Pilgerfahrt mit dem Freeride-Bike Pilgerfahrt mit dem Freeride-Bike Pilgerfahrt mit dem Freeride-Bike

Israel – das Heilige Land

Pilgerfahrt mit dem Freeride-Bike

  • Colin Field
 • Publiziert vor 7 Jahren

Man hört nichts Gutes aus Israel: Hamas und Israelis bomben auf Kosten der Bevölkerung, das Heilige Land blutet. Ausgerechnet in diesem Hexenkessel suchen ein paar Amis ihre ganz eigene Religion: Freeride-Pilger zwischen Sand und Fels.

Kari Medig Verschnaufpause im israelischen Niemandsland. Ganz alleine sind wir trotz der Ödnis nicht: Eine Rotte F-16-Jäger erschreckt uns mit ihren Nachbrenner-Explosionen und röhrt im Tiefflug durchs enge Tal.

Unser Guide will es so, aber als ich einen Tourbus mit Pilgern entdecke, die andächtig um die Wasserfälle wandern, denke ich: Eine saublöde Idee, ausgerechnet an diesem Ort unsere Bikes zu waschen. Da höre ich schon einen Wutschrei auf Hebräisch – erwischt! Wie kann man nur so blöd sein. Jetzt haben wir ein Problem!

Ein bärtiger Koloss mit krebsrotem Kopf stampft auf uns zu und fuchtelt mit den Armen. Er ist böse, sehr böse. Mein Freund Kari Medig und ich stehen da wie zwei Kinder, die gerade beim Kaugummiklauen erwischt worden sind. Wir schauen hilfesuchend zu unserem Guide. Er steht bis zu den Knien im Wasser – im heiligen Wasser und rubbelt den Matsch von den Reifen. Die braune Soße läuft in langen, hässlichen Schlieren stromabwärts. Der Aufseher reißt einen Ausweis aus seiner Tasche, als sei es eine Pistole. Er ist Park-Ranger des Banyas-Naturreservats. "Er sagt, dieses Wasser sei heilig", flüstert unser Guide. Super, danke für Erklärung, denke ich. Der Banyas-Wasserfall ist einer von drei Quellen des Jordan, der durch die Golanhöhen in den für Christen heiligen See Genezareth fließt. Es sind diese Quellen und der See, die Israel und die gesamte Region mit Wasser versorgen. Christen, Muslime und Juden kämpfen um diese Quellen seit über 2000 Jahren. Weshalb unser Guide glaubte, mit diesem Wasser unsere Bikes zu putzen? Keine Ahnung! Gott sei Dank konnte er den Ranger beruhigen. Wahrscheinlich hat er behauptet, diese dummen Amis hätten es nicht besser gewusst und sie würden es sicher nicht noch mal tun.

Israel - das Heilige Land

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Man hört nichts Gutes aus Israel: Hamas und Israelis bomben auf Kosten der Bevölkerung, das Heilige Land blutet. Ausgerechnet in diesem Hexenkessel suchen ein paar Amis ihre ganz eigene Religion: Freeride-Pilger zwischen Sand und Fels.

Eine fast noch dümmere Idee unseres Guides war, uns einen Trail von der Nimrod-Festung hinunter nach Banyas zu schicken. Er setzte uns oben ab und verschwand mit dem Shuttle-Jeep, um unten am Fluss auf uns zu warten. Die Burg wurde 1129 erbaut und thront auf dem Berg Hermon. Der Trail führt steil hinab über rasiermesserscharfe Felsen, rutschige Wurzeln und durch hüfthohe Dornenbüsche. Wir bestaunen die Aussicht auf die Golanhöhen, während wir unsere Bikes durch das Gestrüpp zerren und bis über die Felgen im zähen Matsch kleben bleiben. Wir fluchen – was hat sich der Guide dabei gedacht? Ohne Bike wäre es eine phänomenale Wanderung gewesen – doch so ein übles Gestolpere.

