MTB-Fahrtechnik: Balance halten MTB-Fahrtechnik: Balance halten MTB-Fahrtechnik: Balance halten

Fahrtechnik: Besser balancieren auf dem Mountainbike

MTB-Fahrtechnik: Balance halten

  • Laurin Lehner
 • Publiziert vor 8 Jahren

Balance auf dem Bike gehört zu den Grundfähigkeiten eines Mountainbikers. Nirgends spielt die Kopfarbeit eine so große Rolle. BIKE-Leserin Maria Clauss ließ sich auf ein Mental-Seminar ein.

Slackliner Andy Lewis setzte einen Fuß auf den Spanngurt, dann den zweiten. Er balancierte über den schmalen Stoffstreifen. Seine Arme ruderten durch die Luft, um Balance zu halten. Unter ihm gähnten 900 Meter Leere. Ein Fehler und er wäre tot gewesen. Bei seinem Rekordversuch verzichtete der Slackliner auf ein Sicherungsseil. Dennoch wagte Andy Lewis den haarsträubenden Stunt, denn er wusste: Ich schaff das! Wer mental stark ist, kann selbst den Tod ausblenden und ungesichert zwischen Schluchten wandeln oder barfuß über heiße Kohlen laufen. Diese Willensstärke ist auch beim Biken gefragt. "Der Ritt über den Baumstamm ist sechzig, siebzig Prozent Kopfsache", weiß Fahrtechnik-Experte Stefan Herrmann.

Franz Faltermaier Maria Clauss (28): Wohnt in Pforzheim; Mountainbikerin seit 2008; fährt meist Singletrails; fährt ein Fatmodul ANT; am liebsten im Bikepark Lac Blanc unterwegs

BIKE-Leserin Maria Clauss nickt zustimmend, während sie seinen Worten lauscht. Sie will heute endlich die Angst vor dem Balance-Ritt über Baumstämme verlieren – nicht mehr ständig darüber nachdenken, was passiert, wenn das Gleichgewicht verloren geht und das Vorderrad vom Stamm abschmiert. Sobald sich die Fahrbahn zu sehr verengt, spult das Kopfkino den immer gleichen Horrorfilm ab. Schluss damit!

Franz Faltermaier Stefan Herrmann, Fahrtechnik-Experte: "Bei kaum einem anderen Move spielt der mentale Aspekt eine solch große Rolle. Sei konzentriert und reagiere auf leichten Gleichgewichtsverlust mit sensiblen Ausgleichsbewegungen – der Ritt über den Baumstamm macht Laune und gibt Selbstbewusstsein auf dem Bike." 

Bevor es zu Marias Tagesprüfung geht, hat Stefan vier Übungen vorbereitet. Denn auch Technikkniffe helfen dabei, das Balance-Gefühl zu verbessern. Die ersten zwei Übungen sind gefahrlos. Maria soll im Flachen ganz langsam fahren, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Minutenlang zuckelt sie im Schneckentempo auf dem Parkplatz entlang. Dann wird sie zu einem massiven Gesteinsbrocken gewunken. Übung Nummer zwei. Der Meister macht sie vor. Stefan fährt langsam an den Stein und hält seitlich davon an, um durch Druck gegen den Stein das Gleichgewicht zu halten (siehe Bild 1 unten). Maria probiert es. Gekonnt tariert sie mit den Knien aus. Bei den darauffolgenden Übungen mit den Bierbänken patzt Maria nur einmal. Stefan ist zufrieden.

Zeit für die Tagesaufgabe. Die liegt im Wald in Form von einem zehn Meter langen Baumstamm. "Falls Du in der Mitte das Gleichgewicht verlierst, dann besser nach links absteigen", warnt Stefan. Rechts vom Baumstamm lauert ein Abhang. "Sprich Dir gut zu. Du musst davon überzeugt sein, dass Du das schaffst", schiebt der Trainer hinterher.

Reine Nervensache - Mentales Training macht sie sicher

Maria steht zehn Meter vom Baumstamm und murmelt sich Mut machende Worte zu, den Blick dabei fokussiert. Jetzt gibt es nur noch sie, ihr Bike und den Baumstamm. Dann fährt sie los, holpert über die Wurzelauffahrt auf den Stamm und balanciert in Richtung Stefan. Gleichgewichtskorrekturen muss sie nur wenige vornehmen. Ihr zügiges Tempo verleiht Stabilität, das Vorderrad tänzelt über den schmalen Baumstamm, mal ganz links, mal rechts. Stefan läuft nebenher, um zu sichern. Nach zehn Metern holpert Maria erleichtert von dem Baumstamm. Sie hat ihre Tagesprüfung bestanden. Und das auf Anhieb! "Das ist wirklich nur reine Kopfsache", sagt sie und schiebt ihr Bike sogleich für einen weiteren Versuch zum Anfang des Baumstamms. Von den nächsten zehn Versuchen klappen immerhin neun. Einmal rutscht das Vorderrad vom Stamm, doch Maria fängt sich gekonnt ab.

