Seite 1: Cross-Training - Alternative für Mountainbiker

Macht Training auf dem Cross-Rad Sinn?

  • Florentin Vesenbeckh
 • Publiziert vor 4 Jahren

Sie sehen aus wie Rennräder, sind aber direkt verschwägert mit Mountainbikes: Querfeldeinräder, genannt Crosser. Die schmal bereiften Flitzer sind wie gemacht fürs Wintertraining. Ein Selbstversuch.


Mein Hirn sagt: Was du siehst und was du spürst, das passt nicht zusammen.

Der Trail wiegt sich durch sanfte Kurven, aus dem Waldboden stülpen sich nur winzige Wurzeln. Aber die Rezeptoren melden: Alarm! Jetzt weiß ich, was Erik Becker gemeint hat. "Selbst ein sehr guter Fahrtechniker kommt mit dem Crossrad schnell an seine Grenzen", hatte mir der Mountainbike-Trainer und ehemalige Deutsche Querfeldein-Meister beim Einrollen auf der Schotterpiste erklärt. Jetzt gibt er auf dem schmalen Pfad die Linie vor. Ich bin mitten in einem Selbstversuch und beginne, die Trails, die ich bisher als uninteressant abgetan habe, mit neuen Augen zu sehen. Starre Gabel, starrer Hinterbau, fast vier bar Luft in den 33 Millimeter breiten Reifen: Das Bike in Rennradoptik leitet Schläge kleinster Kiesel über den Lenkerbogen direkt ins Nervensystem. Eines ist sofort klar: Crossradfahren, das ist Hardtail-Holpern im Superkonzentrat.

"Auf dem Cyclocrosser absolvierst Du automatisch ein Athletiktraining. Arme, Oberkörper, Rumpfmuskulatur, alles wird gefordert", lächelt Erik auf dem nächsten Schotterabschnitt. Die Belastung der verschiedensten Muskelgruppen ergibt einen sehr hohen Energieumsatz. So lässt sich schon mit kurzen Einheiten viel erreichen. Ideal, wenn im Winter die Tage kürzer werden und die Kälte lange Grundlageneinheiten zur Qual machen. Gerade Hobby-Biker profitieren von der ungewohnten Belastung. Es sei enorm wichtig, immer wieder neue Reize zu setzen, um der Gewöhnung des Körpers entgegenzuwirken, erklärt der ehemalige Rennradprofi, der heute die Mountainbiker am Olympiastützpunkt sowie den Bayern-Kader trainiert.

Mit einem breiten Grinsen nimmt er die nächste Rampe im Wiegetritt. "Einfach geil", grinst er. "Das ist genau der Grund, warum jeder, der zum ersten Mal auf dem Crosser sitzt, so begeistert ist."

Unterwegs mit Kader-Trainer Erik Becker: Redakteur Florentin ist normalerweise mit einem Enduro unterwegs. Die Crosser-Ausfahrt mit Erik fand er dennoch super. 

Ich nicke und spüre, wie jedes Körnchen Kraft, das ich auf die Pedale bringe, direkt in Vortrieb umgewandelt wird. Dass mein Alltagsenduro dieses Gefühl nicht bieten kann, ist klar. Aber auch im Vergleich zu meinem 29er-Hardtail ist das Querfeldeinrad ein meilenweiter Unterschied.

Unter Rennfahrern hat der Umstieg auf die schmal-bereiften Räder im Winter Tradition. Sowohl, um Rennen zu fahren. Aber auch, um im Trainings-Alltag eine Alternative zum Straßenrad zu haben.

"Mit dem Crosser bin ich viel flexibler und kann das Training abwechslungsreicher gestalten", weiß auch Elisabeth Brandau. Die Marathon-Spezialistin wurde 2016 Deutsche Meisterin im Cyclocross.

"So komme ich viel motivierter über den Winter", begründet sie ihre Renneinsätze. Sogar Downhill-Legende Steve Peat schwingt sich im Winter regelmäßig auf den Crosser. "Auf langen Ausfahrten kann ich nach Lust und Laune zwischen Forstweg, Trail und Straße wechseln, je nach Bedingungen. Ein echter Spaßbringer", sagt der Brite. Der Trainer von Olympia-Sieger Nino Schurter hat allerdings auch warnende Worte parat: "Wer zusätzlich zu einer Mountainbike-Saison im Winter Crossrennen fährt, muss aufpassen, dass die Belastung nicht zu hoch wird. Eine Pause ist immens wichtig, bevor ich nach der Saison auf den Crosser steige", warnt Nicolas Siegenthaler. Für Otto-Normal-Biker sei das natürlich weniger ein Problem.

Die nächste Schlüsselstelle reißt mich aus meinen Gedanken. Gerade noch rechtzeitig sehe ich, wie Vordermann Erik sein Hinterrad über die große Querwurzel hebt. Mit dem Bike hätte ich das Hindernis kaum wahrgenommen. "Du lernst wieder, aktiv zu fahren. Und präzise. Mit dem Gelände fahren, anstatt das Bike gegen das Gelände arbeiten zu lassen", ruft Erik. Er wischt die Regentropfen von seinen Brillengläsern und strahlt: "Perfektes Crosswetter." Der Fahrtwind zerfetzt die Kondensationswolke, die sein Atem in die kalte Morgenluft bläst.

Von den überragenden Grip-Eigenschaften der dünnen Crossreifen auf Schnee, von denen Erik so schwärmt, können wir uns auf unserer Runde leider nicht überzeugen. Keine Panik, denke ich. Der Wintereinbruch kommt bestimmt.



1x1 FÜR UMSTEIGER

Gewusst wie: So holen Mountainbiker das Optimum aus dem Winter-Training mit dem Cyclocrosser.


1. Laufen
Trage- und Laufpassagen in die Trainings-Runde integrieren. Das hält im Winter die Füße warm, bringt Abwechslung und trainiert vernachlässigte Muskelpartien in Beinen und Oberkörper.


2. Rückenschule
Der Rennlenker am Crosser bietet unterschiedliche Griffpositionen. Das ist auf langen Ausfahrten angenehm, da variiert werden kann. Die Positionen sollten bewusst durchgewechselt werden, das aktiviert neue Muskelgruppen und stärkt den Rücken.


3. Ziele
Setzen Wie wäre es mit einem Crossrennen zum Ende des Winters? Wer ein klares Ziel verfolgt, ist motivierter als derjenige, der sich nur vornimmt, fit durch den Winter zu kommen. Es gibt viele Jedermann-Rennen,
bei denen Hobby-Biker Wettkampfluft schnuppern können.


4. Dosiert Starten
Sowohl in puncto Gelände-auswahl, als auch in Sachen Tempo langsam rantasten. Anforderungen und Belastungen auf dem Crossrad unterscheiden sich deutlich von denen beim Mountain-biken und Rennradfahren – das braucht Gewöhnung.


5. Luftnummer
Reifenbreite und Luftdruck beeinflussen das Fahrverhalten massiv, genau wie beim Mountainbike. Hobby-Crosser sollten für Geländeeinsätze mindestens auf 33 bis 35 Millimeter Reifenbreite setzen. Je nach Fahrergewicht und Gelände reichen 2,5 bis 4 bar. Gegen Durchschläge helfen Tubeless-Montage oder Klebereifen.


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Themen: Cross-TrainingTraining


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