Freiheit gibt's gleich um die Ecke Freiheit gibt's gleich um die Ecke Freiheit gibt's gleich um die Ecke

Biken in der Corona-Krise

Freiheit gibt's gleich um die Ecke

  • Lisa Gärtitz
 • Publiziert vor 8 Monaten

Obwohl Sachsen nicht zu Deutschlands Corona-Hotspots zählt, gelten strikte Ausgangsbeschränkungen. BIKE-Praktikantin Lisa Gärtitz berichtet vom Fernpraktikum und wie sich Biken in Sachsen anfühlt.

Am Sonntagmorgen erhalte ich von BIKE-Chefredakteur Henri Lesewitz die Nachricht, dass mein Praktikum nun im Homeoffice stattfinden wird. Na toll. Praktikum in meinem kleinen Appartement in der Nähe von München und durch die strikten Ausgangsbeschränkungen in Bayern keine Möglichkeit, unter Leute zu kommen. Ich telefoniere mit Freunden und Familie, hole mir Rat. Meine Strichliste mit den Optionen Nachhause-Fahren oder Dableiben ergibt: Fahr nach Hause! Ich aber will mich durchkämpfen. Eine Woche halte ich durch, dann packe ich Sonntagfrüh frustriert und traurig meine Sachen und fahre gen Heimat. Meinen Wohnort lasse ich rechterhand liegen und düse direkt weiter zu meiner Freundin nach Halle. Wir wissen: Auch hier wird es bald Ausgangsbeschränkungen geben. Wir drehen eine sonnige, aber kühle Runde, die wir genießen, als könnte es unsere letzte gemeinsame Bike-Tour sein. Wir albern darüber. Bei Kaffee und Kuchen sehen wir es in den Nachrichten: Für das ganze Land gilt ab Mitternacht ein Kontaktverbot und in Sachsen zudem die befürchtete Ausgangsbeschränkung. Dieses Wort löst in mir seit Tagen ein schreckliches Unbehagen aus. Als ich mich von Steffi verabschiede, scherzen wir noch, ob ich nicht lieber in Sachsen-Anhalt bleiben wolle, einem Bundesland mit weniger Auflagen. Wir lachen darüber und verabschieden uns mit einer halblegalen Umarmung und mit einem seltsamen Gefühl im Magen. Es ist ein wenig wie ein Abschied auf lange Zeit.

Lisa Gärtitz entstammt der Rennradszene und fand über das Crossrad zum Bike-Sport, wo sie sich mittlerweile am wohlsten fühlt. Über die BIKE "Wünsch‘ Dir was!"-Aktion kam sie zu ihrem Praktikum bei der BIKE. Als "Wünsch‘ Dir was!"-Kandidatin durfte sie 2019 die legendäre BIKE Transalp fahren . Dort lernte sie Chefredakteur Henri Lesewitz persönlich kennen. Prompt wurde beschlossen: Ihr vierwöchiges Studienpraktikum absolviert sie in der BIKE-Redaktion. 

Zwischen Gewissen und Drang

Bereits am nächsten Tag wünschte ich, bei meiner Freundin geblieben zu sein. Kein ganzer Tag und mir fällt die Decke den Kopf. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Über mir poltern Kinderfüße, nebenan dröhnt der Fernseher meines schwerhörigen Nachbarn und aus der Ferne höre ich schrilles Babygeschrei. Ich zwinge mich zur Arbeit. Bei diesem Lärmpegel wollen die Worte nicht so recht fließen. Ich sorge mich um meine Praktikumsbewertung. Zum Glück habe ich immer Ohrstöpsel im Haus. Nun heißt es: Schreiben und Schmollen im Wechsel. Am Abend klappe ich frustriert den Laptop zu. Ich sehne mich nach meinem Wunschpraktikum in der BIKE-Redaktion in München, nach Ruhe und vor allem nach Bewegung. Ich fühle mich eingesperrt.

Die vielen Aufrufe via Facebook, Instagram und Co. verstärken dieses Gefühl nur noch zusätzlich. Unendlich viele Radsportler trainieren derzeit auf dem Hometrainer in den eigenen vier Wänden. Allein der Gedanke an meinen veralteten Rollentrainer, der im Keller unter einer dicken Staubdecke einzubrechen droht, gruselt mich. Selbst als ich noch aktiv Rennen gefahren bin, musste es schon mehrere Tage Mistgabeln regnen und gleichzeitig bitterkalt sein, um mich überreden zu können, in meinem eigenen Schweiß zu baden, während die Langeweile mich um den Verstand bringt. Einen modernen Smarttrainer für Zwift kann und will ich mir als Studentin nicht leisten, außerdem stehe ich auf Kriegsfuß mit diesem virtuellen Zeug. Ich will die Wirklichkeit. Basta! Bei Strava sehe ich: Fast alle meine Freunde trainieren alleine weiterhin fleißig an der frischen Luft. Ich erinnere mich: Sport im Freien ist erlaubt, sofern allein oder maximal zu zweit und Wohngegend-nah . Wohngegend-nah, na prima! Durch mein Studium in Chemnitz habe ich mich an abwechslungsreiches Terrain mit vielen Höhenmetern gewöhnt. Auf flache Strecken habe ich einfach keine Lust mehr. Wie ein bockiges Kind denke ganz Struwwelpeter-like: „Ich fahre nicht im Flachen. Nein! Ich fahre im Flachen nicht. Nein, im Flachen fahr‘ ich nicht.“ Ich schäme mich für meinen Egoismus und recherchiere. Ha! Pendeln zwischen Haupt- und Zweitwohnsitz ist erlaubt. Ohne weiter zu überlegen, finde ich mich wenige Stunden später an meinem Zweitwohnsitz in Chemnitz wieder. Keine fünfhundert Meter und ich bin hier im Wald auf einsamen Singletrails.

