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BIKE Transalp

Transalp hautnah: Das Tagebuch des BIKE-Magazin-Teams

Stefan Loibl am 24.07.2014

UPDATE --- Etappe 7 --- Sieben Tage, 587 Kilometer und 19000 Höhenmeter: Die BIKE-Transalp verlangt Leidensfähigkeit, Fahrtechnik und Team-Geist. Wir sind mittendrin und gewähren persönliche Einblicke.

Der Transalp-Blog: ein Drama in sieben Akten

  1. Oberammergau-Imst: die erste Etappe
  2. Imst-Nauders: die zweite Etappe
  3. Nauders-Naturns: die dritte Etappe
  4. Naturns-Sarnthein: die vierte Etappe
  5. Sarnthein-Kaltern: die fünfte Etappe
  6. Kaltern-Trento: die sechste Etappe
  7. Trento-Riva: die siebte Etappe

Während sich Deutschland in Freibädern und Badeseen die Schweißperlen vom Körper plantscht, atmen wir Öl-geschwängerte Werkstatt-Luft. Statt Sonnencreme greifen wir zu Latexmilch, um unsere Bikes für die kommende Woche vorzubereiten. Das Wellness-Programm haben sich unsere Untersätze aber verdient, denn was sie ab morgen leisten müssen, gleicht einer Folter. 587 Kilometer härtester Untergrund warten auf die Bikes, gespickt mit über 19000 Höhen- und vor allem Tiefenmetern. Durch Bachbette, über Wurzelteppiche und Schotter-Rüttelpisten – egal bei welchem Wetter. Wer dieses Offroad-Feuerwerk ohne Material-Defekte überstehen will, muss die Reifen, den Antrieb und die Federungskomponenten pflegen. Wir haben uns für zwei unterschiedliche Ansätze bei der Auswahl der Bikes entschieden.

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Für mehr Grip hat Wolfi vorne den Specialized "Ground Control" aufgezogen.

Mein Partner Wolfi wählt den kompromisslos auf Vortrieb und Leichtbau ausgelegten Ansatz: das Specialized S-Works Stumpjumper 29, ein abgemagertes 29er-Hardtail mit edler XTR-Ausstattung und leichtfüßigen Carbon-Laufrädern. Für mehr Kontrolle am Vorderrad haben wir den Vorderreifen gewechselt. Statt eines 2,0er Specialized "Fast Trak" haben wir einen 2,1er "Ground Control" aufgezogen. Die Schläuche mussten Latexmilch weichen, um das letzte Watt in Sachen Rollwiderstand herauszuquetschen und den Pannenschutz zu erhöhen.

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Mein Arbeitsgerät für 19.000 Höhenmeter: Das GT Helion Team.


GT Helion: 2015er-Material auf dem Prüfstand


Ich greife bei meiner mittlerweile dritten BIKE-Transalp zum Fully. Das wird sich hoffentlich auf den letzten Tagen und den schweren Downhills bezahlt machen, wenn tausende Höhenmeter unsere Beine bereits in Wackelpudding verwandelt haben. Da viele Bike-Hersteller bereits ihre Modelle für kommende Saison präsentiert haben, habe ich nach einem Modell von 2015 Ausschau gehalten. Denn ein Praxistest bei der BIKE Transalp sagt mehr aus als jeder Vergleichstest. Das GT Helion Team ist es schließlich geworden, ein Trail-Bike mit 110 Millimetern Hub. Das Helion ist zwar kein reinrassiger Racer, dürfte aber mit straffem Setup, schnellen Pneus und seiner doppelten Lenkerfernbedienung keine schlechte Figur machen im Kampf gegen steile Rampen und rauschende Abfahrten. Den X-King-Reifen von Conti habe ich Milch eingeflößt, die Race-Face-Kurbel gegen eine Shimano XT getauscht. Nicht wegen der Übersetzung (38/24 Zähne), sondern weil ich dadurch nicht auf die Leistungsmessung von Stages verzichten muss. Die sitzt im linken Kurbelarm und versorgt mich auf langen Anstiegen mit Wattwerten. Ein guter Anhaltspunkt, um nicht zu überziehen und gleichmäßig zu klettern.

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Unser Kleiderschrank für die nächsten sieben Tage: die gelbe Transalp-Reisetasche.


