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Aus dem Arbeitsalltag einer Homeoffice-Redaktion

#wirbleibenzuhause

Henri Lesewitz am 24.03.2020

Die Corona-Krise zwingt viele ins Homeoffice. Auch die BIKE-Redaktion. Wie lässt sich ein Magazin produzieren, wenn die Kinder aufgrund Kita- und Schulschließungen daheim sind? Ein Erlebnisbericht.

Eben war ich noch der BIKE-Chefredakteur, jetzt bin ich "Schuhkartonhasi" – ein kastenförmiger Katzenkopf mit Hasenohren und Mauseloch. Mein Achtjähriger hat mir den selbstgebastelten Papphelm hinterrücks über den Kopf gestülpt. Dabei war ich gerade dabei, den Themenplan für die nächste BIKE-Ausgabe auszutüfteln. Jetzt sehe ich nur noch schwarz. Mein Sohn bekommt sich gar nicht mehr ein vor Lachen. Ich springe auf, um ihn aus Rache durchzukitzeln. Da bohrt sich – autsch! – das Heckruder einer Boeing 737 in meinen Fuß. Seit der Schulschließung vor anderthalb Wochen ist die ganze Wohnung ein Minenfeld aus Spielzeug-Flugzeugen, Matchbox-Autos und Lego-Klötzen. Ich hüpfe fluchend auf einem Bein zum Sofa. Abenteuer Homeoffice!

Homeoffice

„Schuhkartonhasi”. Das Leben im Homeoffice ist für Henri Lesewitz ein Balance-Akt zwischen Arbeit und Familie.

Wie fast alle Berufstätigen in Deutschland, die ihre Arbeit auch nur irgendwie von daheim aus erledigen können, hat die Corona-Krise auch uns BIKE-Redakteure ins Homeoffice gezwungen. Die rigorose Vermeidung unnötiger Kontakte soll die Verbreitung des Virus eindämmen. Die Hashtags dieser Tage heißen #stayathome und #wirbleibenzuhause. Und da machen wir natürlich mit.  
 
Es fühlt sich richtig an und nötig. Aber auch komisch. Die ganze Welt, wie wir sie kennen, scheint ins Wanken gekommen. Noch funktioniert alles irgendwie. Doch wie es weitergeht, kann niemand sagen. Kein Politiker. Kein Virologe. Kein Wirtschaftsweiser. Eine Frage, die sich uns BIKE-Redakteuren in diesen "Chaos-Tagen" immer mal wieder und durchaus mit leichtem Unbehagen stellt, lautet: Wie wichtig ist Mountainbiken eigentlich angesichts dieser schier unbegreiflichen Weltkatastrophe? Warum soll man sich mit Dingen wie Rahmensteifigkeiten, Flowtrails und Marathon-Fitness beschäftigen, während die Angst vor Krankheit und wirtschaftlichem Niedergang die Welt in Atem hält und sich die Krankenhäuser für eine Epidemie unvorstellbaren Ausmaßes rüsten? Mountainbiken, das war wohl noch nie so klar wie jetzt, ist tatsächlich nichts weiter als eine Nebensache. Dass mein Job als BIKE-Redakteur nicht "systemrelevant" ist, habe ich sogar amtlich. Im Zuge der landesweiten Schulschließungen hatten wir uns, meine Frau und ich, vorsorglich beraten lassen, wie es denn im Falle eines Betreuungsengpasses aussehen würde. Meine Frau arbeitet im Gesundheitssystem und wird natürlich dringend da gebraucht, wo die Corona-Krise jetzt ihren größten Horror entfaltet. Klar, dass ich da meine beruflichen Belange der Situation anpasse. Homeoffice macht es ja möglich.

Zumindest eine positive Erkenntnis liefert die Corona-Krise: Selbst in diesen turbulenten Zeiten ist vielen Menschen das Radfahren offensichtlich wichtig. In den Tagen zwischen erster Corona-Angst und der Verkündung tatsächlicher Ausgangsbeschränkungen kurbelten rund um München so viele Massen über die Trails und Schotterwege, wie sonst noch nie. Kilometerhungrige, Adrenalingeile, Genussorientierte. Kinder, Heranwachsende, Ältere. Alle waren in bester Mountainbike-Laune. Und selbst seit der Verschärfung der Ausgangsregeln fahren sie noch eifrig umher. Jetzt nur eben einzeln und deutlich vorsichtiger. Schließlich haben alle begriffen, dass unnötiges Risiko nur das Gesundheitssystem sinnlos belasten würde.
Ja, Biken ist nicht systemrelevant – aber dennoch wichtig für viele Menschen. Eine beruhigende Erkenntnis für uns BIKE-Redakteure. Und auch der Blick in die Zeitschriftenregale macht uns Mut: So wie Nudeln und Dosensuppen, so werden offenbar auch Magazine und Zeitungen gehamstert. Viele haben Lust und Zeit zu lesen. In schwierigen Zeiten, so heißt es ja, wird das Hobby erst richtig wichtig. Als emotionaler Stabilitätsanker, als Fluchthilfe (aus trüben Gedanken etwa), als Traumverstärker.

