Desert Dash 2018: Der längste Marathon der Welt in Namibia Desert Dash 2018: Der längste Marathon der Welt in Namibia

Desert Dash 2018: Rennen und Sieger der Einzelfahrer

BIKE beim längsten Marathon der Welt in Namibia

Henri Lesewitz am 01.03.2018

Das Desert Dash ist der längste Marathon der Welt. Der Schweizer Konny Looser feierte seinen dritten Sieg in der Solo-Kategorie. Unser Reporter Henri Lesewitz war in Afrika am Start. Hier sein Report.

Fotostrecke: Desert Dash 2018 – Reportage

In der Hitze der Nacht – 369 Kilometer durch die Wüste Namibias und nur 24 Stunden Zeit: Das Desert Dash ist der längste Marathon der Welt. Die perfekte Mission für unseren BIKE-Reporter Henri Lesewitz. Doch dann kam es knüppeldicke. Leiden Sie mit Lesewitz und erfahren Sie im Anschluss an seinen Report, wie es dem Schweizer Marathon-Meister Konny Looser ergangen ist.

Das Unheil schleicht sich gerne an, wie ein pirschender Indianer. Als Reporter, der sich seit mehr als 20 Jahren im Grenzbereich zwischen Himmel und Hölle bewegt, weiß ich das nur allzu gut. Man kann für ein Rennen trainieren wie ein Berserker. Doch das garantiert noch lange nicht, dass man das Ziel erreicht. Eine defekte Schraube am Bike oder eine falsche Entscheidung während des Rennens kann alles zunichte machen. Alles kann passieren. Das ist das Grundgesetz des Marathonsports. Und da macht natürlich erst recht das Desert Dash keine Ausnahme. Dieses verdammte Biest von Marathon!

Wenn ich über ein Mountainbike-Abenteuer oder ein Rennen berichte, dann bin ich da stets mittendrin statt nur dabei. Man kann nicht beschreiben, was Menschen im Grenzbereich durchleben, wenn man es nicht selbst gespürt hat. Die Atemnot. Den Muskelschmerz. Das Leiden. Das Verzweifeln. Das Hoffnungschöpfen. Die Eruption der Euphorie, wenn nach Stunden des Quälens endlich der Zielstrich unter einem durchflutscht – wenn die ganze Anspannung diesem prickelnden, geilen Glücksgefühl weicht.

Crocodile Trophy, La Ruta, Mongolia Bike Challenge, Yak Attack, Salzkammergut Trophy, Leadville 100, Megavalanche, Cape Epic, BIKE Transalp und, und, und – ich habe die großen Dramen des Mountainbike-Sports miterlebt. Ich habe Frauen wie Männer weinen sehen. Aus Verzweiflung, vor Schmerz, vor Wut, aus Freude. Und ich selbst habe natürlich auch schon geweint, aus all diesen Gründen. Das mich nach all dem Erlebten das Desert Dash an die Grenzen bringen würde, wie selten etwas zuvor, hätte ich im Vorfeld des Rennens nie für möglich gehalten. Das Desaster bahnte sich beim Packen des Rucksacks an. Still und leise, von mir unbemerkt. Stunden vor dem Start. In meinem kleinen Hotelzimmer am Rand von Namibias Hauptstadt Windhoek.

Desert Dash 2018: Der längste Marathon der Welt in Namibia

Das Desert Dash zählt zu den größten Sportevents in Namibia. Knapp 1000 Biker traten diesmal an – Solofahrer, 2er-Teams und Vierer-Staffeln. Das Rennen ist hochprofessionell organisiert. Hauptsponsor ist eine Bank. Insgesamt werden 370 000 Namibia-Dollar Preisgeld ausgeschüttet – etwa 25 000 Euro. Nicht nur für afrikanische Verhältnisse eine Menge Geld.

