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Homestory & Interview John Tomac

Zu Besuch bei MTB-Legende John Tomac

Peter Nilges am 10.11.2010

Die Legende lebt. BIKE-Redakteur Peter Nilges besuchte Mountainbike-Ikone John Tomac auf seiner Ranch in Cortez, Colorado.

John Tomac gilt als der beste Allrounder, den die Radwelt je gesehen hat. Nach 25  erfolgreichen Jahren in den Disziplinen Cross Country, Downhill, Dualslalom, BMX und auf der Straße zog sich Johnny T. aus dem Rennbusiness zurück. BIKE-Redakteur Peter Nilges besuchte das Ausnahmetalent auf seiner Ranch in Colorado und rockte mit ihm seine Haustrails rund um Cortez.

Fotostrecke: Zu Besuch bei MTB-Legende John Tomac

Okay, vielleicht habe ich ein wenig übertrieben. Aber wie sonst hätte ich meiner Freundin in einfachen Worten erklären können, was es für mich bedeutet, zusammen mit John Tomac auf dessen Hometrails in Colorado zu biken? Und nein, ich habe nicht geplant, mein Leben frühzeitig zu beenden. Obwohl der Satz „Jetzt kann ich beruhigt sterben“ diesen Schluss natürlich nahelegt.

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Tomacs Ranch inmitten von Grünflächen für den Heuanbau. Dort besitzt er eine eigene Motocross-Strecke.

Der beste Mountainbiker aller Zeiten

John Tomac ist eine lebende Legende. Der beste Mountainbiker aller Zeiten, ein Ausnahmetalent. Er prägte den Sport in der Anfangszeit wie kein anderer und schaffte es, über Jahre ganz oben auf dem Podest zu stehen – und zwar zeitgleich in unterschiedlichen Disziplinen! Ich kann mich noch genau an die WM 1995 in Kirchzarten erinnern. Tomac hockte während der Startaufstellung entspannt auf dem Oberrohr seines Raleigh-Bikes und signierte mir ein Poster. Ich war stolz wie Oskar und räumte dem Typ mit dem schwarzen Latex-Anzug und dem Tioga-Discwheel einen Ehrenplatz in meinem Zimmer ein. 15 Jahre später kommt meine Chance: Ich werde Johnny T. auf seiner Ranch in Colorado besuchen und mit ihm eine Runde auf seinen eigenen Trails drehen. Ein Traum wird wahr, wenngleich mich auch gemischte Gefühle beschleichen. Vorfreude auf der einen, aber die Gefahr der Entmystifizierung auf der anderen Seite. Tomac hatte damals einen unverwechselbaren Stil, aber was, wenn die zehn Jahre Rennabstinenz und das heutige Leistungs-Niveau im Profi-Bike-Sport seinen Glanz verblassen lassen? Muss ich am Ende sagen: "Ganz ordentlich für einen 42-jährigen Altmeister?" Schließlich hatte ich zwischenzeitlich ausreichend Möglichkeit, mit einigen Top-Cross-Country- und Gravity-Piloten der Gegenwart ein paar Runden zu drehen. Als ich dem Typ in abgewetzter Jeanshose und Cowboy-Stiefeln die Hand schüttele, schraube ich meine Erwartungen instinktiv erst einmal herunter – nur nicht den Heldensockel ins Wanken bringen.

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Aufbruch zur Bike-Tour mit John Tomac nach Sand Canyon.

Der Fahrstil, der John Tomac berühmt gemacht hat

Doch die anschließende zweistündige Demonstrationsfahrt auf seinen Hometrails im Sand Canyon lässt sich dann einfach in zwei Worte fassen: pure Erlösung. Kein wackelnder Heldensockel, nicht mal Risse im Fundament – eher Stahlbeton vom Feinsten. Der Fahrstil, der ihn so berühmt gemacht hat, hat sich kaum geändert. Tomac fährt flüssig, ökonomisch, ist eins mit dem Bike. Er fließt geradezu über den Trail, spielerisch und doch kraftvoll, whippt gekonnt über eine Bodenwelle, tritt beherzt bergauf. Er ist schnell – kein Wunder, wenn man bedenkt, dass sich dieser bodenständige Typ bei der Downhill-WM 1997 nur Nico Vouilloz beugen musste und Superstar Cédric Gracia auf den dritten Rang verwies. Das Beeindruckenste auf dieser Runde sind "jedoch zweifelsohne Tomacs Uphill­Künste in schwierigem Terrain. "Going up?" Tomac ent­gegnet meiner zweifelnden Fragerei mit einem beherzten Antritt in Richtung Steilhang. Die folgenden Meter Trail gleichen einer zerfallenen Natursteintreppe mit teils kniehohen Stufen, die in einer steilen Rinne nach oben führt und stellenweise mit losen Geröllbrocken und Sand aufgefüllt wurde. Jeder Normale – Trittsicherheit vorausgesetzt – würde hier sein Bike schultern. Tomac hält unbeeindruckt drauf zu, wühlt sich durch das Geröll, meistert die höchste Stufe in Trail­Manier mit einer Kombination aus seitli­ chem Bunnyhop und Drehung und setzt beide Räder gleichzeitig auf die Felsstufe auf. Hätte ich einen Cowboy­Hut auf dem Kopf, ich würde ihn jetzt ziehen. Und ich überlege schon mal, wie ich meiner Freundin am besten erkläre, dass ein verschollen geglaubtes Poster aus alten Tagen unbedingt einen Ehrenplatz in der neuen Wohnung beansprucht …

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Der unverwechselbare Rennradlenker ist nur ein Teil des Puzzles, der Tomac zu einer lebende Legende machte.

