Tibet: 500 Kung-Fu-Nonnen biken für die Gleichberechtigung

Frauenbewegung: 4800 Kilometer durch den Himalaja

  • Sissi Pärsch
 • Publiziert vor 3 Jahren

Für Gleichberechtigung und Umweltbewusstsein: 500 Nonnen bikten drei Monate durch den Himalaja. Die 23-jährige Jigme Konchok Lhamo war bei dem Abenteuer dabei und bereut keine einzige Sekunde.


Welches Bild bieten buddhistische Bikerinnen?
Ein sehr sportliches (lacht). Wir trugen tatsächlich nicht unsere traditionelle Kleidung, sondern richtige Bike-Outfits. Also Radhosen mit Polster und Trikots – und wir hatten auch Regenjacken. Auffällig war sicher unsere Gruppengröße mit 500 Nonnen zu Beginn. Allerdings hatte nicht jede monatelang Zeit. Wir haben ja noch viele andere Projekte. 250 von uns waren aber den ganzen Weg dabei.


Nonnen auf Bikes, das ist alles andere als gewöhnlich. Wie haben die Leute reagiert?
Viele Leute hielten uns zunächst für Jungs und waren schockiert, wenn wir uns zu erkennen gaben. Aber wir sind niemals auf Ablehnung gestoßen. Sogar in konfliktreichen Regionen oder konservativ geprägten Gegenden. Die Menschen mögen ihre Vorurteile haben. Doch was wollen sie noch sagen, wenn sie uns so direkt vor sich haben?


Ihr habt sie also durch Biken positiv gestimmt?
Ja, es hat sie beeindruckt und offen für unsere Botschaft gestimmt. Die Menschen waren ungemein neugierig. Sie wollten wissen, wer wir sind, und was wir tun. Unser Anliegen war es, so vielen Menschen wie möglich Umweltbewusstsein und geschlechtliche Gleichstellung zu vermitteln. Man kann eine Botschaft predigen, aber wenn man sie den Menschen direkt vorlebt, hat das eine viel größere Wirkung.


Ihr tretet auch international als Kung-Fu-Nonnen auf. Warum seid Ihr so ein sportlicher Orden?
Seine Heiligkeit Gyalwang Drukpa glaubt an die Stärke des Körpers. Er fördert uns und sieht in der sportlichen Aktivität die Ergänzung zu unserer spirituellen Bildung. Das ist keineswegs selbstverständlich. In den meisten Orden dürfen Nonnen lediglich dienen. Kung Fu ist ein mentales Training. Es macht stark und selbstbewusst. Wir treten auf und unterrichten Mädchen, für die Selbstverteidigung sehr wichtig sein kann. Ähnlich ist es mit dem Rad. Es bedeutet Mobilität und somit Unabhängigkeit. Wenn man das den Frauen hier vorlebt, kann man ihr Leben stark beeinflussen. Und ein Sport wie das Biken verbindet auch mit der Natur.


Ein idyllischer Naturausflug war die Tour sicher aber nicht, oder?
Oh nein, wir haben richtige Klimawechsel erlebt. Wir sind in der Hitze gestartet und in die Regenzeit gekommen. Da hilft auch keine Regenjacke mehr. Später, in den Höhenlagen, wurde es dann richtig kalt.

Jigme Konchok Lhamo und 499 andere Kung-Fu-Nonnen biken durch den Himalaja


Welche Strecken habt Ihr täglich zurückgelegt?
Wenn die Straßen gut waren, dann haben wir bis zu 80 Kilometer am Tag geschafft. Sonst vielleicht so um die 40 Kilometer. Es wurde vor allem weniger, als es bis auf 4000 Meter hochging. Die extreme Höhe und die Kälte haben einigen von uns richtig zu schaffen gemacht. Generell sind wir gegen 4 oder 5 Uhr aufgestanden, haben alles eingepackt und sind bis 11 Uhr gefahren. Dann Mittagessen, Meditieren und Beten. Von 15 bis 18 Uhr saßen wir wieder auf den Bikes. Am Ende des Tages haben wir uns einen Platz zum Zelten gesucht, das Camp aufgebaut, Leute begrüßt und gemeinsam gebetet.


Ihr wart zeitweise richtige Medienstars.
Viele der Nonnen stammen aus Ladakh, und als wir dort unterwegs waren, begrüßten uns stets Tausende von Menschen. Sie weinten, sie waren so stolz und so begeistert. Und ja, in den großen Städten konnten wir viel Medienarbeit machen. Viele lokale TV-Stationen und Zeitungen haben uns interviewt. Dafür war dort der Verkehr lebensgefährlich. Das waren wirklich die einzigen bedrohlichen Momente auf der ganzen Tour.


Wie hat Dich diese Tour verändert?
Ich werde ganz sicher keinen einzigen Tag vergessen. Es war ein durchgehendes Abenteuer. All die neuen Menschen kennen zu lernen, ihre Kulturen und Religionen. Wir haben mit Sikhs gesprochen und mit Hindus, haben eine andere Bike-Gruppe getroffen, die Muslime waren und mit dem Rad gepilgert sind. Ich habe so vieles erlebt und gesehen. Wirklich jeder Tag war erfüllend und spannend.


Gab es wirklich keinen Moment, wo Du nicht mehr wolltest?
Nein. Keine Minute. Seine Heiligkeit ist ja mit uns gefahren, und so war es auch spirituell ein wunderbares Erlebnis. Ich habe nichts vermisst, im Gegenteil. Zu Hause in Katmandu haben wir seit dem Erdbeben 2015 auch in Zelten gelebt


Wurde Euer Kloster denn zerstört?
Stark beschädigt. Man wollte uns evakuieren, aber wir haben uns geweigert. Wir haben patrouilliert, um unser Kloster vor Plünderungen zu schützen und den Menschen geholfen. Wir haben Hunderte von neuen Häusern aufgebaut. Und vor einem Monat konnten wir dann selbst wieder unsere Zelte verlassen.


Würdest Du wieder auf Bike-Tour gehen?
Sofort. Keine Frage.

Jigme Konchok Lhamo: Viele Leute hielten uns zunächst für Jungs und waren schockiert, wenn wir uns zu erkennen gaben. 


Die Kung-Fu-Nonnen gehören dem tibetisch-buddhistischen Drukpa-Orden an. Seine Heiligkeit Gyalwang Drukpa ist engagierter Umwelt- und Frauenrechtler und legt sehr viel Wert auf körperliche Aktivität. Mit ihrer Kung-Fu-Show traten die Nonnen u. a. im Rahmen der Olympischen Spiele in London auf. Eine mehrfach ausgezeichnete Dokumentation zeigt die wochen­langen Berg-Touren.
www.padyatrafilm.com
www.facebook.com/kungfununs



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Schlagwörter: Himalaja Jigme Konchok Lhamo Nonne Tibet


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