Seit Jahren war das Desert Dash auf meiner "To-do-Liste" vor sich hingedümpelt. Ich wollte es fahren, aber so richtig aufraffen konnte ich mich dann doch nie. Was vor allem an den Fotos lag, die man über die Veranstaltung im Internet so findet. Vor sich hin hechelnde Biker-Grüppchen, die auf breiten Sandpisten durch karge Wüstenlandschaft kurbeln. Der Gedanke an die Mörderdistanz von 369 Kilometern raubt einem schier den Atem, keine Frage. Auf der anderen Seite fühlte ich mich von den offenbar kuchenblechflachen Pisten nicht sonderlich herausgefordert. Namibias MTB-Legende Mannie Heymans hatte die Strecke 2010 in irren 12:13 Stunden runtergeschrubbt. Konnte das wirklich einer der schwersten MTB-Marathons der Welt sein, wie es immer hieß?

"Ach, 2010...", schmunzelte Mannie Heymans, als ich ihn nun am Vortag des Rennens auf seine Fabelzeit ansprach: "Damals war das Rennen kürzer. Ich war in dem Jahr topfit und die Bedingungen waren perfekt." Heymans spricht ein lustiges Deutsch mit leicht schwäbischem Akzent. Als Profi hatte er jahrelang während der Saison in der Nähe von Stuttgart gelebt und dort die deutsche Sprache gelernt. Inzwischen betreibt er zwei Bikeshops (Mannie’s Bike Mecca) in Namibia und organisiert das Desert Dash mit. Wie schwer ist das Rennen denn nun wirklich? Heymans grinste. Dann sprach er: "Das ist schon richtig schwer. Die Hitze. Die Länge. Der Gegenwind. Und die ersten 180 Kilometer geht es nur rauf und runter. Du musst versuchen, die erste Hälfte zu überleben. Da gehen die meisten kaputt."

Treffen mit dem Support-Fahrer das erste Mal bei Kilometer 180

Warum das Auf und Ab auf den im Internet kursierenden Fotos nicht zu sehen ist, erfuhr ich auch: Die Regelung für die Begleitfahrzeuge ist eine Wissenschaft für sich. Jeder Solofahrer und jedes Team müssen ein Support-Fahrzeug dabei haben. Aber! Die 369 Kilometer lange Rennstrecke ist unterteilt in sechs Teilabschnitte. Die Support-Cars der Solostarter müssen von Windhoek aus in einem weiten Bogen direkt zu Checkpunkt 3 fahren, der sich etwa bei Kilometer 180 befindet. Die Autos der 2er- und 4er-Staffeln, bei denen sich die Team-Mitglieder etappenweise abwechseln, fahren aus logistischen Gründen zumeist auf der Strecke. Wobei Anhalten zwischen den Checkpunkten laut Reglement streng verboten ist.

Fotografen können nicht einfach wie es ihnen passt neben den Bikern herfahren. Zudem ist es während der Hauptphase des Rennens finstere Nacht. Der Startschuss ertönt traditionell um 15 Uhr. Gegen 20 Uhr wird des dunkel und vor 6 Uhr morgens nicht wieder hell. Logisch also, das es so wenige aussagekräftige Bilder gibt.

Desert Dash 2018: Der längste Marathon der Welt in Namibia

Reporter Henri Lesewitz hatte sich für ein leichtes, starres Carbon-Bike entschieden – ein Orbea Alma mit einem Rahmengewicht von 950 Gramm. Spezielles Desert-Dash-Tuning: Barends sowie Cross-Country-Laufräder mit breiten Felgen von 9th Wave Cycling (Modell 4-Shore). Die 2,35 Zoll breiten Schwalbe Racing Ralph dämpfen gut und graben sich auf Sandpisten nicht so schnell ein. Soweit die Theorie.

Für mich als solofahrenden Reporter bedeutete das einige Probleme. Ich würde meinen Support-Fahrer das erste Mal bei Kilometer 180 treffen, was meinen groben Schätzungen gegen Mitternacht der Fall sein würde. Ich musste also alles, was ich benötigte, bei mir führen. Energie-Riegel, Ersatz-Material, Werkzeug, Lampen plus Ersatz-Akkus. Und: die Kamera-Ausrüstung. Gleichzeitig musste sich Größe und Gewicht des Rucksacks in Grenzen halten, um keine Rückenprobleme zu provozieren.

