Downhill-Rennen durch die Gassen der Slums von Rio Downhill-Rennen durch die Gassen der Slums von Rio Downhill-Rennen durch die Gassen der Slums von Rio

Favela-Downhill: Circuito MTB de Favelas in Rio 2016

Downhill-Rennen durch die Gassen der Slums von Rio

  • Andreas Kublik
 • Publiziert vor 5 Jahren

Sie gehören zu den gefährlichsten Plätzen der Welt: die Favelas in Rio de Janeiro. Bei der Rennserie Circuito MTB de Favelas rasen Downhiller durch die engen Gassen der Armenviertel.

Neymar, Messi und Tevez haben plötzlich keinen Blick mehr für Fußball und Trainer. Sie drücken ihre Nasen durch den Maschendrahtzaun des "Käfigs" ganz oben in der Vila Opéraria. Menschen mit riesigen Helmen und schweren Mountainbikes steigen der Polizei aufs Dach, die in Containern sitzt und den Menschen hier auf die Finger schauen soll. Beim Fiepen des Startsignals geht’s mit ein paar strammen Pedaltritten oben auf den Polizei-Containern los, dann lassen sich die Biker auf die Landerampe fallen und sprinten um die nächste Häuserecke Richtung Ziel.

Beeindruckend und neu ist das: Die Veranstalter des Circuito MTB de Favelas haben eine spektakuläre Mountainbike-Strecke geplant, die oben auf dem Dach der Polizeieinheit UPP beginnt und sich wie eine Anakonda durch das Gassengewirr windet – ein Downhill-Rennen durch diese Favelas, wie die Armenviertel in Rio de Janeiro heißen. Alle in der Vila Opéraria gucken hin – auch die Dreikäsehochs auf dem kleinen, eingezäunten Fußballplatz, die die Trikots der Fußballstars Neymar, Messi und Tevez tragen.

An jeder Ecke, an jeder Treppe stehen und sitzen Menschen mit offenen Mündern – die Hälse drehen sich mit den unbekannten Flugobjekten, die hier durch ihre Siedlung segeln. Downhill-Rennen kannte man in diesem Viertel in Rios Vorort Duque de Caxias bisher nicht. Es ist eine Premiere. Und alle sind aus dem Häuschen.


"Ich habe alle Kinder eingesammelt, als ich gehört habe, dass hier das Radrennen ist", sagt eine Mutter am Streckenrand.

Pedro Cury Mit Kind und Kegel: Die Mountainbike-Rennen in den ärmsten Ecken Rios sind Familienfeste. 

Schrilles, aufgeregtes Trillerpfeifen, dazu die Warnrufe der Streckenposten – "Baikieeeee!" – hallen durch die engen Häuserschluchten. Passanten springen mit ihren Einkaufstüten in die Hauseingänge, drücken ihre Rücken an die Mauern. So, wie sie es sonst nur tun, wenn das Tackern automatischer Waffen zu hören ist. Denn rasende Radfahrer sind beileibe nicht die größte Gefahr, die in den Labyrinthen der zumeist illegalen Siedlungen der Sechs-Millionen-Stadt lauern.

Die Vila Opéraria, von deren höchstem Punkt man die Christus-Statue im fernen Dunst über Rio sieht, gilt als eher ruhige, ungefährliche Favela. Und das ist auch der Grund, warum Circuito-Chef Thiago Gomes hier ganz kurzfristig mit seinem Tross zur Schlussetappe seiner Rennserie vorbeigekommen ist. Drei Cross-Country-Rennen und vier Downhill-Prüfungen bietet er mit dem Circuito MTB de Favelas an. Der 35-Jährige stammt aus der Mittelklasse Rios – er will, so sagt er, nicht nur einfach Rennen an ungewöhnlichen Orten veranstalten. Er hat eine Mission. Die Favelas stünden geradezu sinnbildlich für die Gesellschaft Brasiliens – und ihre Probleme.


"Wir bringen eine Show in die Favelas, dort passiert ja sonst nichts", sagt Thiago.

Pedro Cury Rennchef Thiago Gomes (rotes Shirt) bringt nicht nur Stimmung, sondern auch Geld in die Fevelas.

Wie die Vila Opéraria sind auch Rios Stadtviertel Providência, Vidigal, Turano, Complexo do Alemão und Borel einige der ärmsten Ecken Rios und gleichzeitig die aufregendsten Abenteuerspielplätze für Biker. Urban-Downhill-Weltmeister Filip Polc kommt sogar gerne aus dem fernen Europa her.

"Die Favela-Rennen sind supercool!", schwärmt der Slowake. Die wild gebauten Siedlungen mit verwinkelten Gassen, langen, steilen Treppen und engen Durchlässen sind ein fertiger Bikepark, in dem man nur Trassierband spannen muss. "Ohne gute Fahrtechnik und Körperbeherrschung wirst du dort aber nicht überleben", sagt Polc.