Wir waren direkt vom Flughafen in Tel Aviv zu den Golanhöhen gefahren, um im Heiligen Land Israel unsere Version der religiösen Erleuchtung zu finden: Singletrails. Wir wussten nicht einmal, ob es die in Israel überhaupt geben würde. Und bisher war von der Religion, nach der wir suchten, keine Spur zu sehen.

Nächster Stopp Jerusalem. Dort fahren wir durch die Altstadt, besuchen das jüdische Viertel, das Viertel der Muslime, das der Christen und der Armenier. Wir sehen die Klagemauer, bestaunen Golgatha, den Hügel, wo Jesus angeblich gekreuzigt wurde. Das ist alles irre beeindruckend, doch deswegen sind wir nicht hier. Als wir nachts mit unseren Bikes durch die Gassen der alten Stadt kurven, gibt’s wenigstens einen kleinen Vorgeschmack auf die religiöse Erfahrung, nach der wir suchen. Viel zu früh am nächsten Tag holt uns ein Typ namens Eran Zohar mit seinem Pick-up ab und fährt uns westlich von Jerusalem in palästinensisches Territorium: das Westjordanland. Nichts außer einigen hohen Mauern trennt Israel hier vom Palästinensergebiet. Eran scheint völlig unbeeindruckt. Dann fährt er rechts ran. Wir steigen aus und heben unsere Bikes über die Highway-Leitplanken. Soll es hier losgehen? Oh je, darauf sind wir ja überhaupt nicht scharf, denke ich, als ich den breiten Schotterweg sehe. Das an sich ist übel genug, doch der Schotterweg führt auch noch bergauf. Wir quälen uns den staubigen Berg hoch und stellen uns schon auf eine langweilige Abfahrt ein.

Kari Medig Nächtliches Jerusalem: Wir huschen mit unseren Bikes durch die leeren Gassen der alten Stadt.


Wir droppen in den Trail und zelebrieren unsere Religion!

Doch oben angekommen schlägt die miese Laune in Euphorie um: Vor uns windet sich ein Singletrail durch die Wüstenhügel und verschwindet im flimmernden Sonnenlicht. Dort, unsichtbar am Horizont liegt das tote Meer. Der Trail heißt Sugar Trail, sagt unser Guide und erklärt: Über Tausende von Jahren zogen hier Karawanen diesen schmalen Fußweg vom toten Meer hinauf nach Jerusalem und schleppten Gewürze, bestickte Stoffe und vor allem Zucker in die Heilige Stadt, während die Sandalen der Träger den Boden blank polierten. Hier wanderte auch Jesus vor 2000 Jahren auf seiner letzten Reise nach Jerusalem. Beeindruckt von so viel Geschichte rollen wir endlich auf Single­trail und zelebrieren unsere Religion: Körper und Bike verschmelzen mit dem Trail, Gedanken an gestern und morgen verpuffen in einer Folge schneller Kurven und kniffeliger Hang­traversen. Es gibt wohl keine besseren Trail-Bauer als die Kamele, Esel und Menschen der Zucker-Karawanen, die diesen Pfad in die Wüsten­erde stampften. Der Sugar-Trail startet auf 500 Metern Höhe und endet nach einer dreistündigen Abfahrt an den Ufern des Toten Meeres, 400 Meter unter dem Meeresspiegel. Glücklicherweise gibt es dort ein eiskaltes Bier.

Am nächsten Morgen nimmt sich Nimrod Cohen unser an. Er ist einer der wenigen eingefleischten, israelischen Downhiller. Er fährt uns in den Süden Richtung Rotes Meer, zum Samar Kibbuz, einer Wüstenoase unweit der Grenzen zu Jordanien, Saudi Arabien und Ägypten. Er ist nicht nur einer der letzten kommunalen Kibbuze des Landes, er besitzt auch ein einzigartiges Bike-Hotel für Leute wie uns. Der passionierte Mountainbiker und das Hirn hinter dem Bike-Hotel heißt Yaron Deri. Ihn besuchen Rider aus ganz Israel und vermehrt sogar aus der ganzen Welt.