Da stand ich also in meinem kleinen Hotelzimmer am Rand von Windhoek und musste entscheiden, was ich in den Rucksack packte – und viel wichtiger: was nicht! Nur die Kamera mit dem Weitwinkelobjektiv, oder auch noch die Große mit der Tele-Festbrennweite? Okay, beide, denn ich war ja wegen der Reportage hier. Weiter: Riegel mitnehmen, oder keine? Ohne Kalorien geht’s nicht. Also sechs Riegel und zwei Gels. Weiter: Ein Ersatzschlauch, oder zwei? Flickzeug vielleicht sogar?

Desert Dash 2018: Der längste Marathon der Welt in Namibia

LED-Sonne: Die Lupine Betty strahlt mit sagenhaften 5000 Lumen und leuchtet knapp 400 Meter weit. Doch die schwächste Abblendstufe reicht beim Desert Dash locker aus – der Staub ist nämlich wie eine Wand. Richtig weit sieht man selbst mit der hellsten Lampe nicht.

Ein gewisses Pannenrisiko sei durchaus da, hatte mir eine ehemalige Teilnehmerin erzählt, die ich im Vorfeld ausführlich nach dem perfekten Material ausgefragt hatte. Tubeless-Reifen und Pannenmilch, das wäre perfekt. Super, hatte ich montiert. Also entschied ich mich zugunsten der großen Kamera und eines zweiten Kettensprays (Sand = Kettenkiller!) gegen einen zweiten Ersatzschlauch. Für den Fall der Fälle hatte ich ja auch noch Plugs dabei, diese Gummiwürste, mit denen man Löcher im Mantel stopfen kann. Es ging um jeden Millimeter Stauraum. Ich ahnte nicht, in was für einen Schlamassel ich gerade hineinrutschte. In diesem Moment, im Hotelzimmer, fühlte sich alles absolut richtig an.

Cool-down vor dem Start, damit keiner kollabiert

Freitagnachmittag, kurz vor 15 Uhr, die Tiefgarage des Shoppingcenters "The Grove Mall of Namibia". Knapp 1000 Fahrer warten auf den Startschuss, der seit ein paar Jahren in dem von Kühlgebläsen bepusteten Parkhaus abgefeuert wird. Früher, als sich der Startbereich noch unter freiem Himmel befand, waren in der Hitze regelmäßig Fahrer kollabiert, noch ehe es überhaupt losgegangen war. Endlich, das Startsignal. Es geht los. Angepeitscht von entspannungsverneinenden Rock-Rhythmen quillt die Meute aus dem klimatisierten Parkhaus ins sonnenbebrutzelte Freie. Es ist, wie einem gigantischen Heizgebläse entgegenzufahren. 38 Grad. Ein richtiger Temperaturschock.

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Ein letzter Schutz vor der Gluthitze: Der Startbereich ist im Parkhaus eines Shopping-Centers am Rand von Windhoek aufgebaut. Namibias MTB-Legende Mannie Heymans (grünes Shirt) wünscht seinem 4er-Team viel Glück. Heymans hat schon dreimal die Solokategorie gewonnen. Sein Job als Bike-Händler lässt ihm aber momentan nur wenig Zeit zum Biken. Zudem organisiert er das Desert Dash mit. 

Ein paar Kilometer lang geht es auf Asphalt. Dann ist Schluss mit dem sanften Untergrund. Die Straße geht abrupt von einem Meter auf den anderen in eine ruppige Schotterpiste über. Das Gerüttel auf den Waschbrettrillen zerreißt fast das Bike. Zudem treibt eine leichte, aber permanente Steigung unangenehm das Laktat in die Beine. Es ist der Anstieg zum Kupferbergpass. Nichts Wildes, 500 Höhenmeter ungefähr. Aber in der Hektik der Startphase, in der Gluthitze und auf dem ekligen Untergrund ist es eine ziemliche Strapaze. Der ganze Körper ist im Stressmodus und die Versuche, im Windschatten einer Gruppe zu pedalieren, macht alles nur noch schlimmer.

