"Wir holen auf!": Frauen bei Freeride-Events "Wir holen auf!": Frauen bei Freeride-Events "Wir holen auf!": Frauen bei Freeride-Events

Audi Nines 2021: Interview Kathi Kuypers

"Wir holen auf!": Frauen bei Freeride-Events

  • Paul Weinbrenner
 • Publiziert vor 17 Tagen

Frauen verlieren bei Freeride-Events langsam den Exoten-Status. Kathi Kuypers ist sich sicher, dass das nur der Anfang ist. Im Interview spricht die Pionierin über harte Zeiten, Risikobereitschaft und den Vorsprung der Männer.

Theo Acworth Premiere: Erstmals wurden Frauen bei den Audi Nines eingeladen. Darunter auch die Deutsche Kathi Kuypers (2. v. r.).

Das erste Mal Frauen bei Audi Nines und du warst mit dabei. Ehrt dich das?

Auf jeden Fall. Ich war auch diejenige, die den Organisator Nico Zacek überzeugt hat, Mädels einzuladen. Bei den Audi Nines Ski-Events ist das schon so. Da gibt es sogar einen Event nur für Frauen: Nine Queens. 2019 habe ich das erste Mal bei Audi Nines getestet, was geht, und ich habe gemerkt: Wir Mädels können die Sprünge locker schaffen. 2021 waren wir endlich mit neun Bikerinnen am Start.

Unterscheidet sich der Vibe bei Events, bei denen Frauen ihre eigene Wertung haben, zu denen, bei denen du die einzige Frau warst?

Definitiv. Wenn ich die einzige Frau bin, fahre ich für mich alleine und bin die Attraktion. Wenn der Kommentator mich ankündigt, heißt es dann immer "Jetzt kommt die einzige Frau!" Das nervt. Wenn andere Bikerinnen dabei sind, dann ist viel mehr Competition da. Denn jede will genauso Leistung bringen wie alle anderen. Bei uns gibt niemand klein bei.

Alba Pardo Kathi Kuypers fühlt sich auf den großen Sprüngen wohl. Sie ist begeistert davon, dass man die ganze Strecke sowohl mit dem Big Bike als auch mit dem Trick-Bike fahren kann.

Wie war das, sich mit acht anderen Fahrerinnen gegenseitig zu pushen?

Das war der Wahnsinn, ich war mega stoked. Innerhalb von fünf Tagen haben wir richtig Progression gesehen. Caroline Buchanan hat zum Beispiel den ersten Frontflip aus Frauenhand geliefert. Daneben möchtest du nicht alt aussehen. Das ist ein gesunder Druck, der mich jetzt noch mal richtig motiviert hat, Gas zu geben. Gerade teste ich, was tricktechnisch noch geht. Ich bin ja schon 31 Jahre alt und habe einige Stürze hinter mir. Da muss man schauen, was man noch lernen kann, ohne dass man sich für die nächsten Jahre komplett zerstört.

Die Rampen und Gaps waren riesig. Geht da nicht die Angst mit dir durch?

Hätte ich Angst, würde ich die Dinger nicht springen. Ein bisschen Respekt ist aber gut. Oft taste ich mich langsam ran, da hilft es, wenn man jemanden fragen kann, der den Sprung schon gefahren ist. Wenn ich jemanden kenne, der mir sagt: "Du schaffst das", gibt mir das so viel Selbstvertrauen, dass es in 99 Prozent der Fälle klappt.

Wer waren deine Lieblingsathleten bei Audi Nines?

Mich hat besonders gefreut, mit Casey Brown zu fahren. Sie hat eine innere Ruhe, die beeindruckt. Was die Männer betrifft, hänge ich gerne mit Lukas Schäfer ab. Und Peter Kaiser hilft mir, den Speed einzuschätzen, weil er weiß, wie ich fahre.

Theo Acworth Unter der Regie von Sam Reynolds entstand im Bikepark Idarkopf ein Spielplatz für die Besten des Freeride-Sports. Im Steinbruch findet man neben riesigen Bootern auch kreative Features wie diese "Toilet-Bowl".

"Ruler of the week" wurde bei den Frauen Robin Goomes. Ist sie aktuell die beste Freeriderin auf dem Planeten?

Diese Woche hat sie richtig gerockt. Robin hat einen Background vom Militär in Neuseeland, wo sie viel mit Mentaltrainern gearbeitet hat. Das nutzt sie auch beim Fahrradfahren. Sie hat eine unerschütterliche Einstellung, die ich beneide. Ich schätze sie auch sehr als Mensch. Sie ist ganz frisch in der Szene, aber ich denke, da wird noch viel passieren. Doch die beste Freeriderin ist für mich immer noch Casey Brown.

Du musstest in der Vergangenheit immer wieder üble Stürze einstecken. Wie gehst du mit diesem Risiko um?

Das mit dem Risiko war schon immer schwierig. Denn ich konnte noch nie vom Freeriden leben. Es war immer schwer, Sponsorengelder zu bekommen, um zu Events wie Crankworx in Kanada anreisen zu können. Es gab wenig Verständnis dafür, dass eine Frau mitfahren möchte, da es nicht mal eine Kategorie für mich gibt. Weil ich nebenher in einem Café arbeiten musste, hatte es für mich auch größere Konsequenzen, wenn es mich beim Slopestyle geschmissen hat.

Bei krassen Events wie Hardline oder Rampage fahren keine Frauen mit. Gibt es Frauen, die da mitfahren könnten?

