Mountainbike: Abenteuer-Reportage durch Wales

Trans Wales Abenteuer-Rallye

  • Matthias Dreuw
 • Publiziert vor 12 Jahren

Hatz und Gemütlichkeit – Trans Wales Abenteuer-Rallye mit einzigartigem Modus: Tagfüllende Überführungsetappen werden mit Wertungsprüfungen gewürzt. BIKE-Mitarbeiter Tillman Lambert war dabei.

Die Warnung ist subtil aber wirksam: Die Wettervorhersage am Flughafen Stuttgart zeigt mäßige Temperaturen sowie Regen über Großbritannien an. Anderswo, in Südeuropa, sind die Temperaturanzeigen zweistellig und statt dicker Wolken lacht die Sonne am Bildschirm. Neidisch blicke ich den Pauschaltouristen hinterher, die gutgelaunt die Flieger nach Spanien, Frankreich und Italien besteigen. Sandstrand wäre mir jetzt auch lieber als Schlammtrails. Seufzend ergebe ich mich dem Schicksal und mache mich auf den Weg zur TransWales. Auf dem Flug kreisen meine Gedanken um die bevorstehende Herausforderung.

Nachdem das Rennen letztes Jahr in Schottland stattfand kehren wir für die dritte Auflage wieder nach Wales zurück. Bewährtes wurde bewahrt, der deutlichste Unterschied zu anderen Etappenrennen ist die Aufteilung in tagesfüllende, obligatorische Überführungsetappen sowie kurze, fakultative Zeitfahren. Man kann darüber diskutieren, ob ein Zeitfahren noch ein echtes Mountainbikerennen ist. Sicherer ist dies jedoch aufgrund der teils sehr anspruchsvollen und handtuchbreiten menschgemachten Trails in den Bikeparks und Trailzentren allemal.

Start und Ziel des Rennens ist Builth Wells, ein kleines Dorf in einem Land mit viermal soviel
Schafen wie Einwohnern, grünen Tälern, unaussprechlichen Ortsnamen und Menschen deren
Herzlichkeit ihresgleichen sucht. Erwartungsvoll verlassen 320 sauber gekleidete Biker auf
sauberen Bikes in Teams oder als Einzelstarter den Zeltplatz - ein in den kommenden sieben Tagen seltener Anblick.

507 Kilometer und 14500 Höhenmeter verteilt auf sieben Etappen, dazu vier etwa einstüdige Geländezeitfahren. Zahlenmäßig könnten man eine Warmduschervariante der TransalpChallenge erwarten, dies relativiert sich allerdings bei einem Blick auf die Trails: Die verblockten, steil abfallenden und wurzeldurchzogenen Pfade sind bereits bei trockenen Bedingungen eine Herausforderung. Der Dauerregen jedoch potenziert Schwierigkeitsgrad und Quälerei. Besonders im Nachtrennen. Und wenn man V-Brakes fährt. Neben mir haben noch der Österreicher Simon sowie ein weiterer Fahrer Felgenbremsen montiert. Noch sollten wir nicht ahnen, welche Probleme auf uns zukommen sollten.

Unsere Klamotten sind gleich am ersten Abend durchnässt, unnachgiebig spielt der Regen nachts seinen Trommelwirbel auf den Zeltdächern. Manchmal jedoch gönnt der Himmel sich und uns eine Pause, zieht den Wolkenvorhang zurück und schenkt uns einen klaren Ausblick in die Landschaft. Der Tunnelblick, zu dem ein konzentrierter Fahrer hier gezwungen ist, will er nicht Rad wie Körper gefährden, erlaubt keine langen, bewundernden Blicke in die spröde Schönheit der Natur.

Glücklicherweise ist das hier eine Überführungsetappe. Niemand hetzt sich ab, im Gegenteil, das lockere Tempo ist taktisch klug will man doch Kräfte für das erste Nachtzeitfahren sparen. Taktisch unklug jedoch ist es, hier mit V-Brakes anzutreten. Als meine Bremsen vollständig kapitulieren muss ich auf den letzten 20 Kilometern der zweiten Etappe jede Abfahrt hinunterschieben. Vorbildlich bieten mir zahllose Briten ihre Hilfe an, eine hoch anständige wie vergebene Geste: Es hat einfach niemand Ersatzbeläge für V-Brakes dabei weil sie alle mit Scheibenbremsen fahren. Fluchend feuere ich im Etappenziel in Brechfa mein Rad in die Ecke und höre mich einen deutsch-englischen Schimpfwörterkanon brabbeln. Liz, die den Verpflegungsstand betreut, päppelt mich mit warmen Worten, heissem Kaffee und Schokoladenkeksen wieder auf. Immerhin dient der Zustand meines Bikes als gute Ausrede das nachmittägliche Zeitfahren im Regen auszulassen. Ich bin in bester Gesellschaft, die Beteiligung des Fahrerfeldes an dieser Etappe ist sehr karg.
Als ich die Mechaniker nach Bremszügen frage, ernte ich vor allem erstaunte Blicke – sie haben gar keine dabei weil sie davon ausgingen, dass hier eh jeder Scheibenbremsen fahren würde. Aufgrund unserer V-Brake bewehrten Hardtails sind Simon und ich mittlerweile eine kleine Attraktion im Fahrerlager geworden. Wir wissen einfach nicht, ob wir darüber weinen oder lachen sollten. Noch sollten wir nicht ahnen, dass unsere Bremsenprobleme sich bald im wahrsten Sinne des Wortes von selbst erledigen sollten.

