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Interview: Marcel Fleschhut über sein Karriereende

Björn Kafka

 · 17.06.2014

Interview: Marcel Fleschhut über sein KarriereendeFoto: Armin M. Küstenbrück

„Ich hätte das Gefühl, meine Seele zu verkaufen“, sagt der Nachwuchs-Talent Marcel Fleschhut zu seinem Karriereende. BIKE hat im Interview nachgefragt.

Der Nordbadener Marcel Fleschhut (23) ergatterte acht Medaillen bei Deutschen Meisterschaften, drei davon in Gold, drei in Silber und zwei in Bronze. 2010 fuhr er WM-Silber mit der Staffel ein. Fleschhut setzte nach der Schule auf eine duale Karriere am Berufskolleg der FH Heidelberg und in einem Mannheimer Sportfachgeschäft. Seit 2014 ist er dort fest angestellt. Fleschhut galt lange als eine der großen Nachwuchs­hoffnungen im deutschen Cross-Country-Sport. Anfang 2014 entschloss sich der achtfache DM-Medaillengewinner zum Rücktritt. Ein Gespräch über Freiheit, Gefahr und Geld.

  Fleschhut beim Worldcup in der Nachwuchs-Kategorie im italienischen Val di Sole.Foto: Armin M. Küstenbrück
Fleschhut beim Worldcup in der Nachwuchs-Kategorie im italienischen Val di Sole.


BIKE: Du hast Deinen Rücktritt einfach über Facebook gepostet … das wirkt irgendwie überstürzt.

Marcel Fleschhut: Nein, überhaupt nicht, aber auf Facebook stecken alle Freunde und Bekannte, die es wissen sollten. Das ist zudem besser, als es offiziell an irgendwelche Webseiten, Magazine und so weiter zu schicken. Ich habe mit dem Ausstieg vom Leistungssport lange gehadert. Weißt Du, ich liebe das Biken und hätte gerne damit meinen Lebensunterhalt verdient, aber es klappt nicht. Irgendwann machst du eine innere Rechnung mit allen Pro und Contras. Dann fragst du dich weiter: Was will ich, und was kann ich noch erreichen? Ich habe für mich selbst festgestellt, dass ich diesen Sport, mit fast keinem Verdienst, nicht auf professionellem Niveau betreiben kann. Und wenn ich das nicht kann, werde ich auch finanziell nie auf eigenen Füßen stehen.


Du standest schon während Deiner U23- Karriere auf eigenen Beinen und hast ein duales Studium absolviert. Wieso gab es in dieser Zeit nie den Versuch, sich 100 Prozent auf den Bike-Sport zu konzentrieren?

Das ist einfach nicht meins. Ich wollte nicht mit leeren Händen dastehen, wenn es nicht mit dem Profi-Sport klappt. Ich hatte das Glück, beim Nachwuchs-Team von Lexware zu fahren. Hier hatte ich eine super Unterstützung. Dafür bin ich jetzt zu alt. Ich will nicht wie eines der vielen Beispiele enden, die bis Ende 20 versuchen, im Spitzensport Fuß zu fassen, aber letztendlich scheitern. Du verdienst einfach kein Geld, wenn du nicht zu den besten zehn, vielleicht 20 Bikern der Welt gehörst. Ich will nicht mit Ende 20 dastehen, ohne Ausbildung, ohne Studium. Wer will dich dann? Was sagst du dann im Bewerbungsgespräch? Etwa: „Ich bin bis 29 Radrennen gefahren.“ Als Leistungssportler hast du ein kurzes Haltbarkeitsdatum. Wenn du es nicht vor dem Ablauf gepackt hast, genug Geld zu verdienen, gibt es Probleme. Zudem ist der Sport viel härter geworden.


Was meinst Du damit? Wird schneller gefahren, geht es auf den Trails ungerechter zu?

Schnell wurde immer gefahren, und eine gesunde Konkurrenz gab es immer. Es ist auch nicht so, dass die Sportler untereinander Probleme haben, vielmehr werden die Strecken zu schwer. Die Folgen von Stürzen sind dramatischer. Ich stürzte 2012 so heftig in Pietermaritzburg, dass die Saison eigentlich gelaufen war. Schau dir doch die Cross-Country-Kurse an: Es wird immer extremer. In Albstadt haben sich Manuel Fumic und Sabine Spitz beide im Training so schwer verletzt, dass sie nicht mehr fahren konnten. Für junge Sportler ist das noch viel dramatischer: Mit einem Einjahresvertrag im Profi-Team darfst du nicht ausfallen. Wenn es dich dann zum Anfang der Saison gleich so zerlegt, dass du vier Monate pausierst – versuch’ mal einen neuen Vertrag zu bekommen!


Dennoch machen junge Sportler den Schritt in den Profi-Zirkus. Aktuell schauen alle auf Julian Schelb oder Markus Schulte-Lünzum, die in der U23 kräftig abgeräumt haben. Ist das ein Wagnis?

Nein, die beiden sind schon fertige Sportler. Sie haben beide gute Profi-Verträge bekommen. Du musst zum Ende der U23-Zeit eigentlich auf Profi-Niveau sein, um genommen zu werden. Das schaffen nur die wenigsten. Es gibt viele junge Biker, die noch ein, zwei Jahre mehr Entwicklungszeit bräuchten, aber die Profi-Teams wollen nicht in diese Entwicklungsarbeit investieren.

  Zuletzt im Nachwuchs-Team von Lexware: Marcel Fleschhut.Foto: Armin M. Küstenbrück
Zuletzt im Nachwuchs-Team von Lexware: Marcel Fleschhut.


Viele Deiner ehemaligen Mitstreiter wählen deshalb den Weg über die Sportfördergruppe. Wieso bist Du nicht zur Bundeswehr gegangen?

Ich will nicht fremdbestimmt sein, ich bin ein freier Mensch. Für mich ist dieser militärische Hintergrund so präsent, dass ich meine Grundsätze dafür nicht über Bord werfen möchte. Ich hätte das Gefühl, meine Seele zu verkaufen.


Kein Profi-Team, keine Bundeswehr – fällt der Bike-Sport jetzt komplett flach?

Nein, ich liebe Biken und werde mich auf andere Dinge konzentrieren. Ich arbeite in einem großen Sportfachgeschäft und habe dort die Möglichkeit, mich zu verwirklichen. Im verkaufe, berate, teste und biete Fahrtechnikkurse für Kunden an. Ich werde mich 2014 auch im Enduro-Bereich versuchen. Schwere Cross-Country-Kurse lagen mir ja immer, und das Format Enduro finde ich sehr cool. Mal sehen, ich stehe derzeit mit Sponsoren im Gespräch und werde vielleicht für eine Enduro-Mannschaft fahren.


Also doch wieder Leistungssport?

Der Enduro-Sport ist noch ganz neu, man kann sich besser etablieren und vielleicht auch wieder Geld verdienen. Ich sehe Enduro in den nächsten Jahren weiter wachsen. Ich glaube, die Menschen wollen wieder das Gesamtpaket des Bikens sehen und nicht nur hochtrainierte Maschinen, die durch den Wald fräsen.

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