Die Staffelfahrer geben Vollgas. Die Grüppchen ziehen mal nach links, mal nach rechts über die gesamte Fahrbahn – ständig auf der Suche nach der halbwegs erträglichen Spur, auf der es einen nicht ganz so heftig durchschüttelt. Doch eine solche Spur scheint es nicht wirklich zu geben. Ich hänge auf der Karre, als wäre ich ein Wackeldackel auf einem Presslufthammer. Da passiert es! Ein lautes Zischen. Eine Reifenmilchfontäne. Oh nein, oh nein! Das scharfkantige Gestein hat den Reifen gemeuchelt. Vollbremsung! Absteigen! Tire-Plug ins Loch stopfen! Nachpumpen! Meine Güte, wieso sind diese Minipumpen nur so schwachbrüstig? Diesen Extrastress kann ich gerade gar nicht gebrauchen.

Desert Dash 2018: Der längste Marathon der Welt in Namibia

Hitze, Staub und ein erster langer Anstieg: Direkt von Windhoek aus geht es in den Kupferberg-Pass.

Träume sind Schäume, heißt es.

Eigentlich hatte ich mir das Desert Dash folgendermaßen vorgestellt: Man pedaliert lockeren Trittes die ersten 200 Kilometer, während das matte Gefühl von Anstrengung fortwährend vom euphorischen Glückseligkeitsschwall überlagert wird, fern von Alltagspflichten und Bürostress seinem Lieblingssport nachzugehen. Irgendwann, so im Laufe der frühen Morgenstunden, wird der Hintern anfangen, wehzutun und eine leichte Müdigkeit den üblichen Tiefpunkt ankündigen. Dem jedoch sogleich wieder ein Hochgefühl folgen wird, ausgelöst durch die hochspektakulär aufgehende Morgensonne sowie das immer näher rückende Finisher-Bier am Strand vom Swakopmund. Träume sind Schäume, heißt es. Und so hat die Realität mit einer naiven Vorstellung nicht das Geringste zu tun.

Das Desert Dash ist völlig anders als jeder andere Marathon. Die A-Distanz der Salzkammergut Trophy zum Beispiel. 210 Kilometer und 7119 Höhenmeter. Auch eine monströse Distanz. Aber von der Krafteinteilung her relativ einfach. Man kurbelt die langen Anstiege möglichst gleichmäßig hoch, ohne die aerobe Schwelle zu überschreiten und versucht, sich auf den langen Abfahrten wieder etwas zu erholen. Hier, in der Wüste, ist es wahnsinnig schwierig, einen Rhythmus zu finden. Kaum hat man seinen Tritt gefunden, führt die Rüttelpiste durch ein ausgetrocknetes Flussbett, aus dem es ultrasteil wieder hinaus geht. Man muss in den kleinsten Gang schalten und kann den Laktateinschuss dennoch nicht verhindern, weil der Untergrund lose ist und die Reifen kaum Grip haben.

Desert Dash 2018: Der längste Marathon der Welt in Namibia

Gegen 20 Uhr geht die Sonne auf Tauchstation, ab 21 Uhr ist es zappenduster. Bis es wieder hell wird, werden knapp neun Stunden vergehen.

50er-Ritzel, 7 km/h, Puls jenseits der 160. Kaum ist man oben, beschleunigt man auf 30 km/h, um dann Minuten später wieder von einer Schotterwand ausgebremst zu werden. Ununterbrochen geht das so. Es macht einen fertig, körperlich wie mental. Knapp 3500 Höhenmeter summieren sich in der ersten Rennhälfte. Zum Vergleich: Der berühmt-berüchtigte Erzgebirgs-Bike-Marathon hat insgesamt "nur" 2500 Höhenmeter.

