Amir Kabbani im Interview

„Ich mache mir heute weniger Druck“

  • Tim Folchert
 • Publiziert vor 4 Monaten

Amir Kabbani (31) zählte zu Deutschlands besten FMB Slopestylern. Jetzt greift Amir nur noch selten zum Dirtbike. Amir über Social Media, seine neue Leidenschaft und wieso er die FMB World Tour nicht vermisst.

Vogelnest-Helm statt Dirt-Murmel: Mittlerweile genießt Amir auch Enduro-Touren in seiner Heimat im Mittelrheintal.


Du warst Deutschlands erfolgreichster Slopestyler. Jetzt ist es ruhig um dich geworden. Gibt es dafür einen Grund?
Ich habe mich vor kurzem ziemlich zerlegt, dabei zwei Rippen und die Hand gebrochen. Die Milz wurde mir im Krankenhaus auch geklaut. Ich befinde mich also gerade in einer Recovery-Phase. Außerdem bin ich in den sozialen Netzwerken nicht mehr so aktiv, weil mir das alles so ein bisschen auf den Sack geht. Wenn man sich ein paar Tage nicht meldet heißt es gleich: "Es ist ruhig um ihn geworden." Das bedeutet aber noch lange nicht, dass ich meine Fahrrad-Karriere beendet habe.

Aufhören kommt für dich also nicht in Frage?
Nein, auf keinen Fall. Das Fahrradfahren hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin. Es ist meine Passion und ich liebe Fahrradfahren! Es kam zwar noch ein weiteres Hobby dazu aber das Fahrrad ist nach wie vor auf Platz 1 und ich will auch nie aufhören.

Welches Hobby hast du neu für dich entdeckt?
Vor drei Jahren hab ich das Surfen für mich entdeckt. Das ist einfach das Krasseste und Coolste. Surfen taugt mir mega. Nur leider ist Surfen auf dem Rhein schwierig. Deshalb habe ich die Urlaube in den letzten drei Jahren aufs Surfen ausgerichtet. Mountainbiken und Surfen ist sich sehr ähnlich. Irgendwie surfst du auch durch den Trail. Ich brauche den Rush oder Kick beim Sport. Früher habe ich jeden Sport ausprobiert und der Grund, warum ich beim MTB geblieben bin ist, dass man sich so lebendig fühlt. Biken ist vielseitig, es ist körperlich und psychisch sehr fordernd. Und das ist auch der Grund, warum ich das nach 15 Jahren immer noch mache.

Trotz dass du das Biken liebst, hast du die Slopestyle-Karriere hinter dir gelassen. Doch wie sieht es um deine Slopestyle-Skills aus? Welchen Trick könntest du auf Anhieb über einen Jump zaubern?
Ich bin selten auf dem Jumprad unterwegs. Aber wenn ich mal das Dirtbike fahre, läufts noch. Ungefähr 90% der Tricks sitzen noch. Ich bin gefühlt noch sehr fit, auch auf dem kleinen Rad. Flip-Whips oder 360-Whips funktionieren noch. Richtig cool wäre, wenn ich die Tricks auch mit 50 noch machen könnte. Deswegen übe ich noch regelmäßig. Denn wenn ich Tricks lange nicht mache, krieg ich erst Respekt und dann Angst. Das ist gefährlich.

Welchen Trick hast du bereits verlernt?
Um zu sehen, ob ich die Tricks noch kann müsste ich sie mal machen. Ich weiß nicht, ob ich den Flip-Double-Whip oder 360-Double-Whip noch kann. Dafür musst du Feuer und Flamme sein, um die zu stehen. Auf Anhieb würde ich sie wahrscheinlich nicht schaffen.

Welchen Trick würdest du gerne noch lernen?
Ich fliege gerne durch die Luft. Das macht mir Spaß. Tricks natürlich auch. Doch mich kickt eher der flowige Mix. Einen neuen Trick muss ich nicht unbedingt lernen. Denn auf Contests fahre ich nicht mehr. Ich mache mir heute auch weniger Druck. Und das ist auch gut so.

Würde dich trotzdem noch ein Trick reizen, den du gerne lernen würdest?
Mir gefallen Tricks, die du im Manual landest. Ich wollte schon lange mal ne Flipkombo machen und im Manual landen. Ich finde Balancegeschichten und Spielereien auf dem Hinterrad cool. Am Besten kombiniert mit Tricks. So was fordert mich heraus. Heute vielleicht mehr denn je. Sie werten jede Ausfahrt auf. Aber irgendwelche Tricks, für die ich im Foampit üben müsste interessieren mich weniger. Mir gibt das Trailriding den größeren Rush. Fast jeden Tag bin ich hier zuhause in den Wäldern unterwegs. Ich mache mein Ding und poste nicht alles, um potenzielle Follower zufrieden zu stellen. Ich will mal ein bisschen Zeit für mich und mich neu orientieren.

Neuorientieren? Was hat dich an deiner Profikarriere gestört?
Der ganze Sport, samt Medien hat sich extrem verändert. Am Anfang meiner Karriere bin ich sehr erfolgreich Wettkämpfe gefahren, habe nebenbei tolle Fotoprojekte gemacht und für Magazine gearbeitet. Das hatte alles eine hohe Qualität. Heute geht es um Reichweite. Das funktioniert, indem man möglichst oft in den sozialen Medien zu sehen ist. Der Inhalt ist Nebensache. Diese Entwicklung gehe ich nicht mit. Ich war unzufrieden mit dem was ich machen "sollte" um meinem Job als Produkt-Ambassador gerecht zu werden.

