Der Anführer des Mountainbikens Der Anführer des Mountainbikens Der Anführer des Mountainbikens

Interview Charlie Kelly

Der Anführer des Mountainbikens

  • Gerolf Meyer
 • Publiziert vor 6 Jahren

Vor genau 40 Jahren kachelten ein paar Hippies in Kalifornien mit Schrotträdern die Hügel hinunter – und erfanden dabei ganz nebenbei das Mountainbiken. Charlie Kelly hatte das alles angezettelt.

Er organisierte ein Spaßrennen für Freunde und wurde zum "Godfather" des Mountainbike-Sports. Charlie Kelly, der am 21. Oktober 1976 mit dem Repack in Fairfax/Kalifornien den MTB-Boom auslöste, zählt zu den Ikonen des Sports. Er gründete mit Gary Fisher die Firma "Mountain Bikes" und gab mit dem Fat Tire Flyer die erste MTB-Zeitung der Welt heraus. Heute arbeitet der 68-Jährige als Umzugsunternehmer. Die Kollegen vom Internet-Radio Detektor FM aus Leipzig haben mit Kelly über dessen unglaubliche Story gesprochen.

Privatfoto Charlie Kelly beim legendären Repack-Rennen 1978

Interview Charlie Kelly


BIKE: Das Repack-Downhill gilt als Geburtsstunde des Mountainbikes. Komischer Name für ein Rennen. Woher kommt er?
Wir hatten mal wieder mit unseren alten Schrotträdern die Hügel in der Nähe von Fairfax erkundet, und das verselbstständig­te sich zu einem Wettkampf. Wir fuhren alte Räder mit Rücktrittbremsen und der Name "Repack" beschreibt, was mit unseren Bremsen passierte. Die Rennstrecke war drei Kilometer lang und hat ungefähr 300 Meter Höhenunterschied, für damalige Verhältnisse ziemlich heftig. Also mussten wir die Bremsen "repacken", wenn wir unten ankamen – auseinanderbauen und neues Fett reinpacken.


Was war Deine Rolle in der Szene?
Wir waren 25 oder 30 Leute, die ernsthaft fuhren und noch mal 30 oder 40, die bei den Rennen zuschauten. Ich wurde so eine Art Anführer. Wenn ich ein Rennen ansetzte, fand es statt. Ich habe auch Partys wie die Klunker Awards veranstaltet. Das war aber alles nicht formell. Es gab keine Regeln.


Wie hat sich daraus das Mountainbiken entwickelt?
Wir haben die Rücktritträder bald auf Kettenschaltung umgebaut, aber die Rahmen hielten nichts aus. Ich habe viele zerstört und mich gefragt, was es kosten würde, mir ein Rad nur für diesen Downhill-Einsatz bauen zu lassen. Da war dieser Joe Breeze. Der baute Rennräder und fuhr auch beim Repack mit. Er hat dann ein völlig neues Rad für unsere Rennen konstruiert, und wir haben festgestellt, dass das auch woanders gut funktionierte.


Das waren die ersten Mountainbikes. Wie konnte sich daraus eine Sportart und eine weltweite Industrie entwickeln?
Wir hatten das ganz sicher nicht geplant. Mein Kumpel Gary Fisher wollte auch so ein Bike und fragte andere Rahmenbauer, darunter Tom Ritchey. Der baute ihm eins und stellte fest, dass diese Bikes viel einfacher herzustellen waren als Rennräder, weil die Kunden da immer sehr genaue Maße wollten. Also hat Tom mehr davon gebaut, allerdings kannte er die Kunden nicht. Da sind Gary und ich eingesprungen. Wir haben ein Konto eröffnet und gesagt: Wir heißen ab jetzt "Mountain Bikes". Das war also ursprünglich ein Firmenname. Tom Ritchey konnte 50 Bikes in einer Woche bauen, also grob geschätzt, und die Nachfrage zog schnell an. Wer eins wollte, musste zu uns kommen.


Hast Du eine Beziehung dazu, wenn heute Jungspunde mit viel Federweg irgendwelche Klippen herunterspringen?
Ich war 30 Jahre alt, als wir die Idee zu diesem Sport hatten, und ich kam vom Rennrad. BMX-Fahrer wie John Tomac haben Skills mitgebracht, die ich nie hatte und Leute, die auf Mountainbikes Radfahren lernen, haben eine komplette ausgefeilte Fahrtechnik. Die Entwicklung des Sports begeistert mich, und ich bin irgendwie sogar ein bisschen sauer, dass ich nicht mitmachen kann auf diesem Niveau. Dazu bin ich inzwischen zu alt.


Was ist für Dich die Urformel für Spaß auf dem Geländerad?
Ich bin begeistert von der Technik und auch von den Fähigkeiten der Fahrer, die sich im Laufe der Jahre entwickelt haben. Einen Salto rückwärts über ein 15-Meter-Gap zu springen, ist einfach unglaublich. Der Sport wird sich in eine Richtung entwickeln, die wir uns heute noch nicht vorstellen können. Ich möchte daran erinnern, dass nicht Cross Country am Anfang stand, sondern Downhill. Dafür haben wir diese Räder gebaut. Downhill ist mein wichtigster Beitrag zu diesem Sport.


Die Mountainbike-Technik hat auch das Straßen- und Alltagsrad stark beeinflusst. Ist Dir bewusst, welche Entwicklung Ihr angestoßen habt?
Ja, und jetzt geht’s in ganz neue Bereiche. Alle sehen nur den Sport, mit dem es begann. Aber es geht auch um praktische Dinge. Stichwort Transport. Schnee oder Sand, beides schwierig für Fahrräder, können jetzt dank Fatbikes befahren werden, die sich ja auch aus Mountainbikes entwickelt haben. Übrigens könnte ich auf alles verzichten, nur nicht auf Scheibenbremsen. Das ist das Beste, was je für Fahrräder entwickelt wurde.


Du hast den Fat Tire Flyer herausgegeben, die erste Mountainbike-Zeitschrift. Welche Medien konsumierst Du heute?
Damit habe ich nicht mehr viel zu tun, aber ich versuche, einen Film basierend auf meinem Buch* zu realisieren. Ich habe mit Leuten in der Filmindustrie gesprochen: Es ist ein wildes Abenteuer mit bunten Leuten und Action. Diese Geschichte hat viele Menschen auf der ganzen Welt beeinflusst. Das wäre ein wundervoller Film.


Und wer wird Charlie Kelly spielen?
Brad Pitt? Ich weiß es nicht. Irgendjemand, der besser aussieht als ich. Aber so weit sind wir noch nicht. Wir brauchen erst mal ein Drehbuch.


Welches Rad fährst Du heute?
Ich fahre ein Breezer Repack. Ich habe Räder von Tom Ritchey, Gary Fisher und Joe Breeze, und ich weiß nicht, ob irgendjemand sonst von sich sagen kann: Auf jedem Rad, das ich besitze, steht der Name eines Freundes.

Ein ausführliches Charlie Kelly-Interview gibt's beim Internet-Radio Detektor FM: hier klicken

Die Fahrradsendung "Antritt" gibt es jeden Donnerstag um 20 Uhr im Internet-Radio Detektor FM – oder als Podcast jederzeit .


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