Die Ruhe vor dem Sturm in Oberammergau

Malerisch liegt Oberammergau am Tor zu den Alpen. Doch heute säumen statt Wander- und Kulturtouristen Biker mit glattrasierten Waden die Gehwege. Wir haben nach unserer Ankunft direkt die Akkreditierung angesteuert und unsere Startnummern und Transalp-Taschen abgeholt. Neu ist der zusätzliche Beutel, den wir für Kleinigkeiten bekommen haben, die wir direkt vor dem Start noch abgeben wollen - also eine Windjacke oder Beinlinge. Tolle Idee, denn so kann man sich für die Startaufstellung noch warm einpacken und muss die Klamotten dann nicht die gesamte Etappe in der Trikottasche mitschleppen. Am Ende haben wir noch schnell beim Taschen-Service unsere Hotel-Daten gecheckt und hoffen, dass unsere Taschen täglich den Weg in unsere nächste Unterkunft finden.

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Selfie vor dem Start in Oberammergau.

Oben raus eklig steil: das Marienbergjoch

Bei der Abendveranstaltung gab's dann Nudeln mit Tomatensoße - was für eine Überraschung. Von "al dente" waren die labbrigen Dinger zwar so weit entfernt wie Riva von der Alpennordseite, aber der Hunger hat sie schon hinuntergetrieben. Zum Glück geht's morgen nach Imst und aus meinen vorherigen Teilnahmen weiß ich, dass sich die Österreicher mächtig Mühe geben bei der Abendverpflegung für die Teilnehmer. Rennleiter Marc Schneider hat nochmal auf die zwei Neuerungen in diesem Jahr hingewiesen: die "Vertical 100"  und die Enduro-Wertung. Beim Bergsprint im unteren Teil des Marienbergjochs warten 117 Höhenmeter auf einen Kilometer verteilt! Ich bin gespannt, wie die Profis diese Rampe hochblasen werden. Ich habe das Marienbergjoch, das der einzige hohe Übergang morgen sein wird, noch in schlechter Erinnerung. Vor allem die supersteile Schluss-Passage zwang mich vor zwei Jahren kurz zum Schieben. Bin gespannt, wie es uns morgen dort ergeht.

1. Etappe: Oberammergau - Imst

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Meine schwersten Stunden bei der Transalp.

Bei perfekten Bedingungen steuerten wir heute um 10 Uhr im riesigen Pulk aus Oberammergau hinaus. Aber die ersten Kilometer bis zur österreichischen Grenze waren alles andere als entspannt, obwohl das Rennen noch neutralisiert war. Ständig heulten im Feld die Bremsen, es wurde laut geschrien und blockierte Hinterreifen schrubbten über den Asphalt. Man musste ständig auf der Hut sein und die Finger immer an den Bremshebeln lassen. Mit knapp 30 km/h rollten wir bis zur österreichischen Grenze. Dort teilte ein kurzer Anstieg das erste Mal das Feld. Wir verloren kurz den Anschluss in die erste große Gruppe, konnten aber mit einer kleinen Gruppe in der Abfahrt zum Plansee wieder heranfahren. Doch bereits auf dem Asphalt spürte ich, dass mein GT-Fully alles andere als gut rollt. Trotz 200 Watt und mehr auf dem Tacho konnte ich nicht so entspannt mitrollen wie beispielsweise Wolfi. Am Plansee ging es dann auf einem einfachen, netten Trail am See entlang. Leider verengte ein umgefallener Baum den Weg, was uns vom Bike zwang und Stau erzeugte.

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Der Tiefpunkt: Bei der ersten Verpflegung dachte ich kurz ans Aussteigen.


Getaumelt wie ein angeknockter Boxer


Es folgte der erste Anstieg, die 300 Höhenmeter aufs "Mäuerle". Dort spürte ich bereits, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Ich atmete schwer, mein Puls raste und die Wattzahlen wollten nicht mehr über 200 klettern. Was war los mit mir? Ich hatte genug gegessen und getrunken, konnte mir den Einbruch nicht erklären. Doch dann kreisten folgende Gedanken in meinem Kopf: Regeneration – Ruhe – Übertraining. Mein Körper streikte, ich kurbelte wie angezählt nur noch so dahin. Zu viel hatte ich ihm in der letzten Woche zugemutet. Erst das 24-h-Rennen in Kelheim am vergangenen Wochenende, dann der Stoneman-Trail am Dienstag und Mittwoch. Nun bekam ich die bittere Quittung!

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Die letzten Meter zum Marienbergjoch sind extrem steil und fordern das Äußerste.