John Tomac im Interview

BIKE: John,  ist es schwer, eine  Mountainbike-Legende zu sein?
John Tomac: Nein, eher nicht. Es bringt mir sogar Vorteile. Wegen meines Namens kann ich in der Bike­ Industrie besser Geld verdienen. Und ich finde es überhaupt nicht lästig, wenn ab und zu einer von der Presse vor der Tür steht – so wie Du jetzt. Im Ernst, das macht mir wirklich Spaß.
Wie sieht es mit den jüngeren Generationen aus? Kennen sie Dich noch?
Die Jungen bestimmt nicht. Letztens habe ich mitbekommen, wie einer meinte: "Hey, das ist der Typ, der die Kenda­Reifen entwickelt. Über meine Rennfahrer­-Vergangenheit wissen die meisten Jüngeren nichts mehr. Bestenfalls, wenn mal der Vater schon länger dabei ist und seinem Nachwuchs ein bisschen was von früher erzählt.
Nach 25 Jahren Rennen hast Du im Jahr 2000 das Trikot an den Nagel gehängt. Das muss hart gewesen sein.
War es aber nicht. In den letzten Jahren meiner Karriere hatte ich nur noch wenig Motivation, Rennen zu gewinnen. Es war Zeit für etwas Neues. 15 Jahre Mountainbike-Profi, zehn Jahre zuvor auf dem BMX – 25 Jahre Rennen, das ist eine verdammt lange Zeit.
Kein Comeback?
Ich bin zu alt, um noch schnell zu sein.
Das sah heute anders aus.
Lacht …
Wie oft sitzt Du in einer normalen Woche auf dem Bike?
Ich habe keine normalen Wochen. Manchmal dreimal, manchmal vergeht aber auch ein Monat, ohne dass ich auf dem Bike sitze. Im Durchschnitt vielleicht ein- bis zweimal.
Du bist gleichzeitig Farmer und in der Bike-Branche aktiv – wie sieht Dein Arbeitstag aus?
Das hängt von der Jahreszeit ab. Früh morgens arbeite ich normalerweise zwei bis drei Stunden auf der Farm. Danach trainiere ich mit meinem Sohn Eli und arbeite an seinem Motocross-Bike. Eli ist 17, hat gerade die Highschool beendet und fährt nächste Woche sein erstes Profi-Motocross-Rennen. Dann bin ich üblicherweise für ein bis zwei Stunden im Büro und kümmere mich um Tomac Bikes und Kenda. Danach geht es mit der Arbeit auf der Farm weiter.
Kommst Du aus einer Farmerfamilie?
Meine Eltern haben beide in Autofabriken gearbeitet.
Dann ist es aber ein langer Weg auf einen Bauernhof.
Mein Opa und mein Onkel waren Farmer. Das Grundstück hier habe ich 1993 gekauft. 1996 sind wir von Durango nach Cortez gezogen und haben die Farm aufgebaut, mit Distanz zu allem.
So ein Farmerleben – klingt nach harter Arbeit und kargem Einkommen.
Na ja, ich arbeite für Tomac Bikes und Kenda-Reifen – das sind schon meine Haupteinnahmequellen. Daneben verkaufe ich Heu von meiner Farm, hauptsächlich nach New-Mexiko. Außerdem trainiere ich noch ein paar Jungs auf der Motocross-Strecke hinterm Haus.
Fährst Du selbst Motocross?
Ab und zu. Im Winter habe ich mehr Zeit dazu. Ich sitze aber nicht sehr viel auf dem Motorrad.
Du hast Tomac Bikes mit Doug Bradbury gegründet und dann verkauft. Wie weit bist Du noch Teil von Tomac Bikes?
Ich habe Tomac Bikes in Lizenz an die American Bicycle Group (Red.: Litespeed, Merlin, Quintana Roo) verkauft. Die haben aber einen schlechten Job gemacht. Also habe ich die Rechte nach vier Jahren zurückgekauft. Danach habe ich erst mal in aller Ruhe abgewartet, ob ich einen besseren Partner finden würde. Da kam Joel Smith ins Spiel, den ich schon seit langer Zeit von Manitou her kannte. Ich fragte, ob er interessiert sei. Er war begeistert und hat die Firma übernommen. Ich habe großes Vertrauen in Joel – er kennt sich sehr gut in der Bike-Branche aus.
Du hast keine Anteile mehr an der Firma?
Mir gehört nur die Marke, Joel besitzt die Firma und zahlt mir ein Gehalt.
Und was ist Deine Aufgabe?
Ich helfe Joel bei der Produktentwicklung und gebe Input, was der Markt gerade braucht. Nicht, dass ich die Rahmen selbst entwickle – mit der Konstruktion an sich habe ich nichts am Hut. Aber ich teste die Prototypen und gebe entscheidendes Feedback. Erst wenn der Rahmen meinen Anforderungen entspricht, geht er in Produktion.
