BIKE-Festival Riva 2015: Nachberichterstattung BIKE-Festival Riva 2015: Nachberichterstattung

BIKE-Festival Riva 2015: Nachberichterstattung

Report vom Saisonauftakt beim BIKE-Festival Riva 2015

Henri Lesewitz am 11.05.2015

40.000 Biker, Parties, Rennen und Shows: Das BIKE-Festival am Gardasee ist der Schmelztigel der Szene. Ein Report aus dem Auge des Stimmungstornados.

"Toast speciale! Toast speciale!" Wie die Stimme Gottes hallen die Worte aus den Lautsprecher-Boxen über die Sonnenterrasse. Synchron, ohne jede Zeitverzögerung, zucken mehrere Biker aus ihren Stühlen hoch. Doch da klappert bereits ein Schnel­lerer mit seinen metallicfarbigen Carbonsohlen-Schuhen durch das Gedränge in Richtung der Ausgabetheke, um den Segen von "Papa Rinaldo" zu empfangen: den legendären "Toast speciale" der sagenumwobenen Mecki’s Bar in Torbole. Man weiß ja, dass dies keine normale Kneipe ist. An diesem Wochenende aber ist es eine Pilgerstätte.

Der Freitag hat gerade begonnen, es ist kurz vor 9 Uhr, da ist Rinaldo Beltrami (67) bereits schwer im Stress. Die Biker wollen auf Tour. Sie brauchen Cappuccino und Kohlen­hydrate. Im Minutenrhythmus kommen die Bestellungen rein. Um Zeit zu sparen, hat Beltrami neben der Theke ein Mikrophon installieren lassen, um die zur Abholung bereitstehenden Bestellungen durchzusagen. Beltrami hetzt zwischen Kasse und Mikro hin und her. Doch er kommt kaum hinterher. Immer mehr Biker fluten herein. Es ist der reinste Wahnsinn. Jetzt will auch noch das BIKE-Team ein Interview und Fotos.

"Tut mir leid, keine Chance. Ab jetzt wird es immer schlimmer. Montag geht es wieder", bedauert Beltrami und schiebt mit einer Mischung aus Stress und Euphorie den Grund hinterher: "Festival!"

Fotostrecke: Report vom Saisonauftakt beim BIKE-Festival Riva 2015

Raus auf die Terrasse, wo sich Biker aller Genres zu einer bunten Masse verdichten. Alle sind sie da. Die Ausdauer-Interessierten. Die Speed-Gierigen mit ihren Ganzkörperpanzerungen. Ü50-Männer mit Totenkopf-Shirts. Frech frisierte Enduro-Hipster in neuester Maloja-Couture. Schwäbelnde Ingenieurstypen beim eifrigen Heraushängenlassen ihrer Rock-’n’-Roll-Seite.

"Ey, dia Fatbiker hocked ja da druff wia uff em Pezzi-Ball!" "Jo, abr mit dia Monschder-Teile kennschd geil nonder schredde."

Mecki’s Bar ist der ultimative Treffpunkt der Szene. Ein begehbarer Schrein, an dessen Wänden gerahmte Trikots, Helme und Brillen hängen. Opfergaben der Superstars. Brian Lopes. Hans Rey. Cedric Gracia. Gary Fisher. Josh Bender. Greg Herbold. Holger Meyer. Hinten links die Theke mit dem berühmten Zapfhahn, der aus einer Bremsscheibe (Spezial-Laserung!) und Plüschfellsätteln (Custom-Bestickung!) gebastelt ist. Papa Rinaldo, der die Radsport-Bar 1962 gegründet hat, tigert inzwischen wie ein Hochleistungssportler hinter dem Tresen rum. Der Toaster glüht. Montag! Am Montag wieder, scheint sein verzweifelter Blick dem wartenden Fotografen signalisieren zu wollen. Da kommt Sohn Ivan (46) um die Ecke gebogen, der den Bikeshop direkt daneben betreibt. Ivan trägt Rapper-Klamotten. An den Fingern glitzern schwere, wuchtige Pornostar-Ringe. Bei der Olympiade 1992 in Barcelona war er Vierter in der 4000-Meter-Verfolgung.

"Das Festival hat das Biken an den Gardasee gebracht. Es ist wie ein großes Haus, in dem sich die ganze Familie trifft", sagt Ivan, während er fasziniert die stetig anschwellende Menschenmenge beobachtet. Eine Meute frisch verschrammter Downhiller rollt heran und stoppt mit effektvollen Show-Drifts vor der Bar. Auf der Straße stauen sich die Autos der Ankommenden nach Riva. Kaum zu glauben, dass dies hier nur ein kleiner, niedlicher Nebenschauplatz des Festivals ist.

Gold und Power

Überall Menschen, überall Stände, überall Werbeflaggen. Und Mitmach-Aktionen. Und Mountainbikes. Und Durchsagen. Und Musik. Laute, schnelle, entspannungsverneinende Musik.

"Gleich geht es weiter mit dem nächsten Showact, hier beim Ziener BIKE Festival Garda Trentino powered by Mini!", dreht der Moderator die Stimmungsschraube auf Anschlag. Die Expo-Area, die sich von der Hafenpromenade in Riva bis ins Stadtzentrum erstreckt, ist das Herz des Festivals. 150 Aussteller präsentieren ihre Neuheiten, die zum Probieren mit auf die Trails genommen werden können. Biken ist ein Sport ohne Gesetze. Entsprechend facettenreich sind die Exponate. Minimalistische Marathon-Feilen. In der Art von Motocross-Motor­rädern gefederte Hardcore-Maschinen. Und sämtliche Schattierungen dazwischen.