Und die musste nun auch Team-Partner Wolfi mitbezahlen. Ich schleppte mich irgendwie zur ersten Verpflegung, dachte bereits ans Aussteigen. Doch nach zwei Riegel und zwei Flaschen Iso-Getränk animierte mich Wolfi zum Weiterfahren. Ich dachte in kleinen Schritten: Bis zur zweiten Verpflegung wird’s schon irgendwie gehen, da könnte ich ja immer noch aussteigen.

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Kann nur besser werden: Im Ziel in Imst.


Gleichmäßig übers Marienbergjoch


Nach der Enduro-Wertung nach Lermoos spüre ich plötzlich, dass es sich langsam wieder besser anfühlt. Endlich kann ich wieder einigermaßen im Windschatten mitrollen. Nicht einmal das hatte ich vorher mehr geschafft. Doch von einer normalen Form war diese Leistung immer noch meilenweit entfernt. Aber egal, den Tag konnten wir sowieso schon abhaken.

Fotostrecke: Transalp hautnah: Das Drama der ersten Etappe in Bildern

Am Marienbergjoch fand ich schließlich wieder meinen Tritt und kämpfte mich gleichmäßig die Schotterkehren hinauf. Endlich konnten wir auch mal wieder ein paar andere Teams überholen – statt ständig nur überholt zu werden. Die letzten Meter sind besonders steil, das wusste ich von der Transalp 2012. Schieben blieb uns dort oben aber trotzdem nicht erspart. Bei Nieselregen erreichten wir schließlich den Passübergang. Ich hatte es tatsächlich geschafft! Wenn mir das einer vor 1,5 Stunden gesagt hätte, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Die Abfahrt forderte unsere volle Aufmerksamkeit, denn der tiefe, lose Schotter wartete nur darauf, einem das Vorderrad wegzuziehen. Bis Nassereith konnten wir noch einige Teams hinter uns lassen. Die letzten zwölf Kilometer im Tal mobilisierten wir in einer Dreier-Gruppe noch mal alle übrigen Kräfte und jagten auf dem Radweg nach Imst. Am Ende überquerten wir nach 4:52 Stunden als 94. Herren-Team die Ziellinie - eine halbe Stunde langsamer als vor zwei Jahren.

Den schwarzen Tag vergessen und nach vorne schauen

Den Auftakt hatten wir uns beide anders vorgestellt - vor allem ich. Aber jeder kann bei einem Etappenrennen mal einen schwarzen Tag haben. So einen habe ich heute leider erwischt. Aber Wolfi hat zu mir gehalten, mich zum Weiterfahren überredet und wir haben das Ding durchgezogen.Abwischen, weitermachen. Morgen warten 2917 Höhenmeter und 87 Kilometer auf uns mit drei langen Anstiegen.

2. Etappe: Imst - Nauders

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Der letzte trockene Fleck: beim Start in Imst.

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Im Anstieg zur Pillerhöhe sorgte ein Wolkenbruch für Bäche auf der Straße.

Dunkle Regenwolken umhüllen die Berge um Imst heute morgen beim Frühstück. Bis eine halbe Stunde vor dem Start hoffen wir auf trockenes Durchkommen mit einem blauen Auge und einigen Schauern. Aber dann öffnet der Tiroler Himmel seine Schleusen. Jeder versucht, so spät wie möglich in den Startblock zu gehen und so lang wie möglich im Trockenen zu stehen. Doch zwei Minuten nach dem Startschuss ist dann im Feld sowieso kein Hintern mehr trocken. Erstaunt überholen wir auf den ersten Metern immer wieder Leute, die lediglich zur Weste gegriffen haben. Die angenehmen Temperaturen am Start haben dazu verleitet, aber das sollte sich noch rächen.

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Die alte Via Claudia mit der Schiebepassage und dem Stahlseil-Geländer.

Wir haben beide die dünne Regenjacke übergestreift. Die hilft zwar beim Wolkenbruch auf dem Weg zur Pillerhöhe auch nicht, aber hält den Oberkörper wenigstens warm. Unter vollen Dreck-Beschuss geraten wir erstmals bei der Abfahrt ins Inntal. Knapp 800 Höhenmeter geht es von der Pillerhöhe hinab. Im letzten Teil markiert ein kurzer, aber knackiger Trail die Enduro-Wertung. Aber statt über glitschige Wurzeln zu balancieren, müssen wir mal wieder vom Bike. Der Grund: Stau. Manche klettern die feuchte Felsplatte auf ihren Carbon-Sohlen so vorsichtig hinab als würden sie den Hillary Step bezwingen.

Schreck auf der alten Via Claudia

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In den Anstiegen konnte uns der Dauerregen am wenigsten anhaben.

