So gelingt das Hinterradumsetzen in Spitzkehren So gelingt das Hinterradumsetzen in Spitzkehren So gelingt das Hinterradumsetzen in Spitzkehren

Fahrtechnik: Hinterrad umsetzen

So gelingt das Hinterradumsetzen in Spitzkehren

  • Laurin Lehner
 • Publiziert vor 8 Jahren

Wer sein Hinterrad umsetzen kann, bezwingt selbst engste Spitzkehren – und das mit Stil. BIKE-Leser Robert Schmid will nicht mehr plump um die Kurve kriechen. Es ist Zeit für die gehobene Variante.

Spitzkehren meistern, ohne das Hinterrad umzusetzen – das ist wie Spaghetti­essen mit Messer und Gabel. Es erfüllt so einigermaßen seinen Zweck, ist aber weder effizient noch elegant.

Besonders enge Spitzkehren lassen sich nur bezwingen, wenn man das Hinterrad umsetzt – das weiß auch BIKE-Leser Robert Schmid (36). Zwar kann man Robert als ambitionierten Mountainbiker bezeichnen, doch der Feinschliff fehlt ihm noch. Bisher vermied es unser Proband, bei engen Spitzkehren das Hinterrad zu versetzen, zuckelte stattdessen lieber im Schneckentempo ums Eck – und hoffte, dass sein Hinterrad nirgends hängen bleibt. Das will er nun aus zwei Gründen ändern. Erstens: In Spitzkehren trennt sich die Spreu vom Weizen – und Robert will zum Weizen gehören. Und zweitens: Im Herbst will Robert die Trainer-Prüfung als Bikeguide bestehen. Er spekuliert darauf, dass er dieses Manöver in der Prüfung zeigen muss. Der Online-Aufruf für ein Einzel-Seminar mit Fahrtechnik-Experte Stefan Herrmann kam für Robert also wie bestellt.

Franz Faltermaier Robert Schmid (36): Wohnt in München; Mountainbiker seit 2004; fährt meist Singletrails/Touren; fährt ein Specialized Stumpjumper; fährt am liebsten im Chiemgau

Auf einer BMX-Bahn nahe München wartet Stefan mit Kletterseil und Verkehrshütchen. Damit will er Robert heute das Bewegungsmuster einbläuen – erst dann geht’s auf den Trail zur "scharfen" Kurve. Stefan will ihn mit drei Übungen fit für die Spitzkehre machen. Doch was ist das denn? Bevor es wirklich losgeht, rebelliert Roberts Bremse. Der Druckpunkt zickt. "Klassiker”, quittiert Stefan. 50 Prozent der Bikes seiner Fahrtechnik-Teilnehmer haben technische Mängel. Ohne definierten Druckpunkt an der Bremse haben selbst Profis Schwierigkeiten bei diesem Manöver. Stefan versucht es mit Bremsenreiniger, doch das hilft nur kurzzeitig – neue Beläge müssen her. Nach der Zwangspause geht es endlich los.

Franz Faltermaier Stefan Herrmann, Fahrtechnik-Experte: "Das Umsetzen bei Spitzkehren ist der Einstieg ins Trial-Biken und beweist echte Bike-Beherrschung. Wer diese drei Schritte übt, macht im Nu Fortschritte. Wer jedoch unbeholfen in die Eisen geht, riskiert einen Abflug über den Lenker – also langsam rantasten."

Übungen zum Hinterradumsetzen


Bei der ersten Übung dreht sich alles darum, den Druckpunkt der Bremse kennen zu lernen. Dazu läuft Robert neben seinem Bike her und zieht die Bremse so dosiert, dass das Hinterrad ständig in der Höhe schwebt, während sein Vorderrad weiterrollt.

Franz Faltermaier Schritt 1:  Finde den Druckpunkt – Dosiertes Bremsen ist enorm wichtig –  vor allem bei diesem Manöver. Stefans Übung: Laufe neben Deinem Bike  her und bremse so dosiert mit der  Vorderradbremse, dass Dein Hinterrad beständig auf einer Höhe bleibt.  Dafür muss Deine Bremsanlage technisch einwandfrei funktionieren. 


