Interview Pia Sundstedt

Pia Sundstedt

  • Björn Scheele
 • Publiziert vor 15 Jahren

Sie kam scheinbar aus dem Nichts und deklassierte die komplette MTB-Elite. Pia Sunstedt ist die Überraschung der Bike-Saison 2005. BIKE besuchte die schnelle Finnin in ihrer Wahlheimat Freiburg.

Bergauf kaum zu schlagen: Pia Sundstedt.


BIKE: Du bist scheinbar aus dem Nichts gekommen. Wie kannst Du so schnell sein?
Pia Sundstedt: Aus dem Nichts ist nicht ganz richtig. Ich war früher Straßenprofi. Auf meinem Konto stehen schon mehrere Weltcup-Siege, und ich war eine der besten Bergfahrerinnen der Welt. Von nichts kommt nichts.


Du bist 2005 Europameisterin geworden und hast einen Sieg nach dem anderen geholt. Bist Du so gut oder sind die anderen so schlecht?
So überlegen bin ich gar nicht. Es gab auch Rennen, die ich nicht gewonnen habe – die Weltmeisterschaft oder die Deutsche Meisterschaft. Die anderen Fahrerinnen sind alle bärenstark. Sobald es technisch wird, falle ich weit zurück – auch ich habe meine Schwächen. Und eine Gunn Rita Dahle ist immer noch das Maß der Dinge. Ich muss mich erstmal beweisen.


Wann hast Du Dich entschieden, Profi zu werden?
Schon im Gymnasium war mir klar, dass ich Profi werden will. 1996 bin ich nach Holland gezogen um in meinem ersten Straßenteam zu fahren. Damit war mein Traum vom Profisport erfüllt.


Und warum fährst Du nicht mehr auf der Straße?
Ich hatte einfach keine Lust mehr. Es wurde zu viel für mich. Ich war immer unterwegs und wohnte auf der ganzen Welt – in Italien, den USA oder in Kanada. Der wichtigere Grund war der steigende Erfolgsdruck. Ich hatte Weltcups gewonnen und war in Finnland Sportlerin des Jahres. Die Mannschaft baute auf mich. Wenn es bergig wurde hieß es: „Pia jetzt bist du am Zug – leg los und gewinn!“ Das war meine Aufgabe, und das wurde einfach zu viel.


Und nach der Karriere das große Loch?
Eigentlich nicht. Ich fing 2002 an zu studieren. 2004 habe ich meinen Abschluss in Politik und Wirtschaft gemacht.


2004 hattest Du Dein Diplom in der Tasche. Wieso bist Du wieder aufs Rad gestiegen?
Ich bin nie abgestiegen, trainiert habe ich immer. Ich habe erst als Chefsekretärin in einer Textilfirma gearbeitet. Das war sehr schön, denn ich bin in kürzester Zeit überall gewesen – selbst in Hongkong. Aber mein Leben sollte nicht in Finnland sein, sondern bei meinem Freund Olaf in Freiburg. Wir waren schon seit 2003 zusammen, und wir konnten ja nicht so weit auseinander leben. In Freiburg habe ich dann erstmal als Bike Guide gearbeitet.


Wo habt Ihr Euch kennengelernt?
Bei den Olympischen Spielen in Sydney gab mir eine deutsche Teamfahrerin die E-Mail-Adresse des deutschen Team-Arztes. Sie meinte, ich solle ihm einfach mal schreiben. Naja, das tat ich dann auch und wir blieben in Kontakt.


Und mit dem neuen Freund kam die Liebe zum Marathon?
Ein wenig vielleicht. Vor einem Jahr bin ich mit Olaf in Finnland meinen ersten Bike-Marathon gefahren. Das waren zwei Runden à 60 Kilometer. Es war unglaublich furchtbar! Wir brauchten für eine Runde fast fünf Stunden. Olaf sagte mir aber, dass die „normalen“ Marathons ganz anders sind; mit breiten Wegen und ohne Mücken und ewigen Tragepassagen. Dieses Jahr bin ich dann in Kirchzarten gestartet – so kam eins zum anderen.


Bist Du noch auf dem Rennrad unterwegs?
Fast nur. Ich fahre nur bei Wettkämpfen auf dem Bike. Ich trainiere komplett auf der Straße, deshalb sieht mein Bike auch immer so sauber aus.


AUS DER HÜFTE GESCHOSSEN:
Siegertyp oder guter Verlierer?

Siegertyp, wenn ich verliere, ist es aber auch nicht so schlimm.


Wann hängst Du das Bike an den Nagel?
Wenn es mir keinen Spaß mehr macht.


Mit wem würdest Du gerne Frühstücken?
Mit Carolina Klüft (schwedische Siebenkampf-Weltmeisterin, Anm. d. Red.).


Partytier oder Stubenhocker?
Das ist gemein. Na gut, eher Stubenhocker.

Entspannung in Hogwarts: Leseratte Pia ist ein großer Harry-Potter-Fan


Film oder Buch?
Lieber das Buch.


Der Unterschied zwischen Deutschen und Finnen?
Das Siezen der Deutschen. In Finnland duzt sich jeder.


Wo hast Du so gut Deutsch gelernt?
An der Schule und in einem Kurs an der Uni. Wenn man mit Radsportlern spricht, weiß man zwar, was ein Innenlager ist, aber beim Kaffee bestellen wird es dann schon schwerer.


Deine größte Schwäche?
Zu pedantisch zu sein.


Welchen Tag würdest Du am liebsten aus Deinem Leben streichen?
Keinen.


Und welcher war der beste Tag?
Als ich Olaf traf.


Was willst Du in Deiner zweiten Radkarriere noch erreichen?
Wieder bei den Europameisterschaften vorne sein und bei den Weltmeisterschafften aufs Treppchen fahren.

Den EM-Titel und einen neuen Sponsorenvertrag in der Tasche: Die Zukunft kann kommen.


STECKBRIEF


Name: Pia Sundstedt
Spitzname: Duracell Woman
Alter: 30 (Stand 2006)
Gewicht: 52 Kilo
Größe: 168 cm
Team: Rocky Mountain Business Objects
ERFOLGE:
• Bike: Marathon-Europameisterin 2005, Platz fünf bei der Marathon-WM 2005
• Straße: Finnische Meisterin, Sportlerin des Jahres in Finnland 2000, Mehrere Weltcup-Siege, Etappensiege beim Giro d’Italia
• Sonstiges: Finnische Meisterin im Sandburgenbauen 1979
Hobbies: Skilanglaufen, Möbel bauen, Sprachen, Marmelade machen
Lieblingslektüre: Tageszeitung
Lieblingsfilm: Filme von Ari Kaurismäki
Lieblingsessen: Italienische Küche

Themen: FinnlandFreiburgInterview


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