"Es fühlte sich falsch an" "Es fühlte sich falsch an" "Es fühlte sich falsch an"

Interview Paula Zibasa

"Es fühlte sich falsch an"

  • Hannah Bailey
 • Publiziert vor 7 Monaten

Paula Zibasa hat mit erst 21 Jahren dem Worldcup den Rücken gekehrt. Im Interview berichtet sie über ihre Beweggründe, die Szene und den Umweltschutz.

Moritz Ablinger Paula Zibasa: "In Innsbruck wimmelt es im Moment von Mountainbikern".

Kannst Du uns darüber erzählen, wie Du zum Mountainbiken gekommen bist und die Leidenschaft dafür entwickelt hast?

So wie die meisten Kinder, wurde ich im Alter von drei Jahren von meiner Mutter auf ein Fahrrad gesetzt. In Lettland, wo ich ursprünglich herkomme, waren BMX-Rennen ziemlich populär, und so bin ich irgendwie in das Ganze hineingestolpert. Meine Eltern brachten mich zu den Rennstrecken in der Nähe und zum Training. Mit vier Jahren bin ich schon Rennen gefahren! Als Kind war ich verträumt und mit meinen Gedanken immer ganz woanders, deshalb habe ich das Ganze nicht ernst genommen. Ich wusste nicht, was ein Wettbewerb ist, ich bin einfach nur Fahrrad gefahren.

2012 zog meine Familie nach Innsbruck und es gab keine BMX-Rennstrecken in der Nähe. Also habe ich als Alternative mit dem Mountainbiken angefangen. Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Ich habe es gehasst, bergauf in die Pedale zu treten! Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich so sehr auf Downhill stand. Sobald die Lifte geöffnet waren, sah man mich nicht mehr bergauf fahren. Ich habe den ganzen Tag Runden gedreht.

Als ich 16 oder 17 wurde, wurde es ein bisschen ernster und ich habe angefangen, Weltcups zu fahren. Das hatte ich eigentlich nie geplant, es ist einfach passiert. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, warum ich immer weiter Mountainbike gefahren bin, obwohl ich es nicht einmal geliebt habe.

Doch vor Kurzem wurde mir klar, dass es wohl die Verbindung zur Natur sein muss, die ich beim Mountainbiken habe, und dieses Gefühl, das ich nach dem Biken habe. Auf dem Mountainbike bin ich in einem besonderen Zustand. Es ist als würde ich mich auf einer anderen Ebene, einem anderen Planeten oder einer anderen Welt befinden – ein bisschen wie bei der Meditation. Du erlebst den Moment!

Wie bist du auf die Idee gekommen, dass du mit dem Mountainbiken Karriere machen könntest?

Als ich anfing, musste man Weltcuprennen fahren, wenn man sich im Mountainbike-Sport einen Namen machen wollte. Aber ich würde nicht sagen, dass ich mit dem Mountainbiken Karriere mache – ich mache einfach, was ich liebe. Die Rennen gehörten auch dazu, und irgendwie entwickelte ich die Mentalität einer Rennfahrerin und ich fühlte mich sehr wohl in der Community.

Als ich richtig loslegte, merkte ich, dass es nicht das war, was ich mir vorgestellt hatte. Ich reiste an Orte, die ich nie wirklich besichtigen konnte, da ich nur für die Strecke und das Rennen da war. Wenn man fertig mit dem Rennen ist, reist man zum nächsten Veranstaltungsort – man kommt nie dazu, die Orte wirklich zu erkunden. So ist das Leben, das man führt. Die ganze Zeit trainieren – schlafen, essen und mountainbiken. Irgendwann wollte ich mehr.

In Innsbruck habe ich Leute beim Klettern und Skifahren gesehen, wozu ich keine Zeit hatte. Ich wusste, ich brauchte eine Pause, aber ich konnte nicht den Mut aufbringen, aufzuhören. Als das Team 2019 auseinanderfiel, war das für mich wie ein Wendepunkt. Ich habe beschlossen, keine Weltcups mehr zu fahren. Ich hätte mir ein neues Team oder Sponsoren suchen können – aber es fühlte sich falsch an, das zu tun, ohne überhaupt zu wissen, was ich wirklich wollte.

Moritz Ablinger Paula Zibasa: "Wir in der Community müssen uns mehr um den Umweltschutz und den Klimawandel kümmern".

Was ist seitdem Deine Motivation zum Mountainbiken?

Es ist cool, dass ich jetzt selbst entscheiden kann, ob ich biken möchte. Als ich Rennen fuhr, musste ich Mountainbiken gehen, ich musste vorankommen. Jetzt kann ich frei entscheiden, es zu tun, wann immer ich will. Ich bin motiviert, mich gut zu fühlen und mit der Natur verbunden zu sein.