Annäherungsversuche

Balance-Manöver erfordern Übung und starke Nerven. Mit der richtigen Technik kommt man schneller zum Erfolg. Taste Dich langsam ran.

Franz Faltermaier Schritt 1: Feingefühl zeigen Diese Übung ist perfekt, um gefahrlos ein Gefühl für Balance zu bekommen. Fahre mit Deinem Bike langsam und in aufrechter Position seitlich an einen Stein, eine Laterne oder eine Ampel. Behalte das Gleichgewicht, in dem Du durch Lenkbewegung Gegendruck ausübst. 

Franz Faltermaier Schritt 2: Bretterfahrt Bevor Du Dich an Baumstammfahrten traust, solltest Du das geplante Manöver auf dem Boden simulieren. Dafür eignen sich zum Beispiel Holzbretter. Bei der Übung kann man prima an Selbstvertrauen gewinnen.

Franz Faltermaier Schritt 3: Exit-Drop Der Exit-Drop ist Dein Reserve-Fallschirm. Denn, wer ihn beherrscht, kann bei Balance-Verlust jederzeit aussteigen. Der Drop funk­tioniert sogar bei wenig Geschwindigkeit. Sobald Du an Gleichgewicht verlierst, streckst Du dynamisch Beine und Arme und verlagerst Deinen Schwerpunkt entschlossen zur Seite. Mit dieser Technik verhinderst Du, dass Dein Vorderrad wegtaucht. 

Als nächstes Manöver will sie nun den Bunnyhop angehen. Auch den will sie schon seit Ewigkeiten lernen. Ob sich auch der mit purer Kopfarbeit erlernen lässt? Ungesichert über Schluchten zu balancieren, kann sich Maria nicht vorstellen, doch wenn man barfuß über heiße Kohlen laufen kann, dann sollte doch auch ein Bunnyhop machbar sein.

Darauf musst Du achten!

Franz Faltermaier Tipps und Tricks für den Ritt über einen Baumstamm mit dem Mountainbike: Der 3-Punkte-Plan.


1. Kopf: Sei von Dir überzeugt! Wenn Du nicht daran glaubst, dann scheiterst Du auch. Dein Blick sollte vom Vorderrad zum Zielpunkt hin und her wandern – nicht stagnieren.


2. Körperhaltung: Nicht zu langsam fahren! Geschwindigkeit verleiht Stabilität. Du kannst auch sitzend den Baumstamm entlangfahren. Vorteil beim Stehen: Du kannst besser reagieren, falls Du von der Spur ab­kommst. Korrigiere Dein Gleichgewicht mit den Knien und mit leichtem Schrägstellen des Bikes – das funktioniert am besten mit ausgestellten Ellenbogen (siehe Bild oben).


3. Notfallplan: Falls Dein Vorderrad von der Spur ab­kommt, musst Du den Exit-Drop anwenden (siehe oben). Dynamisch Beine und Arme strecken, dazu den Schwerpunkt entschlossen zur Seite verlagern – so taucht das Vorderrad nicht weg, und man landet auf beiden Rädern. Der Exit-Drop ist besonders bei höheren Balance-Fahrten wichtig.

Fehleranalyse

Franz Faltermaier So bitte nicht! Ausgleichsbewegungen sollte man auf dem Bike nicht mit dem Oberkörper machen, sondern mit den Knien.

Leichte Probleme beim Balancieren mit dem Bike sind normal – dann gilt es, mit sensiblen Ausgleichsbewegungen gegenzusteuern. Auf diesem Bild zeigt Stefan, wie man falsch reagiert. Denn, wer mit dem Oberkörper austariert, erzeugt eine viel zu energische Gegenbewegung. Leichte Balance-Korrekturen funktionieren mit Hilfe der Knie oder, indem man das Bike durch gekonnten Armeinsatz leicht schräg stellt.

Themen: BalanceFahrtechnikGleichgewichtMentalStefan HerrmannTraining


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