy programmierbare Di2-Schaltung von Shimano: Schon heute ist Vernetzung beim Biken Alltag. Doch das könnte erst der Anfang sein: "Ich glaube, dass Vernetzung, ähnlich wie beim Auto, zum Standard werden wird. Um mal zu raten: Jeder Zweite wird bis 2027 ein vernetztes Bike haben", glaubt Andreas Gahlert, Chef des Schnittstellenanbieters Cobi.

Mountainbiken 3.0

Auch Canyon-Designer Peter Kettenring sieht noch viel Potenzial. "Beim Smartbike der Zukunft kommunizieren alle Komponenten untereinander. Die Sensorik macht auf Wartungsintervalle aufmerksam, stellt den Dämpferdruck ein, oder kontrolliert den Reifendruck." Ob sich wirklich alle Biker für die Digitalisierung begeistern, bleibt dennoch fraglich. Ein Großteil wird wohl weiterhin simple, mechanische Technik schätzen. Schallplattenverkäufe boomen ja auch seit Jahren wieder – trotz Streaming und Download-Angeboten.

PRO: Christoph Sauser, Ex-Weltmeister
"Strava finde ich cool. Vor allem, um an einem fremden Ort Trails zu suchen und hinterher die Zeiten zu vergleichen. Die Industrie wird Konnektivität weiter vorantreiben. Elektro-Schaltung, Vario-Stütze, GPS, alles integriert. Wir alle werden profitieren.

Christoph Sauser

Christoph Sauser, Ex-Weltmeister

CONTRA: Florian Wiesmann, Rahmenbauer
"Ich darf gar nicht dran denken, was sich die Industrie noch einfallen lässt. Idealerweise ein Bike, das alleine trainiert, damit man nicht mehr so gestresst ist. Die durchschnittliche tägliche Bildschirmzeit beträgt heute auch so schon acht Stunden. Nein, danke!"

Florian Wiesmann

Florian Wiesmann, Rahmenbauer


VERDRÄNGT SHUTTLEN, LIFTEN UND E-BIKEN DAS KLASSISCHE BERGAUFFAHREN?

Andi Berger, Alpen Events:
"So, wie bisher, wird es sicher nicht bleiben. Es wird auch in Zukunft viele Menschen geben, die es faszinierend finden, aus eigener Kraft über die Berge zu fahren. Aber es gibt definitiv einen Trend hin zum Genuss. Die Kombination aus Lift und Bergab-Trail ist inzwischen sogar bei Alpenüberquerungen ein Thema. Die Skigebiete investieren in Trails, sie brauchen Auslastung, auch im Sommer. Alles okay. Ich hoffe aber, dass der Respekt vor der Natur bei der ganzen Entwicklung nicht verloren geht."

Andi Berger

Andi Berger, Alpen Events

Thomas Schlecking, Bike Projects:
"Sicher runzeln da einige die Stirn. Auch E-Biken ist ein körperlicher Sport. Der Anteil der E-Biker wird sicher noch wachsen. Beides, klassisches Biken und E-Biken, wird dauerhaft nebeneinander existieren. Dass Mountainbiken Formen annimmt, wie das Skifahren im Winter, hoffe ich aber eher nicht. Wer möchte in einem Bike-Revier 40000 Menschen an einem Tag haben, oder 6000 Leute in einer Stunde auf dem Trail? Das Angebot an kompakten Trail-Netzen wird aber sicher wachsen."

Thomas Schlecking

Thomas Schlecking, Bike Projects

Peter Brodschelm, Fahrtwind:
"Mittelfristig geht der Trend klar zur Kombi aus Lift und Bergab-Trail. Langfristig werden sich Bike-Touristen zu Fans von All-inclusive-Paketen in ehemaligen, umgewandelten Skiresorts entwickeln. Dabei wird es mehr reine E-MTB Destinationen geben als für herkömmliche Biker. Dann, so in 20 Jahren, wird sich ein neuer Trend abzeichnen: back to the roots. Kleine Gemeinden, die den Boom verschlafen und sich ihre Ursprünglichkeit bewahrt haben, werden von Naturliebhabern mit MTBs überrannt." 

