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Interview Joe Breeze

Interview: Mountainbike-Erfinder Joe Breeze

Christoph Listmann am 05.03.2014

Die Geschichte des Mountainbikes ist unweigerlich mit Joe Breeze verknüpft. Er war Teil der wilden Gang, die in den Siebzigern den MTB-Sport am Mount Tamalpais erfunden hat.

Reifen mit der Viskosität von Lego-Steinen, qualmende Trommelbremsen, null Federung an schwammigen Rahmen: Das Repack-Rennen war in den Siebzigern eine Arena für Helden, langhaarige Hippies mit Schnauzern in Blue-Jeans und Flanellhemd. Gewinnen konnte nur der Mutigste – oder der mit dem besten Material. "Hi, ich bin Joe. Willkommen in meiner Werkstatt", begrüßt mich Breeze.

Für viele Biker ist heute Joe Breeze ein Gott

Fairfax, Marin County, Meadow Way Nummer 18: Zwischen mächtigen Zedern versteckt sich sein mit dunklen Holzschindeln verkleidetes Haus. Ich betrete heiligen Boden – den Kreißsaal des Mountainbike-Sports. Mit Hippies hat Joe Breeze, 60 Jahre alt, nichts mehr gemein. Er sieht jung und fit aus, trägt eine gesunde Bräune und immer ein Lächeln auf den Lippen. Breeze ist ein Fahrradfanatiker. Schon als Teenager war er süchtig nach Radfahren und immer auf der Suche nach Horizonterweiterung. Deshalb radelte er schon als 17-Jähriger durch Europa. Nach einem Unfall und einer verbogenen Gabel sprach er 1971 in Mailand bei Cino Cinelli vor, damals der Guru des Rahmenbaus. Breeze kaufte eine neue Gabel, einen neuen Vorbau und Radschuhe. Die Begegnung prägte ihn: "Ich sah damals aus wie Jesus. Mit Vollbart und langen Haaren. Für Cinelli war ich einfach ein Radfahrer. Ihm die Hand zu schütteln war, wie Gott zu begegnen", erzählt Breeze mit sanfter Stimme. Für viele Biker ist heute Breeze ein Gott. Denn Breeze hat dem Mountainbike-Sport das Leben eingehaucht.

Training am Mount Tamalpais

Noch als aktiver Straßenrennfahrer, zusammen im Club mit Gary Fisher, kaufte Breeze 1973 für fünf Dollar sein erstes Rad mit dicken Reifen, ein 1941er-BF-Goodrich mit Schwinn-Rahmen. Das 20 Kilo schwere blau-weiße Monstrum brachte den Stein ins Rollen. Durchs Rennradtraining, gelangweilt von den Straßen in Marin County, beschlossen Breeze und sein Freund Otis Guy, zur Abwechslung mit dem BF Goodrich den Mount Tamalpais zu fahren. "Per Anhalter kamen wir auf den Gipfel. Wir saßen am Berg, blickten auf San Francisco und sagten: Das ist cool, aber wer außer uns sollte DAS machen wollen?" DAS begeisterte schnell mehrere: Charlie Kelly aus der Clique organisierte 1976 das erste Rennen und nannte es Repack. Repack deshalb, weil nach den 3,3 Kilometern mit 400 Höhenmetern Gefälle stets die überhitzten Trommelbremsen mit Fett neu befüllt werden mussten. Das Rennen war Ansporn für die Weiterentwicklung der Bikes. "Die Räder müssen stabiler werden", wusste Breeze, und mit seiner Erfahrung in der Fertigung von Rennradrahmen schweißte er 1977 eine Repack-Siegermaschine. Fortan war Joe Breeze nicht nur mutig, sondern hatte auch das beste Material.

