Athen-Nachlese: Interview mit Sabine Spitz

  • BIKE Magazin
 • Publiziert vor 16 Jahren

Am Sonntag abend, den 29.August, haben wir Sabine Spitz zu ihrem olympischen Rennen befragt. Während in Athen die Abschlussfeier der Olympischen Spiele liefen, saßen wir draußen im Hafen von Piräus auf einer Parkbank vor dem Clubschiff Aida zum Gespräch über die Medaille, das Rennen und die Zukunft. Die ganze Olympia-Story lesen Sie in BIKE 10/04!

Interview mit Sabine Spitz am Sonntag nach ihrem Medaillengewinn.


BIKE: Herzlichen Glückwunsch zu deinem tollen Rennen und der Bronzemedaille. Welche Gefühle hattest du auf dem olympischen Podium?
Sabine Spitz: Es war ein Wahnsinns-Gefühl. Schon im Vorfeld war alleine der Gedanke daran, diesen Olivenzweig-Kranz aufgesetzt und die Medaille umgehängt zu bekommen, schon pure Gänsehaut. Als ich dann über die Ziellinie gefahren bin und wirklich oben gestanden habe, konnte ich das noch nicht realisieren. Es war eine wahnsinnige Freude, dass alles geklappt hat.


Als Weltmeisterin: Freust du dich über Bronze, oder ärgerst du dich sogar, dass es nicht Silber oder Gold geworden ist?
Ich sehe nicht, dass ich Gold oder Silber verloren habe, sondern freue mich über Bronze.


Was fühlt sich besser an, WM-Gold oder Olympia-Bronze?
Olympia muss man losgelöst betrachten. Es ist ein ganz spezieller Event, das herausragendste Sportereignis. Jeder Sportler träumt von einer Medaille hier, das kann man nicht mit einer WM vergleichen.


Ist das Rennen so gelaufen, wie du dir erhofft hast?
Jein. Ich wollte gleich vorne mitfahren, kam jedoch in der ersten Runde mal ins Straucheln und habe den Kontakt zu den ersten drei verloren. Auf Position fünf habe ich kurzzeitig einen Motivationsknick gehabt. Ich habe dann aber versucht, diesen Gedanken zu verdrängen und mir gesagt: Das Rennen ist erst fertig, wenn du über die Ziellinie fährst.


Wann hast du, gespürt, dass du doch noch Chancen auf eine Medaille hast?
Ich bin in der dritten Runde auf Sichtweite an Alison Sydor herangekommen. Ich habe ihren schweren Tritt gesehen, das gab mir Motivation, meinen Rhythmus etwas zu beschleunigen. Da war ich mir sicher, dass ich sie schnappen kann.


Als Training bist du die Transalp-Challenge gefahren. War das rückblickend gut oder schlecht für deine Form?
Vor der Transalp hatte ich ein dreiwöchiges Höhentrainingslager. In Verbindung damit hat mir die Transalp für die Kraftausdauer sicher geholfen. Auch die vielen Abfahrten dort haben mich noch sicherer gemacht.


Im Vorfeld von Athen sind einige Profis des Dopings überführt worden. Wie groß war der Leistungsdruck auf euch Fahrer wirklich?
Ich lasse mir von niemandem Druck auferlegen. Ich mache mir selber Druck, aber der von außen prallt an mir ab. Ich bin Spitzensportler und da möchtest du von innen heraus sowieso ganz oben stehen.


Was fühlst du, wenn du diese Dopingfälle hörst?
Es zeigt, dass mehr Trainingskontrollen durchgeführt werden müssen. Sonst kann man vieles vermuten, aber nie etwas beweisen. Aber bei solchen Fällen resigniere ich nicht, sondern sie spornen mich an, trotzdem besser zu sein, das Maximum rauszuholen!


Befriedigt dich, wenn ein Dopingsünder entlarvt wird?
Sicher, weil es einfach Betrug ist. Ich habe die Philosophie: du betrügst nicht nur die anderen, sondern auch dich selbst. Wie wenn du in der Schule einen Spickzettel hattest und nachher sagst: Ich habe alles richtig! Es freut mich schon, wenn Leute überführt werden. Aber das gelingt auch nur, wenn mehr Trainingskontrollen durchgeführt werden, damit das Risiko, ertappt zu werden, die Hemmschwelle nicht mehr so niedrig ist.


Wie haben dein Umfeld und die Öffentlichkeit auf die Medaille reagiert?
Familie und Sponsoren zuhause waren natürlich alle aus dem Häuschen. Bei meinen Eltern hat das Telefon nicht mehr stillgestanden, ich weiß nicht, wie viele SMS ich bekommen habe. Zuhause hat es einen riesigen Empfang gegeben.
(Aber ich habe nicht mit der Saison abgeschlossen, wir haben noch die WM und das Worldcup-Finale. Ich möchte dort noch mal gute Ergebnisse fahren. Mit dem Medaillengewinn ist noch nichts abgeschlossen.)


