Interview: Stefan Herrmann blickt auf 20 Jahre zurück Interview: Stefan Herrmann blickt auf 20 Jahre zurück Interview: Stefan Herrmann blickt auf 20 Jahre zurück

20 Jahre MTB-Academy

Interview: Stefan Herrmann blickt auf 20 Jahre zurück

  • Stefan Loibl
 • Publiziert vor 5 Jahren

Er ist der erfahrenste MTB-Coach Deutschlands, mehrfacher Deutscher Meister und hat tausenden Bikern Kurventechnik und Wheelie gelernt. Wir blicken mit Stefan Herrmann zurück auf 20 Jahre MTB-Academy.

Stefan Herrmann war Downhill-Weltmeister bei den Masters 1996, hat Sabine Spitz und Manuel Fumic für das Olympia-Rennen in London vorbereitet und kennt die Mountainbike-Szene seit seinen Anfängen. Bereits im Jahr 1997 gründete der gebürtige Franke seine Fahrtechnik-Schule, die MTB-Academy . Mehr als 10000 Biker haben bei ihm und seinen teils hochdekorierten Coaches in den vergangenen 20 Jahren Kurventechnik, Bunny Hop und Droppen gelernt. Wir haben zum Jubiläum mit ihm über 20 Jahre Methodik, Motocross und Missgeschicke gesprochen.

Kirsten J. Sörries Stefan Herrmann auf seinen Hometrails an der Isar.

Stephan Repke Ein Foto aus früheren Tagen. Damals war der Rennsport für Stefan Herrmann das ein und alles.

Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, eine MTB-Schule zu gründen?

Früher war ich Handwerker, was mir nie gefallen hat. Ich war immer ein guter Sportler und kann gut mit Leuten umgehen. Also fing ich als 18-Jähriger mit Übungsleiter-Ausbildungen für Skifahren und Kanu an. Mit den Vereinskursen versuchte ich, neue Perspektiven zu schaffen. Als 24-Jähriger stoppte ich meinen Drang Motocross-Profi zu werden, ich lag zu oft auf dem Boden rum und mir fehlte das Geld. Das Mountainbike ist ein adäquater und vollwertiger Ersatz. Hier schaffte ich den Profistatus und erzielte einige internationale Erfolge. Dieser Lebensabschnitt endete im Jahr 2000 und ich schaffte einen fließenden Übergang mit der MTB Academy, die ich bereits 1997 gegründet hatte. Dazwischen hatte ich noch Sport studiert. Also hatte ich ideale Voraussetzungen, eine MTB-Schule zu gründen, denn so etwas gab es noch nicht.

Und wie wurde das angenommen?

Die ersten Jahre waren zäh und lehrreich. Mit einem großartigen Team im Rücken schaffte ich das Thema zu etablieren. Und dass man sich nicht schämen muss, wenn man einen Fahrtechnik-Kurs buchte. Denn damals war die Hemmschwelle groß. Inzwischen ist das ein großer Markt, bei dem ich Pionierarbeit geleistet habe. Viele große Namen haben bei mir gelernt.

Lernen Biker wegen des besseren Materials bzw. der besseren Bikes heute schneller?

Sie fahren besser und zum Teil lernen Sie auch besser, weil durch die besseren Bikes Manöver oder Passagen möglich sind, die früher nicht gegangen wären. Diese Erfahrungen geben dem Lernenden neue Vorstellungen, die dem Lernprozess dienen und auf die er aufbauen kann.

Was ist das Alltime-Favorite-Manöver, das Leute lernen wollen?

Der Bunny Hop natürlich, Spitzkehren fahren und zu springen.

Welche Skills und Tricks wollten Biker früher können, welche heute? Oder gibt es da keine Unterschiede?

Wie schon gesagt, der Bunny Hop und Spitzkehren funktionieren immer. In den letzten Jahren kam Droppen und Hinterrad-Umsetzen dazu.

Wie lange braucht man, um Wheelie-Fahren zu lernen?

Ein durchschnittlich veranlagter Biker etwa vier Wochen. Aber nur, wenn er drei Mal pro Woche eine Stunde übt.

Deine skurrilsten Erlebnisse in 20 Jahren MTB-Academy?

