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Interview mit Bike-Guide Peter Brodschelm

Familienabenteuer: Alpentour mit Vater und Sohn

Sissi Pärsch am 16.09.2016

Als Guide ist Peter Brodschelm schon 99 Mal über die Alpen gefahren. Tour Nummer 100 wollte er mit seinem 13-jährigen Sohn Florian in Angriff nehmen. Eine gute Idee?

Peter, erinnerst Du Dich noch an Deine allererste Transalp?
An jeden Meter! Das war 1998, zusammen mit meinem Kumpel Martin. Die Idee zu meiner Bike-Schule war gerade geboren, und ich wollte sehen, ob und wie man so etwas anbieten könnte. Am ersten Tag sind wir um 5 Uhr morgens am Samerberg gestartet. Mittags gab’s auf der Hütte Sauerkraut mit Semmelknödel, gefolgt von einem Nickerchen, das ein bisschen länger ausfiel. Wir hatten keine Ahnung, keine Handys, kein GPS. Dreieinhalb Tage waren wir unterwegs inklusive 17000 Höhenmetern und reichlich Such- und Tragepassagen. Am Gardasee war uns dann klar: Das machen wir niemals. Was für eine Scheiß-Geschäftsidee.

Der Vorsatz hat ja nicht lange gehalten.
Ja, es hat mich einfach nicht losgelassen. Wir hatten so eine tolle, intensive Zeit. Wir waren beide total geflasht – wie es heute noch jeden bei einer Alpenüberquerung flasht. Es ist eben etwas Spezielles. Du hast ein Ziel vor Augen, und dafür musst du etwas überwinden – im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist durchaus ein wenig mythisch. Und dazu diese überwältigende Natur. Deshalb wird sie für mich auch niemals den Reiz verlieren.

Hat es Dich auch geflasht, Flori?
Schon. Vor allem das Naturerlebnis. Du strampelst los, und irgendwann bist du in dieser gigantischen Bergwelt. Du stehst oben auf einem Grat und siehst nur noch Gipfel. Endlos. Das hat schon was.

Aber Du bist sonst eher bergab orientiert. Als Achtjähriger hast Du am Samerberg den Bikepark eröffnet. Wie hast Du das Bergauffahren empfunden?
Das Hochfahren über die sechs Tage war schon okay. Wir hatten jeden Tag mindestens 1500 Höhenmeter. Kein Problem. Am dritten Tag waren es 2300 Höhenmeter. Da wurde es schon härter. Aber es gibt auch den Bergauf-Flow. Genervt hat mich eigentlich etwas anderes.

Was denn?
Am ersten Tag der Rucksack. Ich bin vorher noch nie mit Rucksack gefahren. Mein Nacken hat geschmerzt, und bergab hat es mich hin und her gebeutelt, weil ich es einfach nicht gewohnt war. Ab dem zweiten Tag ging’s. Und das andere: Papa fährt mit Vario-Sattelstütze, und ich musste auf den Kammfahrten ständig rauf- und runterstellen.

Abgesehen von der unfairen Ausstattung – was hat Dich begeistert?
Flori:
neben der Natur vor allem die Trails. Endlose Trails. Wir sind stundenlang Trails am Stück gefahren. Das war mir vorher überhaupt nicht klar.
Peter: Das kennen die Bikepark-Kinder halt einfach nicht. Diese Länge und der natürliche Verlauf. Bei ihnen gibt’s nur einen Weg, und da wird dann geballert. Auf dem ersten Trail ist Flori bei einer Spitzkehre einfach mal 50 Meter geradeaus in den Wald gefahren.

Peter Brodschelm

Peter Brodschelm: Der einstige Bundesliga-Rennradler gründete 1999 die Bike-Schule Fahrtwind. 2011 folgte der Bikepark am Samerberg, den Sohn Flori eröffnen durfte. Für seinen 100. Alpencross wählte Peter (45) ein buntes Potpourri aus Lieblingsstrecken und baute zwei neue Trails am Berninapass ein. Infos: www.mtb-fahrtwind.de

Trotzdem scheint ihn das Touren-Fahren ja gepackt zu haben?
Ich glaube, er ist ein Hybrid zwischen Bikepark-Typ und Trail-Suchendem. Dass er ein Action-Maniac ist, ist schon auch dem Alter geschuldet. Die Action auf einer Tour muss man sich aber hart verdienen.

Verstehst Du die Alpencross-Faszination Deines Papas jetzt, Flori?
Total. Gerade wegen der Landschaft und den langen Trails. Ich hab nicht viel drüber nachgedacht vorher. Aber das Bergankämpfen gibt dir eben das Gefühl, dass du es dir wirklich verdient hast. Außerdem kann man ohne Gondel lange Abfahrten in einsamen Gebieten fahren. Man kann es allgemein nicht mit Bikepark-Fahren vergleichen, weil der Abenteuerfaktor dazukommt.

Ist eine Alpenüberquerung noch richtig abenteuerlich, Peter? Wie hat sich das Erlebnis über die Jahre verändert?
Klar ist heute viel mehr los, und wir sind allesamt mit smarter Technologie ausgerüs­tet. Aber man findet durchaus noch einsame Strecken. Man muss sie eben suchen, und gerade das macht für mich eben wieder den Reiz aus. Verändert hat sich einiges. Wenn man Strecken mehrfach fährt, wird einem das besonders bewusst. Plötzlich ist der Wald weg, der Trail asphaltiert, und du stehst mitten in einem Baugebiet. Oder die Hängebrücke ist betoniert. Ich habe immer gesagt, wir Biker werden Opfer des Fortschritts sein. Dann vor zwei, drei Jahren setzte sich eine neue Entwicklung in Gang. Zwar noch regional begrenzt, aber es bildet sich langsam eine Infrastruktur für Mountainbiker. In Südtirol, dem Engadin, Graubünden, rund um Livigno. Ich hoffe absolut, dass sich das flächendeckend durchsetzen wird.

Wohin geht die Entwicklung generell?
Peter:
Früher gab es das Mountainbiken. Heute gibt es zig Disziplinen und dazu eben auch unterschiedliche Spezies an Bikern. Vor allem glaube ich aber, dass das E-Mountainbiken recht bald das "Normale" sein wird und diejenigen, die ohne Unterstützung fahren, die Exoten. 

Wie findest Du das?
Peter:
Klar macht mir das auch Sorgen, gerade, wenn motorisierte Massen durch die Berge ziehen sollten. Aber jedem das Seine – wenn der Respekt gegenüber der Natur passt.
Flori: Aber mit dem E-Bike hast du halt auch nie das Gefühl, etwas geschafft zu haben!

Und das sagt jetzt das Bikepark-Kid!
Flori:
E-Bike und Gondeln werden natürlich zunehmen – aber das Bergauffahren und das Abenteuerliche, das wird bleiben! Da bin ich mir sicher. 

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Sissi Pärsch am 16.09.2016

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