Solange die Ausgangsbeschränkungen noch bestehen, wird Lisa (rechts) auf Ausfahrten mit ihrer Freundin aus Sachsen-Anhalt verzichten müssen. Die beiden nehmen es locker. Umso schöner wird die erste gemeinsame Tour nach der Krise. 

Verdammt viel los auf den Trails

Nach dem BIKE-Artikel „Frische Luft tut gut!“ habe ich ein schlechtes Gewissen. Keine Trails heißt es da. Zwar bin ich als gebürtige Straßenfahrerin weniger geschickt als eine waschechte Mountainbikerin, doch genau deswegen gehe ich niemals Risiken ein. Immer der Devise nach: Dann muss ich eben bergauf schneller fahren (das ist ja auch sicherer). Dabei entscheide ich mich bei Solo-Ausfahrten sowieso immer für technisch wenig anspruchsvolle Wege und fahre stets auf Sicherheit. Außerdem: Was ich als Trail bezeichne, ist für BIKE-Kollege Ludwig wahrscheinlich eine sogenannte „Waldautobahn“.

So lasse ich mich von meinem Drang nach Freiheit und Natur auf schmalen, leichten Wegen durch das Erzgebirge leiten. Bei diesen herrlichen Touren durch das verträumte Mittelgebirge war ich stets hin- und hergerissen. Im flachen Leipziger Land habe ich meine Radsportfreunde, in Chemnitz kenne ich zu wenige Leute und fahre viel allein. Es hat mich oft traurig gestimmt, nicht beides gleichzeitig haben zu können – meine Freunde und diese tolle Landschaft. Heute aber weiß ich: Auch meine Freunde müssen auf gemeinsame Ausfahrten verzichten und so pedaliere ich jetzt das erste Mal ohne Reue oder schlechtes Gewissen vor mich hin.
Doch nach einigen Kilometern schon merke ich: Im Wald ist verdammt viel los. Biker treffe ich etwas weniger als sonst, zudem sind sie ausschließlich allein oder zu zweit unterwegs. Nein, die Ausgangsbeschränkungen scheinen den Leuten erstmals zu zeigen, wie wichtig das Gefühl von Freiheit ist, welches sie in diesen Tagen nur noch an abgelegenen Orten finden. Plötzlich "tummeln" sich Menschen an Stellen, wo mir sonst noch nie jemand begegnet ist. Mein kurzer Ärger über diese Ruhestörung verfliegt schnell, denn alle wirken außergewöhnlich freundlich und gut gelaunt. Kein Meckern, kein Pöbeln, kein genervter Blick, wenn ich mich vorsichtig an den Spaziergängern vorbeipirsche. Stattdessen bekomme ich ein freundliches Lächeln und ein nettes Grüßen.

Auch technisch wenig anspruchsvolle Wege können durch atemberaubende Landschaft führen. In der Corona-Zeit heißt es: Immer auf Nummer sicher gehen, um durch unnötige Stürze das Gesundheitssystem nicht zusätzlich zu beanspruchen. 

Freiheit während der Ausgangsbeschränkung

Dennoch entscheide ich mich für besonders versteckte Wege und finde endlich die ersehnte Stille. Mitten im noch kahlen, aber dichten Wald, entlang weiter Hänge mit toller Sicht, begleitet vom Frühjahrszwitschern und den ersten warmen Sonnenstrahlen, fühle ich mich unendlich frei. Ich habe das Gefühl, heute erstmals meine einsame Tour durch diese wunderbare Landschaft gänzlich genießen zu können. Mit dem Wissen, dass ich nichts verpasse und die Welt ohnehin stillsteht. Mir wird bewusst, wie wertvoll das Gefühl von Freiheit ist und wie schnell man sich danach sehnt, sobald man sich eingesperrt fühlt. Da braucht es keine entlegenen Reiseländer mehr, da reicht der Wald um die Ecke.

Als ich an meiner Wohnung die Routenaufzeichnung stoppe und die Uhrzeit sehe, erschrecke ich. Über vier Stunden war ich unterwegs, ohne es wirklich bemerkt zu haben. Mit schweren Beinen, aber tiefenentspannt. Bereit für die kommende Woche meines Fernpraktikums hieve ich mein Bike in das oberste Stockwerk. Mit einem Buch auf der Couch und mit einem Lächeln im Gesicht lasse ich den Sonntag ausklingen.

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