Thomas Frischknecht im Interview

Interview Thomas Frischknecht

  • Christoph Listmann
 • Publiziert vor 17 Jahren

„Bike-Profis haben ein cooles Leben“ – Marathon-Weltmeister Thomas Frischknecht im Gespräch über MTB-Sport, Familie, Nachwuchs-Arbeit und Doping.

Thomas Frischknecht gehört in die Erste Liga der Bike-Legenden, wie Ned Overend, John Tomac und Greg Herbold – mit einem Unterschied: Marathon-Weltmeister „Frischi“ fährt noch immer auf Weltklasse-Niveau. Der 33-jährige Schweizer, Sohn eines erfolgreichen Radprofis, gewann schon mit 18 Gold bei der Cross-WM der Junioren und stieg 1990 aufs Bike um. Die ersten Lorbeeren verdiente er sich als Kontrahent von Tomac und Co. in den USA. „Frischi“ hat 13 WM-Medaillen, elf Schweizer Titel und Silber bei den Olympischen Spielen in Atlanta gewonnen. Er ist Buchautor, Marketing-Profi und Familienvater. Mit seiner Frau Sibylle und seinen drei Kindern Andri (9), Carmen (6) und Gina (3) lebt Frischknecht in Feldbach am Zürichsee das Leben einer Bilderbuchfamilie. Ein Haus am Hang, ein eigenes Waldstück, den See vor der Tür, einen VW-Karmann-Oldtimer in der Garage. Für BIKE hat er exklusiv seine Haustüre geöffnet.

KARRIERE UND SPORT


BIKE: Das Radfahren wurde dir in die Wiege gelegt. Warum hast du dich gerade fürs Biken entschieden?
Thomas Frischknecht: Das war eher Zufall. Ende der Achtziger war ich erfolgreich im Cross und der Ritchey-Teammanager hat mich in die USA eingeladen, weil er dachte, ich könnte auch auf dem Bike gut sein. Das war für mich dann eher Abenteuer. Das Biken stand im Hintergrund. Als 20-Jähriger war mein Motiv, nach Amerika zu gehen. Ich hatte ja keine Ahnung, was Biken überhaupt ist. Dann hatte ich schnell Erfolg, ich gewann mein zweites Norba-Rennen gegen Overend und Tomac, dann habe ich bei der WM Silber geholt. Danach war ich natürlich begeistert.


Hättest du dir auch vorstellen können, Straßen-Profi zu werden?
Als ich damals zurückgekommen bin, hätte ich die Möglichkeit gehabt, auf die Straße zu wechseln. Aber mich haben die Leute drumherum gestört, mit ihrem traditionellen Denken. Mit dem Biken in den USA hatte sich eine neue Welt geöffnet. Ich war unbelastet in einer neuen Sportart, die Biker haben mich fasziniert und ich habe den Sport aus einem neuen Blickwinkel gesehen.


Hättest du von deinen Anlagen her auch die Tour de France fahren können?
Ich denke schon. Ich bin mit Laurent Dufaux oder Beat Zberg viele Rennen gefahren. Ich bin aber froh, nicht diesen Weg gegangen zu sein. Der Grund für mich, nicht Straße zu fahren, war schon früh die Doping-Problematik. Das wurde dann deutlich, als Kollegen von früher in die Skandale verwickelt waren. Auf dem Bike bin ich sauber geblieben. Auf der Straße wäre nicht garantiert gewesen, dass ich meinen Weg gehen, dass ich eigene Entscheidungen treffen kann.


Welche Anlagen muss man als Profi haben?
Das Talent ist ausschlaggebend, um es zum Profi zu schaffen. Aber an der Spitze triffst du dann nur noch Talente, die optimal trainieren und essen. Dann entscheidet der Kopf über den Erfolg.


Welchen Job hättest du gemacht, wenn du kein Profi geworden wärst?
Ich habe eine Ausbildung als Bauzeichner abgeschlossen. Aber durch den Sport habe ich so viel gelernt, dass ich heute sicher einen Job machen könnte, der mir viel eher passt als damals. Aber ich habe gefunden, zu was ich berufen bin: den Spitzensport.


Welchen Stellenwert hat für dich der Marathon-WM-Titel?
Für mich war das der schönste Sieg in meiner Karriere. Auch deshalb, weil das Rennen vor eigenem Publikum war, so knapp und bei so einem großen Rennen. Das ist anders, als in den USA, wenn nur fünf meiner Leute um mich herum sind. Ich bin stark mit der Geschichte des Bike-Sports verbunden. Und da war für mich klar, dass ich bei der ersten Marathon-WM teilnehmen muss. Für mich persönlich ist der Marathon-Titel ebenbürtig mit dem CC-Titel und er wird mir auch mehr bringen.

FAMILIE


Ist es typisch, als Rad-Profi so früh eine Familie zu gründen?
Nein, das ist eher ungewöhnlich. Ich war in meinem Umfeld der Einzige. Es ist auch schwierig, eine Beziehung zu haben.