Wenigstens kann mir Chris, der Koch aus Manchester, mit einen wertvollen Tipp aus seiner
Armeezeit helfen: meine nassen Klamotten trocknen tatsächlich nachts im Schlafsack, immerhin ist damit ein Problem gelöst. Zumindest bis zur Flussquerung am nächsten Tag. Der Fluss, eigentlich als harmlose Abwechslung gedacht, hat mittlerweile größere Ausmaße angenommen. Wir hangeln uns an dem Seil entlang, welches die Streckenposten darüber gespannt haben, einige gehen trotzdem baden. Matt, Berufsparadiesvogel auf einem Singlespeeder, sogar gleich zweimal. Als der Regen tags darauf einen Fluss völlig überflutet, wird das Rennen kurzerhand umgeleitet.

Und Ausweichrouten müssen Mike und John, die Organisatoren, aus den unterschiedlichsten
Gründen mehrfach austüfteln. Dies wird teils dankbar angenommen: Wer erschöpft ist oder schlicht keine Lust hat, die letzten 20 Kilometer im Regen zu fahren kann gegen ein paar Strafminuten auf der Endabrechnung abkürzen und wenige Kilometer Asphaltstraße bis ins Ziel hinunterrollen anstatt noch eine längere Schleife durchs Gelände zu drehen . Diese Lockerheit wäre bei anderen Rennen unvorstellbar aber hier geht es eben nicht darum, das härteste Mountainbikerennen Europas auf die Beine zu stellen sondern mittels einer angenehmen Mischung aus Radtouristik, Bikeparkspaß und Rennatmosphäre einen eigenen Flair zu kreieren. Gemeinsam mit zwei Gleichgesinnten ignoriere ich an der letzten Verpflegungsstation die apokalyptische Warnungen vor Wetter und Strecke, lasse die Abkürzung links liegen und biege ab nach rechts in den letzten Etappenabschnitt. Warum tun wir das wenn wir auch den einfachen Weg nehmen könnten? Alex, der Personal Trainer, gibt mir eine philosophische Antwort jenseits der üblichen sportlicher-Ehrgeiz-Erklärungen: Die schönen Tage verblassen in der Retrospektive während die Stunden der Quälerei am beständigsten sind, von ihnen zehrt man am längsten, an ihnen wächst man. Also braucht es Matsch statt Sandstrand für einen nachhaltigen Urlaub. Vielleicht treibt uns das voran durch Regen, Schlamm und Gegenwind.

Das Rennen ist mittlerweile vier Tage alt, zum ersten mal übernachten wir in einer Kleinstadt. Der Bikertross macht einen Ausflug aus seinem abgeschirmten Kokon in die Aussenwelt und der örtliche Waschsalon das Geschäft seines Lebens. Frisch rasiert und in sauberen Klamotten fühlen wir uns wieder wie Menschen. Zumindest solange bis tags darauf unsere Füsse im Erdreich versinken. Auf dem Weg von Machynlleth nach Ponterwyd geht es durch eine Graslandschaft durchzogen mit knietiefen Löchern voller Schlamm. Hungrig verschlingt der Boden das Menschenfleisch mit lautem Schmatzen bis zu den Knien und gibt die Beine unter obszönen Rülpsern wieder frei. Wehe dem Unglücksraben, dessen Schuhe hier unter der Erdoberfläche stecken blieben, die Treter wären wohl auf ewig verschollen. Konzentriert und doch immer zu Scherzen aufgelegt meistert der Lindwurm aus Bikern die Passage. Gemessene Strecke: ein paar hundert Meter, gefühlte Distanz: ein mehrfaches.
Auf der letzten Etappe windet sich ein traumhafter Trail die Bergflanke hinab, ein unwiderstehliches Steilstück fordert mich heraus, schüttelt mich wütend ab und zerbeißt mein Vorderrad in die Form einer Chipslette. Am Fuß der Abfahrt trampele ich mit zwei anderen Fahrern auf dem Vorderrad herum – vielleicht passt es ja so wieder durch die Gabel. Hinter uns stolpert Simon mitsamt Fahrrad im Schlepptau den Berg hinunter, sein einziger Kommentar: „I'm fucked!“.

Gleiche Stelle, gleiches Problem, gleiches Ergebnis. Er hatte seine Bremsen so fest angezogen, dass die altersschwachen Felgenflanken zerbarsten. Gemeinsam schieben wir die Räder zur nächsten Verpflegungsstation und lassen uns von Liz ins Ziel zurück nach Builth Wells fahren. Grinsend tragen wir die Räder über die Ziellinie unseres einwöchigen Martyriums.

Am Tag nach der freibiergetränkten Abschiedsparty packe ich meine Sachen. Der einzige Teil
meiner Ausrüstung, der die ganze Woche weder Schlamm noch Regen gesehen hat sind
ausgerechnet meine Überschuhe – selbst hier in Großbritannien war es einfach zu warm dafür.

Zurück am heimatlichen Flughafen steigen auch die Mallorca-Neckermänner gutgelaunt aus ihren Fliegern. Doch diesmal grinse ich in mich hinein: “Wenn ihr wüsstet...“ denke ich und freue mich auf die nächste Schlammschlacht.

Mehr Infos:


www.mtbtransuk.co.uk

Themen: AbenteuerEnduroReportageWales


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