Superstunt für den Film EsperantoBrage Vestavik springt den Log-Ride-Drop

Brage Vestavik

 · 12.11.2022

Superstunt für den Film Esperanto: Brage Vestavik springt den Log-Ride-DropFoto: Ale Di Lullo
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Spätestens seit seinem X-Games-Edit ist der Norweger Brage Vestavik (23) in der Freeride Szene bekannt. Für den neuen Bike-Film Esperanto wagte Brage diesen haarsträubenden Log-Ride-Drop. Doch leider lief einiges schief. Hier sein Bericht.

Oh Shit, ich bin viel zu schnell! Das merke ich jetzt, als der Baumstamm hinter mir verschwindet und ich viel zu weit nach vorne segle. Verrückt, was jetzt passiert: Gerade lief das Leben im Zeitraffer, jetzt fährt die Zeit ins Kiesbett, und die Wahrnehmung taucht in Honig. Alles ganz langsam. Ich sehe jedes Detail. Der Baum zu meiner Linken kommt mir bedrohlich nahe. Ich fliege direkt auf ihn zu. Ist es auch eine Pinie wie der dicke Baum daneben? An der Landung rechts bin ich leider schon vorbei; sie sehe ich nicht mehr – die festgestampfte Erde unerreichbar. Stattdessen falle ich einem Haufen Dreckbatzen entgegen, die wir als Abraum neben der Landung angehäuft hatten. Der Freilauf der Hinterradnabe surrt.

Verlagssonderveröffentlichung
Und jetzt? Brage Vestavik inspiziert die Flugkurve seines Stunts. Warum der Drop seine kleinste Sorge ist, erzählt er Euch selbst.Foto: Ale Di Lullo
Und jetzt? Brage Vestavik inspiziert die Flugkurve seines Stunts. Warum der Drop seine kleinste Sorge ist, erzählt er Euch selbst.

Schaut Ihr das Foto an, denkt Ihr vermutlich an Kanada. Dieser Wald liegt aber in Spanien. Andreu Lacondeguy hat ihn entdeckt. Ich kenne Andreu seit er beim Huckfest in Norwegen auftauchte. Ich war damals zwölf Jahre alt und wir wurden Freunde. Ich kenne kaum jemanden, der so viel Spaß beim Biken hat wie Andreu. Das verbindet uns. Als es hieß, wir bräuchten gute Trails für den neuen Film Esperanto, wollte ich zusammen mit Andreu etwas aushecken und flog zu ihm nach Barcelona. Wir wanderten durch den Bergwald und schauten uns um. Ich liebe solche Entdeckungstouren. Als Andreu den umgeknickten Baum sah, witzelte er: „Schau, Brage, ein Skinny für Dich!“ Und ich: „Super, den mach’ ich!“ Später präparierte ich das Ding. Da erst fiel mir auf, wie verdammt lang der Baum in den Hang ragt. Ich glaube, so einen langen Skinny war ich bisher noch nie in meinem Leben gefahren.

Keine Ahnung, wie hoch der Drop tatsächlich war. Was mich beunruhigte: Würde ich es überhaupt bis zum Ende des Baumstamms schaffen?

Das Problem dieses Stunts lautet: ganz oder gar nicht! Hier heißt es: Fahr’ bis zum Ende und droppe oder stürze seitlich runter. Ein Run-In zur Probe funktionierte hier nicht, um den Speed zu checken. Denn die Leiterbrettchen, die ich auf den Stamm genagelt hatte, waren viel zu schmal, um einen Fuß vom Pedal zu nehmen und die Balance zu halten. Kurzum:

Ich musste es auf Anhieb schaffen. Also ließ ich mein Bike laufen, um nicht seitlich in die Tiefe zu kippen und war so konzentriert drauf, das Gleichgewicht zu halten, dass ich die Geschwindigkeit vergaß.
Stairway to Heaven. Oder eher: Hell. Brage baut den längsten Skinny seines Lebens.
Foto: Ale Di Lullo
Stairway to Heaven. Oder eher: Hell. Brage baut den längsten Skinny seines Lebens.