Oh, da gab es einige. Auf einer Tour mitten am Berg signalisierte eine Bikerin, dass es ihr nicht gut geht. Dann packte sie ein Blutdruck-Messgerät aus. Auf Grund der Daten leiteten wir eine dann eine Rettung ein. Als Zweites ein Bauer auf Mallorca, der uns bei fiesem Wetter nicht weiterfahren lassen wollte. Es regnete waagrecht und wir bibberten bei acht Grad Celsius. Erst als unser lokaler Guide mitverhandelte, ließ er locker. Der Trail war übrigens als offizieller Wanderweg in der Karte eingezeichnet. Einmal ist mir ein Missgeschick passiert:
Ich habe mein eigenes Bike beim Dirt Camp in der Provence beim Einladen des Shuttles vergessen. Erst beim Ausladen merkte ich, dass ein Bike fehlte und das war meins. Einmal hatten wir ein MTB-Camp in Todtnau bei 70 Zentimeter Neuschnee. Nachdem der Trail nicht mehr zu erkennen war, fuhren wir wie Skifahrer kreuz und quer auf der Wiese hinunter. Aber auch an Bikes habe ich schon fiese Sachen erlebt: Gabel um 180 Grad verdreht eingebaut, Lenker falsch montiert (Schalthebel nach oben) und vieles mehr.

Was machen die meisten Hobby-Biker falsch?

Sie haben die Arme gestreckt und die Beine gebeugt. Das führt dazu, dass die Arme auf Zug belastet sind und der Körperschwerpunkt zu weit nach hinten unten wandert. Weitere Folge ist, dass die Beinmuskulatur übersäuert. Viele Biker halten außerdem den Lenker zu fest und haben Probleme mit der richtigen Blickführung.

Was bringt dich beim Unterrichten zur Verzweiflung?

Nichts.

Welchen Spruch hast du in 20 Jahren am öftesten gehört?

(Lacht) In dirt we trust!

Welcher Biker beeindruckt Dich am meisten?

Alle, die für sich fahren und dabei Spaß haben, egal wie gut.

Welchen Move kannst du selbst nicht, würdest ihn aber gerne können?

No Foot Can Can, aber den lerne ich noch.

Wie hoch war dein höchster Drop?

Ist das die Lehner-Mutproben-Frage? Keine Ahnung.

Welcher Bikepark ist ideal zum Lernen?

Jeder Bikepark lohnt sich! Einfach hinfahren und sich ein eigenes Bild machen. Jeder Park hat seinen eigenen Charakter und bietet etwas. Für Fahrtechnik-Training gibt es momentan keinen Musterpark, am ehesten kommen noch Saalbach und der Geisskopf hin. Denn meine Ansprüche sind hoch.

Wenn du selbst einen Fahrtechnik-Kurs belegen müsstet, bei wem würdest du ihn nehmen wollen?

Ganz ehrlich, bei mir. Keiner hat mehr Erfahrungen gesammelt, sich mit dem Thema so intensiv auseinandergesetzt, ist selbst auf hohem Niveau gefahren und hat Sport studiert. Und an zweiter Stelle nur bei ausgebildeten Fahrtechnik-Coaches. Skifahren lernt man auch nicht beim Skitouren-Guide.

Warum bietest du keine 1-Tages-Crashkurse an?

Mountainbiken ist ein komplexer Sport. Im Vergleich zum Skifahren ist der Schwerpunkt deutlich höher, man hat nur eine Spur und der Untergrund ist viel abwechslungsreicher. Deshalb gilt es, Anfängern viele Techniken zu vermitteln: Grundposition, Balance, Bremsen, Kurventechniken, Absätze rauf und runter, Bodenformen, VR/HR anheben, Bunny Hop und die richtige Linienwahl. Dies sind Techniken für einen Basiskurs. In meinen Singletrail- und Enduro-Flow-Camps gibt es noch aufbauende Manöver dazu. Das ist an einem Tag nicht seriös zu schaffen. Vor allem ist eine gewisse Wiederholungszahl bei jeder Technik notwendig, bis alte Bewegungsmuster überspielt werden.

Markus Greber Stefan Herrmann zeigt, wie's geht. Nicht nur die perfekte Kurventechnik vermittelt der Fahrtechnik-Profi bei seinen Camps.

Themen: Fahrtechnik-KurseInterviewJubiläumMTB-AcademyStefan Herrmann


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