25 Jahre Hinterländer Mountainbiker

„Originale Beutethaler beschafft“

  • Henri Lesewitz
 • Publiziert vor 3 Jahren

Ein Raubüberfall oder ein mythenumrankter Mord: Seit 25 Jahren verknüpfen die Hinterländer Mountainbiker Geschichts-Forschung mit Abenteuerlust. Gründungsmitglied Uli Weigel im Interview.

Volle Möhre um die Kurve – Mitte der Neunziger im Bergwerk Sondershausen, 1000 Meter unter Tage.

Lila Pause am Rennsteig: Die erste große Tour 1994, durchgeführt von Harald Becker, Siegfried Pitzer und Uli Weigel.


BIKE: Wer kam auf die Idee, Historien-Forschung und Biken miteinander zu verbinden? Gab es so etwas wie den Urknall?
Uli Weigel: Einen Urknall gab es nicht. Es war eher eine Entwicklung. Am 8. August 1992, dem heißesten Tag des Jahres in Hessen, machten Siggi und ich unserer erste Tour. Harry ergänzte das Trio und kurz danach folgten Jörg und Mattes. Wir hatten schon früh beschlossen, dass wir auf unseren Bikes nicht nur Kilometer und Höhenmeter schrubben wollten. Uns interessierte auch die Geschichte am Rand der Touren. Wir verbanden Kultur und Sport miteinander und erfanden so unser Motto "Geschichte erfahren". Für uns ist seit dem nicht der Weg das Ziel, sondern viele Ziele sind der Weg und immer geht es um Spuren von irgendwas und irgendwem. Aber alt müssen sie sein.

Die Hinterländer Mountainbiker, auch bekannt als HiMo-Biker. Ganz rechts: Gründungsmitglied und Interview-Partner Uli Weigel. Der Herr ganz oben mit der Kamera ist Gönner und Sponsor Reinhard Balzer, der auch gerne das Begietfahrzeug fährt.


Wie kann man sich das vorstellen?
Wir haben nicht nur unzählige Stunden im Sattel verbracht, sondern auch etliche Zeit in Staatsarchiven, oder über verstaubten Kirchenbüchern. Unsere ersten Touren waren noch bestehende, ausgeschilderte Wege – der Wartburgpfad, der Barbarossaweg, der Elisabethpfad, der Lahnhöhenweg und viele weitere. Diese Wege hatten sehr oft geschichtliche Hintergründe. Das weckte unser Interesse. Bei unseren Recherchen stießen wir auf eine alte West-Ost-Verbindung von Köln nach Leipzig, die durch unsere Heimat, das hessische Hinterland führte. Eine Autobahn des Mittelalters. Sonntags ging es dann mit den Bikes auf Spurensuche im Gelände. Etappe nach Etappe suchten wir die alten Wegeverläufe. Der Abschluss und quasi die Belohnung der Recherchen ist dann immer eine gemeinsame Mehrtagestour auf "unserem" Weg. Unsere erste selbst recherchierte und entwickelte Route war übrigens die Brabanter Straße.

Schildert doch mal kurz Euren ersten „Fall“, dem ihr hinterher gejagt seid.
Das war der Postraub in der Subach. Als bekennende Hinterländer hatten wir uns die Erforschung der alten Poststraße vorgenommen. Diese führte zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Gießen über Gladenbach und Biedenkopf zum damaligen Verwaltungsmittelpunkt nach Battenberg. Bis 1823 war die Poststraße die Hauptverbindung ins Hinterland und führte in diesem Abschnitt durch schwieriges Gelände, teilweise auf mittelalterlichen Wegstrecken mit bis zu 14 Prozent Gefälle. Am 19. Mai 1822 wurde in der Subach die Postkutsche von acht Hinterländern überfallen. Missernten, Armut und Verschuldung hatten damals immer mehr Bauern dazu gebracht, sich ihren Lebensunterhalt durch Wildern in den landesherrlichen Wäldern und Gewässern zu sichern. Um der Armut ein Ende zu bereiten, entschlossen sich die neun Beteiligten zum Raubüberfall. Und diese vermeintlichen Räuber hatten unsere Sympathie, denn sie handelten mutig und sozusagen aus Notwehr. Wie schon 1970 Volker Schlöndorff mit seinem gleichnamigen Film, wollten wir dieses wichtige Stück Heimatgeschichte mit seinen Hintergründen über die Grenzen Hessens hinaus bekannt machen. Bis auf David Briehl, dessen Original Brief aus Amerika wir im Zuge unserer Recherche entdeckten, wurden alle Räuber hingerichtet. Wir beschafften die originalen Beutethaler, wogen sie und untersuchten auf unseren Bikes die historischen Wegebeschreibungen auf Plausibilität. Wir fanden dabei auch gefälschte Kirchenbücher, die von der Herkunft der Posträuber ablenken sollten. Und wie immer erstellten wir eine Broschüre mit einer Wegebeschreibung samt der geschichtlichen Hintergründe.