Amir Kabbani: "Mir gefallen Tricks, die du im Manual landest.“


Was sagen deine Sponsoren zu deiner Orientierungsphase?
Ich habe letztes Jahr meine Sponsoren informiert, dass ich ruhiger treten will. Dafür bekomme ich weniger Unterstützung. Aber ich brauche einfach mal die Zeit, um zu schauen wohin die Reise geht.

Vor 2 Monaten kam dein Edit "Kabbani" auf Vimeo raus. Bike-Clips mit so einer tiefen Botschaft sind selten.
Stimmt. Doch mein Kumpel Lukas und ich hatten darauf Bock. Ich weiß, dass solche Clips für Sponsoren oft nicht sehr lukrativ sind, in dieser schnelllebigen Medien-Welt. Ich lege schon seit längerer Zeit meinen Fokus auf Videos und habe mir mit dem Edit "Kabbani" einen Traum erfüllt.

Wie haben deine Sponsoren auf deine Ankündigung und den Clip reagiert?
Wir waren am Anfang ein bisschen nervös als wir den Sponsoren unser Konzept vorgelegt haben. Doch sie fanden es gut. Auch die User reagierten positiv. Am Ende geht es den Firmen darum, Fahrräder zu verkaufen. Es geht ums Business. Die Firmen brauchen richtig viele Views, um viele Produkte zu verkaufen.

Und da eignen sich andere Clips besser?
Ja, es ist klar, wie man heute einen Film aufziehen muss, damit er Erfolg hat. Doch das gefällt uns nicht. Filme wie "Kabbani" waren früher erfolgreich, heute nicht mehr. Wir haben es dennoch gemacht.

Reichen deine Sponsorengelder zum Leben aus oder arbeitest du noch nebenbei?
Nein ich kann nicht davon leben. Ich muss nebenbei etwas verdienen. Doch damals habe ich mir ein Kissen aufgebaut, das mir heute meine Orientierungsphase erleichtert. Die jetzige Phase ist wichtig für mich. Früher habe ich für Wettkämpfe gelebt. Danach habe ich Videos gemacht. Doch die Videos haben sich in den letzten Jahren enorm verändert und jetzt muss ich für mich entscheiden, was ich machen will. Und natürlich ob es Sponsoren gibt, die das mittragen.

Amir Kabbani (31) – ehemals bester deutscher Slopestyler. Mittlerweile hat Amir der FMB World Tour den Rücken gekehrt

Hat's immer noch drauf! Amir im Superman durch die Luft.


Vermisst du die FMB-World-Tour?
Nein. Ich bewundere das alles und bin echt froh, dass ich das miterleben durfte. Ja vielleicht sogar mitprägen. Das ist so krass und verrückt geworden. Um nochmal einzusteigen müsste ich mit einem 15 Jahre jüngeren Körper an den Start gehen. Ich bin jetzt 31 und mein Körper ist hier und da schon Bauschutt.

Ist es heute schwieriger Slopestyle-Profi zu sein?
Früher hat Timo Pritzel Backflips gemacht und war damit ein Star. Heute sagen manche, das wäre leicht verdientes Geld gewesen, weil ein Backflip der leichteste Trick der Welt ist. Aber das muss man natürlich immer im Kontext der Zeit sehen. Damals machte niemand solche Backflips. Und niemand ahnte, was alles möglich sein würde. Die Tricks sind viel krasser geworden. Aber der Weg dorthin ist leichter. Du kannst dir auf YouTube tausend Tutorials reinziehen, in dem dir ein Star in 30 Minuten ausführlich den Trick erklärt. Damals hast du vielleicht mal ein BMX-Video gesehen und konntest dir ein bisschen Inspiration holen. Lernen musstest du den Trick alleine. Früher gab es auch noch nicht so viel Geld in dem Sport. Da musstest du arbeiten gehen, um dir dein "Hobby" leisten zu können. Dadurch konntest du natürlich weniger Zeit ins Training stecken. Dafür gibt es heute mehr Konkurrenz. Ich glaube früher war es schwer und heute ist es auch schwer.

Wettkampf ist die eine Art Karriere zu machen – die andere ist Youtube. Was hältst du von dieser Entwicklung?
Jeder kann mit einer Actioncam seine Runs filmen und Youtube-Videos produzieren. Dadurch wandert der Fokus immer mehr auf Vlogs und weniger auf aufwendige Edits. Das ist alles viel schnelllebiger geworden. Doch was ich bei den ganzen Vlogs vermisse, sind hochwertige Kurzclips, wie das ein Brandon Semenuk macht. Tutorials machen es einem schon recht einfach, sich inspirieren zu lassen und sich eine bessere Fahrtechnik oder neue Tricks anzueignen. Kritisch sehe ich dabei, dass sich im Prinzip jeder zum Fahrradprofi ernennen kann und dann mit Halbwissen seinen Kanal füllt. Auf der anderen Seite zwingt einen ja auch keiner diese Videos zu schauen. Wenn man guten Content will, muss man eben selbst wählen, was einem gefällt, wem man vertraut und was zu einem passt.

Schlagwörter: Amir Kabbani Freeride Freerider GT Interview Kabani NL_3_20


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