Wie viele Tage bist du im Jahr unterwegs?
Maximal waren es 200 Tage. Aber da war Andri noch klein, man konnte ihn immer mitnehmen. Jetzt sind es nur noch zehn Wochen, in denen ich unterwegs bin.


Welche Probleme ergeben sich aus diesem Lebensstil für die Partnerschaft?
Eigentlich keine. Das liegt in erster Linie an Sibylle, dass sie meinen Sport akzeptiert hat – das ist alles andere als einfach. Aber das ständige Kommen und Gehen hat unsere Beziehung auch am Leben gehalten, wir konnten uns nie allzu lange auf den Keks gehen. Jetzt, seit die Kinder älter sind und mich auch mehr brauchen, bin ich auch mehr zu Hause.

NACHWUCHS-ARBEIT


Welchen Stellenwert hat Nachwuchs-Arbeit für dich?
Einen ziemlich großen, weil ich in meiner Position eine Verantwortung gesehen habe. Die habe ich mit meinem Swisspower-Team erfüllt. Aber davon partizipiere ich ja auch. Ich konnte mir mit dem Team etwas für die Zukunft aufbauen und auch von den Fahrern lernen, was das Bike-Handling und Downhill angeht. Ich profitiere genauso viel von den Jungs, wie sie von mir.


Werden andere Sportarten Biken verdrängen?
Nein.

KURZ & KNAPP


Nenne zwei Menschen, die Großes geleistet haben: Tom Ritchey und Bono Vox
Wen würdest du mal gerne zum Fondue einladen? Lance Armstrong. Der wäre interessant für spezielle Themen.
Siegertyp oder guter Verlierer? Guter Verlierer
Single-Malt-Whisky oder Vino Rosso? Vino
Skitour oder Heli-Skiing? Heli-Snowboarden
Buch oder Internet-Surfen? Internet
Lado Fumic ist für dich ... ... eine ausgeprägte Persönlichkeit.
Frauenradsport bedeutet für dich ... ... nicht viel.
Der größte Radsportler aller Zeiten: Ferdi Kübler
Der Start in eine neue Saison: Spaß oder Stress? Spaß
Wer putzt dein Rad? Mein Onkel Werni
Wer saugt bei euch Staub? Ich weiß nicht, wo der Staubsauger ist!
Sponsoren sind für dich: Freunde oder Business? Partner
Eine Woche ohne deine Familie bedeutet für dich ... ... Sehnsucht.
Trainingsfrei bedeutet für dich ... ... Zeit für Wichtigeres.
Das Karriereende ist dann erreicht, ... ... wenn ich keine Rennen mehr gewinnen kann!

STECKBRIEF THOMAS FRISCHKNECHT


Name: Thomas Frischknecht
Spitzname: Frischi
Geb.: 17.2.1970
Gewicht: 69 Kilo
Größe: 176 cm
Team: Swisspower
Erfolge: Marathon-Weltmeister 2003, 17 Worldcup-Siege, 3 x Worldcup-Gesamtsieger, CC-Weltmeister 1996, Olympia-Silber 1996, Vize-WM 1990, 91, 92, 2001, 12 x Schweizer Meister, insgesamt über 200 Siege
Hobbys: eigener Weinberg in der Toskana, Snowboarden, die Familie ist mehr als ein Hobby!
Sponsoren: Swisspower, Scott, Odlo, Oakley, Ritchey
Lieblingslektüre: Landkarten
Lieblingsfilm: Western
Lieblingsauto: Porsche 356
Lieblingsessen: Sushi, toskanischer Rotwein
Website:
www.frischi.ch
Trainingsumfang: 15 bis 20 Stunden pro Woche im Sommer, 12 bis 16 Stunden im Winter

Themen: InterviewScottThomas Frischknecht


Lesen Sie das BIKE Magazin. Einfach digital in der BIKE-App (iTunes und Google Play) oder bestellen Sie es im Shop als Abo oder Einzelheft:

iTunes Store Google Play Store Delius Klasing Verlag
  • Interview mit Downhill-Worldcup-Sieger Beneke
    Was macht eigentlich Jürgen Beneke?

    16.03.2018

  • Craft BIKE Transalp-Champ Karl Platt im Interview: „Alles hängt vom Partner ab!“

    03.07.2012

  • Scott Spark IMP 2008 7,942 kg

    31.01.2008

  • "Heroes inspire Heroes", Ep. 3: Family-Biketouren
    Biken mit Kids: Die perfekte Familien-Biketour

    27.07.2020

  • EMTB Neuheiten: Scott E-Spark
    Scott-Trailbike mit Shimano-Antrieb

    02.09.2016

  • Test-Duell 2019: Scott Ransom gegen Cannondale Jekyll
    Scott Ransom 900 Tuned vs. Cannondale Jekyll 29 1

    09.07.2019

  • Interview Jacquie Phelan
    Jacquie Phelan

    29.05.2008

  • Gewinnspiel: 30 Jahre BIKE Jubiläumsrad
    Mega-Verlosung: Scott Ransom im 30-Jahre-BIKE-Design

    28.03.2019

  • Olympia 2016: Nino Schurter und sein Scott Spark 29 RC
    Das Olympia-Bike von Nino Schurter

    15.08.2016