Dazu kommt die Hitze, die ein permanentes Durstgefühl verursacht. Selbst wenn man zwischen den Wasser-Stationen, die etwa alle 40 Kilometer kommen, zwei große Flaschen in sich reinkippt, fühlt man sich immerzu nahe der Dehydration. Was auch an den Staubwolken liegt, die einen ständig umwehen. Manche haben deswegen sogar OP-Masken vor dem Mund. Mir krampfen die Lungen, als hätte ich Asthma. Ich kann nur flach hecheln. Jeder Versuch, die Lungenflügel mal richtig mit Sauerstoff zu durchspülen, verursacht einen unfassbaren, stechenden Schmerz. Es fühlt sich an, wie erdolcht zu werden.

Ach ja, und nicht zu vergessen die Oberschenkelkrämpfe. Das ständige, heftige Gerüttel macht die ganzen kleinen Stützmuskeln mürbe, die man sonst beim Biken eher wenig belastet. An jedem Steilanstieg machen sie zu. Aus Panik trinkt man noch mehr, Thema Mineralverlust und so weiter, weswegen man einen richtigen Wasserbauch hat.

Bitte nicht! Schon wieder ein Platten!

Auch das mit dem Fotografieren hatte ich mir einfacher vorgestellt. Immerzu stoppen, Rucksack aufreißen – Weitwinkel oder Tele? Nein, doch kein Motiv. Weiter. Hier vielleicht? Nein, auch nicht optimal.  Meine Güte! Was für eine Tortur!

"Hey, was fotografierst Du?", ruft mir einer meiner Mitfahrer mit einer netten Grußgeste zu. "Ich mache Bilder für ein Magazin", antworte ich. "Oh, schön. Das ist meine Farm hier", ruft der Typ stolz. "Wo ist Deine Farm?", hake ich nach und suche die unbebaute Weite nach einem Gebäude oder etwas in der Art ab. "Das hier alles", ruft der Typ und meint tatsächlich die ganzen Berge und die Hochebenen, die uns umgeben.

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Zwischen den sechs offiziellen Checkpunkten befindet sich jeweils eine Wasserstelle. Wie Rettungsinseln leuchten sie aus dem Schwarz der Nacht heraus. Das Gros der Eintreffenden sieht arg mitgenommen aus. Ein kurzes Päuschen, dann geht’s weiter.

Eine namibische Farm ist etwas anderes als ein deutscher Bauernhof. Der Typ macht einen angeschlagenen Eindruck, ist aber bestens gelaunt. Ich frage ihn, wann endlich ein Abschnitt kommt, auf dem man mal ein bisschen durchschnaufen könne. Die Antwort ist ein herzhaftes Lachen. Ein so kehliges und dröhnendes, wie es nur Menschen von sich geben, die einen richtig guten Witz gehört haben. Okay, ich verstehe. Huch, was ist denn jetzt? Nein, bitte nicht! Schon wieder ein Platten!

Es ist gegen 22 Uhr. Die Sonne ist abgetaucht. Man sieht nichts. Nur das Schwarz der Nacht und die Leuchtkegel der Fahrer. Wie eine unendliche Lichterkette zieht sich das Weiß-Rot durch die Wüste. Ich habe einen 5000-Lumen-Strahler von Lupine (Modell Betty), die vom Hersteller angegebene Leichtweite beträgt knapp 400 Meter. Doch der Lichtstrahl prallt an der Wand aus Staub ab. Es ist so krass neblig wie bei einem Konzert von Sisters of Mercy.

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Die totale Finsternis: Obwohl der Sternenhimmel hoch oben beeindruckend vor sich hin funkelt, sieht man als Fahrer nichts – außer dem Lichtkegel vor dem Vorderrad.

