Stahl-Bikes: "Wenn es um das eigentliche Fahren geht" Stahl-Bikes: "Wenn es um das eigentliche Fahren geht" Stahl-Bikes: "Wenn es um das eigentliche Fahren geht"

MTB-Legende Tom Ritchey im Interview

Stahl-Bikes: "Wenn es um das eigentliche Fahren geht"

  • BIKE Magazin
 • Publiziert vor 7 Jahren

Die Ritchey-Logic-Rahmen schrieben MTB-Geschichte. Echte Gründe, die hochwertigen Stahlrahmen zu verändern, gab es in über 25 Jahren kaum. Gelassen blickt Tom Ritchey in die Zukunft der Stahl-Bikes.

Tom Ritchey ist eine Rahmenbau-Legende. Seine Ideen und vor allem seine hochwertigen Rahmen beeinflussten den Mountainbike-Sport so nachhaltig wie kaum andere. Natürlich waren die Rahmen aus Stahl. Und sind es – bis auf wenige Ausnahmen – auch heute noch. Wir haben mit ihm über die guten alten Tage geredet und ihn nach der Zukunft des Rahmenmaterials Stahl gefragt.

Zu Besuch bei Rahmenbau-Legende Tom Ritchey

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BIKE: Wo liegt der Unterschied zwischen einem Ritchey der P-Serie von vor 26 Jahren und den Ritchey-Rahmen, die ihr 2015 herstellt?

Tom Ritchey: Die Mountainbikes der P-Serie entstanden mit dem P-23 im Jahr 1989 vor 26 Jahren. Das war so ziemlich der Beginn der Logic-Geschichte. Im Wissen über die Eigenschaften von Stahl und dessen Vorteile setzten wir uns zum Ziel, einen wettkampffähigen Stahlrahmen herzustellen.

Denn Mountainbike-Rennen waren zu diesem Zeitpunkt international wirklich populär und wurden immer präsenter. Also ging es immer mehr um die Technik und um Marketing. Viele Teamfahrer großer Marken schwangen sich auf neue überdimensionierte Aluminium-Bikes, die um die 25 Pfund (11,25 kg) wogen.

Als Don Myrah dann auf einem Ritchey P-23, das um die 2 Pfund (0,9 kg) leichter war, die MTB-Weltmeisterschaft in Mammoth gewann, hinterließ dies einen bleibenden Eindruck. Die Bikes wurden gefeiert, denn sie bewiesen, dass trotz des futuristischen Aluminiums, mit dem zu diesem Zeitpunkt jeder arbeitete, Stahl immer noch ein wunderbares Material war.

Diese Bikes waren revolutionär. Auch heute noch unterscheiden sich die aktuellen Ritchey-Bikes kaum von denen der original P-Serie. Schon damals wurde eine Menge Zeit für Kraftanalysen, die Entwicklung der idealen Rohrverbindungen und Wärmebehandlung aufgewandt. Das Wissen von damals steckt heute immer noch in unseren Rahmen, nur, dass wir noch ein paar entscheidende Verbesserungen vorgenommen haben.

So haben die neuen Bikes ein wärmebehandeltes Unterrohr, das zum Steuerrohr hin leicht gebogen, sehr stabil und dazu leicht ist. Dadurch ergibt sich genug Platz für die Gabelkronen, und wir erreichen im Steuerkopf-Bereich eine Steifigkeit wie mittels eingeschweißten Verstärkungsblechen – ohne das zusätzliche Gewicht und die punktförmige Belastung des Rahmens durch die Bleche in Kauf nehmen zu müssen.

Kombiniert mit unserem geschmiedeten Steuerrohr für integrierte Steuersätze ergibt dies eine sehr stabile, sehr leichte Front. Natürlich bieten wir unsere P-Serien-Bikes inzwischen auch in 27,5 Zoll (650b) und als 29er an. Ich war mir ja schon in den 1970er-Jahren über die Vorteile größerer Laufräder bewusst, aber die Welt schien noch nicht bereit. Bis jetzt.


Der Ritchey-Logic-Rahmen stellte im Vergleich zum restlichen Markt eine bahnbrechende Neuerung dar, als er präsentiert wurde. Was hat sich mit der letzten Version deiner Logic-Rohre verändert?

Die neue Version des Ritchey-Logic-Rohrsatzes ist fast die gleiche wie das Original, mit Ausnahme des größeren Rohr-Durchmessers und des gebogenen Unterrohrs. Nur wenigen Leuten ist bewusst, wie fortschrittlich die originalen Logic-Rohre waren, als sie damals entwickelt wurden. So blieb überhaupt nur wenig Raum für Verbesserungen übrig.

Als ich die Logic-Rohre entwickelte, hatte ich bereits zehn Jahre lang Rahmen aus bestehenden Rohrsätzen gebaut, welche für gemuffte Konstruktionen mit traditionellen Rohr-Durchmessern und -Verbindungspunkten konzipiert waren und praktisch über ein Jahrhundert nicht verändert wurden. Niemand hatte versucht, den Rahmenbau zu überdenken oder zu optimieren, speziell das Auftragslöten ("fillet-brazing") und das WIG-Schweißen. Bis ich ankam.

Die originalen Logic-Rohre wurden zum neuen Standard im Stahlrahmenbau. In der Praxis bewiesen sie sich im Einsatz beim Ritchey-Team. Auch zahlreiche andere Rahmenbauer verwendeten sie für ihre Bikes. Der aktuelle Rohrsatz verkörpert alles, was ich auf meinem langen Weg gelernt habe und ist vermutlich der beste Stahl-Rohrsatz der Welt.

