Interview mit Mike “The Bike” Kluge60 Jahre und kein bisschen leise

EMTB Redaktion

 · 20.11.2022

Interview mit Mike “The Bike” Kluge: 60 Jahre und kein bisschen leiseFoto: David Schultheiß
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Weltmeister, Funktionärsschreck, Trainer, TV-Kommentator, Focus-Gründer: Mike „The Bike“ Kluge hat einiges im Radsport mitgemacht – und der Radsport mit ihm. Soeben ist er 60 Jahre alt geworden. Ein Gespräch mit einem Unikat, das die Welt weiter prägen wird.

Bei den Zehlendorfer Eichhörnchen, einem Berliner Radsport-Club, begann die Karriere des vielseitigsten und erfolgreichsten Radsportlers Deutschlands. Er war Doppelweltmeister im Cyclocross, ist Straßenrennen gefahren, gewann einen Downhill-Weltcup und ist bis heute der einzige männliche deutsche Sieger des Gesamt-Weltcups im MTB-Cross-Country. 1992 gründete Kluge die Fahrradmarke Focus, die er 1999 an Derby Cycle verkaufte. Heute ist er Focus-Fahrer, Trainer und arbeitet mit dem Unternehmen bike-ovation am Wasserstoffantrieb für E-MTBs.

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EMTB: Mike, machst Du schon langsam Pläne für den Ruhestand?

Mike Kluge: Nein, da geht noch zu viel. Es gibt noch so vieles, das mir auffällt, das mir fehlt. Ob beim Thema Sicherheit oder bei der Wartungsfreiheit, beim Komfort oder der Nachhaltigkeit. Und solange mir das Spaß macht – und solange ich noch 30-Jährige auf verblockten Trails vor mir herjage – mache ich mir keine Gedanken darüber, wie ein Ruhestand aussehen könnte.

Kann denn ein lebenserfahrener Mann wie Du noch Frische in die Branche bringen?

Ich glaube, das ist keine Frage des Alters. Ich bin sehr viel draußen unterwegs, teste extrem viel, coache – und vor allem hatte ich noch nie Angst vor dem Neuen. Ich bin von einer Disziplin in die nächste gewechselt, habe generell immer den Blick über den Tellerrand gesucht. Meiner Meinung nach sollte das in jedem Unternehmen, in der Gesellschaft generell mehr passieren. Scheuklappen weg, Offenheit an. Was mich nervt, ist, dass bei jedem Schritt erst einmal die Vorbehalte überwiegen. Früher waren die Profis gegen Bremsscheiben. Ich habe 1992 hydraulische Felgenbremsen von Magura für meinen Crosser zusammengeschraubt. Und als jüngstes Beispiel hat man sich gegenüber E-MTB versperrt. Warum? Bei mir war es genau umgekehrt: Für mich war das E-MTB das Beste, was mir passieren konnte. Ich habe mich zu der Zeit fast schon gelangweilt. Dieses neue Fahrerlebnis und die Technologien haben das Feuer frisch entfacht.

Ob beim Thema Material oder bei Rennformaten, man hat das Gefühl, Du bist häufig zu früh drangewesen.

Und ich habe mich oft zu sehr mit Überzeugungsarbeit aufgerieben. Da verschießt man viel Kraft und Energie. Es war tatsächlich so, dass die Leute oft noch nicht empfänglich waren. Im Nachhinein sind sie klüger und man selbst auch – allerdings auf eine andere Art. Ich habe aktuell viele Visionen, aber die Zeit ist noch nicht reif. Ich warte inzwischen länger ab.

Mike Kluge Anfang der 2000er JahreFoto: Bike Redaktion
Mike Kluge Anfang der 2000er Jahre


Focus – die Marke, die Du vor exakt 30 Jahren gegründet hast – war auch der erste Hersteller, der einen leichten Fazua-Motor verbaut hat und mit dem Raven 2017 ein 14-kg-Hardtail präsentierte.