Inwiefern könnte die Medaille dein Leben verändern?
Der Erfolg ist ein Ereignis, das nicht viele Menschen und Sportler erleben dürfen. Schon einfach nur dabei zu sein war ein tolles Erlebnis, und wenn du dann noch eine Medaille holst - das ist ein Eckpunkt im Leben, den man mit einem großen Sternchen versehen muss.


Gibt es einen Unterschied zwischen der Resonanz auf deinen WM-Sieg und "nur" dem dritten Platz bei den Olympischen Spielen?
Die Medienresonanz hier war Wahnsinn. Es sind alle Medien vor Ort und springen viel schneller auf Erfolge an, als bei einer WM, die irgendwo in einem kleinen Ort oder in Übersee stattfindet.


In welchen Zeitungen konnte man über dich lesen?
Frankfurter Rundschau, FAZ, SZ, BILD - in allen großen Tageszeitungen war ein großes Foto drin. Dazu noch der Liveauftritt bei "Beckmann".


Sind die Artikel eine Belohnung für deine Strapazen?
Auf jeden Fall. Da wird der Einsatz endlich honoriert, man ist schon stolz!


Zahlt dir die Medaille auch finanziell etwas zurück?
Da kommt sicher etwa zurück. Die Sporthilfe zahlt Prämien für Platz eins bis acht, konkret 7500 Euro. Meine Sponsoren haben auch ein ähnliches Prämiensystem für mich.


Konkret: Wieviele Nullen hat die Summe?
Kann ich im Moment noch nicht abschätzen. Ich habe jetzt einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt, der mir ermöglicht, künftig einfacher in die Medien zu kommen. Damit wird die Popularität weiter steigen, und damit wird auch das Sponsoreninteresse steigen. Das ist ein Kreislauf.


Hast du einen Traum, den du dir jetzt als Belohnung erfüllen möchtest?
Hmm, eigentlich nicht. Mein Mann und ich hatten uns eine Prämie ausgesetzt, aber dafür hätte ich gewinnen müssen. Dann wäre es vielleicht ein Sportwagen mit drei Ziffern geworden, ein 911. Wir flachsen damit immer so rum. Mein Mann hat aber diese Prämie bis zur WM verlängert (sie lacht..)!


Glaubst du, dass Biken durch deinen Erfolg in der Öffentlichkeit einen anderen Stellenwert erlangt?
Er war sicher hilfreich, um einige Redakteure auf unseren Sport aufmerksam zu machen. Viele, die in den Redaktionen sitzen, können sich gar kein Bild vom Biken machen. Das Rennen war detailliert im Fernsehen, dadurch wird der eine oder andere Redakteur vielleicht sensibilisiert. Man muss aber am Ball bleiben und diese ständig weiter mit Informationen versorgen.


Wie wurdet ihr Biker von den Sportlern der anderen Disziplinen angenommen?
Das hängt von dir selbst ab. Wenn du in der Kantine Kontakt suchst, kommst du schnell ins Gespräch. Es gibt zwar einige, die sehr arrogant auftreten, aber beispielsweise kam dann ein Stabhochspringer auf mich zu, der auch an der Strecke zugeschaut hat. Er war begeistert und meinte: "Hey ihr macht echt einen superharten Sport". Selbst zum Frauenrennen haben sich viele deutsche Sportler an die Strecke verirrt, das hat mich überrascht. Viele von denen biken zum Ausgleich selbst und waren beeindruckt, wie der Sport auf Hochleistungsniveau aussieht.


Hast du vom Sponsor für das Rennen ein spezielles Bike erhalten?
Mein Bike wurde optimiert. 8,9 Kilo, spezielle Laufräder von Tune, extra für mich gemacht. Mit noch mal leichteren Naben als in der Serie, speziell für mein Gewicht! Wir haben Aluminium Bremsscheiben drauf gemacht, die leichter sind und auf dem Kurs die passende Bremswirkung hatten, weil sie nicht so hart verzögern. Dazu 2.1 Zoll dicke Schwalbe "Little Albert"-Reifen mit einer dichteren Karkasse und Latexschläuche. Der Scandium-Rahmen war Serie, nur mit spezieller Lackierung. Und natürlich die SID "Athena"-Olympia-Gabel.


Wenn du jetzt voraus blickst: Hast du Wünsche oder Ziele für die nächsten Jahre?
Ich wünsche mir, dass mein Ergebnis das Interesse und die Anerkennung des Sports in der Öffentlichkeit erhöht. Und für mich, dass ich den Sport noch lange gesund machen kann. Mein nächstes größeres Ziel ist die Querfeldein-WM in St. Wendel und die WM in Livigno 2005.


Sehen wir dich in vier Jahren in Peking wieder?
Ja, vielleicht habe ich bis dahin auch Schlitzaugen!

Themen: AthenInterviewOlympische SpieleSabine Spitz


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