Joe Breeze im BIKE-Interview

BIKE: Wikipedia sagt: Gary Fisher ist der Erfinder des Mountainbikes. Welche Rolle spielte Fisher wirklich in diesem Prozess?
Joe Breeze: Gary ist ein Wortführer. Er hat das Gefühl für den richtigen Moment und ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Wie ist Dein Verhältnis zu Gary Fisher?
Wir kommen miteinander aus.
Wart Ihr Konkurrenten?
Fisher und ich waren im gleichen Radclub. Wir alle waren Wettkampftypen.
Wer ist denn nun der "Godfather" des Mountainbike-Sports?
Es waren viele Leute involviert.
Hießen diese Leute vielleicht Breeze, Fisher und Kelly?
Ja, vielleicht waren es wir drei. Specialized hat den Sport dann mit der Serienfertigung auf die nächste Stufe gehoben.

Fotostrecke: Joe Breeze – Hausbesuch und Interview beim MTB-Pionier

Breeze grinst, wenn er über Fisher spricht. Geltungsdrang ist ihm fremd, während Gary Fisher das Licht der Scheinwerfer sucht und sich feiern lässt. Fakt ist: Joe Breeze kons­truierte 1977 das erste Zweirad, das den Namen "Mountainbike" verdient. Die quer durch den Rahmen laufende Zwillingsverstärkungsstrebe zeichnet die ersten Breezer-Bikes aus. Zehn Stück hat er davon gebaut, die hellblaue Nummer eins bewahrt heute das US-Nationalmuseum für Geschichte auf, die Nummer sechs rollt er aus einer Nische seiner Werkstatt und zeigt mir die Details. Es ist blitzblank poliert, mit mächtigen Magura-Bremshebeln, Suntour-Schaltwerk und schlanken TA-Dreifach-Kurbeln. Der braune Ledersattel hat die Patina mehrerer Jahrzehnte. Man könnte damit direkt zum Repack starten, in Jeans und Shirt. Während Breeze über die Verbesserung seiner Bikes brütet, hat Gary Fisher den Riecher fürs Geschäft: "Fisher hat den Rahmenbauer Tom Ritchey 1979 zum Repack eingeladen und 25 Bikes in Auftrag gegeben. Die hat er dann aus dem Kofferraum seines BMW 2002 verkauft". Kelly und Fisher gründen eine Firma, nennen sie "Mountainbikes", versuchen, diese Bezeichnung schützen zu lassen, was mangels anwaltlicher Kompetenz misslingt. Im September 1979 eröffnen sie den ersten, reinen Bikeshop der Welt. "Die beiden haben den Stier bei den Hörnern gepackt. Leute aus Florida oder Chicago kamen zu ihnen, um ein Bike zu kaufen", erzählt Breeze, und eine gewisse Anerkennung schwingt in seiner Stimme mit.

Schnell ist Joe Breeze auf dem Mountainbike noch immer

Wir schnappen uns zwei seiner neuen Entwicklungen, 29er-Fullys mit Alu-Rahmen und 120 mm Federweg und starten auf die klassische Tour am Camp Tamarancho. Seit die Marke Breezer in den Konzern Advanced Sports International integriert ist, stehen Mountainbikes wieder hoch im Kurs. Seit acht Monaten hat es in Kalifornien nicht mehr geregnet. Nun schüttet es seit drei Tagen. Schnell ist Joe Breeze noch immer. Bergauf lässt er mich höflich passieren, schnauft und stampft, doch bergab habe ich kaum eine Chance, ihm zu folgen. Breeze hat zehn der 25 Repack-Rennen gewonnen. Er kennt jeden Kieselstein, jede blinde Kurve und beherrscht die Strecke auch beim Gewittersturm. "Ich fahre gern schnell runter", grinst er und freut sich, wie er mich frieren sieht, in Kalifornien, im Land, in dem es niemals regnet.

