Interview mit Cross-Country-Biker Wolfram Kurschat

Was macht Ex-Profi Wolfram Kurschat heute?

  • Björn Kafka
 • Publiziert vor 6 Jahren

Wolfram Kurschat (39) war einer der besten Cross-Country-Profis. Mit der Auflösung seines Teams wurde es ruhig um den ehemaligen Deutschen Meister. Im Interview gibt er Einblick in seinen Alltag.


Dafür, dass Du im Ruhestand bist, siehst Du aber noch verdammt fit aus.
Na ja, Ruhestand wäre ja auch übertrieben. Ich fahre immer noch Rennen und habe keinen harten Schnitt gemacht. Mein Training unterscheidet sich nicht großartig von früher. Ich kann immer noch Top-Leistungen abrufen und mich auf Highlights vorbereiten.


Was machst Du denn jetzt genau?
Ich arbeite bei der Unternehmensberatung Homburg und Partner im Bereich Gesundheit und Sport. Mit meinem Hintergrund als Leis­tungssportler und Apotheker kann ich beide Welten perfekt verbinden.


Also tanzt Du jetzt auf zwei Hochzeiten?
Das habe ich schon immer gemacht. Mich hat der Bike-Sport nie ganz eingenommen. In der Uni-Zeit wusste niemand, dass ich Bike-Profi war. Meine Lebensgefährtin hat nix mit dem Bike-Sport zu tun, und ich habe viele Bekannte, die sich damit nicht auskennen. Als Bike-Profi habe ich ja auch ein Apotheker-Studium hingelegt. Ich wollte schon immer diese zwei Welten.


Was machst Du als Berater denn genau?
Als Apotheker halte ich für Homburg und Partner Vorträge und erstelle Bewertungen im Bereich Pharmazie und Gesundheit. Ganz neu haben wir aber den Bereich Consumer und Sportproducts vorgestellt. Ich habe als Sportler ja nichts anderes gemacht, als Sportprodukte in der Öffentlichkeit zu präsentiert. Man war eine Werbefigur. Früher fielen Marken aber sehr viel schneller auf – durch gute Resultate, schräge Typen und so weiter. Heute ist das alles sehr viel schwerer, und da entwickle ich jetzt neue Ideen für verschiedene Produkte. Übrigens habe ich auch noch ein Bike-Team-Projekt in den Startlöchern, zu dem ich aber leider noch nichts sagen darf.

"Wenn du im Ziel noch einen Meter weiter fahren kannst, hast du was falsch gemacht!" Für diesen Satz wurde der mehrfache Deutsche Meister im Cross Country berühmt. Wolfram Kurschat galt lange Zeit als der leistungsstärkste Fahrer. Heute fährt der studierte Apotheker immer noch auf Profi Niveau und arbeitet für eine Unternehmensberatung.


Dich umgab der Ruf als größtes Talent im Cross Country-Sport. Bis ganz nach oben hat es bei Dir trotzdem nie gereicht. Warum eigentlich?
Ich habe mir immer Höhepunkte rausgesucht und war dann in meiner Top-Form. 2009 fuhr ich zweimal den zweiten Platz beim Worldcup ein, nur Absalon war schneller. Was man mir vorwerfen kann, ist, dass ich mich nie auf eine ganze Saison konzentriert habe, sondern nur auf Höhepunkte.


Du konntest so viel Watt treten wie kaum ein anderer. Bergab schienst Du immer  etwas Angst zu haben. Hat das vielleicht die ganz großen Siege gekostet?
Vielleicht habe ich deshalb verloren, aber zweiter hinter Absalon zu werden, ist großartig. Absalon ist für mich der ultimative Athlet. Der Mann lebt und entwickelt sich mit dem Sport. Ich war oft nahe dran und habe mich natürlich gefragt: Wie hole ich diese paar Sekunden auf? Die Abfahrt war meine Schwäche, das ist einfach so. Ich habe mich Anfangs vielleicht nicht genug darum gekümmert. Auf der anderen Seite fehlte mir aber auch die Zeit.


Wie kann einem Profi denn die Zeit für so wichtiges Training fehlen?
Viele kennen mich vor allem wegen zwei Dingen: Der Kurschat fährt wie ein Moped bergauf. Und er trainiert nur auf der Rolle. Ich saß nicht auf der Rolle, weil mir das Spaß gemacht hat. Ich liebe Trails und Flow, aber ich musste mein Training optimieren. Wenn ich aus der Uni kam, war es dunkel. Deshalb kam die Rolle ins Spiel. Nur am Wochenende war Zeit, um draußen zu fahren. Ich trainierte mir somit abends im Keller die besten Beine der Welt an, aber büßte dafür technisch ein.


Würdest Du es noch einmal so machen?
Ja. Ich wollte nie einhundert Prozent Profi sein. Ich wollte immer auch andere Sachen: Kinder haben, mich bilden, normal leben. Ich liebe Biken. Für mich zählte aber immer erst das Lebensgefühl und dann der Sport.

"Was soll man jungen Fahrern sagen? Fahre für nix, trainiere professionell – Aber wenn Du Dich verletzt, dann sieh, wo du bleibst?"


Du weinst dem Rennsport also nicht hinterher?
Nein, die Kurse sind heute so angelegt, dass man bei einem schlechten Startplatz kaum noch Chancen hat, nach vorne zu kommen. Du musst schon jedes Rennen auf der ganzen Welt mitnehmen, damit du dich langsam im Startblock nach vorne kämpfst. Das will ich nicht mehr. Zudem wurden die Strecken in den letzten Jahren immer gefährlicher. Wenn ich mich als dreifacher Familienvater im Rockgarden auf die Nase lege, ist nicht nur die Saison gelaufen, sondern auch der Alltag zu Hause. Vielleicht steht sogar die gesamte sportliche Karriere auf dem Spiel. Ich finde die Entwicklung besonders für junge Fahrer problematisch: Wer heute blöd stürzt, ist für Monate raus. Und dann finde mal wieder ein Team, das dich aufnimmt. Im Cross Country wurden gerade massiv die Gehälter gekürzt. Selbst die Top-Fahrer bekommen weniger. Was willst du jungen Fahrern sagen? Fahre für nix, trainiere aber hochgradig professionell – und wenn du dich verletzt, dann musst du sehen, wo du bleibst? Der Sport muss sich wieder etwas zurückbesinnen: einfachere, aber spannende Strecken, die niemanden schwer verletzen.


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Themen: Cross CountryInterviewRennsport


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