Jay Petervary Jay Petervary

Superkräfte beim Biken: Langstrecken-Star Jay Petervary

Das Geheimnis von Ultra-Biker Jay Petervary

Björn Kafka am 13.01.2018

Berge hochfliegen oder unendliche Strecken meistern – manche Leistungen wirken wie aus einem Superhelden-Comic. BIKE fragt MTB-Stars: Jay Petervary – Ausdauerass und Mentalmeister der Ultraszene.

Noch 1045 Kilometer: Der Asphalt heizt von unten, während Jay Petervary wie durch einen Strohhalm atmet. Seit zehn Tagen sitzt der US-Amerikaner auf dem Bike, vor 30 Minuten setzte er eine Attacke, um sich an die Spitze des Rennens zu katapultieren, doch dann das: Jay schnürt es die Kehle zu. Jeder Tritt fühlt sich an wie ein Kampf durch Hefeteig. Jay steigt vom Rad, legt sich auf den Boden und blickt in den Sternenhimmel. Er atmet tief ein und murmelt beruhigend vor sich hin. Asthma – sein großer Feind hat wieder zugeschlagen.

Wer an Mountainbike-Ultrarennen denkt, kommt nicht an Jay Petervary vorbei. Der Amerikaner setzt seit Jahren Maßstäbe in der Szene: sowohl mit unfassbaren Leistungen, als auch mit Siegen oder Innovationen, die in der Grauzone des technisch Erlaubten liegen. Seine größten Erfolge feierte er bei der Tour Divide. Einem Rennen, das sich gerne selbst als härtestes der Welt bezeichnet – und damit haben die Organisatoren nicht ganz unrecht. 4418 Kilometer lang durchqueren die Sportler die USA. Es gibt kein Preisgeld, keine TV-Übertragungen, keine Fans am Streckenrand. Das Einzige, was an die Außenwelt dringt, sind GPS-Signale der einzelnen Biker. Im Grunde ist man auf dem Weg von Kanada bis nach New Mexiko permanent alleine – abgesehen von den wilden Hunden, Grizzlies, Schneestürmen oder der Bruthitze im Süden. Hilfe von außen ist verboten, Windschattenfahren ebenso. Wenn das Rad im Nirgendwo versagt, muss man schon mal 50 Meilen laufen. Die Hälfte der Teilnehmer steigt aus. Genau diese Extremmischung liebt Jay Petervary.

Jay Petervary

Jay Petervary in Aktion

Der hat es sich jetzt in seinem optimierten Schlafsack bequem gemacht – wenn man davon sprechen kann. Denn aus der Schlafsackhülle hat er die Füllung so lange herausgeklopft, bis nur noch da Isolation steckt, wo Petervary sie benötigt: am Oberkörper. Sein Atem hat sich in der Zwischenzeit beruhigt. "Als ich mit Bikepacking begann, versuchte ich schon immer, mein Gepäck so schlank wie möglich zu gestalten. Teilweise hatte ich bei Rennen nur eine Plastiktüte mit. Wenn ich mit anderen Sportlern fuhr, kuschelten wir uns dicht aneinander, um nicht zu frieren – wie Welpen. Das waren echte Scheißzeiten, ich hatte kein Geld für Ausrüstung. Aber diese Härte hilft mir heute während der Rennen", erklärt Jay und kramt in seiner Tasche. Er fischt einen Snickers-Riegel raus, knabbert daran und schließt die Augen.

Seit Anfang der Neunziger Jahre bestreitet Jay Abenteuer-Bike-Rennen. Der heute 45-Jährige sieht all diese Jahre als großen Lernprozess für Mehrtagesrennen. Petervary gibt selbst zu, dass er körperlich nicht mehr 30 ist, doch mit clever geplantem Training, genug Erholung und einer starken Psyche bestimmt er trotzdem noch immer die Szene – seit über zehn Jahren. Der gelernte Tischler trainiert dabei eher harte, kurze Intervalle und nutzt lange Eintagesrennen, um sich die nötige Grundlage zu verschaffen. Fast genauso viel Zeit wie für Training, verbringt er mit Materialtests. Er ist getrieben von der besten Reifenwahl, der leichtesten Ausrüstung und jeder Kleinigkeit, die ihm einen Funken Vorsprung verschaffen könnte. Petervary spannte sich zum Bespiel ein Stück Stoff als Segel ans Bike, um den Wind zu nutzen. Er achtet auf aerodynamische, aber robusteste Kleidung oder auf die leichteste Stirnlampe. Manche dieser Innovationen und Rennentscheidungen brachten ihm den Spitznamen Cheatervary (Betrüger-Vary) ein.