Kurz vor Tösens schickt uns die Route die alte Via Claudia hinauf. Im steilen Zick-Zack schieben wir die Räder auf einem handtuchbreiten Pfad, der links 100 Meter in die rauschenden Fluten des Inns abbricht. Ein Stahlseil-Geländer ist Balsam für die Nerven auf diesem Teilstück. In der Abfahrt dann aber der Schreck: Vor mir streift ein Fahrer mit dem Lenker einen Baum und stürzt ins Stahl-Geländer. Zum Glück verfängt er sich dort und stürzt nicht... Durchatmen und konzentriert weiterfahren! Auch im zweiten Anstieg zum Pfundser Tschey prasselt der Regen unaufhörlich auf uns nieder. Aber da wir sowieso schon nass und völlig durchgeweicht sind, kümmern wir uns nicht weiter darum. Die Wiesenabfahrt von diesem Übergang hinunter nach Pfunds gleicht dann einem Ganzkörper-Fango. Die klammen Finger hängen an den Bremshebeln, die Reifen suchen sich eine Spur durch die Matschlöcher und unser Hirn versucht, sich aus den verschwommenen Bildern ein Bild vom Trail zu machen. Wir stecken im Brillen-Dilemma: Ohne geht es nicht, denn der Matsch schießt vom Vorderrad direkt ins Gesicht. Und mit Brille kämpft man mit angelaufenen und verspritzten Gläsern. Egal, irgendwie kämpfen wir uns wie viele andere hinab.

Abstecher in die Schweiz

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Runter mit der Matsch-Kruste, rein in die Sauna.

Bis zum letzten Anstieg des Tages, der Norbertshöhe, dürfen wir nochmal reichlich Wasser von der Straße tanken. Denn in einer kleinen Gruppe geht es auf Asphalt nach St. Martina. Im Windschatten schießt einem das Wasser vom Hinterrad des Vordermanns direkt in die Fr...  Erst am Knirschen beim Kauen realisiert man, wie viel Sand und Schmutz man dabei aufnimmt. Unserem Zahnarzt sollten wir also besser nicht von der Transalp erzählen. Über den Grenzübergang in die Schweiz rauschen wir mit 30 Sachen, die sonst so peniblen Zoll-Beamten winken uns nur müde zu aus ihrem Häuschen im Trockenen. Kurz unter der Norbertshöhe fällt Wolfi ein paar Meter zurück, ich sehe wie er kämpft und beißt. Von hinten pirscht sich langsam das führende Damen-Duo heran. Um mit ihnen über die Passhöhe zu kommen, schiebe ich Wolfi ein paar Mal. Mein Plan geht auf: Wolfi geht auf dem kurzen Trail-Stück am Übergang an den Damen vorbei und wir rauschen hinab nach Nauders. So rollen wir nach 4:52 Stunden matschverschmiert und mit Schwimmhäuten an den Fingern über die Ziellinie. Als 47. in der Herren-Wertung haben wir heute eine solide Leistung abgeliefert und gut harmoniert. Auch den Dauerregen haben wir erstaunlich gut weggesteckt. Im Ziel erfahren wir, dass knapp 80 Teilnehmer wegen des Regens und der Temperaturen von der Strecke geholt werden mussten. Auch der Führende Karl Platt hatte auf die Regenjacke verzichtet und dafür bezahlt.

Erst ist der Körper dran, dann die Wäsche

Fotostrecke: Transalp hautnah: Die Regenschlacht der zweiten Etappe

Direkt nach der Zieldurchfahrt steuern wir unser Hotel "Central" in Ortsmitte an. Dort werden wir sofort in den Wellnessbereich geschickt: ausziehen, duschen und ab in die Sauna zum Aufwärmen. Nachdem wir Schuhe, Helme und Räder grob gereinigt haben, machen wir uns auf den Weg zum Craft-Stand. Dort bekommen wir einen Wäschesack, in den wir unsere Matsch-Klamotten packen. Den Sack geben wir wenig später bei den Craft-Jungs ab und haben morgen frisch gewaschene Klamotten. Ein top Service, den ich bereits vom Cape Epic kenne und der bei solchen Regenschlachten wie heute Gold wert ist.

3. Etappe: Nauders – Naturns

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Dick eingepackt beim Start in Nauders.

