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Frühjahrsklassiger für Abenteurer: Tuscany Trail Race Frühjahrsklassiger für Abenteurer: Tuscany Trail Race

Mitgefahren: Tuscany Trail

Nonstop: 560 km mit dem Mountainbike durch die Toskana

Gunnar Fehlau am 05.08.2016

Das Tuscany Trail ist der Frühjahrsklassiker für abenteuerhungrige Biker. 560 hügelige Kilometer nonstop durch die Toskana und über allem die Frage: abhetzen oder genießen?

Das Rennen ist kaum zwanzig Kilometer alt, aber ich bin bereits am Anschlag. Dabei hatte alles so nett begonnen. Vor eineinhalb Stunden bin ich lässig zusammen mit 250 anderen Fahrern auf der Piazza Aranci in Massa zum Tuscany Trail-Rennen gestartet. Jetzt hämmert der Puls mit 180 Schlägen durch die Blutbahn, und ich zerre meinen bepackten Boliden über einen schmalen Trampelpfad mit Stufen und Absätzen. An Fahren ist schon seit hundert Höhenmetern nicht mehr zu denken. Es ist nass und kühl. Irgendetwas zwischen echtem Regen und schwerem Nebel umspült die Berge der Apuanischen Alpen. Nach einer halben Stunde Heben, Hieven und Tragen kommen wir am Scheitelpunkt Foce delle Porchette an. Nun sind Fahrtechnik und gute Ausstattung gefragt. Und das gilt nicht nur fürs Rad. Das Tuscany Trail ist ein Self-Support-Rennen, was heißt, dass jeder Fahrer sich selbst versorgt. Also haben die meisten Teilnehmer leichte Zeltausrüstung und allerlei komprimierten Hausrat dabei. In der Regel in Lenkerrolle, Rahmen- und Satteltasche verstaut. Doch gerade die Satteltasche macht das Fahren im groben und steilen Gelände schwer. Talwärts sehe ich einige Leute in die Büsche purzeln, andere steigen rechtzeitig kontrolliert ab. 800 Höhenmeter weiter unten lautet meine Bilanz: ein Plattfuß, kein Sturz und reichlich Hunger. Unsere abenteuerlustigen Schenkel haben den ersten Gipfel und somit die ersten 1000 Höhenmeter intus. Zusammen mit meinem Touren-Buddy Walter Lauter geht es in die nächste Rampe. 800 Höhenmeter zackig hoch. Von den seichten Hügeln der Toskana und dem angeblich stets mediterranen
Klima fehlt noch jeder Spur.

Von Race-Feilen und Fatbikes

"Isse eschte Monte", lächelt mich Marco an, schaltet einen Gang hoch und geht lässig aus dem Sattel. In der nächsten Sekunde reißt eine Lücke zwischen uns auf. Der drahtige Mitdreißiger ist der lebendig gewordene Archetyp des italienischen Radsportlers: kurze, schwarze Haare, feine Goldkette um den Hals, weiße Rennradsocken, Helm am Lenker und Colnago-Kappe auf dem Kopf. Der braun gebrannte Körper steckt in Klamotten des Lotto-Profistraßen-Teams und ist bis in die letzte Faser aus­trainiert. Ich erhasche noch einen kurzen Blick auf sein Bike: "volle Tupperparty" – faktisch alles, inklusive der Bremsscheiben-Spider, ist aus Carbon. Der Bock dürfte keine neun Kilo auf die Waage bringen, denke ich. Die kleine Lenkerrolle und die zierliche Hecktasche lassen auf eine gewichtsoptimierte Hotel-Strategie schließen. Marco ist auf Tempo gepolt. Ein paar Kehren weiter überhole ich einen Typen, der mit Fatbike und voller Zelt­ausrüstung pedaliert. Was zeigt, wie unterschiedlich die Teilnehmer der Herausforderung begegnen. Jeder meint, das ideale Rad für das Rennabenteuer zu haben.