Nur, wie lässt sich ein Heft produzieren, wenn jeder in seiner eigenen Wohnung sitzt? Zugegeben, es ist ein seltsames, gleichzeitig aber auch ein aufregendes Arbeiten. Verlag, Druckerei und Auslieferung versichern, dass der Heft-Produktion trotz aller Herausforderungen nichts im Weg steht. Also bleiben wir weiter im Fahrplan und die Digitalisierung macht das Arbeiten von flexiblen Orten aus zum Glück problemlos möglich. Alles wird jetzt auf dem digitalen Daten-Highway erledigt. Testleiter Peter hat ein brandneues, spannendes Trailbike organisiert und zu sich nach Hause schicken lassen. Gerne würde ich es "befummeln", mich mal draufsetzen, die Wärme des Carbon-Rahmens spüren, eine Runde drehen. Doch ich muss mich mit Fotos begnügen. Anruf bei Zubehör-Redakteur Stefan. Alles läuft, versichert er, im Hintergrund fröhliches Kindergeschrei. Reise-Redakteurin Gitta vermisst den Trubel der Redaktion. Fotoredakteur Georg gibt in seinem Homeoffice nebenbei noch den Aushilfslehrer für seine Tochter. Die Kollegen im Testlabor, am Originalarbeitsplatz verblieben, weil sich Prüfstände nur schwer ins heimische Wohnzimmer verlagern lassen: Streng abgeschirmt von uns restlichen Mitarbeitern. Zu schwerwiegend wäre ein Quarantäne-Fall im Testlabor. Jeder muss seine Aufgaben jetzt selbst organisieren. Wir sind zu einem Team aus Einzelkämpfern geworden. Aber es funktioniert.

Es ist eine Herausforderung. Es kostet Nerven. Es kostet Kraft. Aber das Arbeiten im Homeoffice entfaltet auch eine bisher unbekannte Magie. Das Korsett starrer Bürozeiten ist aufgehoben. Der Auflagen-Druck erscheint einem angesichts dieser globalen Krise weniger wichtig. Das "Höher-Schneller-Weiter", das die Fahrradbranche in den letzten Jahren bestimmt hat: wie weggeblasen. Angenehm irgendwie. Das radikale Herunterfahren des Hochleistungs-Systems hat den Blick auf die essenziellen Dinge gelenkt. Und dazu gehört zuallererst natürlich die Familie. Und die ist sich in Zeiten von Homeoffice plötzlich so nah, wie sonst nur an den Wochenenden. Selbst in Meetings.
"Schatzi, komm mal!", höre ich meine Liebste aus dem Nebenzimmer rufen, während ich mich gerade in einer Telefon-Konferenz befinde. Also kurz klären, was zu klären ist, auflegen, und rüber ins Wohnzimmer, wo meine Frau und Mister Flitzpiepe einen Fitness-Parcours errichtet haben.
"Los Papi, Plüschtier-Challenge!", ruft mein Kurzer. Woraufhin ich kurz darauf – auf dem Rücken liegend und angefeuert von Frau und Kind – mit den Beinen den zu meinen Füßen aufgetürmten Plüschtierhaufen in einen Wäschekorb an meinem Kopfende schaufle. Super Bauchmuskelübung. Ein Wink meiner Frau, weil ich als Homeoffice-Werktätiger nur schwer den Verlockungen des nahen Kühlschranks widerstehen kann? Wahrscheinlich.
 

Werkstatt Döhl

BIKE-Redakteur Ludwig Döhl lagert etliche Testbikes für BIKE 6/20 derzeit in seiner privaten Garage. 

Weitere Ideen für ein cooles, familienfreundliches Fitness-Programm für zwischendurch:
• Mauseloch-Golf! Einfach aus einem Schuhkarton einen Katzenkopf mit Hasenohren und Mauseloch basteln, einen Schrubber als Golfschläger nehmen und einlochen. Top Übung über den Rücken!
• Downhill-Rennen! Den eigenen Spross in einen Wäschekorb setzen und auf dem Laptop ein YouTube-Video von Greg Minnaar aus der Mitfahrperspektive abspielen. Papa hält den Korb in die Luft und geht mit jeder Kurve und mit jedem Sprung mit. Das schafft ein geiles 4D-Kinoerlebnis für den Stammhalter, der sich fühlt wie Minnaar und trainiert gleichzeitig Oberkörper, Schulter und Beine von Papa.
• Schießbude! Eine Star-Wars-Actionfigur (Darth Vader) in der Mitte des Wohnzimmers postieren. Dann versuchen, einen Mountainbike-Reifen so zu werfen, dass der finstere Weltraum-Imperator im Gummiring gefangen ist. Macht Groß und Klein Spaß und schult die Geschicklichkeit.

Die Corona-Krise bedeutet für alle eine schwierige Zeit. Während ich diesen Text schreibe, hageln die Hiobsbotschaften der Bike-Welt unvermindert in mein Mail-Postfach, wie schon die letzten Tage auch. Event-Absagen. Deprimierend klingende Durchhalte-Mails von Firmen. Absagen von bereits organisierten Neuheiten-Präsentationen. Es sind harte Zeiten. Drücken wir die Daumen, dass sie schnell vorübergehen. Doch es gibt auch positive Signale. Im Virus-Ausbruchsland China, so hört man, könnte die Fahrrad-Produktion bald wieder Vor-Corona-Niveau erreichen, weil langsam wieder der Alltag einkehrt. Mountainbiken wird die Krise überstehen. Da sind wir uns sicher. Das Beste draus machen. Darum geht es gerade. Wir geben weiter entspannt Vollgas und sind weiter mit unverminderter Leidenschaft für Euch da. Jetzt eben erst mal im Homeoffice-Modus. Auch wenn man zwischendurch mal kurz den Überblick verliert, weil man einen Katzenkopf mit Hasenohren übergestülpt bekommt.

Bleibt alle gesund!

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Henri Lesewitz am 24.03.2020
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