Peter Brodschelm

Peter Brodschelm, Fahrtwind


WANN GIBT ES IN DEUTSCHLAND ENDLICH GROSSE SINGLETRAIL-NETZE?

Warum gibt es in Deutschland keine Trailcenter wie im tschechischen Nové Mesto pod Smrkem?

Bikepark Pod Smrkem

"Neue Wege könnten das Naturbewußtsein steigern und viele Menschen zum Biken bringen." – Tomás Kvasnicka, Trail-Designer und Chef des Singltrek Center Pod Smrkem

Tomás Kvasnicka:
Offensichtlich hat vor zehn Jahren niemand in Deutschland an schmale, leicht zugängliche und nachhaltige Wege geglaubt. Und niemand hat einen progressiv denkenden Forstverantwortlichen oder Politiker getroffen, dem klar wurde, dass solche Trails das vielleicht wertvollste "Nicht-Holz-Produkt" des Waldes sind: der soziale Mehrwert, der Erholungsnutzen für die Bevölkerung. Auch das immense touristische Wertschöpfungspotenzial dieses Nicht-Holz Produktes ist leider noch nicht bis zu den Entscheidungsträgern vorgedrungen. In Tschechien war das zum Glück anders. So wurde Pod Smrkem zu einem wegweisenden Projekt für Biker. Nun ist es an der Zeit, das Konzept nach Deutschland zu bringen.

Wie wird die Situation in zehn Jahren sein?
Wenn ich melancholisch bin, dann befürchte ich, dass der Zugang zur Natur weiter eingeschränkt werden könnte. Neue Trail-Netzwerke könnten dazu missbraucht werden, den Zugang zu limitieren. Sie würden eine Form von Bike spezifischen Strecken annehmen, die nur dieser einen Nutzung dienen. Also ähnlich einer BMX-Strecke, nur eben im Wald. Wenn ich positiv gestimmt bin, dann glaube ich, dass neue Wege in ländlichen Regionen und in der Nähe von Städten vielen Menschen die Schönheit mitteleuropäischer Wälder vermitteln könnten. Dass dieses das Naturbewusstsein steigert. Und, dass diese Wege viele neue Menschen zum Biken bringen. Wichtig ist aber, dass die Wege jedem zugänglich sind, so wie in Pod Smrkem.

Ihr ladet Tourismusstrategen aus ganz Deutschland und Österreich zu Studientagen nach Pod Smrkem. Was hat es damit auf sich?
Der deutschsprachige Raum wird sich vermutlich in nächster Zeit großen Herausforderungen in Bezug aufs Mountainbiken stellen müssen. Biker sollten freien Zugang zur Natur haben, in allen Regionen. Dazu sollten verschiedene Leistungsträger, darunter Forstverwaltungen, lernen und verstehen, wie der Bau, die Pflege und die Verbesserung von Wegen positive Aspekte bündelt. Wir möchten zeigen, was wir in Pod Smrkem erreicht haben und wie das im deutschsprachigen Raum umgesetzt werden kann. 


WERDEN BIKES IN ZUKUNFT GELEAST?

65 % unserer Leser kaufen Bikes beim Händler, 27 % im Internet. Zubehör dagegen bestellen 60 % im Netz.

"Riesengeschäft" – David Eisenberger, Zweirad-Industrie-Verband:
"Es gibt ja bereits das Arbeitnehmer-Leasing, bei dem sich Angestellte zu attraktiven Konditionen ein Fahrrad ihrer Wahl leasen können. Leasing wird auch für Privatpersonen so normal werden, wie das heute schon bei Autos der Fall ist. Für Bike-Händler ist das ein Riesengeschäft. Da werden von Firmen gerade viele, spannende Konzepte entwickelt."


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Henri Lesewitz am 17.02.2018