Jan Timmermann
· 20.02.2026
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Gerade erst wurde das Giant Anthem Advanced SL neu vorgestellt, da ist es bereits das schnellste Cross-Country-Bike der Welt. Alan Hatherly raste mit dem 2026er-Modell zum prestigeträchtigen Elite-Weltmeistertitel 2025. Um auf einem solchen Level zu performen darf kein Parameter unangetastet bleiben. Deshalb rollt das Giant Anthem SL 0 ausoptimiert bis in die letzte Carbonfaser in unser Testlabor. Doch können die Praxis-Eindrücke die Vorschusslorbeeren bestätigen? Manege frei für den ausführlichen Test des Giant Anthem Advanced SL 0!
Giant ist der größte Fahrrad-Hersteller der Welt. Seit 1972 fertigen die Taiwanesen Fahrradrahmen - heute dank Know-How und Marktmacht auch für viele andere Marken. Diese Sonderstellung macht sich das Unternehmen bei der Entwicklung seiner hochwertigsten Race-Bikes natürlich zunutze. Während viele Hersteller von Carbonrahmen auf vorgefertigte Carbonmatten, sogenannte Prepregs, zurückgreifen, besitzt Giant die Ressourcen ganz eigene Prepregs herzustellen. In der Fertigung von individuellem Ausgangsmaterial aus japanischer Kohlefaser liegt eine Möglichkeit der Optimierung, die anderen Herstellern versagt bleibt.
Bei den besonders leichten Advanced SL Rahmen, der auch die Basis unseres Anthem-Testbikes ist, werden die Prepregs außerdem von Robotern zurechtgeschnitten und in den Heizformen platztiert. Die Maschinen können akkurater arbeiten als es irgendein Mensch kann und sparen so überschüssiges Material um das Gewicht zu drücken. Der Rahmen kommt dank der Automatisierung mit größeren aber weniger Carbonmatten aus und besteht nur noch aus 700 Einzelteilen. Der Hauptrahmen des Giant Anthem SL wird aus nur einem Stück laminiert, was unnötige Überlappungen und zusätzliche Klebestellen vermeidet. Die Taiwanesen entwickelten für ihre Advanced SL Carbonrahmen außerdem eine Methode, um in der Fertigung mehr Kontrolle über die innenliegende Oberfläche zu gelangen. Anstatt, wie in der Produktion von Carbonrahmen üblich einen luftgefüllten Bladder zu verwenden, kommt eine geheime alternative Bladder-Art zum Einsatz.
Die große Fertigungstiefe soll es Giant nicht nur ermöglichen die Steifigkeit des Chassis zu optimieren, sondern drückt auch das Rahmengewicht auf leichte 1640 Gramm (BIKE-Messung, Größe L). Damit ist der Giant Anthem Advanced SL Rahmen das drittleichteste Fahrgestell, das wir in der aktuellen Riege moderner Marathon-Fullys testen konnten und muss sich nur den Arc8 Evolve FS und dem Specialized Epic Worldcup (welches jedoch über weniger Federweg verfügt) geschlagen geben. Bei 138 kg maximal freigegebener Zuladung und lebenslanger Garantie eine beeindruckende Ingenieursleistung von Giant. Zum Vergleich einige Referenzwerte aus dem BIKE-Testlabor für Marathon-Rahmen unter 1,7 Kilo Gewicht:
Schon auf den ersten Metern macht das neue Giant Anthem klar: Wo Racebike draufsteht ist auch Racebike drin! Die Sitzposition wird zu großen Teilen durch das eigens entwickelte Carbon-Cockpit mit integrierter Leitungsführung bestimmt.
Ungekürzt hat der Lenker eine Breite von 780 Millimetern und fällt damit gemessen am Einsatzgebiet extrem breit aus. Die ausladende Steuerzentrale spannt den Piloten weit über den Rahmen und trotz üppiger Länge geht das Giant mit dem Racebike-typischen Druck auf der Front flott nach vorne.
Obacht bei langem Sattelstützenauszug: Durch den Knick im Sitzrohr kann der effektive Sitzwinkel bedeutend flacher ausfallen, als der reale. Um den perfekten Druck auf die Pedale bringen zu können, sollten Kaufinteressierte deshalb besonders gut auf die passende Rahmengröße achten.
Die Laufräder im Giant Anthem Advanced SL 0 sind eine Eigenentwicklung der Taiwanesen. Sowohl Felgen als auch Speichen bestehen aus Carbon, das geringe Gewicht beschert dem Laufradsatz trotz breiter Reifen eine geringe Trägheit.
So leichtfüßig wie das Giant gaben sich in den BIKE-Tests der letzten drei Jahre kaum noch 29er Fullys . Für Sprints auf der Cross-Country-Runde ist das geringe Laufradgewicht ein Game-Changer. Das Bike lässt sich raketenschnell nach vorne treiben ohne Dämpfungsgefühl, Kontrolle oder Steifigkeit vermissen zu lassen.
Der gierige Vortrieb ist den Beinen eines XC-Weltmeisters jedenfalls angemessen. Dazu passt auch die superleichte, top-funktionelle Antriebsgruppe aus der Sram Eagle XX SL Transmission-Familie inklusive Powermeter sehr gut.