Brian Vernor Für einen guten Stahlrahmen braucht es immer noch viel Geduld und Liebe zum Detail.


Was war deine Inspiration für die 2015er-Ritchey-Stahl-Bikes?

Die Entwicklung der verschiedenen Fahrstile und die wachsende Popularität der neuen Laufradgrößen haben mich auf jeden Fall dazu verleitet, ein paar der neuen Modelle herauszubringen, die ihr 2015 und in Zukunft zu Gesicht bekommen werdet. Die größte Veränderung in der Ritchey-Linie werden dieses Jahr die konischen ("tapered") Steuerrohre beim P-650b und dem P-29er und des demnächst herauskommenden Timberwolf sein.

Während die konischen Steuerrohre nur bedingt neu sind, bietet die geschmiedete und anschließend bearbeitete Version alle Vorteile des konischen Schaftrohrs im Stahlrahmenbau – ohne den typischen Gewichtszuwachs. In Kombination mit dem leichten, stabilen und hitzebehandelten Unterrohr sowie der steifen Front macht dies den bedeutendsten Unterschied unserer Stahlrahmenkonstruktionen aus.


Carbon ist inzwischen sehr verbreitet. Warum sollte sich überhaupt noch jemand für einen Stahlrahmen entscheiden? Ist das reine Nostalgie?

Stahl hat so viele Vorteile, sogar heute noch. Das ist keine Nostalgie. Natürlich hat auch Carbon viele Vorteile und ganz spezielle Eigenschaften, die Aluminium fehlen. Carbon kann sehr fest und gleichzeitig leicht sein, aber auch kompakt gestaltet werden. Dies war bei Aluminium stets eine große Herausforderung. Die großen Hersteller haben gezeigt, dass sich Carbonrahmen bauen lassen, welche sehr leicht und gleichzeitig steif sind. Hohe Steifigkeit und geringes Gewicht sind immer gute Verkaufsargumente am Markt.

Aber wenn es um das Fahren geht – das eigentliche Fahren – dann ist ein Stahl-Bike auf Grund seiner Fahreigenschaften einfach schwer zu schlagen. Es ist leicht, steif und komfortabel genug, um auch auf langen, ruppigen Strecken zu überzeugen. Und dann wären da noch die Größenoptionen, die Dauer-Haltbarkeit und der Kostenpunkt.

Als Performance-Material hat Stahl schon immer die Messlatte für Fahrgefühl gelegt. Die Fahrt auf einem guten Stahl-Bike ist begehrt und jedes andere Rahmenmaterial wird mit dem Ideal von Stahl verglichen. Das ist der Grund, warum das Material so zeitlos ist und Fahrer immer wieder zum Stahlrahmen greifen werden.


Welches Bike fährst du am meisten und warum?

Ich verbringe viel Zeit mit meiner Frau auf dem Tandem. Aber wenn ich alleine fahre, fahre ich meistens mein P-650b mit Starrgabel. Es ist dieses puristische und direkte Fahrgefühl, das liebe ich.


Ritchey hat in den 80ern WIG-geschweißte Rahmen angeboten. Hat sich der Prozess des WIG-Schweißens (WIG: Wolfram-Inert-Gas, d. Red.) mit den Zulieferern seitdem verändert?

Ich habe persönlich tausende Rahmen mit meinen eigenen Händen gebaut und in über 40 Jahren Rahmenbau eine Menge über Stahlrahmenkonstruktionen gelernt. Im Jahr 1985 habe ich angefangen, mit anderen Rahmenbauern, welche die WIG-Schweißtechnik beherrschten, zusammenzuarbeiten. Ich habe sie eingelernt, und wir haben gemeinsam Rahmen gebaut. Das Personal, mit dem meine Partner zusammenarbeiten, ist einmalig. Nach 26 Jahren kann ich nun von mir sagen, wohl einige der besten Rahmenbauer der Welt darin unterrichtet zu haben, einen Stahlrahmen nach Ritchey-Standards zu bauen.

Und sie werden immer besser! Unsere neusten Bikes sind wunderschön, von der Gehrung, über die Schweiß- und Löt-Qualität bis hin zum letzten Linienstrich. Ich beobachte immer mit einem Auge das Geschehen, jedoch ist die Qualität so gut, dass ich mir um den Prozess eigentlich keine Sorgen machen muss – jedenfalls heutzutage.


Wie sieht die Zukunft des Stahls für das Biken aus?

Die Leute versuchen immer, mit Materialien wie Titan und rostfreien Stählen das Fahrerlebnis der aktuell verfügbaren Stahlrohrsätze zu übertreffen. Titan ist erheblich teurer und nur ein kleines bisschen leichter, also ist das kein relevanter Fortschritt. Stahl war schon vor 100 Jahren gut, und zwar so gut, dass er sich seither kaum verändert hat – ein Beleg dafür, wie gut der Werkstoff wirklich ist. Gute Legierungen und Fortschritte in der Kaltumformung haben die bedeutendsten Verbesserungen hervorgebracht.

Man sagt, im fernen Osten sollen wichtige Fortschritte in der Metallforschung und -verarbeitung gemacht worden sein, welche eine ganz neue Generation von Stählen versprechen – mit Eigenschaften, die weit über das hinaus gehen, was wir heute kennen. Ich freue mich jetzt schon drauf, bald auch daraus Stahl-Bikes zu bauen.


Tom Ritchey, wir bedanken uns recht herzlich für das Interview.

Themen: InterviewKultRitcheyStahl


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