Für die zweite Übung ist Mut gefragt: Er soll auf einer Teerabfahrt die Bremse ziehen und das Heck anheben. Das kostet anfangs Überwindung! Wer hier unbeholfen in die Vorderradbremse greift und zu beherzt nach vorne kippt, riskiert einen Abflug über den Lenker – die Urangst jedes Mountainbikers. Robert macht schnell Fortschritte. Stefan kann also endlich sein Kletterseil ausrollen. Damit simuliert er Spitzkehren auf dem Asphalt.

Franz Faltermaier Schritt 2: Hinterrad hoch: Üben kann man überall. Am leichtesten fällt es jedoch auf einer Schrägen mit griffigem Untergrund (siehe Bild). Sobald Du die Vorderradbremse ziehst, gehen die Beine und Arme aus der Beugung in die Streckung. Hier gilt: langsam herantasten!

Stefan weiß: Der dritte Schritt fällt am schwersten. Denn jetzt muss alles passen – alle drei Aktionen zu koordinieren, das ist die große Kunst. Die Vorderradbremse ziehen, das Gewicht nach vorne bringen und die Hüfte nach außen schwenken. Viele Biker stoßen dabei an die Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit. Robert hat den Hüftschwung nach einer knappen Stunde drauf.

Franz Faltermaier Schritt 3: Impuls setzen – Nun kommt der entscheidende Impuls – nämlich der zur Seite. Dafür muss Deine Hüfte zum Kurvenäußeren schwingen, das Heck folgt automatisch (siehe Bild). Sobald Du merkst, dass Dein Hinterrad über der gewünschten Stelle schwebt, lässt Du die Vorderradbremse dosiert los – das Heck schnappt nach unten. Wer das Hinterrad noch eleganter umsetzen möchte, lenkt bei der Anfahrt leicht ins Kurveninnere.

Hinterradumsetzen bei Spitzkehren


Genug mit dem Vorspiel: Jetzt ist es Zeit für eine richtige Spitzkehre im Gelände. Die hat kaum Grip und ist erschreckend steil – steiler als auf dem Übungsgelände. Erst macht es Stefan vor – in Perfektion natürlich. Dann ist Robert dran. Er fährt an, bremst, hebt und schwingt. Stefan ist begeistert, Robert erst recht, und wir Zuschauer hätten uns insgeheim ein paar Fehlversuche gewünscht, natürlich nur für die Dramaturgie der Geschichte. Robert ist das egal. Seine nächsten Versuche gelingen ebenfalls. Von nun an will er bei engen Kurven nur noch umsetzen. Spaghetti­essen mit Messer und Gabel – das sollen andere machen.

Franz Faltermaier So funktioniert es: Hinterrad umsetzen in technischem Gelände


1. Anfahrt: Stefan fährt langsam und mit gebeugten Beinen und Armen an. Dabei fixiert er bereits einen Punkt, wo er das Vorderrad zum Stillstand bringen kann. Wichtig: Das Hinterrad muss genug Raum zum Schwenken haben.
2. Bremsen und Umsetzen: Sobald das Vorderrad die gewünschte Stelle erreicht, zieht Stefan die Vorderradbremse. Gleichzeitig gehen Beine und Arme dynamisch in die Streckung und unterstützen so die Gewichtsverlagerung nach vorne. Folge: Das Hinterrad hebt ab. Gleichzeitig gibt Stefan per Hüftschwung den Impuls zum Kurvenäußeren – das Heck folgt automatisch.
3 Bremse lösen: Sobald das Hinterrad die gewünschte Stelle erreicht hat, löst Stefan die Bremse dosiert – das Hinterrad senkt sich. Freie Fahrt.

Franz Faltermaier FALSCH – Fehleranalyse: Wer nur plump die Vorderradbremse zieht, ohne die Bewegung nach vorne zu unterstützen, kriegt sein Hinterrad nie hoch. Denn ohne Druck auf dem Vorderrad geht nichts. Außerdem vergisst Stefan hier den Impuls zur Seite zu geben. Schließlich will er sein Heck ins Kurvenäußere schwenken. Achtet auf seine Hüfte, die ist in einer Linie zum Vorbau – so tut sich sicher nichts. Denn, ohne Hüftschwung bleibt das Hinterrad da, wo es ist.

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