BIKE: Ist das Lebensgefühl "Mountainbiken" trotz des Techniküberflusses mit Laufradgrößen, Federwegen, Bike-Kategorien noch das gleiche?
Joe Breeze: Früher fuhren wir hauptsächlich aus Spaß und nicht wegen der Bikes. Wir fuhren Rad, um mit Freunden zusammen zu sein, manchmal nächtelang. Mit den ersten Rennen, dem Wettkampfgedanken und der Technik wurde die soziale Komponente sicher weniger wichtig. Deshalb begrüße ich den Enduro-Trend. Enduro klingt wie der Spaß von früher.
Ist der Sport zu kompliziert geworden? Hat Technik den Lifestyle ersetzt?
Nun, der Sport hat genug Platz für jede Ausprägung. Auch für den geselligen Teil und auch den technischen. Jeder darf den Sport so ausüben, wie er will.
Was sind die größten Veränderungen gegenüber früher?
Sicher hat die Federung den Sport am stärksten beeinflusst. Federung ermöglicht eine völlig andere Fahrweise und öffnet ein breiteres Terrain.
Wie groß ist der Einfluss der verschiedenen Laufradgrößen?
Ich bin der Meinung: Wenn 29 Zoll nicht gekommen wäre, hätten wir auch weiterhin Spaß mit 26 Zoll.
Gilt das auch für 27,5 Zoll?
Ja, das ist dasselbe. Klar haben größere Räder gewisse Vorteile, aber damit steht und fällt der Sport nicht. Allerdings läuft es so: Wann immer es Raum für Verbesserungen gibt, nehmen wir sie wahr (lacht).
Sind E-Mountainbikes die Zukunft?
Tja, kürzlich fragte ich mich das auch und kam zum Entschluss: nein! Klar bin ich bergauf langsamer als früher, ich bin 60 Jahre alt. Vielleicht muss ich erst noch älter werden. Wenn man die Konsequenzen für die Trail-Nutzung betrachtet und auch die Geschwindigkeit solcher Bikes auf Trails – das könnte Probleme geben. Bei uns sind Motorräder im Gelände verboten. Wo zieht man die Grenze, was noch ein Bike ist und was ein motorbetriebenes Fahrzeug?
Findest Du E-Bikes an und für sich gut?
Für mich selbst: nein. Nicht, bevor ich älter bin, vielleicht (lacht).
Sind E-Bikes eine Bedrohung für den Sport, wie wir ihn kennen?
Das könnte sein, ja.

Und dann fahren wir über die Repack-Strecke hinab: eine breite Forststraße, fein geschottert, aber kein Weg der Kategorie, die einem mit modernem Material noch Schrecken einjagt. Wenn der Untergrund staubtrocken ist, verwandeln sich die hängenden Kurven beim Anbremsen allerdings in fiese Fallen. Erst recht mit Reifen mit Legostein-Gummimischung Doch heute schenkt die Nässe ordentlichen Grip. Die Strecke ist berauschend unspektakulär – eher eine Enttäuschung. Das Ziel des Repack, ein gewaltiger Felsbrocken, liegt nur wenige hundert Meter von Joes Haus entfernt. Im Meadow Way 18 duftet es nach Gebäck. Seine Frau Conny hat Schokoladenkekse gebacken und schenkt schwarzen Kaffee aus einem Pappkarton mit Füllstutzen aus. Breeze hat seinen Führerschein erst mit 26 gemacht. Er lächelt: "Das Fahrrad ist king of the road."

BIKE: Wohin geht die Mobilität?
Joe Breeze: Fahrradfahren ist die tollste Methode, dich zu bringen, wohin du willst. Es spart Zeit und hält dich gleichzeitig gesund. Fahrradfahren ist kein Zusatz zum Leben, sondern es lässt sich prima in dein Leben integrieren. Meinen Saab 900 Turbo habe ich 2006 verkauft.
Zwischen 1998 und 2008 hast Du Dich stark gemacht fürs Radfahren in den USA, hast Dich auf die Entwicklung von Transporträdern konzentriert. Warum?
Die Leute dachten, ich habe den Verstand verloren, die haben meine Motivation nicht verstanden. Ich wollte das Radfahren den Menschen näher bringen. Glücklicherweise hatte ich einen Vater, der schon damals mit dem Rad zur Arbeit gefahren ist, ich hatte also einen guten Zugang. Das Rad war für mich Alltag und nicht nur Hobby. Die meisten Menschen in den USA wissen gar nicht, was man mit einen Fahrrad alles machen kann. Ich habe ihnen erzählt, dass es Fahrräder schon im neunzehnten Jahrhundert gab, dass sie eine Historie haben und nicht nur Spielzeug sind. Ich wollte zeigen, dass man Fahrräder wie Autos einsetzen kann – nur eben viel gesünder.
Hast Du erreicht, was Du wolltest?
Ja! Ich habe mit meiner Firma voll auf Transporträder mit Gepäckträger, Licht und Schutzblechen gesetzt und hoffte, die Fahrradindustrie damit anzustecken. Das hat geklappt.
Wie sieht das Mountainbike in zehn Jahren aus?
Es ist ein E-Bike (lacht) – nein, das war ein Witz!
Hast Du eine Vision?
Ich bin immer für Verbesserungen zu haben. Aber es ist unmöglich zu sagen, was in zehn Jahren passiert. Ich könnte mir vorstellen, dass Antriebe weiterentwickelt werden, zen­tral montierte Getriebe beispielsweise.
Kannst Du Dir vorstellen, dass es einen Trend zurück zum Ursprung gibt, Minimal-Technik, ungefedert, wie früher?
Oh, warum das denn? Sicher gibt es immer Retro-Bewegungen. Aber ich sehe da keinen Sinn. Ich bin 2004 die Singlespeed-Weltmeisterschaft in Berlin gefahren und habe die ganze Zeit den Schalthebel gesucht. Ich liebe Gangschaltung, Federung und Innovation, vielleicht muss ein Bike nicht so komplex sein, wie es ist, aber ich sehe keinen Weg zurück.

