Blog Mission Crocodile Trophy #7

#MissionCrocodile: Philosophischer Exkurs

  • Stefan Schmeckenbecher
 • Publiziert vor 2 Jahren

#MissionCrocodile-Kandidat Stefan ist deutlich unter 40 Jahre alt. Und doch hat er das Gefühl, bereits gegen den körperlichen Verfall zu arbeiten. Damit ist er nicht alleine. Schöne Sache, eigentlich.

Heute mal etwas Nachdenkliches. Man kommt ja viel zum Denken auf dem Rad...heute will ich mal so ein paar philosophische Annäherungen an meine Mission im Speziellen und die Welt im Allgemeinen wagen.

Über das Älterwerden

Es scheint ein recht verbreitetes Phänomen zu sein, dass Menschen, die das Gefühl erschleicht, ihre fittesten Jahre hinter sich zu haben, plötzlich anfangen, sich gegen den Zahn der Zeit aufzubäumen. Da werden Marathons und Tough-Mudder-Rennen gelaufen, wo einst Joggen noch albern schien. Da werden Fahrräder gekauft, in deren Preisklasse früher locker ein Mittelklasse-Gebrauchtwagen drin war.

Ich bin so froh darüber, dass ich in Sachen Fitness gerade wieder auf dem aufsteigenden Ast bin. Aber ich weiß, dass ich’s ohne die Mission Crocodile nicht wäre – ohne die attraktiven Anreize oder die Öffentlichkeit, die mit ihr einher gehen. Und es stimmt mich nachdenklich, wieso ich mich dafür überhaupt beworben habe, wieso ich weiterhin so heiß darauf bin. Eine Antwort ist sicher: Ich wehre mich gegen meinen Verfall. Das klingt recht drastisch...ich sag mal "gefühlter Verfall", also des Körpers und seiner Fitness im Vergleich zu einstigen Leistungssport-Zeiten: graue Haare, gemütliches Bäuchlein, weniger Sport und so weiter.

Ja, ich glaube, all das Rennen und Radeln hat mit so einer Art Midlife-Crisis zu tun. Wir beweisen uns, dass wir’s noch können. Schöne Sache eigentlich :-)

Über die Gesundheit

Vor wenigen Tagen wäre mein Vater 60 geworden - wenn er nicht schon vor 10 Jahren gestorben wäre. Er ist mir kein Vorbild, wenn es um den achtsamen Umgang mit dem eigenen Körper geht. Er hat andere Qualitäten. So richtig gesund ist das, was ich derzeit betreibe, jedoch sicher auch nicht. Die Dreifachbelastung mit Familie, Job und Mission Crocodile zehrt bisweilen schon auch an der Substanz – eher an der psychischen oder seelischen, als an der körperlichen.

Mit diesen ersten Anzeichen von Midlife-Dings gehen noch zwei, drei weitere spannende Randerscheinungen einher, die viele Menschen ab den mittleren Dreißigern bewegen: das Thema Familie und Kinder sowie das Berufsleben - beides oft mit richtungsweisenden Entscheidungen und/oder besonderem Energieaufwand verbunden.

Am Geburtstag meines Vaters traf ich wie zufällig einen guten Bekannten, der seit mehr als einem halben Jahr arbeitsunfähig ist, weil er sich über sein erträgliches Maß verausgabte und förmlich ausbrannte. Ich denke oft: "Du würdest es schon merken, wenn du Gefahr läufst an den Rand deiner Belastbarkeit zu geraten." Gleichzeitig weiß ich, dass all jene, die’s erlebt haben, schließlich auch nicht von gestern sind.

Mein Supervisor nannte meinen Zustand einmal recht treffend "wenn einem die Seele etwas flüstert". Ich habe jetzt zu entscheiden, genauer hinzuhören oder interventionsfrei weiter zu machen. Nun ist es so, dass ich erstens weiß, dass die Seele so ihre Möglichkeiten hat, einen zu bremsen – wenn es sein muss, auch mit ungemütlicher Deutlichkeit - und zweitens bin ich äußerst interessiert daran, was meine Seele so flüstert.

