Interview Michael Rasmussen

Michael Rasmussen

  • Christoph Listmann
 • Publiziert vor 15 Jahren

Niemand kennt die Unterschiede der Bike- und Straßenrennszene besser als Ex-Bike-Weltmeister und Tour de France-Star Michael Rasmussen.

Der Däne Michael Rasmussen war der Shooting Star der Tour de France 2005. Als zäher Kletterer erkämpfte er sich das gepunktete Trikot des besten Bergfahrers und fuhr sich in die Herzen vieler Fans. Doch Rasmussen hat mehr, als nur das Talent auf dem Rennrad. Er begann seine Profi-Karriere auf dem Mountainbike, gewann Cross-Country-Worldcups und schlüpfte 1999 ins Regenbogen-Trikot des Weltmeisters. Kein anderer Fahrer kann die Unterschiede zwischen den Disziplinen Mountainbike und Rennrad so präzise definieren wie der 31-Jährige, der mit seiner mexikanischen Frau Cariza, einer ehemaligen Downhill-Rennfahrerin, in Lazise am Gardasee lebt. BIKE hat ihn dort in seinem Bike-Shop besucht.

CC-WM in Schweden 1999: Michael Rasmussen holt Gold

Rasmussen war im Berg-Trikot der Tour 2005 zeitweise die einzige Bedrohung für Lance Armstrong.


BIKE: Was war beim letzten Zeitfahren der Tour de France los?
Rasmussen: Ich war überzeugt, es würde das Zeitfahren meines Lebens werden. Mein Sportlicher Leiter Erik Breukink sagte mir: „Im ersten Kreisverkehr musst du rechts rum fahren“. Ich war aber so konzentriert, dass ich dem Motorrad nachgefahren bin – links herum. Dabei bin ich weggerutscht. Ich fiel hart auf die Hüfte und konnte nicht mehr 100 Prozent treten. Danach gab es noch ein paar andere Missgeschicke. Die falschen Reifen, dann ein falsches Rad ...


Was für ein Wechselbad. Du rast ganz nach oben und landest dann so hart ...
Ich glaube, ich habe die Tour als ein Star beendet, nicht als Verlierer. Ich war einer der vier Fahrer auf dem Podium in Paris! Ohne das Zeitfahren wäre ich nicht Siebter geworden, sondern Vierter oder Dritter!


Wie hast du dieses Malheur verarbeitet?
Es war ein schrecklicher Tag. Ich wollte mein Rad weit wegwerfen. Es sollte einfach nur aufhören. Auf der anderen Seite: Bei meinem zweiten Sturz hätte ich mir auch einen Knochen brechen können und die ganze Tour wäre dahin gewesen.


Wann wusstest du, dass du Profi werden willst?
Da war ich acht. 1983 habe ich einem Zeitungsreporter erzählt, dass ich im Jahr 2000 die Tour de France fahren will.


Gibt es Talent im Radsport oder nur harte Arbeit?
Es ist harte Arbeit. Aber die Typen, die gewinnen, besitzen das größte Talent. Offensichtlich habe ich das Talent zum Bergfahrer. Das habe ich erst mit 16 in einem Trainingslager in Italien gemerkt – Dänemark war zu flach und windig.


Du bist Mountainbiker der ersten Stunde. Wann fiel die Entscheidung, auf die Straße zu wechseln?
Eigentlich habe ich auf der Straße angefangen. 1983 existierten Mountainbikes in Europa noch nicht. 1989 bekam ich mein erstes Bike und habe die ersten Rennen gewonnen. 1992 wurde ich DänischerMeister und holte Bronze bei der Junioren-WM. Da war klar, dass ich erst mal Bike-Rennen fahre.


Warum bist du wieder auf die Straße gegangen?
In meinem Herzen war ich immer Straßenfahrer. Die Bike-Karriere war eher Zufall. Als ich 21 war, bekam ich Geld dafür, mit dem Bike um die Welt zu ziehen und Rennen zu gewinnen. Das war großartig! Ich wollte schon 1998 für ein Straßen-Team fahren, bekam aber keinen Vertrag. Im Jahr darauf wurde ich Bike-Weltmeister und das Regenbogen-Trikot wollte ich unbedingt tragen. Außerdem wurde ich für die Olympischen Spiele nominiert. Genug Gründe also, weiter Biker zu sein. Doch 2001 kürzte Sponsor Haro mein Gehalt um die Hälfte, weil ich kein Weltmeister mehr war. Also fuhr ich nur noch die Hälfte der Rennen und versuchte mich mehr auf der Straße.