Früher war Doug Bradbury Dein Partner. Hast Du noch Kontakt zu ihm?
Nein, ich habe schon lange nicht mehr mit ihm gesprochen. Ich weiß nicht, was er macht – wahrscheinlich lässt er es sich gutgehen.
Rennfahrer, Firmenchef, Tester – mehr Erfahrung als Du hat kaum jemand in der Branche. Wirf einen Blick in die Kristallkugel – glaubst Du, dass sich 29 Zoll durchsetzen werden?
Ehrlich gesagt, ich bin ziemlich skeptisch, was 29er angeht. Aber die Fahrt mit dem Fully-Prototyp heute war extrem interessant. 29er haben viele Vorteile. Der Hauptnachteil jedoch ist, dass sie bei Richtungsänderungen träger sind. Aber man gewöhnt sich schnell daran.
Also, ja oder nein?
Ihr Europäer seid traditioneller veranlagt. Aber selbst Europa wird früher oder später auf dem 29er-Zug mitfahren. In Amerika werden die 29er definitiv das Bild prägen.
Trotz Gewichtsnachteil?
Ich mag die größeren Kreiselkräfte beim Manual oder Springen nicht. Es fühlt sich deutlich anders an. Aber wenn man jeden Tag darauf unterwegs ist, fühlt es sich irgendwann normal an. Man sollte vielleicht nur nicht ständig hin und her wechseln.
Weitere Weissagungen?
Ich denke, dass die Bikes heute generell sehr gut entwickelt sind – mit technischen Revolutionen sollten wir nicht mehr rechnen.
Als Vollblut-Biker muss Dir doch bei den Elektro-Antrieben in Mountainbikes die Galle hochkommen.
Ich habe da eine klare Meinung: Motoren machen  es manchen Leuten möglich, den Berg raufzukommen – doch dann ist das für mich kein Fahrrad mehr. Und Probleme mit der Trail- Benutzung sind vorprogrammiert.
Fährst Du manchmal noch Mountainbike-Rennen?
Gelegentlich. Ich bin den Marathon beim BIKEFestival am Gardasee mitgefahren. Vergangene Woche bin ich bei einem 12-Stunden-Rennen hier in Colorado gestartet. Zuvor habe ich aber längere Zeit Pause gemacht. Ab und zu muss ich aber einfach checken, ob ich noch fit bin.
Und?
Ich fühlte mich nicht gerade hervorragend, aber es lief ganz okay (Red.: Tomacs Vierer-Team kam auf Rang zwei mit weniger als zwei Minuten Rückstand auf ein nationales Trek-Team).
Wie hast Du damals den Einstieg als Bike-Profi geschafft?
Ich habe eine Handelsschule für Elektriker besucht, gleichzeitig aber mit Mountainbike-Rennen angefangen. Die Ausbildung habe ich zwar beendet, aber gleichzeitig große Erfolge bei Rennen gefeiert – dadurch kam ich schnell zu meinem ersten Profi-Vertrag.
Welcher Deiner zahlreichen Siege war Dein wichtigster?
Ich würde sagen: der WM-Titel in Italien 1991. Das war ein absolutes Highlight. Aber als meine größte Lebensleistung sehe ich das nicht. Mehr stolz als auf alle meine sportlichen Erfolge bin ich auf meine Söhne und auf das, was sie tun – Eli, der mit seinen 17 Jahren nun Motocross-Profi wird, und mein älterer Sohn Greg, der Offizier bei der Airforce ist und Pilot wird.
Deine Söhne eifern Dir nicht nach?
Nein. Sie biken nur zum Spaß. Sie gehen ihre eigenen Wege.

Zur Person John Tomac

Alter
42 Jahre
Wohnort
Cortez, Colorado
Beruf
Farmer, Bike- und Reifenentwickler, Testfahrer, Trainer, Bike-Legende
Erfolge
US-Meister BMX 1984
US-Meister Kriterium Straße 1988
Giro d’Italia-Teilnahme 1990
Weltmeister Cross Country 1991
Gesamtweltcup-Sieger CC 1990 und 1991
2. Platz Gesamtweltcup DH 1993 und 1996
Mehrfacher NORBA-Champion in den Disziplinen Cross Country, Downhill und Dualslalom

john tomac portait

1986 wechselte Tomac vom BMX- ins Mountainbike-Lager und fuhr 15 Jahre lang als Profi. Neben seinem Engagement bei Mongoose machten ihn die beiden Jahre bei Yeti-Cycles unsterblich.

Peter Nilges am 10.11.2010
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