Zu den antriebsneutralsten Racebikes gehört die aktuelle Ausführung des Giant Anthem Advanced SL allerdings nicht mehr. Der Hinterbau pumpt im Wiegetritt deutlich mit und verlangt nach dem Zuschalten der Druckstufe. Dafür ist die Traktion trotz zahmer Maxxis Aspen Bereifung stark.
Im Downhill blüht der Hinterbau des Giant Anthem Advanced SL 0 so richtig auf. Das neu erdachte Flex-Pivot-System holt erstaunlich viel aus den nominell 120 Millimetern Hub heraus. Gleichzeitig sensibel und kontrolliert saugt der Hinterbau Unebenheiten auf. So fühlt sich das Fahrwerk des Racers nach deutlich mehr Knautschzone an und animiert dazu Vollgas in den Wurzelteppich reinzuhalten.
Trotz des leichten Gewichts ist das Bike aber keine filigrane Diva. Stattdessen kann der Fahrer ohne Bedenken in die Falllinie schießen - ein beeindruckendes Statement an die Potenz moderner Cross-Country-Mountainbikes. Einzige Voraussetzung, um das volle Potential des Giants freizuschalten: Ein Pilot, der mit der breit-tiefen Fahrposition umzugehen weiß.
Auf schlammigen Trails sorgte die geringe Profiltiefe der Reifen zwar für die ein oder andere Schrecksekunde, die lang-flache Geometrie bietet jedoch die nötigen Reserven, um nicht aus der Ruhe zu kommen. Die Sram Motive Bremsen liefern auf den dicken HS2-Bremsscheiben derweil eine angemessene Verzögerungsleistung.
Insgesamt präsentiert sich das neue Giant Anthem Advanced SL als schneller, effizienter Abfahrer. Gleichzeitig lässt es sich in Engstellen mit einer erfahrenen Hand am Lenker mühelos manövrieren. Die extrem drehfreudigen Laufräder und die nur 433 Millimeter kurzen Kettenstreben heben den Fahrspaß trotz Rennfahrer-Attitüde. Eingebremst wird der Spieltrieb des Anthem wiederum durch das flache Race-Cockpit.
Bei BIKE betreiben wir einen beispiellosen Aufwand, um Fahrräder zu testen. Als einziges Fachmagazin weltweit betreiben wir ein eigenes Testlabor. Die ermittelten Daten stützen die Eindrücke aus dem Praxistest. Auch bei den Geometriedaten verlassen wir uns nicht ausschließlich auf die Herstellerangaben, sondern setzen selbst das Lasermessgerät an.
| Kategorie: Marathon-Bikes | Gewichtung | Note |
| Uphill Fahrverhalten | 15% | 2,0 |
| Uphill Effizienz Fahrwerk | 15% | 3,3 |
| Spieltrieb | 8% | 2,5 |
| Downhill Fahrverhalten | 12% | 2,3 |
| Downhill Fahrwerk | 15% | 1,5 |
| Note Fahrverhalten | 65% | 2,3 |
| Gewicht | 6% | 1,3 |
| Trägheit Laufräder | 4% | 2 |
| Note Labor | 10% | 1,6 |
| Ausstattungsqualität | 5% | 0,9 |
| Usability / Mehrwert | 5% | 2,5 |
| Transportvolumen Flaschenhalter | 5% | 0,5 |
| Versenkbarkeit Sattel | 5% | 1,5 |
| Qualität / Verarbeitung | 5% | 0,5 |
| Note Ausstattung | 25% | 1,2 |
| Gesamtnote | 100% | 1,9 |
Das BIKE-Urteil gibt die Labormesswerte und den subjektiven Eindruck der Testfahrer wieder. Das BIKE-Urteil ist preisunabhängig. Notenspektrum: 0,5-5,5 (analog zum Schulnotensystem).
Bewertung Spinnendiagramm: Uphill, Spieltrieb, Downhill bezieht sich auf das Fahrverhalten: Je größer der Ausschlag, desto besser die Eignung. Ausstattung: bezieht sich auf die Qualität der verbauten Anbauteile.
Das neue Giant Anthem Advanced SL ist ein lupenreines Racebike. Beeindruckend stellt das Prestige-Modell die Fertigungstiefe des Branchen-Riesen zur Schau. Superschnelle Laufräder, das geringe Gesamtgewicht und eine Highend-Ausstattung bringen den konsequenten Sportler in eine Favoritenrolle fürs Podium. Neu gewonnene Geometrie- und Fahrwerksreserven verschieben auch im Downhill die Limits. Antriebsneutralität gehört jedoch nicht mehr zu den Stärken des Weltmeister-Bikes. - Jan Timmermann, Redakteur bei BIKE
BIKE-Redakteur Jan Timmermann ist ein Mountainbiker aus echtem Schrot und Korn. Dabei deckt sein Interesse von Marathon- bis Trailbikes und von Street bis Gravel fast alles ab. Getreu dem Motto „das Leben ist zu kurz für langweilige Fahrräder“ hängt Herz des Technik-Redakteurs jedoch vor allem an Bikes mit Charisma. Nebenbei leitet Jan auch noch das Fitness-Resort unserer Radsport-Marken.

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