Fotostrecke: Nonstop MTB-Rennen Tuscany Trail

Touristenfalle Florenz

Zweiter Tag: Die gerade Strada Bianca, wie die berühmten, hellen Schotterpisten der Toskana heißen, scheint endlos. Seit einer gefühlten Ewigkeit spielt die Tachonadel Limbo knapp unter der 30-km/h-Marke. Der zähe Morgen mit dem letzten Tausenderpass in den Apuanischen Alpen bei Nieselregen und auch die matschige Abfahrt sind vergessen. Endlich purzeln die Meilen, und auch die Sonne kommt raus. Es geht geradewegs auf Florenz zu. Urplötzlich nimmt der Verkehr auf der Strada tumultartig zu. Das GPS leitet uns mitten in die Innenstadt hinein, direkt auf die Piazza del Duomo. Touristenmassen fluten den Platz. Unser Flow erleidet einen Kolbenfresser. Fast eine halbe Stunde lang kurbeln wir in Schrittgeschwindigkeit durch die mäandernden Reisegruppen, bevor uns die Altstadt wieder ausspuckt. Gutes Timing ist wichtig im Radsport, da machen Selbstversorgerrennen keine Ausnahme. Die schnellen Fahrer sind hier in der Nacht durch. Sie hatten freie Bahn und lieferten sich im Morgengrauen für ein paar Minuten ein Rennen mit den Kehrmaschinen.

Kehren und Beulen

Walter und ich haben gerade den Fluss Arno überquert, da geht es unerwartet rechts direkt in den Hang. Die Beine brennen, wir müssen in den kleinsten Gang schalten. Die Route führt hoch zum weitläufigen Piazzale Michelangelo. Zu dumm nur, dass dieser geräumige Platz mit herrlicher Aussicht über Florenz zum Angelpunkt des Bustourismus’ mutiert ist: Heerscharen von Selfie-Stick-Knipsern marodieren rund um die Bronzestatuen und Souvenirbuden. Sie bremsen einmal mehr unsere Fahrt. Es gehört zu den goldenen Regeln des Massentourismus’, dass es im Rücken der Touristen sehr schnell ruhig wird. Kaum fünfzig Meter weiter ist die Ausflüglerquote wieder nahe Null. Die Straße liegt wellig auf den toskanischen Hügeln. Es geht entspannt Richtung Chiesanuova. Als wir um die nächste Kurve biegen, schauen wir direkt in die zerschellte Frontpartie eines Fiats, der quer auf der Straße steht. Auf unserer Straßenseite läuft ein weißer VW aus. Wildes italienisches Geschnatter erfüllt die Luft. Im Hintergrund naht die Polizei. Wir kurbeln an den Wracks vorbei. "Ich bin froh, wenn wir wieder im Gelände sind, das ist nicht so gefährlich", grinst Walter. Am Abend sehen wir die beiden Autos wieder. Im Facebook-Posting von Mitfahrer Jasper: "Be careful out there #tuscanytrail. White car was overtaking me. Luckily I stopped in time."

Frühjahrsklassiger für Abenteurer: Tuscany Trail Race

Stadtbummel? Nein Danke! Autor Gunnar Fehlau hat doch nicht den Expeditionskram am Bike, um durch urbane Gassen zu tippeln. 

Kühler Wein auf heißem Stein. Es gleicht dem Bild aus einem Westernfilm: Eine wilde Horde prescht über die Prärie. Sie zieht eine Staubwolke hinter sich her. Die Kamera zoomt auf die Männer. Sie sind müde. Staub und Schweiß bilden eine Heldenkruste auf den Gesichtern. Doch die Augen leuchten voller Freude und Konzentration. Seit San Gimignano, dessen mittelalterlicher Stadtkern zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, haben wir drei Begleiter. Staub steigt auf. Kiesel springen rechts und links und nehmen die Mitfahrer in Beschuss. Die Stollen unserer Räder krallen sich in die Kurven. Mit 70 Sachen preschen wir auf der Strada Bianca bergab, geradewegs auf eine T-Kreuzung zu. Als wir unten stehen, glühen die Bremsscheiben. Allmählich haben wir uns an die Mischung aus Kultur und Natur des Tuscany Trail gewöhnt. Die Logik ist eingängig, der Rhythmus gleichförmig und die Abfolge immer gleich: Die Strecke führt meist auf kleinen Landstraßen und Strade Bianche bergauf, bis eine kulturelle Sehenswürdigkeit erreicht ist. Dort folgt der Track der Touristenkarawane durch die historische Altstadt oder Burg. Anschließend geht es über Schotterpisten und Singletrails wieder talwärts, bis der nächste Anstieg nach gleicher Art folgt. Zuweilen wird die Melodie durch eine längere Fahrt in der Ebene ein wenig variiert.