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Die ersten beiden Anstiege führen uns von Nauders auf knapp 1900 Meter

Morgens kommen wir bereits vor den ersten Metern auf dem Bike ins Schwitzen, denn es steht die Königsetappe an. Das heißt Start um 8:00 statt um 9:00 Uhr. Zügig schlingen wir Müsli und zwei Semmeln hinunter und ärgern uns, dass wir das großzügige Frühstücks-Büffet unseres Hotels nicht auskosten können. Um fünf vor 7:00 Uhr streifen wir uns die Spantex-Uniform über und packen hastig alles in unsere gelbe Transalp-Tasche. Warum so hektisch? Weil die Taschen um 7:00 Uhr an der Rezeption zum Abholen bereit stehen müssen. Draußen dasselbe Bild wie gestern: Nieselregen tröpfelt aus den tief hängenden Wolken am Alpenhauptkamm.

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Stau vor einer kurzen Tragepassage.


Erst 15 Minuten vor dem Start trudeln wir im wuseligen Startbereich ein und füllen unsere Gel-Fläschchen am Multipower-Stand. Als wir in die vorderen Startblöcke blicken, fällt eins sofort auf: In Jacken, Überschuhe und Regenhosen gepackt scheinen die meisten vom Vortag gelernt zu haben. Wir haben Knielinge übergestreift, Regenjacken an und hoffen, dass das Vinschgau seinem Ruf alle Ehre macht und uns mit trockenen Bedingungen empfängt.


Doch die ersten zwei kürzeren Schotter-Anstiege bis über 1800 Meter hinauf begleitet uns erst einmal wieder der Regen. Kurz vor der italienischen Grenze müssen wir vom Bike. Nicht, weil die Carabinieri unsere Pässe sehen wollen, sondern weil es sich mal wieder staut. Wir nutzen die Pause, um einen Riegel reinzuschieben. Kurz darauf schießen wir im Nebel runter zum Reschensee. Es folgt der 300-Höhenmeter-Anstieg auf die Bruggeralm, die letzte Hürde vor dem Vinschgau. Die spulen wir mit angezogener Handbremse ab – im Hinterkopf das Sägezahnprofil, das im Vinschgau wartet.

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Die Trail-Belohnung ins Vinschgau hinunter.


Versteckte Höhenmeter – von Singletrails versüßt

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Auch unsere Bikes haben heute mächtig gelitten.


Eine erste Trail-Kostprobe bekommen wir bereits hinter Glurns. Auch die Temperaturen werden immer angenehmer und am Himmel blitzt bereits die Sonne kurz durch. Ein Gutes hatte der Regen vom Vortag aber: die Vinschgauer Trails bieten perfekten Grip und ersparen uns Staubwolken am Hinterrad des Vordermannes. Nach einer kurzen Verschnaufpause durch die Apfel-Plantagen steuert die Route wieder die Rampen an der rechten Talseite an. Antreten, über Wurzeln und Steine zirkeln und wieder antreten: So saugt uns die Strecke die Kraft aus den Beinen. Immerhin 1000 Höhenmeter summieren sich so auf diesem abwechslungsreichen und anspruchsvollen Abschnitt.


Meinem GT-Fully setzt diese Königsetappe mindestens genauso zu wie meinen Muskelfasern. Die Kette krächzt, die Lenker-Fernbedienung zum Blockieren streikt und meine Tacho-Halterung hängt auf Halbmast. Bei der zweiten Verpflegung hinter Morter warten zum Glück zwei Helfer mit Kettenöl. Den Tacho nehme ich sicherheitshalber ab, um ihn nicht bei einer Rüttel-Abfahrt zu verlieren. Als wir die Verpflegung verlassen, macht uns eine Tafel mit den Daten bis zum Ziel Mut: "600 hm, 25 km" Motiviert und mit einem Wasserbauch kurbeln wir in Tarsch in die letzte Steigung des Tages.

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Die gut 2000 Höhenmeter in den Beinen sieht man am Gesichtsausdruck.


Falsche Hoffnung und schreckhafte Strecken-Posten   

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Beißen war angesagt bei knapp 3500 Höhenmeter heute.

     
Als sich nach einer gefühlten Ewigkeit die Straße bei einem Hof etwas zurücklegt, wähnen wir uns schon in Gipfelnähe. Doch wenig später klettern wir wieder Schotter-Serpentinen hinauf. "Das gibt’s doch nicht. Langsam müssen wir doch oben sein", schreit Wolfi von hinten. Ich beschwichtige ihn und lüge, dass es bald vorbei sein müsse. Irgendwo im Roadbook hatte ich gelesen, dass der letzte Anstieg 1000 Höhenmeter hat. Und ich sollte Recht behalten, die Tafel an der Verpflegung hatte falsche Hoffnungen gemacht. Auf der letzten Rille schleppten wir uns – weitere 300 Höhenmeter höher – über den Wendepunkt an der Marzoner Alm. Puhh, geschafft, dachte ich nun. Doch die Trails ins Tal hinab sollten uns ein weiteres Mal alles abverlangen.

