Nachwuchssorgen im MTB-Marathonsport Nachwuchssorgen im MTB-Marathonsport Nachwuchssorgen im MTB-Marathonsport

Interview Bulls-Teammanager Friedemann Schmude

Nachwuchssorgen im MTB-Marathonsport

  • Björn Kafka
 • Publiziert vor 5 Jahren

Ein geheimes Treffen der stärksten Marathon-Teams der Welt – klingt nach Verschwörung. Teammanager Schmude verriet, was los war beim konspirativen Treffen mit Bulls, Topeak-Ergon und Centurion Vaude.


Auf der Eurobike saßen die Teamchefs von Bulls, Topeak Ergon und Centurion Vaude zusammen, um die Zukunft des Marathonsports zu diskutieren. Wie kam es dazu?
Klar sind wir Konkurrenten, aber unter den Teamchefs und Sportlern herrscht ein freundschaftliches Verhältnis. Beim Treffen ging es um eine Problematik, die mich schon seit etwa zwei Jahren beschäftigt: Es fehlt der Marathonnachwuchs, der die Lücke füllen kann, wenn Karl Platt, Markus Kaufmann oder Alban Lakata aufhören. Wer sich die derzeitigen Leistungen bei den Rennen anschaut, der sieht die großen Namen, und dann kommt lange Zeit nichts mehr.


Aber es stehen doch ein Simon Stiebjahn, Daniel Geismayr, Andi Seewald bereit.
Und damit hat es sich schon. Es gibt nicht mal eine Handvoll Fahrer, die diese Lücken füllen können. Zudem werden diese Sportler von Bulls und Centurion Vaude aufgebaut – hauseigene Fahrer. Dem Sport fehlt national aber eine breite Basis. Schau Dir eine Ergebnisliste an: Da stehen meist drei bekannte Sportler, und dann kommt teilweise 10–15 Minuten dahinter erst der Vierte. Das ist nicht gut.


Galt nicht schon immer das Motto "Nur die Besten kommen durch"?
Das stimmt, aber wir haben eine extreme Niveauverschiebung in den letzten Jahren erfahren. Der Marathonsport hat sich seit zehn Jahren immer weiter professionalisiert. Was aber in den letzten zwei Jahren abging, kann von vielen kleineren Teams nicht mehr gestemmt werden. Die Leistungen der Spitzenfahrer sind extrem. Schuld daran haben letztendlich wir als Teams. Wir haben über Training, Ernährung und Support Spitzenleis­tungen erzielt. Jetzt sehen wir, dass andere nicht mehr nachkommen und Motivation verlieren. Zwei Beispiele: Bei der Transalp gab es vier Teams, die das Rennen bestimmten: Centurion, Bulls, Topeak-Ergon und wieder Centurion. Danach klaffte eine große Lücke. Oder beim Grand Raid, dort wurde von den ersten drei Fahrern der alte Streckenrekord unterboten. Zudem waren die drei Sportler nur 30 Sekunden auseinander, zu Platz vier waren es dann aber 15 Minuten. Die Schlagdistanz zu diesen Bikern können Nachwuchsfahrer nicht mehr schließen. Sie gehen in diesem Leistungsniveau unter. Wir sehen vor lauter Spitzenleistungen gar nicht mehr, welcher Nachwuchsfahrer etwas kann.

Privatfoto Friedemann Schmude: Der Wechsel vom aktiven Rennfahrer (z. B. Junior Deutscher Vizemeister) zum Teammanager kam für den 35-jährigen Wiesbadener quasi über Nacht. 2007 begann der Diplom-Sportwissenschaftler als Teammanager bei Bulls und baute das Team zu einer der dominierenden Mannschaften auf. Schmude gilt als Visionär im Marathonsport.


Früher war das besser?
Die Marathonfahrer von heute haben oftmals einen Cross-Country-Hintergrund. Damals war der CC-Sport ein anderer: Die Strecken waren länger, weniger technisch. Das hat sich auf das Training ausgewirkt. Da konnte ein junger und guter Nachwuchs-CC-Fahrer auch mal im Marathon mitgehen. Heute sehen die kein Land mehr, wenn Lakata, Kaufmann und Huber loslegen. Das ist kein Vorwurf an diese Entwicklung. Dem Cross Country hat die Verkürzung und der erhöhte technische Anspruch sehr gutgetan – er ist attraktiver. Aber Marathonmannschaften schöpften früher mehr Fahrer aus diesem Pool ab. Durch das andere Training bekommen junge CC-Fahrer keinen Fuß mehr in die Tür. Simon Stiebjahn ist vielleicht der letzte Sportler, der das alte Trainingssystem durchlief und vom Cross Country in den Marathon kam.


Ist das nicht Aufgabe des BDRs, diese Nachwuchslücke zu schließen?
Jein. Der BDR muss sich vor allem um die Olympischen Disziplinen kümmern: Cross Country. Dennoch müssen wir mit dem BDR reden, ob es eine breitere Sichtung geben kann. Das macht der Verband mit Nachwuchsrennen im Cross Country schon sehr gut, ich sehe aber gegenüber dem Marathon ein gewisses Maß an Verantwortung.


Wurde mit dem BDR schon gesprochen?
Nein, noch nicht. Die drei Teams haben erst einmal ein kleines Brainstorming gemacht und den aktuellen Stand ausgelotet. Zudem diskutierten wir über eine Art Sichtungs­system, das auch für junge Biker attraktiv ist. Den großen Teams soll dieses System ermöglichen, Leistungen und Nachwuchssportler besser herauszufiltern. Eines darf man nicht vergessen: Biketeams sind kein Dachverband, der Nachwuchsförderung übernimmt. Sie können Nachwuchsförderung nur zu einem gewissen Teil übernehmen. Wir als Teams wollen Rohdiamanten, die wir schleifen. Wir wollen nicht in die gute Nachwuchsarbeit des BDR reinfunken.


Wie viel Zeit bleibt noch?
Wir müssen jetzt nichts schwarzmalen. Es wäre nur gut, wenn man sich rechtzeitig drum kümmert. Es wird sicher noch einige Cross-Country-Fahrer geben, die in den nächsten Jahren wechseln. Christoph Sauser hat es ja vorgemacht. Aber das sind nur Einzelfahrer. Wir müssen es schaffen, eine breitere Leistungsspitze heranzuzüchten, die auch jungen Fahrern Perspektiven bietet.


Im Cross Country haben wir doch auch nur Schurter, Absalon und Kulhavy …
Das stimmt wohl, aber das Gefälle ist nicht so krass, die Leistungsdichte viel höher. Da bekommen Fahrer nicht gleich 20 Minuten draufgepackt, wenn sie im Ziel sind. Zudem geht es hier um Einzelfahrer; Im Marathon sind es Teams, die dominieren. Wenn Centurion, Topeak oder Bulls am Start stehen, dann hat man gleich eine geballte Ladung an Athleten und schaut nur noch hinterher.


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