Japan, Brasilien, Namibia: Wie entstehen die Projekt-Ideen?
Nach jedem Projekt herrscht immer erst mal eine geistige und finanzielle Leere. Aber das dauert meist nicht lange. Zunächst wird entschieden, ob wir global unterwegs sein wollen, oder lieber in der Region. Wenn das grobe Ziel steht, beginnt die Recherche. Je spektakulärer die Spuren, desto einfacher die gemeinsame Entscheidung, wohin es geht. Anfangs bewegten wir uns in Deutschland, dann folgten Touren durch Europa, später bis nach Afrika und Amerika. Eine Alpenüberquerung musste natürlich auch sein aber nicht irgendeine, sondern getreu unserem Motto: Geschichte erfahren, auf Hannibals Spuren. Aber auch von außen kamen gute Vorschläge. So war zum Beispiel der Ideengeber für Brasilien und Namibia unser Förderer Reinhard Balzer aus Marburg. In beiden Ländern haben wir uns auf die Spuren hessischer Auswanderer begeben.

Was ist anders, wenn man historischen Spuren mit dem MTB folgt, statt per Auto und Bahn?
Historische Spurensuche mit dem Bike ist näher an der Realität. Jeder Höhenmeter muss authentisch bewältigt werden, wie schon vor vielen hundert Jahren. "Der Geschichte Anfang und Ende ist die Übung im Gelände", so lautete der Spruch eines bekannten Historikers und Wegeforschers. Da schönste ist, dass die "Autobahnen des Mittelalters" meistens über die Bergkämme verliefen. Das sind heute oft Wanderwege und Singletrails.

Welches war Euer spektakulärstes Erlebnis?
Da gehen die Meinungen auseinander. Die Wilde Chinesische Mauer. Der Guinnessbuch Rekord. Da gab es viele spannende Projekte. Für die meisten war Namibia sehr beeindruckend. Dort erlebten wir auf jeden Fall unsere aufregendsten Radkilometer – auf der größten Düne der ältesten Wüste der Welt: „Big Daddy“. Auf 40 Prozent Gefälle ging es ohne Versuche und entgegen aller Warnungen bergab. Das war nicht ganz ungefährlich, wie wir schnell feststellen mussten. Ganz besonders stolz sind wir darauf, dass wir in Namibia ein Hinterländer Auswanderer entdeckten, der es zum Häuptling der Hereros gebracht hatte. Solche Erlebnisse sind wahre Highlights für uns.
In Brasilien sorgen wilde Hundemeuten und noch wildere LKW-Fahrer für Lebensgefahr. Schön auch der Auswanderer, der uns in uraltem Deutsch begrüßte: "Na, seid Ihr mit em Luftschiff kämmt?" Und nicht zu vergessen der Spruch, den man uns in Japan am Vulkan Fuji mit auf den Weg gab: „Wer einmal auf den Berg Fuji steigt, ist weise. Wer ihn zweimal besteigt, ist ein Narr."

Über staubige Pisten zum nächsten historischen Ort: Die HiMo-Biker folgen in Namibia den Spuren deutscher Auswanderer.

Die Wüste Namib gilt als die älteste der Welt. Auf den Spuren deutscher Auswanderer fuhren die Hinterländer Mountainbiker 2010 durch Namibia – und teilweise durch tiefen, glühend heißen Sand.

Auf historischen Pfaden am Vulkan Fuji in Japan.

Ein Abstecher auf die Chinesische Mauer muss sein, wenn man schon auf historischen Spuren durch China kurbelt.

Bei der Tour durch die USA wurde natürlich auch Bike-Pionier Gary Fisher (li.) ein Besuch abgestattet.


Ihr seid eine eingeschworene Truppe. Kann man bei Euch Mitglied werden?
Wir sind zu Fünft und mit Absicht und trotz vieler Bitten nie ein Verein geworden. Wir sind als GBR, also als Firma organisiert. Und dabei soll es auch bleiben. Denn in einem Verein machen fünf Leute die Drecksarbeit und der Rest meckert. Die Chemie in der Truppe stimmt. Jeder übernimmt seine Aufgaben. Wir managen Projekte professionell und nur deshalb haben wir uns immer weiter entwickelt. Gastradler sind willkommen, in Japan zum Beispiel war einer mit dabei.

Wie finanziert ihr die Recherchen und Reisen?
Unsere Unternehmungen wären ohne Sponsoring nicht möglich, aber das ist ein Geben und Nehmen. Mal eine grobe Hausnummer: Ein globales Projekt wie Namibia oder Japan kostet alles in alllem gerne mal 40 000 bis 50 000 Euro. Unterstützt werden wir von der Industrie, hauptsächlich mit Materialsponsoring und finanziell, vorwiegend von unserem Mäzen und mittlerweile väterlichem Freund Reinhard Balzer.

Ihr feiert in diesem Jahr Euer 25-jähriges Jubiläum. An welchem Ereignis macht ihr das fest?
1992 habe ich mich mit Siegfried Pitzer zu einer gemeinsamen Radtour getroffen. Diese Tour gilt als die Geburtsstunde der Hinterländer Mountainbiker. Später kamen dann Harald Becker, Jörg Krug und Matthias Schmidt hinzu. Unsere erste große Tour war das Rennsteig-Projekt 1994.

Welches große Projekt wäre noch Euer Traum?
Fünf Bikes vorm Altersheim. Nein, Spaß beiseite. Es ist noch nichts geplant. Aber das Thema Australien würde uns in jedem Fall noch brennend interessieren. Mal sehen.

In der ARD-Mediathek gibt es die HR-Reportage über die Hinterländer Mountainbiker: „Auf hessischen Spuren durch die Welt“

Themen: AbenteuerGeschichteHistoryInterview


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