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Im Ziel in Naturns: Die vergangenen drei Tage haben Spuren hinterlassen.


Schnell konnten wir zu drei Fahrern aufschließen. Wolfi, der früher Downhill-Rennen gefahren ist, fackelte nicht lange und kassierte den ersten. Hinter ihm zu fahren ist besser als ein Fahrtechnik-Video zu schauen. Denn Wolfi lässt sein Hardtail so geschmeidig unter seinem Körper um Kurven zirkeln und über Wurzelteppiche fliegen, dass man der Linie einfach folgen muss. An einem Schotterweg winkt uns ein Streckenposten in den nächsten Trail-Abschnitt. Als Wolfi den Abzweig sieht, blockiert er sein Hinterrad, wirft sein Rad in Schräglage und driftet in die 90-Grad-Kurve hinein. Der Streckenposten springt intuitiv zwei Meter zurück, weil er eine Kollision fürchtet. Doch Wolfi lässt nichts anbrennen und hämmert weiter Richtung Naturns.

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Räder verladen und ab nach Latsch in die Pension.


Auf den letzten verwinkelten Metern ins Ziel ziehe ich unsere Sechser-Gruppe. Dann kommt eine schmale Radweg-Unterführung, aus der eine 90-Grad-Rechtskurve leitet, über die ein Wasserfilm dahinplätschert. Den sieht Wolfi als Zweiter nicht und macht sich kurz lang auf dem feuchten Asphalt. "Alles ok? Ist dir was passiert", erkundige ich mich. Doch schon sitzt Wolfi wieder im Sattel und wir überqueren nach 6:01 Stunden als 57. Herren-Team die Ziellinie in Naturns.


Nach einem Recovery-Shake, einem Vinschgauer mit Salami und einer Cola erkundigen wir uns nach einem Shuttle nach Latsch, wo sich unsere Unterkunft befindet. 15 Kilometer sind es dorthin, meist leicht ansteigend. Deshalb kommt Treten gar nicht in Frage. Nach zwei Anrufen finden wir schließlich einen Bike-Shuttledienst, der uns hinüberfährt. Die Pasta-Party werden wir uns heute schenken, stattdessen eine riesige Pizza in Latsch futtern. Die haben wir uns nach der Königsetappe schließlich verdient.

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Radwäsche unter Apfelbäumen in unserer Pension in Latsch.

4. Etappe: Naturns - Sarnthein

Unfreiwilliges Einrollen steht heute früh auf dem Programm. Um zum Start nach Naturns zu kommen, rollen wir 15 Kilometer am Etschtal-Radweg hinunter Richtung Meran. Leider sind die Startblöcke bereits gut gefüllt und wir reihen uns weit hinten im B-Block ein. Mit sieben Minuten Verspätung fällt auch für unseren Startblock der Startschuss. Leider half das verzögerte Starten der Blöcke nicht viel: Nach dem ersten Stich wartet eine Fahrertraube vor dem kurzen Trail. Wir stehen etwa drei Minuten, ehe wir im Gänsemarsch die Abfahrt hinunterwandern. Schade, denn die schmalen Pfade hätten sich bis auf zwei Stellen alle fahren lassen.

Fotostrecke: Transalp hautnah: Die vierte Etappe in Bildern

Auf einem Höhenweg biegen wir wenig später aus dem Vinschgau hinaus. Ich genieße die Tiefblicke nach Meran und nehme ein paar Tritte Druck raus, damit Wolfi aufschließen kann. Als wir gerade in den nächsten Trail einbiegen wollen, stoppt uns ein Motorrad-Fahrer. Wir warten einen Augenblick und lassen einen seiner Kollegen, einen Rescue-Fahrer, mit seiner Maschine aus dem Trail fahren. Mit mächtig Speed schießt er den Trail hoch und gibt kräftig Gas. Anschließend biegen wir in den leicht verblockten Trail ein und vernichten Höhenmeter.

Dem Hammer-Uphill entgegen

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Fiese Schiebepassage unterhalb von Hafling. Hier fahren nicht mal die Profis hoch.