Waren sportliche oder finanzielle Gründe für den Wechsel entscheidend?
Ich hatte im Bike-Sport alles gesehen und erlebt. Ich habe den Sport auf ein sehr hohes Niveau wachsen sehen, auch finanziell. Doch nach den Olympischen Spielen 1996 ging es nicht weiter. Der Worldcup schrumpfte. Auch wenn du große Rennen gewonnen hattest, zeigte das Fernsehen kein Interesse.


Also hast du dir neue Ziele gesucht ...
Ich wollte immer gegen die stärksten Fahrer der Welt antreten. Straßenrennen sind die Formel 1. Alles andere, Bahn, Bike, Querfeldein kommt dahinter. Du kannst der Beste in der zweiten Liga sein, aber du weißt nicht, wie du gegen die Besten aussiehst.


Wie wurdest du im Peloton aufgenommen?
Radsport ist ziemlich primitiv: Wenn du schnell fährst, wirst du schnell akzeptiert. Wenn du mit den Besten in den Bergen mithältst, bekommst du sofort Respekt.


Wie wirkt sich Erfolg auf deinen Marktwert aus?
Mein Wert ist natürlich gestiegen.


Wie viel verdienst du mehr?
Ich bekomme das Zehnfache von dem, was ich als Bike-Weltmeister erhalten habe!

Das Essen abzuwiegen gehört zum Alltag wie mit den Hunden Gassi gehen.

VERGLEICH STRASSE UND MTB


Was ist schwerer: eine Pass-Abfahrt mit 100 Sachen oder eine Worldcup-Abfahrt auf dem Bike?
Auf dem Bike siehst du normalerweise voraus, wenn du stürzt, das Tempo ist niedriger. Du hast Zeit, dich vorzubereiten. Auf der Straße knallst du einfach hin, du hast im Peloton meist nicht mal mehr die Chance, die Hände vom Lenker zu nehmen. Stürzen tut auf der Straße viel mehr weh.


Wie fühlt sich das an, sich schneller als ein Motorrad einen Pass hinunterzustürzen?
Letztes Jahr bei der Deutschland-Tour rasten wir im Feld mit 120 Stundenkilometern in einen dunklen Tunnel. Die Straße war nass und hatte diese Markierungsknöpfe in der Mitte ...


Hat man da keine Angst?
Ich fühlte mich wirklich nicht wohl. Über 100 km/h ist einfach zu schnell für einen Menschen auf einem Fahrrad.


Welche Vorurteile haben Straßen-Profis gegenüber Bike-Profis?
Der Lebensstil macht den Unterschied. Wir haben engere Zeitpläne, mehr Rennen und müssen mehr trainieren. Also liegt es nah, Bikern vorzuwerfen, sie fahren nur zwei Stunden lange Rennen und davon nur 20 Stück im Jahr. Allerdings musst du beim Biken bei den wichtigen acht Rennen im Jahr über 100 Prozent fahren, sonst erntest du nichts.


Welche Chancen hätte ein Straßenfahrer, wenn er in den Bike-Worldcup einsteigt?
Mit etwas technischem Training könnte aus den Top 200 jeder gute Kletterer auf dem Bike erfolgreich sein.

LEIDEN, DOPING UND ASKESE


Welcher Weg an die Spitze war härter: der auf dem Bike oder der auf der Straße?
Auf dem Bike war es recht leicht für mich, weil ich ein guter Kletterer bin. Darum dreht sich das Biken schließlich. Als ich 20 war, fuhr ich schon in den Top Ten der Welt. Auf der Straße ging es auch ziemlich schnell. Vom Halbprofi 2001 brauchte ich ein halbes Jahr, um bei der WM über 260 Kilometer zeitgleich mit dem Weltmeister zu finishen. Ich hatte Glück. Ich musste nicht jahrelang kämpfen wie andere.


Leidet man auf der Straße für den Erfolg mehr?
Ich glaube schon. Die Rennen sind länger, du bist schlechtem Wetter länger ausgesetzt. Beispielsweise die Deutschland-Tour: 1000 von 1500 Kilometern hat es geregnet. Ein Bike-Rennen dauert zwei Stunden und selbst im Schlamm und Schnee bleibst du warm, weil du konstant schnell fährst. Auf der Straße sind das echte Schmerzen. Manchmal heulst du, weil dir so kalt ist, dass du aussteigen musst.


