Nino Schurter Nino Schurter

Interview mit Nino Schurter

Nino Schurter: Ich brauche den Wettkampf!

Ludwig Döhl am 24.02.2018

Nino Schurter ist Olympia-Sieger, Weltmeister und Worldcup-Gesamtsieger. Mehr kann man als Mountain­biker nicht erreichen. Was motiviert den Seriensieger, jetzt noch weiter zu fahren?

Du bist derzeit die Weltspitze. Hast Du Angst davor, irgendwann die Nummer zwei zu sein?
Nein, Angst habe ich nicht. Aber klar, darüber habe ich mir schon Gedanken gemacht. Früher oder später wird es so kommen. Ob ich will, oder nicht. Doch warum sollte ich mir jetzt den Kopf darüber zerbrechen? Ich versuche weiterhin, alles zu geben. Mit dem Sieg in Rio hab’ ich den letzten großen Titel erreicht, der mir noch fehlte. Damit ist mir ein richtiger Stein vom Herzen gefallen. Ich glaube, das war auch ein Grund dafür, warum ich dieses Jahr so erfolgreich war. Ich weiß, wozu ich fähig bin und muss jetzt niemandem mehr etwas beweisen.

Man könnte eher denken: Wer keine Ziele mehr hat, der verliert an Motivation.
Natürlich hab’ ich noch Ziele. 2020 will ich in Tokio meine Goldmedaille verteidigen. Außerdem sehe ich das anders: Wenn du erfolgreich bist, ist es noch viel leichter, sich zu motivieren.

Viele Ausnahmetalente treten zurück, wenn sie alles erreicht haben. Hast Du schon mal darüber nachgedacht?
Noch kein einziges Mal! Ich liebe meinen Job. Wieso, um alles in der Welt, sollte ich aufhören? Außerdem bin ich zu jung für die Rente.

In Deiner Videoserie Hunt for Glory hast Du dokumentiert, wie Du Dein ganzes Leben auf die Olympischen Spiele ausgerichtet hast. Wäre es danach nicht angebracht gewesen, Dich etwas zurückzulehnen?
Das habe ich auch gemacht. Ich war einen ganzen Monat im Urlaub mit meiner Familie. Aber danach hatte ich auch genug vom Beinehochlegen. Egal, ob auf Langlauf-Ski, im Fitness-Studio oder auf dem Bike, ich hab’ bei dem Job so viel Spaß, dass ich eigentlich gar keinen Urlaub brauche.

Hast Du nicht Angst, etwas zu verpassen? Zum Beispiel Partys?
Partys? Ich bin glücklicher, wenn ich mit Kumpels in der Saisonpause im Bikepark Sprünge ausprobiere, als wenn ich den Sonntag verkatert auf dem Sofa liegen muss. Und wenn mir doch mal danach zumute ist, dann mach’ ich auch mal Party, aber eben nach der Saison.

Deine Titel haben Dir nicht nur Ruhm gebracht, sondern auch dicke Sponsorenverträge. Was für eine Rolle spielt Geld noch für Dich?
Natürlich spielt Geld eine Rolle, ich muss ja von irgendwas leben und meine Familie ernähren. Trotzdem weiß ich, dass ich aus Spaß mit dem Mountainbiken begonnen habe. Dass ich damit jetzt meinen Lebensunterhalt verdiene, ist umso schöner.

Für viele gilt Geld als Motivation, mehr Leistung zu bringen.
Meine Motivation ist es, alles aus meinem Körper herauszuholen, ganz unabhängig vom Kontostand. Ich brauche in meinem Leben den Wettkampf. Wenn ich auf der Rennstrecke einen Zweikampf austrage, gibt mir das einen Kick. Der Wille, diesen Zweikampf zu gewinnen, motiviert mich mehr als jedes Preisgeld.

Der komplette Worldcup steht in Deinem Schatten. Belastet Dich Deine Rolle als Leitfigur?
Nein. Überhaupt nicht. Ich glaube, für eine Sportart ist es immer gut, wenn es ein paar Typen gibt, die immer vorne mitfahren. Früher waren es die Zweikämpfe mit Jaroslav oder Julien, die den Sport spannend gemacht haben. Jetzt fiebern alle dem Moment entgegen, wenn ich geschlagen werde.

Dein Dauerkonkurrent Julien Absalon hat sich zu Beginn dieser Saison das Schlüsselbein gebrochen und kam nicht richtig in Form. Hast Du Dich dieses Jahr an der Spitze gelangweilt?
Gelangweilt habe ich mich sicher nicht. Es ist auch mal schön, wenn man so erfolgreich sein darf. Ich hätte es deutlich schwerer gehabt, wenn Julien sich nicht verletzt hätte, da bin ich mir sicher. Dennoch, ich habe die Zweikämpfe mit ihm immer genossen, selbst wenn ich geschlagen wurde. Ich muss zugeben, diese Duelle habe ich dieses Jahr etwas vermisst.

Absalon ist 37, war ähnlich erfolgreich wie Du und hat gerade erklärt , dass er noch eine Saison fahren will. Freust Du Dich darauf??
Ich habe davon gehört und kann seine Entscheidung nachvollziehen. Diese Saison wäre kein würdiger Abschluss für die Karriere von Julien gewesen. Ich liebe die Herausforderung. Wenn es nach mir ginge, könnte er noch lange mitfahren.

Du bist vor drei Jahren die Tour de Suisse gefahren. Wäre ein Start bei der Tour de France nicht ein schöner Tapetenwechsel?
Die Tour de Suisse war damals ein Test, ob mir das Leben als Straßenprofi auch Spaß machen würde. Aber ich habe schnell festgestellt, dass mein Talent beim Mountainbiken liegt. Ich bin lieber Weltklasse-Mountainbiker als Helfer im Tour-de-France-Peloton. Mountainbiken ist einfach mein Leben.


Nino Schurter

"Früher oder später wird mich jemand schlagen. ich habe mich schon mit dem Gedanken beschäftigt." Nino Schurter

INFO NINO SCHURTER

Wenn Nino Schurter am Start steht, geht es für die Konkurrenz meist nur noch um Platz zwei. Zumindest war das 2017 so. Der 31-jährige Schweizer hat nicht nur das Cape Epic, sondern auch alle Worldcup-Rennen und die Weltmeisterschaft gewonnen. Eine derart makellose Saison hat noch kein Sportler vor ihm absolviert.


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Ludwig Döhl am 24.02.2018