Durch Apfel-Plantagen rollen wir der gegenüberliegenen Talseite entgegen. Dort wartet ein Hammer-Anstieg: Mehr als 1800 Höhenmeter wollen erkurbelt werden, um ins Sarntal hinüber zu kommen. Gemächlich beginnen wir den Berg auf einer angenehm steigenden Asphaltstraße. Doch hinter dem Greiterhof biegt der Wiesenweg in einen Wanderweg, der fast senkrecht in den Himmel zeigt. Wie eine Hansi-Hinterseer-Wandergruppe stapfen wir mehr als 100 Höhenmeter über lose Steine - das Bike immer an unserer Seite. Danach passieren wir das Dorf Hafling, aus dem die berühmte Pferderasse stammt. Die Kraft eines solchen Arbeitstieres hätte ich mir bei der Schiebepassage gewünscht, dann wäre die im Nu vorbei gewesen. An der zweiten Verpflegung warte ich kurz auf Wolfi und futtere mich einmal durchs Sportler-Buffett: Banane, Riegel, Nüsse, Gurken und Melonen-Stücke stopfe ich in mich hinein.

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Endlich öffnet sich das Gelände und wir gelangen auf den Rücken.

400 Höhenmeter weiter oben öffnet sich das Gelände endlich und wir erreichen die Baumgrenze. Auf Trails und Wiesenwegen hangeln wir uns den Bergrücken hinauf. Und endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit können wir das Treten einstellen und uns aufs Steuern und Bremsen konzentrieren. Auf eine schnelle Schotter-Piste folgt ein kurzes Zick-Zack-Stück, ehe wir für die Schinderei belohnt werden. Von der Sarner Skihütte leiten uns feinste, anspruchsvolle Waldtrails hinab ins Etappenziel. Einer unserer Vordermänner jauchzt während der Abfahrt mehrmals, weil er sich so über diesen Trail-Leckerbissen freut. Auch wir können uns im Ziel ein Lachen nicht verkneifen.

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Der sanfte Anfang der Trail-Orgie nach Sarnthein hinab.

Ein Problem haben wir aber an diesem Tag noch: Unser Hotel befindet sich nicht im Zielort, sondern 700 Meter höher am Berg. Zum Glück haben die Organisatoren für diesen Fall vorgesorgt und Shuttle-Busse bereitgestellt. 20 Minuten später liegen wir schon im Liegestuhl auf unserer Terasse und schlürfen einen Recovery-Shake. Gleichzeitig rollen wenige Meter entfernt immer noch Fahrer durch den finalen Singletrail Richtung Ziel. Entspannt erinnern wir uns nochmals an die heikelsten Passagen und stoßen auf Rennleiter Marc Schneider an, der diesen Streckenabschnitt in die Transalp gehievt hat.

5. Etappe: Sarnthein - Kaltern

Nachdem wir in der Nacht von kräftigen Regenschauern geweckt worden waren, stellen wir uns auf eine weitere feuchte Etappe ein. Doch gut eine Stunde vor dem Start hat das Wetter mit uns angeschlagenen Hunden ein Einsehen. Die Wolken lösen sich auf und die Sonne blinzelt über die Bergkuppe. Nach einer etwas hektischen und turbulenten Startphase dreht Wolfi richtig auf und wir überholen Fahrer um Fahrer. Doch wenig später fällt ihm leichtsinnig sein Gel-Fläschchen auf die Straße. Einem Fluchen folgt ein hoffnungsvoller Bitte-helfen-Blick zu mir herüber, doch ich schüttele nur den Kopf, weil ich selbst mit meinem Körper und meinem schweren Arbeitsgerät zu kämpfen habe. Wolfi dreht kurz um, steckt das Fläschchen ein und versucht, wieder seinen Tritt zu finden. Ich schalte einen Gang runter und kurble weiter. Doch irgendwie kann Wolfi nicht aufschließen. Ich beschließe am Übergang, den Stoanernen Mandln, zu warten.

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Direkt hinter der Startlinie geht es steil bergauf.

Der Plan geht auf: Ich habe bereits meine Jacke angezogen, als Wolfi kommt und ich ihm beim Anziehen helfen kann. Die Abfahrt beginnt schnell über Almwiesen, doch bald hoppeln wir durch matschige, nasse Felsplatten. Doch der angekündigte, schwerste Trail-Abschnitt sollte noch kommen. Nach Mölten leiten uns die Schilder wieder auf schmale Pfade, doch zwei Kurven später bremst uns wieder Stau aus. Ich hadere wieder mal mit meinem Material: Denn genau hier, wo ich meine Fully-Vorteile ausspielen könnte, werden wir immer von schiebenden Fahrern ausgebremst. Dann könnte ich mir das Hochschleppen dieses Zusatz-Gewichts auch sparen. Auch einige Meter tiefer in der Enduro-Wertung werden wir wieder gestoppt. Allerdings nicht von Fahrern, sondern von zwei geschlossenen Gattern. Wer hat denn hier seinen Job nicht gemacht?