Was sagst du zu den Doping-Vorwürfen gegen Heras, Armstrong und Co?
Natürlich ist das schlecht für den Radsport. Doping existiert im Radsport seit 100 Jahren, aber seit dem Festina-Skandal 1998 erregt es viel mehr Interesse als früher. Es wird wohl auch weitere 100 Jahre existieren, aber der Sport wird überleben.


Ist es für saubere Fahrer nicht deprimierend, von gedopten geschlagen zu werden?
Klar, aber du darfst niemanden beschuldigen, nur weil er schnell fährt. Ich fahre mein Rennen und möchte nicht wissen, was die anderen machen. Du kannst dich nicht auch noch darauf konzentrieren, sonst wird die Frustration zu groß. Du kannst nur hoffen, dass die Regeln funktionieren – und das tun sie, wie die letzten Fälle beweisen!


Wenn wir schon bei den Grenzen sind: Welche Rolle spielt die Ernährung im Profi-Radsport?
Ernährung ist eine sehr wichtige Sache. Um schnell zu klettern muss ich so leicht wie möglich sein. Ich darf kein überflüssiges Gewicht haben.


Du gehörst sichtbar zu den magersten Rennfahrern im Peloton. Wie ernährst du dich?
Ich versuche, bloß das Minimum zu essen. Ich bin schon von Natur aus sehr dünn. Ich habe nicht viel Knochenmasse.


Kommt da dein Spitzname „Chicken“ her?
Nein, das ist eine andere Geschichte. Ich habe einfach eine kleine Maschine in meinem Körper, mehr Gewicht kann ich mir nicht leisten. Als Bergfahrer ist das Verhältnis von Gewicht zu Kraft viel entscheidender als für andere Fahrer. Wenn ein Jens Voigt ein Kilo über dem Idealwert liegt, macht das nicht so viel aus. Wenn ich ein Kilo schwerer bin, entscheidet das über Sieg oder 20. Platz.


DER DRAHT ZUR BIKE-SZENE
Um was beneidest du die alten Bike-Kollegen?

Manchmal um ihre kurze Saison. Und dass sie so viel Zeit zum rumhängen haben? (Lacht). Und dass sie nicht im März jeden Tag fünf bis sechs Stunden Rennen in Belgien oder Spanien fahren müssen.


Um was beneiden sie dich?
Sicher um das Medieninteresse, das sie nicht haben.


Kannst du dir eine Rückkehr aufs Bike vorstellen?
Nein. Wenn ich meine Karriere beende, beende ich sie auf der Straße. Doch sag niemals nie!

KURZ UND KNAPP:


Nenne einen Menschen, der Großes geleistet hat: Nelson Mandela
Im Urlaub: Liegestuhl am Strand oder Abenteuer-Trip mit Rucksack? Strandkorb
Der Start in eine neue Saison: Spaß oder Stress? Spaß
Die Waage im Bad: Qual oder Freude? Kommt auf die Jahreszeit an
Buch oder Internetsurfen? Buch
Lado Fumic ist für dich ... ein Mountainbiker.
Manuel Fumic ist für dich ... sein Bruder.
Der größte Radsportler aller Zeiten? Eddy Merckx
Der beste Biker aller Zeiten? Jemand zwischen Miguel Martinez und Thomas Frischknecht
Dein Team bedeutet für dich ... Unterstützung, Verständnis, Respekt.
Trainingsfrei bedeutet für dich? Zeit mit meiner Frau zu verbringen
Die Karriere ist dann beendet ... wenn ich mein maximales Potenzial erreicht habe.

Michael Rasmussen, Spitzname „Chicken“


STECKBRIEF


Name: Michael Rasmussen
Spitzname: Chicken
Geb.: 1. Juni 1974
Gewicht: 59-62 kg
Größe: 1,75 m
Hobbys: Meine Hunde
Lieblingslektüre: „Der Da Vinci Code“
Lieblingsfilm: „Sieben“
Lieblingsauto: Audi „RS6 Avant“, Ferrari „F 430“
Website:
www.loslocosbikeshop.com
www.feltet.dk/michaelrasmussen
Erfolge MTB: Weltmeister 1999
Erfolge Straße: Etappensieger Vuelta & Tour, Berg-Trikot Tour 2005
Teams bisher: Wheeler, Scott, Trek-VW, Gary Fisher, Haro, Volksbank-Ideal, CSC, Rabobank
Training/Jahr: 37.000 km

Themen: InterviewTour de France


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