BIKE-Festival Riva 2015: Nachberichterstattung

Lieber tot als lahm: Das Raketen-Bike von Stresskiller mit Topspeed 120 km/h. 

"Fährt Hundertzwanzig!", preist Marcus Samuel Linus Muck von der Firma Stresskiller einen elektroforcierten Feuerstuhl an. Der Rahmen ist mit Leder ummantelt und sieht aus wie ein gefährliches Reptil. Am Steuerrohr prangt eine umfunktionierte Totenkopf-Gürtelschnalle. Der Akku hat die Größe eines Nachtschranks. "Before you ride, write your testament!", warnt der Katalog.

"Kleines Ründchen?", lädt Muck einen Messebesucher zum Proberitt ein. Der Angesprochenen scheint vor Schreck wie erstarrt. Er schaut, als hätte ihm Muck einen Platz auf dem elektrischen Stuhl angeboten. Hundertzwanzig!? Das ist ja, wie auf einer Rakete zu reiten! Weiter zum Stand von Rocky Mountain, wo der markentreue Großhändler Peter Wouters (48) seine neueste Tuning-Sensation in der Sonne funkeln lässt. Ein "Element" in konsequenter Prunkoptik. Das Teil sieht aus, als hätte Wouters zehn Kisten Azteken-Gold eingeschmolzen und Fahrradteile draus gebastelt. Liebe Güte! Das Glitzern muss von der Weltraumstation ISS aus zu sehen sein!

"Spiegelsplitter, mit dem Mund auf den Rahmen aufgeblasen", raunt Wouters und schaut erregt. Die Menschentraube um ihn herum knipst mit den Foto-Handys drauflos. Das Festival pumpt derweil unbeeindruckt weiter: Musik durch die Boxen. Biker durch die Ausstellergassen. Programmpunkte durch den Tag. Knapp 40000 Besucher sind es in diesem Jahr. Rekord.

Hans Reys Kronjuwelen

Kurz vor 19 Uhr, die Menge der Sensationslüsternen brandet gegen die Absperrgitter. Innen ein Ensemble aus Rampen, Schanzen und Holzquardern. Außen die Fans, die auf Zehenspitzen balancieren, um wenigstens einen Blick auf den größten aller Mountainbike-Helden zu erhaschen.

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Abklatschen mit dem Action-Held: Stuntman Danny MacAskill elektrisierte die Massen. Und rettete Hans Rey nebenbei noch die Kronjuwelen.

"Hier ist er! Make some noise! Danny MacAskill", gibt Hans "No Way" Rey (48) die Manege frei, der Ex-Showmaster des Mountainbike-Sports, zum Moderieren extra eingeflogen aus Amerika. Rockkonzertartiger Jubel. Und dann kommt MacAskill rückwärts fahrend angerollt. Lässig auf dem Vorderrad natürlich. Alles andere wäre ja auch mega-enttäuschend. Danny MacAskill (29). Der Biker, der auf Zäunen, Panzerrohren und Güterzügen herumfährt. Dessen Internet-Videos die größtmögliche Verhöhnung der Physik darstellen und mehr als 100 Millionen Mal angeklickt wurden. Kurz: der wohl berühmteste und coolste Biker der Welt. "Drop and Roll", heißt das Programm, das MacAskill zusammen mit Kumpel

Duncan Shaw darbietet. Seitwärtsschrauben. Purzelbäume. Rumgehopse. Ein bisschen erinnert es an die Show von Hans "No Way" Rey beim ersten BIKE-Festival 1994, der ja damals den Titel des berühmtesten und coolsten Bikers innehatte. Der Pferdeschwanz, der Rey beim legendären Stunt-Feuerwerk noch im Nacken baumelte, hängt heute als Reliquie in der Firmenzentrale von GT. Von Mac­Askill hängen noch keine Frisurteile an irgendwelchen Wänden. Doch das nur am Rande.

"Make some noise!", peitscht Rey auf dem Rücken liegend die Menge an, während er angegruselt dem nächsten Programmteil harrt. Duncan Shaw will ihm aus drei Metern Höhe zwischen die Beine springen. In die "Kronjuwelen", wie Rey brillant dramatisiert. Mac­Askill eilt herbei und legt ihm prophylaktisch seinen Helm auf die heikle Zone. Ein gelungener Gag. Applaus, Applaus! Nach 30 Minuten ist die Sause vorbei.

Felix Osmanczky (12), der ganz vorne am Gitter stand, sichtet seine Beute. Ein T-Shirt. Ein Lackpflege-Spray. Und eine Helm-Kamera! Es ist Teil der Show, dass MacAskill nach jedem Stunt Produkte seiner Sponsoren in die Massen wirft.

"Wahnsinn! Wahnsinn", stammelt Felix vor Glück. MacAskill hetzt zur Autogrammstunde am Stand eines Sponsors. Der Pulk der Fans hinterher. Eine erwachsene Frau, der ein Selfie samt vorbeihuschendem Helden gelang, kreischt wie ein Teenager. Man denkt ja immer, so etwas gibt es nur bei Justin Bieber. Ja, von wegen!

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Henri Lesewitz am 11.05.2015
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