Rennchef Gomes weiß auch um andere Risiken. Die Hügel Rios sind Horte der Outlaws. Ein ideales Rückzugsgebiet für Drogenhändler und ihre gewalttätige Entourage. Thiago erzählt, wie er sich vergangenes Jahr während der Vorbereitung im Complexo do Alemão plötzlich auf den Boden werfen musste. Eine Stunde lang pfiffen die Kugeln über ihn hinweg. Noch heftiger war das Erlebnis drei Jahre zuvor. Als Gomes frühmorgens zum Start kam, fand er dort zwei Leichen. Irgendein Waffen- oder Drogengeschäft war wohl im Dunkel der Nacht schiefgegangen. Dabei ist Thiago mit seiner Rennserie erst in die bedrohlichen Viertel gekommen, nachdem diese offiziell als "pacificado", als befriedet galten.

Mit Schützenpanzern, Militärhubschraubern und schweren Waffen hatten Polizei und Militär 2009 versucht, die Herrschaft der Drogenbanden zu beenden. Es herrschte Krieg mitten in Rio. Danach besetzten Polizeieinheiten der UPP die Favelas. Es ist Teil einer Image-Kampagne, dass sich die UPP vom Circuito aufs Dach steigen lässt.

Favela-Downhill: Circuito MTB de Favelas in Rio 2016

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Slum-Schlacht: Sie gehören zu den gefährlichsten Plätzen der Welt: die Favelas in Rio de Janeiro. Bei der Rennserie Circuito MTB de Favelas rasen Downhiller durch die engen Gassen der Armenviertel. Einmal lagen zwei Erschossene am Start. 

Auch im Jahr 2015 wollte der Circuito sein Finale im Complexo de Alemão feiern. Leandro Pereira, ein groß gewachsener Kerl Anfang 30, wäre gerne durch seine Siedlung gerast, vor seinen eigenen Leuten. Aber jetzt ein Bike-Rennen im Complexo? Er schüttelt enttäuscht den Kopf: "Unmöglich, viel zu gefährlich." Seit vergangenem September werde wieder regelmäßig scharf geschossen, erzählt er. Man höre häufig das Tacktacktack der automatischen Waffen – bis hinüber in die nahen Mittelklassewohnviertel von Rio.

Ärgerlich, dass die besten Abfahrts-Routen durch die Reviere von Drogen- und Waffenhändlern führen. Immerhin genügen am Finaltag des Circuitos Protektoren, man kommt ohne kugelsichere Weste aus – hoffen die Fahrer zumindest. Sicher ist in Rio nämlich nichts – schon gar nicht, wenn man auf sündteuren Rädern sitzt, die in Brasilien wegen hoher Importsteuern oft mehr kosten als ein Kleinwagen.

"Meine Freunde haben zu mir gesagt: Wie könnt Ihr mit so teuren Bikes in eine Favela gehen?", erzählt Thiago. Seine Antwort: "Das Rad ist deine Lebensversicherung. Radfahrer sind hier Außerirdische." Die Biker werden bewundert, sie bringen Leben ins Viertel. Die Garotas, die Mädchen der Siedlung, kreischen für jeden der bunten Biker – für den 13-jährigen Lucas, den beinamputierten Alexon oder Walace Miranda, den zweimaligen Downhill-Champion Brasiliens. "Die Leute dort sind das beste Publikum, das man sich vorstellen kann, das treibt dich noch schneller runter", sagt Polc, der in diesem Jahr der Stargast des Auftaktrennens war. Der Circuito bringt nicht nur gute Stimmung, sondern auch Arbeit. Bis zu 120 Helfer braucht Thiagos Agentur pro Rennen – die meisten kommen aus der jeweiligen "Comunidade", wie die Favelas politisch korrekt heißen. Tagessatz: 45 Reais, rund 11 Euro.

Pedro Cury Geile Fete: Die Zuschauer vor der Bar do Nil feiern, während die Biker vorbeibrettern. 

Die Gastgeber sind freudetrunken, wenn die gepanzerten Schussfahrer ihre Gassen als Bühne nutzen – sie einer nach dem anderen mit einem Plumps in dem größten Steilstück landen, bevor sie ihre Boliden in die Steilkurve legen und an der Bar do Nil vorbeirattern. Nil, der Barbesitzer, sagt, er mache das Geschäft des Jahres. Zwei Männer treten gegenüber in ihren Havaianas aufgeregt von einem Bein aufs andere. "Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas je sehen würde", sagt der Eine. Dann rumst und scheppert es. Der Biker mit der Startnummer 106 hatte die notdürftig zusammengezimmerte Steilwandkurve nach der Landung wohl etwas zu stumpf angesteuert und ist kopfüber in die Bretterwand katapultiert worden. Ein Aufschrei, Zuschauer und Streckenposten rennen zum Bruchpiloten. Kurz darauf schleppen sie sein Specialized-Fully weg, in dem ein völlig deformiertes Vorderrad steckt. Der Pilot humpelt hinterher. Es bleibt der einzige heftige Sturz des Tages. "Ich hatte Rennen, da hat die Ambulanz ununterbrochen gearbeitet", erzählt der Rennchef.