Deshalb verbringe ich viel Zeit damit, mein Bike zu packen und auf lange Touren zu gehen. Als Rennfahrerin fährst du natürlich auch, aber du musst schnell fahren und es bleibt keine Zeit, um Tricks zu lernen oder einfach langsam zu fahren und die Natur zu genießen. Genau das ist meine Motivation im Moment!

Wo fühlst Du Dich zu Hause, und was würdest Du als Deinen Heimat-Trail bezeichnen? Und wie fühlt sich das an?

Meine Lieblingstrails befinden sich direkt hinter meinem Haus. In Innsbruck wimmelt es im Moment von Mountainbikern, weil es so beliebt geworden ist. Wir haben legale Trails, aber es sind einfach zu wenige. Ich verstehe, dass manche Menschen in den Bergen hin und wieder sauer werden, wenn sie auf Mountainbiker stoßen, weil es leider einige Mountainbiker gibt, die sich rücksichtslos verhalten. Als Wanderer kann man nicht immer einschätzen, wie gut jemand sein Mountainbike beherrscht.

Langsam wird die Situation aber besser – Wanderer und Biker fangen an, sich die Wege ein bisschen mehr zu teilen, aber es gibt noch viel zu tun. An einem vollen Nachmittag haben wir 30 bis 40 Leute da oben, die darauf warten, loszufahren. Das ist verrückt. 2016 war alles noch sehr überschaubar. Es gab nur ein paar Leute und ein paar Trails, und man kannte die Community. Alle hatten Respekt vor dem Wald, den Trails und anderen Menschen.

Je größer die Community ist, desto mehr Probleme haben wir. Die Anfänger sind vielleicht nicht mit den Regeln in der Community vertraut und es fehlt ihnen teilweise am nötigen Respekt. Das macht es nicht einfacher, denn die Stadt wird nicht mehr legale Trails ausweisen.

Nachhaltigkeit ist Dir wichtig, wieso liegt Dir das Thema so am Herzen?

Als Mountainbikerin verbringe ich viel Zeit in den Wäldern, deshalb möchte ich mehr über sie lernen und darüber wie man sie schützen kann. Das Thema Entwaldung – und die damit verbundenen Auswirkungen auf die CO2-Emissionen – trägt massiv zur Vergiftung des Planeten bei. An diesem Thema bin ich wirklich interessiert.

Ich möchte auch in meinem Alltag umweltbewusster handeln – zum Beispiel das Auto weniger benutzen und stattdessen auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen. Und ich möchte möglichst viele Leute für diese Themen sensibilisieren, vor allem in der Mountainbike-Community – das ist gerade im Moment so wichtig.

Wir in der Community müssen uns mehr um den Umweltschutz und den Klimawandel kümmern. Unser Verständnis muss sich von Grund auf ändern, durch die Unternehmen und diejenigen, die die Trails bauen, dann wird die Community folgen. Wir müssen für den Wandel einstehen. Es wird nicht einfach sein, aber wir müssen mehr Verantwortung übernehmen, wenn wir diese Welt am Laufen halten wollen! Ich freue mich darauf, diese Botschaften mit der Mountainbike-Community zu teilen und zu einem besseren Verständnis beizutragen.

Eine zunehmende Sorge ist zudem die fehlende Diversität im Outdoor-Bereich. Wie könnte man deiner Meinung nach das Mountainbiken für alle inklusiver machen?

Ich denke, es ist sehr wichtig, dass alle in der Mountainbike-Szene, die Unternehmen und die Community, sich dazu bekennen, voranzugehen und den Outdoor-Sport inklusiver zu gestalten. Außerdem denke ich, wenn wir mehr Diversität beim Mountainbiken wollen, müssen wir anfangen, junge Kinder in der Schule davon zu überzeugen, dass jeder von ihnen herzlich willkommen ist.

Der MTB- und Downhill-Club in Innsbruck macht da einen tollen Job. Wir als Mountainbiker müssen freundlich und hilfsbereit zu neuen Leuten sein, damit sie erkennen, dass sie willkommen sind und dass wirklich jeder mitmachen kann.

Und was planst du im Moment?

Ich würde gerne die Community in Innsbruck für Themen wie persönliche und kollektive Verantwortung und den Respekt für die Trails sensibilisieren. Ich möchte dazu beitragen, die Botschaft zu verbreiten, dass jeder über den Klimawandel sprechen sollte.

Außerdem möchte ich die Menschen motivieren, die Berge zu erkunden, Ausflüge zu machen und mehr Zeit draußen zu verbringen. Dann werden die Menschen die Natur besser verstehen. Sie werden geerdet und werden sich mit ihr verbunden fühlen. Und dementsprechend werden sie sich mehr für ihren Schutz einsetzen.

Themen: InnsbruckInterviewNachhaltigkeitRIDE GREENUmweltschutzWorldcup


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