Diese Dramaturgie ist kein Zufall, vielmehr hat Tuscany Trail-Initiator Andrea Borchi eine Mission: "Ich möchte den Menschen zeigen, wie schön die toskanische Landschaft ist und welch fantastische Kulturgeschichte wir haben."

Unsere Kompagnons biegen an einer Wegscheide rechts ab. Wir verschnaufen noch einen Moment und entdecken links einen Holzverschlag. Der entpuppt sich als Straßenverkauf des nahegelegenen Weingutes Pietrafitta. Zehn Minuten und drei Proben später schiebe ich eine Flasche Chianti in den Flaschenhalter am Unterrohr und sichere den zerbrechlichen Passagier mit einem Kabelbinder. Die weiteren Zutaten zum Abendessen kaufen wir in Colle die Val d’Elsa ein. Dann radeln wir dem Sonnenuntergang entgegen. Eine Wiese dient als Nachtlager. Gerade als wir uns häuslich einrichten wollen, gesellt sich Markus, ein Fahrradhändler aus Nürnberg, zu uns. Zu dritt sitzen wir auf den von der Sonne aufgeheizten Steinen und genießen den Chianti Colli Senesi, Oliven, Käse, Salami und Baguette. "Das Abendessen kostet uns sicher zehn Ränge in der Platzierung", sagt Markus. Wir grinsen. Wer würde schon eine Platzierung gegen einen solch großartigen Moment wie diesen eintauschen?

Erlebnis oder Ergebnis: Beim Selbstversorgerrennen gilt die Bruttozeit, also Fahrzeit plus Pausenzeit. Allem voran wird am Schlaf gespart. Ein brisantes Spiel: Wie viel Zeit kann ich sparen, und wann beginnt der Schlafmangel das Tempo auf dem Rad zu bremsen? Wichtig ist, auch tagsüber keine Zeit zu verplempern: Pausen minimieren und möglichst optimal nutzen. Im Restaurant umgehend alle Gänge bestellen, erst anschließend Jacke und Übertrikot ausziehen und auf Toilette gehen. Im Supermarkt am besten bereits während des Wartens an der Kasse zu essen beginnen. Auf Fotostopps oder gemütliche Kaffeepausen in Altstadt-Cafés verzichten die Racer natürlich gänzlich. Spätestens hier teilt sich die Szene in zwei Lager. Die Einen wollen so schnell wie möglich am Ziel sein. Sie verzichten auf alles, was den maximalen Vortrieb beeinträchtigen könnte. Die Anderen wollen einen Mix aus Abenteuer, Natur, Kultur und Sport genießen. Beide Philosophien liegen mitunter weit auseinander. Nicht nur zeitlich: Während Walter und ich noch ein ganzes Stück vor uns haben, sind die beiden Sieger längst geduscht und auf dem Heimweg. Sie sind die 560 Kilometer quasi nonstop durchgefahren und waren nach 37 Stunden und neun Minuten im Ziel. Eine umfangreiche Zeltausrüstung suchte man bei ihnen vergebens. Walter und ich pendeln zwischen den Extremen: Auf dem Rad geben wir gerne Vollgas, aber ein Selbstversorgerrennen ohne abendliches Lagerfeuer können wir uns nicht vorstellen. Damit fahren wir nach drei Tagen, acht Stunden und neun Minuten auf Platz 50 ein. Der letzte gelistete Fahrer erreicht erst nach acht Tagen, vier Stunden und 27 Minuten das Ziel. Sein Bike war mit reichlich Komfortausrüstung beladen. Richtig so. 

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Gunnar Fehlau am 05.08.2016

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