Also folge ich gerne dem Rad ... äh ... Rat meiner inneren Stimme und der sieht vor, allem Schnellen und Reiz-reichen von außen, etwas Entschleunigtes, Reizarmes mit Blickrichtung nach innen nebenan zu stellen. Da die Meditation nicht so meins ist und ich viel und gerne über den Körper agiere, schenke ich mir 10-15 Minuten Yoga am Morgen. Abends verzichte ich dafür des Öfteren auf den Blick auf irgendein Display. Zwei kleine Maßnahmen, die für mich bisweilen echt einen Unterschied in Sachen des inneren Gleichgewichts machen.

Über Leistungssportler und ihren Antrieb

Was steckt dahinter, dass ich als Beachvolleyballer einen riesigen Aufwand auf mich nahm, um bei insgesamt Hunderten Wettkämpfen anzutreten? Oder dass Radfahrer/-innen an Rennen teilnehmen? Wenn sich die Antwort auf die Liebe zum jeweiligen Sport beschränkte, braucht’s eine Erklärung, warum man sich dann nicht drei Kumpels und einen Ball schnappt und auf den nächstgelegenen Beachcourt schlendert oder direkt an der Haustür mit dem Bike startet.

Ich glaube, es gibt mindestens eine weitere Antwort, die oft nicht so bewusst wahrgenommen wird: Wer sich mit anderen messen will, braucht die extra Portion Anerkennung seiner Leistung. Er oder sie will geliebt werden, will den eigenen Wert im Vergleich zur/zum Anderen definieren. Das ist menschlich und beschränkt sich nicht auf Leistungssportler. Gleichzeitig finde ich, es macht Sinn, dass gerade wir uns Gedanken dazu machen, wie viel Antrieb und Getriebensein, wie viel Kraft und Abhängigkeit vom Außen dabei generiert werden.

Über Social Media

Die #MissionCrocodile hat mich ja nun veranlasst, plötzlich ein paar einschlägige soziale Medien zu nutzen, gar einen Blog zu schreiben. Was mir auf Facebook und Instagram auffällt: Jede/r ist bemüht, ihre/seine Welt in den schönsten Farben zu zeichnen. Egal ob Kätzchen-Video, Sonnenauf- und Untergänge oder MTB-Stunts – wenn Missstände gezeigt werden, dann um sich lustig zu machen, sich daran zu ergötzen ("Fails") oder dadurch, dass der Zeigefinger mit diversen Botschaften auf andere gerichtet wird. Ich verstehe, dass das einen gewissen Unterhaltungswert hat, auch, dass man sich von solcherlei Konsum abhängig machen kann. Echter Mehrwert und authentischer Umgang mit sich und der Welt entsteht jedoch eher selten.

Nun bin ich überzeugter Anhänger und Fan dieses unseres Lebens – das liegt mitunter daran, dass wir Menschen eben nicht einfach nur gut oder intelligent oder liebevoll etc. sind. Wir sind bisweilen extrem vielfältig und ambivalent. Zu jedem Licht in und an uns gehört auch ein Schatten. Ich finde, wir könnten uns öfter auch im Austausch mit anderen – online oder analog – im Ganzen zeigen, inklusive unserer vermeintlichen Fehlbarkeit.

Mit diesem Blog will ich einen Teil dazu beitragen.

Stefan Schmeckenbecher (37) ist ehemaliger Beachvolleyballer, stand noch nie an einer Marathon-Startlinie und hat sich bei unserer  BIKE Mission Crocodile Trophy  gegen 150 Kandidaten durchgesetzt. Sein Ziel: die Crocodile Trophy in Australien im Oktober 2018.

Gehört zur Artikelstrecke:

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