Interview

Kennen Sie noch Albert Iten?

Björn Scheele am 13.07.2004

Vom Elektriker zum Weltmeister: 1991 ging für Albert Iten der Traum vom WM-Titel im Downhill in Erfüllung. Drei Jahre später wurde er Cross-Country-Europameister. Nur wenigen Sportlern war es bis dahin vergönnt, sich in beiden Disziplinen krönen zu lassen. Heute lebt der einstige Weltstar in seiner Heimatstadt Oberägeri in der Schweiz.

Ein Leben ohne Bike, wie geht das?
Ganz ohne geht es natürlich nicht, aber ich habe vor sechs Jahren das Elektro-Fachgeschäft meines Vaters übernommen und beschäftige 16 Angestellte. Damit habe ich meine tägliche Herausforderung. Biken gehe ich vor allem zur Entspannung.

Also wieder zurück in den alten Beruf?
Ja, das ist richtig. Ich habe meinen Meister in der Elektro-Branche gleichzeitig mit meinem WM-Titel gemacht und bin daher praktisch „Doppel-Meister“.

Hattest du nie Lust, in der Bike-Szene zu arbeiten?
Klar hatte ich das, aber es hat sich nicht ergeben. Der Weg zur Geschäftsübernahme war praktisch vorgegeben. Die Arbeit, die Mike Kluge bei Focus macht, hätte mich gereizt, doch letztlich ist es anders gekommen und das ist auch gut so.

Aber mit Bikes hast du noch was zu tun?
Ja, zum Glück, das ist schließlich ein großer Teil meines Lebens. Zusammen mit meiner Lebenspartnerin betreuen wir die jüngsten Bike-Fahrer (acht bis 14 Jahre) in unserem Club. Ich trainiere junge Fahrer aus dem Cross-Country-Bereich und stelle ihnen Rennpläne zusammen. Einige Rennen in der Umgebung fahre ich noch aktiv mit, gebe Bike-Kurse und leite in Sardinien Trainingswochen. Somit bleibt der Kontakt zur Bike-Szene bestehen.

Hast du denn noch Kontakt zu den Gegnern von einst?
Auf den Rennen treffe ich heute noch viele Fahrer von früher. Die internationalen Biker eher weniger. Vor vier Jahren hat die UCI bei der WM in der Sierra Nevada ein Treffen mit allen Ex-Weltmeistern organisiert. Dort wurden so richtig alte Geschichten aufgetischt – eine riesen Gaudi.

Cross Crountry oder Downhill – was war dir lieber?
Ich mochte beides gleich gerne. Im Downhill wurde es dann aber immer schwerer, Schritt zu halten. Als die BMX-Cracks zum Downhill kamen, hatte ich das Nachsehen. Das, was die Jungs konnten, war für mich nicht mehr erreichbar. Diese technischen Fähigkeiten konnte ich mir nicht mehr aneignen. Meine Konzentration lag dann voll und ganz auf Cross Country und das wurde immerhin mit dem EM-Titel belohnt.

Welcher war der beste Tag in deiner Karriere?
Das ist aber mal eine einfache Frage (lacht)! Natürlich ist der WM-Titel für jeden Sportler das Größte. Es stimmte alles, der Lauf war optimal und alles passte. Ich glaube, falls ich einen zweiten Titel geholt hätte, wäre der erste doch immer noch der größte.

Und der schlechteste Tag?
Ich hatte eigentlich keine schlechten Tage. Zum Glück hatte ich nie schlimme Stürze oder Verletzungen. Aber vielleicht war die Downhill-EM 1991 solch ein schlechter Tag. Ich war schon auf Siegkurs und wurde kurz vor dem Ziel von einem Platten gestoppt. Im Nachhinein betrachtet war das nur positiv für die WM, denn ich konnte ohne Druck an den Start gehen. Die Augen waren nicht auf mich fixiert und ich wurde Weltmeister!

Was wird die Zukunft bringen?
Hoffentlich nur Gutes. Ich werde die Geschäfte verfeinern und optimieren. Ich wollte nie Mittelmaß sein, weder im Sport noch im Beruf. Im Bike-Sektor werde ich mich weiterhin für junge Fahrer einsetzen. Bei meinem neuen Projekt mit dem bike-explorer.ch werde ich attraktive Bike-Wege in der Schweiz auskundschaften und diese auf CD festhalten.

Björn Scheele am 13.07.2004