"Die Gemeinschaft hier mag das. Es ist die Gelegenheit, ihre gute Seite zu zeigen, dass sie nett und sozial sind", sagt Fabio Henning de Azevedo, der seit zwei Jahrzehnten Downhill-Rennen fährt. Der 45-Jährige weiß natürlich auch: "Es ist ein Widerspruch, mit so teueren Rädern in die Favela zu gehen. Die Leute hier haben nichts." Gerade ist der letzte Biker um die nächste Häuserecke verschwunden, da kommt José Felix Lima durch die Gasse geschlurft. Er ist 71 Jahre alt, wohnt seit 62 Jahren in dem kleinen Häuschen mit der Nummer zehn. Er freut sich über die Gäste, dann senkt er die Stimme. Er spricht jetzt über die Drogenhändler und die Polizei. Früher gab es rauschende Feste, die die Bandenbosse bezahlt haben, aber auch viel zu viel echtes Kriegsspielzeug. "Jetzt tragen die Kinder keine Waffen mehr", sagt er zufrieden. Er ist spät noch mal Vater geworden. Sein vierjähriger Spross Luis Miguel hat sich unten im Ziel den Integralhelm eines Downhill-Piloten über den Kopf gezogen, ist auf den Sattel von dessen Bike geklettert und war begeistert. "Die Kinder werden das jetzt alle nachmachen, sich moderne Räder besorgen wollen", sagt der Papa. Wie sie das schaffen ohne Geld? In vielen Ecken Rios löst man Geldnot mit Messer oder Pistole. "Sie sind kreativ", sagt José Felix. Unten im Ziel, wo die vielen Bikes aneinander lehnen, sieht man, was er meint: Eine der Kategorien mit den meisten Teilnehmern heißt "Rigida", ungefedert.

Dann verschwinden die Menschen aus den Gassen. Die Türen schließen sich wieder. Thiago Gomes zieht unten im Ziel dicke Bündel aus Scheinen der brasilianischen Währung Real aus der Hosentasche. Zwischen 850 und 1950 Reais bekommen die Sieger der einzelnen Klassen, 300 bis 600 Euro – viel Geld. Mancher Kellner an der
Copacabana verdient das im Monat. Aber es geht nicht ums Geld. "Unschätzbar" sei der Wert für den Radsport, den die Rennserie in den Favelas geschaffen habe, sagt Claudio Santos, der Präsident des Radsportverbandes Rio de Janeiro und betont: "Sie hat das Mountainbike in die hintersten Ecken der Stadt gebracht – dorthin, wo die Menschen besonders benachteiligt sind."

Aber Thiago Gomes, dem Macher der Serie, könnte bald das Geld ausgehen. 160000 US-Dollar kostet die Serie aus sieben Rennen. Die wichtigsten Sponsoren sind der Bundesstaat Rio de Janeiro und die staatlichen Elektrizitätswerke Light.

Im August 2016 kommen die Olympischen Spiele nach Rio, das große Fest des Sports. Eine große Chance für den Mountainbike-Sport? Von wegen. Gut möglich, sagt

Thiago, dass er im kommenden Jahr die Serie absagen müsse. Brasilien wird von einer großen Wirtschaftskrise gelähmt, dazu die immensen Kosten, die auf den Staat und die Stadt als Gastgeber Olympischer Spiele zukommen. "Wenn wir die Rennen in den Favelas stoppen müssten, wäre das ein gewaltiger Rückschlag. Wir haben diese Veranstaltung im Auftrag der Regierung geschaffen. Aber sie danken es uns nicht", sagt Verbandspräsident Santos. Sie haben die Kids in den Favelas für Bikes statt für Waffen begeistert. Wenn es schlecht läuft, dreht sich der Spieß wieder um.

Unterhalb des Hügels von Vila Opéraria liegt ein riesiges, staubiges Gräberfeld, viele kleine Holzkreuze, kaum Grabsteine. Es erinnert daran, dass Downhill-Rennen hier ein vergleichsweise ungefährlicher Zeitvertreib für die Jugend sind. Die Lebenserwartung für Mitglieder in einer der Drogenbanden, die angeblich gerade wieder aufblühen, ist eher gering: 25 Jahre.


Infos zum Circuito MTB de Favelas 

Die Rennserie  Circuito MTB de Favelas   findet seit 2010 in verschiedenen Favelas von Rio de Janeiro statt. Der Veranstalter wählt die Viertel aus, die bereits "pazifiziert" und von der Polizei besetzt sind. Anfangs bestand der Circuito nur aus Cross-Country-Rennen. Infos im Web: facebook.com/circuitomtbdefavelas


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Themen: BrasilienCircuito MTB de FavelasCityDownhillRio de Janeiro


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