Dummerweise war das ein klassischer Old-School-Drop, sprich: Die Landung befand sich unmittelbar unter dem Drop – ohne Gap. Erst jetzt, in der Luft, bemerkte ich meinen Fehler, doch nun war es zu spät. Was jetzt? Ihr könnt es Euch denken: Touchdown. Die Reifen sinken in die weiche Erde, das Bike sinkt in die Knie, und ich falte mich über dem Lenker zusammen. So viel Energie lässt sich nicht bändigen. Sie ist wie ein Heißblut, will wieder raus, und schon schlägt das Bike aus wie ein Esel beim Hornissenstich. Ich umklammere den Lenker, doch mein Hintern startet als Mond­rakete in die Luft. OTB (over the bar) sagen wir dazu. Meiner ist besonders schön.

Mein Sportlehrer wäre stolz auf die Flugrolle, zu der ich ansetze: Arme gestreckt, Kopf im Nacken, Körperspannung exzellent. Note 1.

Leider fehlte die Weichbodenmatte. Stattdessen pralle ich in die Bergflanke. Die Arme knicken weg wie nasse Nudeln, dann Rums: Der Kopf schlägt auf, das Visier splittert. Ich habe Glück: haarscharf am Baum vorbei! Das Hinterrad schlägt eine Kerbe in die Rinde, dann macht mein Bigbike Fury seinem Namen alle Ehre und segelt ins Unterholz. Normalerweise vertrage ich so einen Aufprall. Das steck’ ich weg; ich bin robust gebaut. Doch leider falle ich auf meine Rampage-Schulter.

Do or crash: Hat sich Brage auf den Skinny gewagt, muss er es durchziehen. Denn der Baumstamm ist viel 
zu schmal, um den Fuß abzusetzen.
Foto: Ale Di Lullo
Do or crash: Hat sich Brage auf den Skinny gewagt, muss er es durchziehen. Denn der Baumstamm ist viel zu schmal, um den Fuß abzusetzen.

Erinnert Ihr Euch an meinen Drop im Training? Checkt YouTube. Ich sprang zu kurz, OTB und prallte auf die Schulter. Und jetzt wieder!

Die Esperanto-Filmer haben trotzdem draufgehalten. Der Stunt wird also im Film zu sehen sein, und Ihr erlebt das ganze Sturzszenario. Am meisten ärgerte ich mich natürlich über mich selbst – vergurkt! Und mich nervte, dass ich ihn nicht noch mal versuchen konnte. Doch die Schulter wollte nicht mehr; die Hände konnten den Lenker nicht mehr halten. Ein paar Wochen Pause würde ich da schon brauchen.

Ergebnis des ersten Versuchs: Den Helm mit dem begehrten Brause-Logo kann Brage nur noch an die Wand hängen. Helmmission erfüllt!
Foto: Ale Di Lullo
Ergebnis des ersten Versuchs: Den Helm mit dem begehrten Brause-Logo kann Brage nur noch an die Wand hängen. Helmmission erfüllt!

Aber der Stunt gefällt mir! Nächstes Mal werde ich langsamer über den Baum rollen. Und nicht mehr so müde sein, denn beim ersten Trip nach Spanien habe ich zwei Wochen lang nonstop Trails gebaut und wenig geschlafen. Als die Filmer auftauchten, fielen mir schier die Augen zu.

Schnell-Check des Viking-Freeriders: Sind die Bänder noch dran, der Knochen noch ganz? Ja, einige Wochen Pause können dennoch nicht schaden.Foto: Ale Di Lullo
Schnell-Check des Viking-Freeriders: Sind die Bänder noch dran, der Knochen noch ganz? Ja, einige Wochen Pause können dennoch nicht schaden.

Vielleicht filme ich den Stunt für mein eigenes Filmprojekt. Ihr müsst wissen: Seit fast zwei Jahren arbeite ich an einem Kurzfilm. Wenn Euch mein X-Games-Edit gefallen hat, werdet Ihr diesen Film auch mögen. Es ist ein Mix aus Old-School-Freeriden und New-School-Gejibbe im Viking-Style.

Sommer zu Hause: Brage Vestavik will den Rest des Jahres in Norwegen an seinem eigenen Film arbeiten. Ob er bei der Rampage starten will? „Eher nicht“, sagt Brage.Foto: Ale Di Lullo
Sommer zu Hause: Brage Vestavik will den Rest des Jahres in Norwegen an seinem eigenen Film arbeiten. Ob er bei der Rampage starten will? „Eher nicht“, sagt Brage.

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