Seite 1: Christoph Sauser im Interview

Sauser: „Früher habe ich mit Links gewonnen.“

  • Henri Lesewitz
 • Publiziert vor 5 Jahren

Wie geht das, Ruhestand? Nach 20 Jahren als Profi. Mit vier Weltmeistertiteln in der Vita. Am besten mit einem fünften WM-Gold. Wir haben Christoph Sauser bei seiner Abschieds-WM begleitet.

Wolkenstein/Südtirol: Er sitzt im Frühstücksraum, als wäre er einer der Urlauber, die gleich zur einer Wanderung in die umliegenden Dolomiten-Massive ausschwärmen. Doch in ihm drin tobt ein Sturm. Zwanzig Jahre lang gehörte Christoph Sauser (39) zu den Besten des Bike-Sports. Morgen wird er sein letztes Rennen fahren. Es ist die Marathon-WM. Sauser will sich mit einem Sieg in den Ruhestand verabschieden. Blöd nur, dass er sich vor ein paar Tagen bei einem Sturz zwei Rippen gebrochen hat.

Christoph Sausers letztes Rennen

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Wikipedia verbucht Dich bereits als Ex-Profi. Morgen ist nun wirklich Dein letztes Rennen. Ein komisches Gefühl?
Christoph Sauser: Schwer zu sagen. Ich denke, ich werde mein Gefühl erst kommende Woche wirklich in Worte fassen können. Im Moment bin ich viel zu fokussiert auf das WM-Rennen, um mich mit Abschiedsemotionen zu beschäftigen.


Kannst Du Dich an den Moment erinnern, an dem Du entschieden hast aufzuhören?
Das war ein fließender Prozess. Ich hatte keine Erleuchtung oder so was. Was ich hundert Prozent wusste: Ich wollte meine Karriere nicht verwässern und gegen Ende zu ausplätschern lassen. Mein großer Traum ist es, mit einem Weltmeistertitel aufzuhören. Alles oder nichts. So war ja meine ganze Karriere. Grautöne gibt es bei mir nicht.


Hast Du gespürt, dass die Luft dünner wird?
Ja, das auch. Der Marathon-Sport hat sich unglaublich entwickelt. Als ich 2007 zum ersten Mal Weltmeister wurde, habe ich mich nicht groß vorbereiten müssen. Im gleichen Jahr gewann ich beispielsweise auch den Nationalpark Marathon – in 5:45 Stunden und mit sieben Minuten Vorsprung. Vor zwei Jahren, unter gleichen Bedingungen, war ich 5:30 Stunden unterwegs, hatte aber nur eine Minute Vorsprung. Um zu gewinnen, muss man heute eine Viertelstunde schneller fahren. Das Niveau hat sich extrem gesteigert. Früher habe ich Rennen mit Links gewonnen. Das geht heute nicht mehr.

Im Bus zum Strecken-Check: Fünf Tage lang studierte Christoph Sauser jeden einzelnen Abschnitt der WM-Strecke.


Hast Du Angst davor, hinterherzufahren?
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was der größere Antrieb ist. Die Angst vor dem Verlieren, oder die Freude am Gewinnen. Ich kann das nicht beantworten.

Ziemlich beste Konkurrenten: Die Top-Favoriten Christoph Sauser und Alban Lakata im netten Plausch bei der Pressekonferenz.


Beschreibe doch bitte mal die letzte Stunde eines Marathon-Rennens.
Kommt ganz drauf an. Wenn es um den Sieg geht, dann kannst Du alles aus Dir rausquetschen. Da drehen die Beine praktisch von alleine. Wenn man aber abgehängt ist, dann ist der ganze Körper am Anschlag. Dann schmerzt alles. Hobby-Fahrer teilen sich die Kräfte normalerweise ein. Bei uns Profis wird von Anfang an maximal gefahren. Achtung, fertig, los. Entweder ist man weg. Oder man ist vorne dabei. Ein stundenlanges, brutales Ausscheidungsfahren.


Was ist so toll daran?
Schmerz geht vorüber. Erfolgt ist für immer.


Gibt es manchmal Phasen, in denen Du lieber Büroangestellter wärst?
Oh ja, hundert Prozent! Ich habe schon oft gedacht, dass es mich voll nervt. Es kommt immer wieder vor, dass ich um 10 Uhr auf dem Bike sitzen will, es aber erst am Nachmittag schaffe, weil ich mich einfach nicht aufraffen kann. Dann sauge ich erst mal Staub, oder so was. Nur, um eine Ausrede zu haben, um nicht losfahren zu müssen. Letztlich ziehe ich das Training aber immer durch. Sobald ich auf dem Rad sitze, fühlt sich alles gut an. Dann gebe ich Vollgas.


Was ist das Beste am Leben als Mountainbike-Profi?
Die Emotionen. Es gibt kaum einen anderen Job, in dem man so viel herausbekommt für das, was man reinsteckt.

Die Hoffnung auf den Titel scheint schon am ersten Anstieg zu zerbröseln.

„Manchmal nervt es, Profi zu sein. Dann sauge ich Staub. Nur, um eine Ausrede zu haben, nicht aufs Rad zu müssen.“ (Christoph Sauser)
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