Ja. Irgendwo sind diese Fahrerinnen und Talente versteckt. Aber es gab eben nie eine Bühne für uns. Es gab nie jemanden, außer Casey Brown und mich, die da rausgegangen sind und gezeigt haben, dass wir die Kurse auch fahren können. Ich hab das die letzten fünf Jahre gemacht, und Casey hat damals angefangen, bei den WhipOff-Events mitzumischen. Jetzt sind schon viele Mädels beim WhipOff dabei und wir sehen auch junge deutsche Talente. Zum Beispiel die 14-jährige Patricia Druwen, die dieses Jahr bei Audi Nines dabei war.

Klaus Polzer Kathi wird von einer Drohne verfolgt. Die Aufnahmen gibt’s auf YouTube unter dem Stichwort: Audi Nines.

Es ist also nur noch eine Frage der Zeit bis Frauen bei der Rampage starten?

Ja, aber wir brauchen unser eigenes Ding. Die Männer haben einen riesigen Vorsprung, neben denen würden wir alt aussehen. Die sind tricktechnisch bei den verrücktesten Kombinationen während der Sport bei den Frauen noch in den Kinderschuhen steckt. Wenn man die Entwicklung der Männer als Maßstab nimmt, dann sind wir gerade bei der Progression von 2005. Deshalb ist es wichtig, dass wir unsere eigene Bühne bekommen, um uns weiter zu entwickeln. Ich glaube, der Vorsprung der Männer hat etwas mit fehlenden Vorbildern zu tun.

Kritiker sagen, Männer hätten mehr Kraft und Mut. Da können Frauen nicht mithalten?

Beim Biken kommt es hauptsächlich auf die Technik an. Natürlich können starke Arme nicht schaden, aber entscheidend ist, ob man sich etwas zutraut. Und das, was wir Frauen uns zutrauen, wird immer mehr werden. Es macht mir nichts aus, neben den Männern schlecht auszusehen. Andere Frauen werden mich sehen und sich denken: "If she can do it, I can do it."

Wer waren deine Vorbilder?

Naja, ein weibliches Vorbild gab es beim Mountainbiken nicht. Disziplinübergreifend hat mich Sarah Burke beeinflusst. Sie war eine Freestyle-Skifahrerin, die viel Slopestyle gefahren ist. Sie hat damals das gleiche gemacht wie ich jetzt. Sarah ist bei den Männern mitgefahren und hat es so geschafft, dass eine Frauenkategorie beim Ski-Slopestyle eingeführt wurde. Heute ist Frauen-Slopestyle olympisch. Leider ist Sarah 2012 bei einem Sturz gestorben. Aber auch ohne Vorbilder hatte ich den Drive, immer besser zu werden. Wenn ich Jungs zugeschaut habe, dachte ich mir: Das schaffe ich auch!

Manchmal auch Frust geschoben?

Logisch. 2019 habe ich es endlich geschafft, dass beim Speed and Style in Whistler eine eigene Mädels-Kategorie zugelassen wurde. Fünf Ladys waren dabei. Aber der Kurs war extra schwer gebaut. Sogar einige Männer wie Ryan Howard haben gesagt "Diesen Kurs fahren wir nicht". Wir mussten dann die Strecke adaptieren und konnten nur eine Seite fahren. Im Finale hat es auch noch gewindet und eine Fahrerin hat sich das Schlüsselbein gebrochen. Man hätte auch einfach einen flowigen Trail hinstellen können, der uns hätte gut aussehen lassen. Das war eine richtige Shit Show. Und das hat mich gefrustet.

Biker sind zum größten Teil weiße junge Männer aus der Mittel- oder Oberschicht. Warum ist der Mountainbike-Sport so homogen?

Mountainbiken ist teuer. Wenn einen die Eltern nicht unterstützen, sieht man alt aus. So ist das leider.

Theo Acworth Kathi Kuypers in Action: "Die jungen Fahrerinnen werden immer besser, daneben möchte ich natürlich nicht alt aussehen."Kathi Kuypers in Action: Kathi Kuypers in Action:

Was muss in Zukunft geschehen, um diese Hürden abzubauen?

Erst mal muss man eine breite Basis schaffen, um den Sport für junge Menschen zugänglich zu machen. So was geht sehr gut mit öffentlichen Pumptracks. Auch Freestyle-Hallen, wie sie gerade in der Schweiz in Winterthur gebaut werden, sind wichtig um Skills zu entwickeln. Dann sollten Contests ausgetragen werden, um lokalen Fahrern auf jedem Kontinent eine Chance zu geben sich zu präsentieren. Es wäre auch schön, wenn die Pre-Qualifyings von Contests fairer wären. Wenn man schon einen Ruf hat, ist man eigentlich direkt weiter. Alle anderen haben es dann schwer. Eine wichtige Rolle spielt die mediale Aufmerksamkeit. Wenn Frauen-Events wie Red Bull Formations übertragen werden, dann steigt auch das Preisgeld.

Wie sieht die Zukunft des Frauen-Freeridens aus?

Dass Audi Nines für uns geklappt hat, macht mich happy. Da habe ich lang hingearbeitet und ich bin echt froh, dass in der Szene endlich auch für Frauen was geht. Harriet Burbidge-Smith und Hannah Bergemann, zwei Fulltime-Freeriderinnen, haben jetzt sogar Red-Bull-Helme bekommen, was eine wichtige Anerkennung ist. Ich hoffe, dass mein großer Traum in Erfüllung geht. Ich will vom Freeriden leben können.

Themen: AudiFreeridenInterviewKathi Kuypersnl_freeride_4_21Slopestyle


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