Gunn-Rita Dahle

  • Tomek
 • Publiziert vor 16 Jahren

Sie sammelt Medaillen wie andere Fahrer Startnummern. Wo sie startet, gewinnt sie. Das war nicht immer so. Die Olympiasiegerin von 2004 über Siege, Rückschläge, Schmerzen und ihr starkes Team.


Du bist eine tolle Saison gefahren. Hast du dir das je erträumt?
Erträumt vielleicht. Aber ich war mir nicht sicher. Immerhin habe ich mehrere Anläufe gebraucht.


Du meinst Sydney 2000 ...
Ja. Vor den Olympischen Spielen 2000 war ich nichts als heulendes Elend. Nach dem Höhentraining ging nichts mehr.


Wer hat dir wieder auf die Beine geholfen?
Mein Freund Kenneth und meine Familie, natürlich auch die Leute von Merida und das norwegische NOK. Kein Team wollte damals eine Gunn-Rita Dahle unter Vertrag nehmen, die seit zwei Jahren keine Resultate mehr vorzuweisen hatte. Nur Merida machte mir ein Angebot. Das NOK übernahm die Spesen für Kenneth, der Partner, Trainer, Masseur und Manager ist. Er ist die wichtigste Person in meinem Leben.


Deswegen warst du aber noch nicht automatisch wieder erfolgreich ...
Natürlich gab es noch Rückschläge ... Bei der WM 2001 habe ich gespürt, dass ich gewinnen kann. Ich fuhr alleine an der Spitze und hatte super Beine – bis ich einen Platten hatte. Bei der EM in Zürich war es dann plötzlich wieder da, dieses Gefühl, mit dem Bike über den Parcours fliegen zu können. Ich spürte wieder die Lust an den Schmerzen in den Muskeln während des Wettkampfs, die nötig ist, um zu siegen.


Wie bereitest du dich auf die Schinderei vor?
Es gibt verschiedene Tricks und Übungen. Wenn ich während eines harten Trainings nahe dran bin, auszusteigen, schreie ich meine Ziele heraus. Dazu kommt, dass Kenneth mich sehr gut kennt. Ihm gelingt es immer wieder, mich im Training herauszufordern. Er motiviert mich. Diese Zusammenarbeit ist der Schüssel zu unserem Erfolg.


Du warst nicht immer Bikerin
Zuerst haben es mir Mannschaftssportarten wie Fußball und Volleyball angetan. Mit 17 habe ich dann mit Langstreckenläufen begonnen. Zum Biken bin ich eher zufällig gekommen. Der Trainer des Radclubs in Stavanger suchte im April 1995 nach Leuten für seine Bike-Trainingsgruppe. Damals wusste ich nicht mal, wie man Mountainbike schreibt. Biken machte mir auf Anhieb Spaß und ich bin dabeigeblieben.


Wie sieht dein Training kurz vor einem Worldcup- oder WM-Rennen aus?
Ich muss mich gut fühlen. Wenn ich mich fünf Tage lang im Training schlecht fühle, habe ich zu viel gemacht. Ich kenne mich so gut, dass es vor großen Rennen wirklich nur noch um kleine Anpassungen geht. Fünf Tage vor einem Worldcup kann das anstatt einer dreistündigen eine zweieinhalbstündige Trainingsfahrt sein. Diese halbe Stunde entscheidet dann am Sonntag, ob ich einfach nur gute oder eben Spitzenbeine habe. Kenneth sieht während der Massage und anhand der Laktatmessungen genau, wie ich mich im Training belastet habe. Dazu kommt, dass ich auch während der Saison viel laufe und schwimme, um die Muskeln zu lockern und um andere Muskelgruppen anzusprechen. Aufgegeben habe ich das ausgiebige Krafttraining, weil ich da zu viele Muskeln aufbaue, die ich beim Biken nicht gebrauchen kann.


Überrascht dich die große Resonanz, die deine Goldmedaille ausgelöst hat?
Ich war überwältigt. Über eine halbe Million Menschen haben die Übertragung gesehen. Bei Shell Norwegen sind Großleinwände aufgestellt worden. Manche Manager sollen Freudentränen in den Augen gehabt haben, wie mir erzählt wurde. Für Kenneth und mich war dieser Triumph ein Sieg für Norwegen.


Der Erfolg lohnt sich sicher auch finanziell. Wie legst du dein Geld an?
Wir bauen ein Haus. Es wird ein Traumhaus, groß und modern.


Hört sich an, als würdest du schon für die Zeit nach dem Sport planen.
Ich werde nicht ewig Topathletin sein. Ich kann wohl noch einige Jahre Spitzenleistungen bringen, wenn ich hart arbeite. Mein langfristiges Ziel sind die Olympischen Spiele in Peking. Später möchte ich im Medienbereich arbeiten. Vorzugsweise vor der TVKamera. Ich kann mir vorstellen ein Magazin für Gesundheit oder Sport zu moderieren.


Müssen wir 2005 wieder mit einer Gunn-Rita Dahle rechnen, die alle wichtigen Rennen für sich entscheidet?
2005 wird sicher ein sehr spezielles Jahr für mich, es wäre bereits das vierte erfolgreiche in Folge. Es könnte ein Vorteil sein, dass ich erst mit 22 mit dem Bike-Sport begonnen habe und mir mittlerweile ein stabiles Trainingsfundament aufgebaut habe.


Was sind deine nächsten großen Ziele?
Die Marathon-WM 2005 in Norwegen. Da will ich Werbung für unseren Sport machen. Und die Leute in unserem Land dazu animieren, sich selber aufs Bike zu schwingen und die guten Gefühle, die ich täglich auf dem Bike erleben darf, selber nachzufühlen.


Was ist mit dem Worldcup?
Da werde ich natürlich auch starten. Jeder Sieg ist für mich wichtig. Als Erste über die Ziellinie zu fahren, ist für mich wie eine Droge, die ich mit jedem weiteren Mal lieber mag. Dieses Gefühl gibt mir so viel, dass ich mir wünsche, es irgendwann einmal mit all den Leuten teilen zu können, die mir geholfen haben.


Hast du die Bücher von Armstrong und Ullrich gelesen?
Noch nicht. Aber vor ein paar Tagen ist mir die Idee gekommen, selber ein Buch zu schreiben.


Welchen Titel würde es tragen?
„Together we’re strong“ – zusammen sind wir stark.


STECKBRIEF


Name: Gunn-Rita Dahle
Geb.: 10. Februar 1973
Wohnort: Stavanger
Team: Multivan Merida
Größe: 173 cm
Gewicht: 57 kg
Training: etwa 20 Stunden pro Woche
Vorbilder: Mario Cipollini, Ole Einar Bjorndalen
Erfolge: 2004: Olympiasiegerin, Weltmeisterin (Marathon und
Cross Country), Weltcup-Gesamtsieg und EM-Titel


(Fotos: Hans A. Roth)


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