Wir fahren ins Zentrum von Fairfax zu einem flachen Industriegebäude. Innen zeigt sich eine Baustelle, Handwerker hämmern und schleifen, es riecht nach frisch gesägtem Holz. Hier eröffnet im April die Mountainbike Hall of Fame. Joe Breeze und Otis Guy haben sich dafür eingesetzt, dass die Ruhmeshalle von Crested Butte nach Fairfax umsiedelt. Auf 1000 Quadratmetern entsteht ein Museum, das die Bezeichnung verdient. Beide wollen nicht nur die gute, alte Zeit konservieren, Sammlern Raum geben, ihre Schmuckstücke auszustellen, sondern auch die Geschichte des Fahrrads für Besucher greifbar machen. Es schließt sich der Kreis. Das Mountainbike kommt nach Hause. Breezes Traum steht vor der Vollendung.

BIKE: Wie fühlt es sich an, der Erfinder des Mountainbikes zu sein?
Joe Breeze lacht laut: Vor dem ersten Mountainbike habe ich ja Rennradrahmen gefertigt. Ich glaubte, ich werde die bis an mein Lebensende produzieren und mich damit über Wasser halten. Weißt Du, Geld bedeutet mir nicht viel, mir bedeutet es mehr, Menschen Spaß am Radfahren zu vermitteln.
Wachst Du nicht morgens auf und denkst: Hey, ich habe großartige Dinge vollbracht?
(Lacht wieder) Nein!
Bist Du nicht stolz drauf?
Nun, manchmal, aber nicht jeden Morgen. Ich denke schon darüber nach, wie toll das ist, was meine Freunde und ich ins Rollen gebracht haben. Ich bin froh darüber, aber man kann noch viel mehr bewirken.
Bist Du mit Bikes reich geworden?
Das Leben hat es so gut mit mir gemeint, dass ich meinen Alltag davon bestreiten kann. Darüber bin ich glücklich.
Was wäre gewesen, wenn Fisher und Kelly den Namen "Mountainbike" hätten patentieren können?
Man stolpert über viele "was wäre, wenn" im Leben. Ich vermute, auf ihren Rahmen hätte "Mountainbike" gestanden und nicht "Fisher". Diese Fahrräder hätten wir dann anders genannt – All Terrain Bike, ATB, vermutlich und nicht Mountainbike. Glücklicherweise ist alles anders gekommen, denn Mountainbike ist der treffende Name.
Ist der Sport auf dem richtigen Weg?
Es gibt keinen richtigen Weg. Es gibt den natürlichen Weg. Ich bin froh über Entwicklungen wie Enduro, wo man den Sattel runtermachen darf, das war im dunklen Zeitalter des Rennsports ab 1991 ja verpönt. Es sieht so aus, als steige der Spaßfaktor wieder, und das ist gut so!

Christoph Listmann am 05.03.2014

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