Kari Medig Geschichtsstunde in Israel: Autor Colin Field im Trailrausch des Timna-Tals. Hier waren bereits die alten Ägypter unterwegs und gruben vor 5000 Jahren Kupfer aus der Erde. Sie stellten damit Steinsägen her für den Pyramidenbau.


Ich frage, wie lange an diesem Trail gearbeitet wurde. Er grinst mich an und sagt: "5000 Jahre, mein Freund!"

Am Morgen geht die Sonne über dem Jordanland auf. Deri nimmt uns mit auf eine Tour in das Timna-Tal. Wo die Ägypter vor fast 5000 Jahren zum ersten Mal Kupfer in Minen abbauten, hat er 24 Kilometer Singletrails angelegt. "Fahrt nicht auf denen rum", sagt Deri und zeigt auf mehrere Steinhaufen, "das sind archäologische Ausgrabungen." Wir glotzen die Steinhaufen andächtig an, obwohl sie sich nicht vom anderen Gerümpel unterscheiden, kurven drumherum – dann lösen wir die Bremsen. Es geht los: Wir pfeifen den Hang hinab, schwingen uns in die S-Kurven und staunen über die griffigen Anlieger, die Deri in liebevoller Mühe mit Steinen gepflastert hat. Jeder Steinmetz wäre über seine Leistung erstaunt – und wir genießen die perfekten Radien, die uns durch den Trail beschleunigen.

Kari Medig Yaron Deri - Trailbauer und Freeride-Junkie aus Israel

Nach der Aufwärm-Session shuttelt er uns talaufwärts. An einer Erhöhung stehen Kamele und wiederkäuen mit kreisenden Unterkiefern. Hier beginnt der Shayarot-Trail, eine 500-Höhenmeter-Abfahrt ins Tal. Bei einer kurzen Pause frage ich außer Atem, wie lange an diesem Trail gearbeitet wurde. Er grinst mich an und sagt: "5000 Jahre, mein Freund!” Hier verlief einst ein Teil der Seidenstraße, klärt er mich auf. Wir rollten, ohne es zu wissen, über Jahrtausende alte Geschichte. Vor uns öffnet sich die gelb-orangene Mondlandschaft der Negev-Wüste. Am Horizont ragen die Berge Jordaniens in den blauen Himmel. Der Trail beginnt technisch mit verblockten Felspassagen, Steilabfahrten und hakeligen Haarnadel-Turns. Jeder Blick ins Tal ist surreal. Weiter unten fließt der Shayarot-Trail in absoluter Perfektion. Wir jubeln in den Turns, hüpfen, schlittern, driften, zischen in unser eigenes Nirvana. Wir sprechen kaum, unsere Unterhaltung beschränkt sich auf die Ahhs, Oohs und Fuck Yeahs während der Fahrt. Nach dem 500-Höhenmeter-Freudentaumel endet der Trail an einem ausgetrockneten Flussbett, an dem wir talauswärts rollen.

Deris Partner wartet schon mit dem Toyota auf uns. Er hat den Gaskocher angeworfen, köchelt Kaffee, reicht uns süße Datteln, Melonenscheiben und eiskaltes Bier. Drei Kamele trotten vorbei. In der Ferne winkt uns ein Beduine auf seinem Esel zu. In diesem Moment bleibt für mich die Zeit stehen. Nur einen Augenblick lang und doch scheint es wie eine Ewigkeit. Ich erlebe so etwas wie eine Mini-Erleuchtung. Ich verspüre plötzlich den Drang, mein altes Leben zu vergessen, hier zu leben, meine besten Freunde um mich zu scharen und jeden Tag diese Trails zu fahren.


INFO ISRAEL


Beste Reisezeit: November bis Mai.
Ideales Bike: Enduro.
Trails: Es gibt mehrere Anbieter.  Sababike bietet z. B. alles von Tagestour bis zum 7-Tage-Paket mit Singletrail-Trips im ganzen Land.  www.sababike.com - www.samarbike.com

Themen: Heiliges LandIsrael

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    Israel

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