Oh nein! Schon wieder ein Platten. Diesmal ist es ein kapitales Loch, das ein spitzer Stein verursacht haben muss. Zu groß für die Plugs. Zudem sitzt der Tubeless-Reifen nicht mehr straff auf der Felge, was ein Aufpumpen ohne Kompressor unmöglich macht. Ich muss den Schlauch einziehen. Und noch während ich mich mit der Minipumpe abschufte, ahne ich, was wenige Kilometer später passieren wird.

Diesmal ist es ein Dorn, der die Luft entweichen lässt. Ich versuche, die Stelle mit einem Knoten dicht zu bekommen. Keine Chance. Das war’s. Es ist der Kilometer 160. Noch 20 Kilometer bis zum rettenden Checkpunkt, wo mein Begleitfahrzeug wartet. Doch die Leute in den vorbeirauschenden Support-Autos zucken bedauernd mit den Schultern. Anhalten und Helfen ist laut Reglement strengstens verboten. Und da hält sich natürlich jeder dran.

Im pupswarmen Wüstensand schaue ich den Halbtoten zu

"Manchmal frisst man den Bären, und manchmal wird man vom Bären gefressen", lautet eines meiner Lieblingszitate – grandios dargeboten im Film "The Big Lebowski". Tja, da bin ich wohl diesmal vom Bären gefressen worden. Weil ich mich für ein zweites Kettenspray entschieden habe und gegen einen zweiten Ersatzschlauch, beziehungsweise die Schachtel mit dem Flickzeug.

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Schneller Wechsel: Während die Solofahrer jeden einzelnen der 369 Kilometer abspulen, wechseln sich die 2er- und 4er-Staffeln ab. Gewechselt wird immer am Checkpunkt.

Da sitze ich nun im pupswarmen Wüstensand und schaue den Halbtoten zu, die sich mit schweren Tritten durch die Nacht quälen. Wie gerne wäre ich einer von ihnen. Ich verspüre sogar so was wie Neid. Sie können dem Ziel entgegenfahren. Sie werden diese geile Gefühl von Triumph erleben. Und ich bin lahmgelegt von einem verfluchten Dorn. Meine Beine sind froh, dass die Pein vorbei ist. Doch meine Psyche geht taumelnd zu Boden. Ein hässliches Gefühl von Ohnmacht und Versagen. Andererseits bin ich ja nicht in erster Linie wegen der Finisher-Medaille nach Namibia geflogen, sondern wegen einer Reportage.

Desert Dash 2018: Der längste Marathon der Welt in Namibia

Die letzten Meter am Strand von Swakopmund: Um das Finale direkt am Meer zelebrieren zu können, wurden extra Holzbohlen im Sand verlegt. Die ganz schnellen Fahrer erreichen das Ziel im Morgengrauen.

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Spuren der deutschen Kolonialzeit finden sich überall in Namibia. Auch in Swakopmund kann man sich auf Deutsch ganz gut verständigen.

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Gegen Mittag geht es Schlag auf Schlag. Dann ist Party im Zielbereich. Wer jetzt noch auf der Strecke ist, muss sich beeilen. Punkt 15 Uhr ist Zielschluss.

Also schnell ein Veranstalter-Fahrzeug anhalten, zum Checkpunkt bringen lassen und dann auf direktem Weg zum Strand von Swakopmund. Der Schweizer Marathon-Meister Konny Looser, der das Desert Dash schon zweimal gewonnen hat, wird noch vor Sonnenaufgang im Ziel erwartet.

Henri Lesewitz beim Desert Dash 2018 in Namibia/Afrika

Keine Angst, der beißt nicht. BIKE-Reporter Henri Lesewitz wurde beim Desert Dash in Namibia zum Glück nicht von wilden Tieren zerfetzt. Leicht angefressen kam er doch zurück. Ein Plattfuß zuviel verhinderte seine Zieleinfahrt – DNF! Klar, dass Lesewitz das nicht auf sich sitzen lassen kann. Nächstes Mal will er auch den längsten Marathon der Welt abhaken.

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Henri Lesewitz am 01.03.2018