Der Handy-Wecker klingelt ihn aus dem Schlaf. Vier Uhr morgens, die Sterne funkeln über dem warmen Highway. Jay holt tief Luft – alles wieder gut. Er packt seine Tasche und erzählt dazwischen, wie er mit Problemen auf Mehrtages-Touren umgeht.

Fotostrecke: Mountainbike Training: Superkräfte beim Biken

"Jedes Rennen schmerzt. Ich habe über die Jahre viel ertragen und aus diesen Schmerzen gelernt. Meine Achillessehne war mal entzündet, mein Knie dick wie ein Ballon, oder der Rücken schmerzte, als ob ein Messer darin steckte. Ich fuhr trotzdem weiter", sagt Jay und schwingt sich schlaftrunken aufs Bike. Er sehe diese Schmerzen nur als Dinge, durch die man durchfahren müsse. Mit dem Alter falle es immer leichter, mit Schmerzen umzugehen. Zudem lasse er den Schmerz nicht zu nahe an sich heran. Was der 45-Jährige damit meint, ist das Fokussieren auf Daten und die Rennleistung. Petervary schaut permanent auf seinen Kilometerstand, seine Wattleistung und verfolgt diesbezüglich eine klare Marschroute. Wenn er abschweift, ist das für ihn nur ein Zeichen für eine Rückfokussierung auf das Wesentliche.

Noch 936 Kilometer: Der Asphalt kocht wieder von unten. Petervary atmet ruhig und hockt aerodynamisch auf dem Bike. Die Nacht zeichnet sich etwas unter seinen Augen ab, aber das kennt er. Er weiß, dass in 60 Meilen die nächste Tankstelle mit Kaffee wartet. Das treibt ihn jetzt an, das treibt ihn auch noch die nächsten drei bis vier Tage an, bis er in Antelope Wells über die Ziellinie fährt – hoffentlich ohne Strohhalm im Hals. 


MIND OVER MUSCLE

Was entscheidet darüber, ob wir im Erschöpfungszustand aufgeben oder durchziehen? Wer sich die Sportphysiologie anschaut, wird schnell zum Schluss kommen, dass es erschöpfte Muskeln sind. Geringe Sauerstoffzufuhr, zu geringe Kohlenhydrataufnahme und PH-Wert-Verschiebung in der Muskulatur: Unser Körper streikt. Diese Werte werden täglich in Laboren gemessen, um Leistungsdaten zu erhalten. Doch oftmals korrelieren die Werte nicht mit den erbrachten Leistungen in einem Wettkampf. Im Rennen leisten Sportler häufig mehr! Woher kommt dieser Unterschied? Woran liegt es, dass scheinbar schwächere Sportler stärkere abhängen? Dieser Umstand ließ Professor Tim Noakes die Central Governor Theory entwickeln. Diese besagt: Das Gehirn stoppt körperliche Arbeit, bevor der Körper sich Schaden zufügt. Somit liegt der begrenzende Faktor nicht allein in den Leistungsdaten, sondern vielmehr im Gehirn. Und das kann trainiert werden. Indem man sich extremen Reizen aussetzt, gewöhnt es sich an Grenzsituationen. Petervary nutzt Trainingsfahrten, um sich mental abzuhärten: sei es mit sehr wenig Schlaf, Essen oder extrem harten Intervallen. 

Jay Petervary

Das Gehirn stoppt körperliche Arbeit, bevor der Körper sich Schaden zufügt.


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Björn Kafka am 13.01.2018