Ich hatte meine Vorurteile gegenüber dem Minimal-Assist-Antrieb, aber ich probiere Sachen aus. Und da habe ich gemerkt, wie sensationell es ist, wenn bei 25 km/h der Motor entkoppelt, wie cool es ist, wenn man nicht mehr in den Widerstand treten muss. Und beim Thema Gewicht hieß es über Jahre: Das macht doch nichts, wenn die Komponenten schwerer sind, es hat ja einen Motor. Das hat sich addiert und addiert. Und dann steht man da mit 25-, 26-kg-E-MTBs, die man erst mal handeln können muss – im Uphill, im Downhill, wenn man sie auf den Anhänger hievt … Genauso bei der Motorleistung: 85 Nm Drehmoment sind super, aber die muss man im Uphill bei anspruchsvollen Passagen auch kontrollieren können, sonst fährt dir der Motor das Bike unter dem Arsch weg.

Wird die Popularität der leichtgewichtigen E-MTBs weitergehen?

Die Leute haben gemerkt: Wenn das Gewicht weniger ist, dann fährt es sich mit weniger Power letztendlich nicht mal so viel schlechter. Ich glaube, 60– 65 Nm sind eine super Lösung für viele, viele E-Biker. Und entgegen der Einstellung noch vor fünf Jahren, wird uns das Thema Gewicht die kommenden Jahre weiter stark beschäftigen.

Wenn Du jetzt die Weichen für das E-MTB stellen könntest – in welche Richtung würden sie laufen?

Tatsächlich in die Richtung: mehr Reichweite und weniger Gewicht. Und das mit Wasserstoff. Ich bin Teil des Unternehmens bike-ovation, mit dem wir gerade an einem Wasserstoff-Prototypen arbeiten. Das ist für mich klar die Zukunft. Die Räder werden leichter und bremsen dich gleichzeitig nicht in Sachen Reichweite aus.

Sprechen wir ein wenig über den Rennsport: In welcher Disziplin würde ein heute 20-jähriger Mike Kluge am Start stehen?

Schwierige Frage, aber im Grunde würde ich wohl alles ähnlich machen und so viele Disziplinen fahren wie möglich. Pidcock & Co. zeigen ja, dass es möglich ist. (Der Brite Thomas Pidcock wurde 2022 Weltmeister im Cyclocross und Europameister im MTB-Cross-Country und gewann eine Etappe der Tour de France. Anm. d. Redaktion.) Mir wurde das damals verwehrt. Ich wurde nicht gefördert, sondern für meine Multisportambitionen bestraft. Dabei profitiert eine Disziplin von der anderen. Ich würde also im Cyclocross und Cross Country antreten, all die fahrtechnischen Fertigkeiten lernen, die Erfahrung mitnehmen und dann auch E-MTB-Rennen fahren. Obwohl Downhill würde mich schon auch reizen …

Hat sich denn im Wettkampfsport viel getan über die Jahre?

Absolut. Heute sind die Teams super professionell geworden, sehr strukturiert und durchgetaktet. Das braucht man bei dem Level. Aber ich durfte noch das Abenteuer erleben, Orte sehen, das Leben mitnehmen.

Die Schweizer haben es vorgemacht, und die Franzosen haben bei der Weltmeisterschaft in Les Gets nochmals alle Rahmen gesprengt: Massen standen an der Strecke, und der Bike-Sport wurde gefeiert wie nie zuvor. Aber die E-MTB-Rennen blieben eher unbeachtet. Wird sich das noch wandeln?

Ich glaube ja, dass E-MTB zur Königsdisziplin werden könnte. Aber ich würde die Räder für höhere Geschwindigkeiten öffnen und zugleich gewichtsmäßig regulieren. Sie müssen leistungsfähiger und leichter werden, und die Fahrer müssten mit der Batterie auskommen. Dann wären die Rennen super spektakulär.

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