Training mit Karl Platt

  • Björn Scheele
 • Publiziert vor 11 Jahren

Top-Profis verraten ihre Trainingsgeheimnisse. Diesmal zeigt Karl Platt, wie er ohne starren Trainingsplan fit wird.

Vor einiger Zeit war die Welt noch in Ordnung: Da sammelte Karl Platt noch Grundlagen-Kilometer auf Mallorca. Sonnige 20 Grad wärmten die Haut, während Schneealarm in Deutschland die Straßen lahmlegte. Aber jetzt beißt die Kälte wie ein Pitbull zu. Mitten in Platts Gesicht. Seit 30 Minuten strampelt der Bike-Profi gegen den schneidenden Ostwind, der die Haut taub gefriert. Alles, um sich für das Cape Epic in Form zu bringen. Da kann er auf das Wetter keine Rücksicht nehmen.

Karl Platt gehört seit Jahren zu den besten Etappen-Rennfahrern. Zusammen mit seinem Partner Stefan Sahm gilt das Team als Dauerfavorit, egal ob bei der CRAFT BIKE Transalp oder beim Cape Epic. Über Jahre perfektionierte der Osthofener sein Training, um das sich immer mehr Mythen ranken. 350-Kilometer-Touren sollen Platt stärken. 7000-Höhenmeter-Einheiten frühstückt er an einem Tag ab. Aber was ist an diesen Legenden wirklich dran? Nach welchem System trainiert Platt?

Schon nach den ersten Sätzen des Profis macht sich Ernüchterung breit: “Ich fahr wann und wie ich will. Ich hab keinen Plan.” Nach Gefühl trainieren, nennt er das und erklärt, dass er dabei immer genau auf seinen Körper hört “Wenn ich merke, dass ich heute gute Beine habe, presse ich eben die Berge alle hoch.” Klar habe er ein grobes Gerüst, das aus Grundlageneinheiten im Winter und schnellerem Training in der Saison besteht. Damit habe sich das aber schon. “Ich glaube, das ist gut für die Art Rennen, die ich fahre. Du kannst nie etwas voraussehen. Ein Cross-Country-Rennen ist vorhersehbarer – der Kurs wird immer wieder abgefahren und die Intensität bewegt sich im Maximum. Bei einem langen Etappenrennen weiß man nicht, was passiert. Da wird mal gebummelt und dann plötzlich wieder Vollgas gefahren.”

Die Hände sind blass vor Kälte. Zwischen den kahlen Rebstöcken pfeift der Wind. Platt nuckelt aus der halbgefrorenen Flasche und winkt ab: “Ich brauch was Warmes.” Seit 70 Kilometern bei minus fünf Grad zittert Platt sich schon durch die Pfalz. In einer kleinen Ortschaft biegt er bei einer Bäckerei ein. Er klickt aus und steigt wie eingerostet vom Rad. Beim Bäcker ordert er Kaffee und Krapfen. Riegel oder Gel im Training gibt es nicht. Das esse er schon immer im Rennen, sagt er, während die Krapfenfüllung über den Handschuh läuft.

Platt lässt sich nicht in ein Trainings- oder Ernährungsschema stecken. Genau daran scheiterten schon etliche Trainer. “Wenn ich einen Plan habe, setzt mich das unter Druck. Ich habe richtig Angst, wenn zum Beispiel harte Intervalle gefahren werden sollen.” Jetzt, bei den Grundlageneinheiten, fährt er Wohlfühl-Tempo: eine Geschwindigkeit, die er mit “da kannste noch richtig gut quatschen” beschreibt. Zumindest wenn die Temperaturen es zulassen. Wie lange er fährt, hängt immer von seiner Laune ab – aber 300 Kilometer können schon mal drin sein. Essen und trinken besorgt er sich unterwegs. “Ich liebe es, im Training nach Frankreich zu fahren und dort einen Kaffee und Kuchen zu genießen,” erklärt Platt.

Den letzen Puderzucker klopft er aus dem Bart, während draußen der Schnee die Straße überzuckert. Kurz noch die Hände an der Kaffeetasse aufwärmen, bis es weitergeht. 50 Kilometer noch.


TRAINING NACH GEFÜHL
– SO FUNKTIONIERT’S


Tag X als Orientierung

Wer ohne Puls und Trainingsplan unterwegs ist, sollte sich eine grobe Struktur zurechtlegen. Wollen Sie ein bestimmtes Rennen fahren? Bauen Sie Ihr Gefühls-Training an diesem Datum auf. Das heißt: Starten Sie ein Grundlagentraining im Winter, das Ihnen eine solide Basis schafft. Im Frühling streuen Sie bergigere Einheiten ein. Sechs Wochen vor dem Termin verkürzen Sie das Training – fahren dafür aber intensiver.


Leistungsbereiche abstecken

Wie schnell ist Grundlagentraining? Wer ohne Pulsuhr unterwegs ist, kann andere Hilfsmittel zur Messung der Anstrengung nehmen. Im Grundlagenbereich kann man sich noch sehr gut unterhalten. Im Grundlagen-Bereich-2 werden die Sätze schon kürzer und das Training nach zwei Stunden anstrengend. Im Entwicklungs- oder Spitzen-Bereich bleibt kaum noch Luft zum Reden. Tipp: Leihen Sie sich einen Pulsmesser, der Daten aufzeichnen kann. Kleben Sie das Display ob und schauen Sie nach der Tour wie Ihr Gefühlstraining mit der Herzfrequenz übereinstimmt.


Vielseitig biken

Wer nach Gefühl fährt, neigt schnell zur Monotonie. Wer gerne langsam fährt, wird generell gemütlich fahren. Versuchen Sie, diese Einseitigkeit zu meiden. Suchen Sie Strecken, die zum Beispiel wellig sind.

Den letzen Puderzucker klopft er aus dem Bart, während draussen der Schnee die Strasse überzuckert.


Lesen Sie das BIKE Magazin. Einfach digital in der BIKE-App (iTunes und Google Play) oder bestellen Sie es im Shop als Abo oder Einzelheft:

iTunes Store Google Play Store Delius Klasing Verlag