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Wolfi im Slalom durch die Stoanernen Mandln.

Nach einem unfreiwilligen Stopp an einem Bahnübergang rollen wir in einer großen Gruppe nach Nals, wo die erste Verpflegung wartet. Von hier beginnt der zweite, lange Anstieg des Tages. Wir orientieren uns an meinem Leistungsmesser und lassen eine Handvoll Fahrer ziehen. Mit knapp 220 Watt pressen wir hinauf zur zweiten Verpflegung. Meine staubtrockene Kette quittiert jeden Tritt mit einem Quietschen. Zum Glück haben die Jungs an der Verpflegung etwas Öl für uns. Als wir das Hochplateau erreicht haben, bremst uns eine heftige Tragepassage aus. Über tischhohe Absätze und schmale Wurzelteppiche schleppen wir unsere Bikes. Nach einer längeren Schotter-Abfahrt folgen einige Singletrails. Bis ein Schrei aus dem Wald ertönt: "Stopp. Umdrehen. Wir sind falsch", brüllt der Gruppenerste. Fluchend stapfen wir den Trail wieder hinauf und nehmen oben den Abzweig, der nur sehr unübersichtlich beschildert war. Auch auf den letzten Metern nehmen wir nochmal kurz einen falschen Abzweig, merken es aber zum Glück sofort.

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Gleichmäßig klettert Wolfi einige Meter hinter mir.

Mit 4:35 Stunden können wir am Ende für diese fünfte Etappe zufrieden sein, nicht aber mit der Platzierung als 68. Herren-Team. Denn obwohl wir gerade mal 1:15 Stunden langsamer waren als die Sieger, waren wir in den Vortagen besser platziert. Egal, aber irgendwie schielt man einfach doch immer wieder auf die Zeiten und Plätze. Eins ist aber schon klar: Den Sprung in die Top-50 hat uns mein Einbruch vom ersten Tag gekostet.

Fotostrecke: Transalp hautnah: Die fünfte Etappe zum Durchklicken

6. Etappe: Kaltern - Trento

Mit fünf harten Etappen in den Beinen hadern wir kurz, als um 6:20 Uhr der Wecker klingelt. Aber es hilft nichts, trotz dicker Augenringe haben wir keine andere Wahl: Rein in die Bike-Klamotten, Riegel und Gels vorbereiten und Taschen packen. Auf dem Weg zum Frühstück stellen wir unsere Taschen an der Rezeption ab, von wo sie bald abgeholt werden. Beim Frühstück langen wir kräftig zu. Im Zweifel lieber eine Semmel mehr. Denn auf den 98 Kilometern heute wollen wir keinen Hungerast riskieren.

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Der Startbereich vor der Kellerei heute morgen.

Die ersten Kilometer nach Neumarkt hinab rollen wir neutralisiert im riesigen Feld. So können wir uns langsam einkurbeln, müssen aber ständig auf der Hut sein. Denn alle paar hundert Meter stoppt der Wurm abrupt, ehe wieder scharf angetreten wird. Wie eine Ziehharmonika muss das von oben aussehen. Wir behalten uns so gut es geht im Blick und gehen gemeinsam in die angenehm ansteigende alte Bahntrasse nach Truden hinauf. Trotz nur fünf bis sechs Prozent Steigung purzeln die Höhenmeter ziemlich zügig. Nach einer kurzen Abfahrt folgt bei Kilometer 39 die erste Verpflegung. Der folgende Schotterweg stellt sich als ganz schöne Rampe heraus. Auch oben am Trudener Horn können wir nicht die Beine hochnehmen und hinunterschießen. Denn die Abfahrt hält auf 25 Kilometern Länge immer wieder fiese Steilrampen bereit, die zum Drüberdrücken verführen.

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Die ersten 15 Kilometer bis Neumarkt wurden neutralisiert im Feld abgerollt.

Bei Kilometer 65 ist es dann soweit: Wolfi hat sich ein kleines Stück abgesetzt und ich spüre, wie das fast 12 Kilo schwere Fully meine Oberschenkel leergesaugt hat. Schnell drücke ich einen Riegel hinunter und gleich noch einen großen Schluck Gel hinterher. Leider ist meine Flasche bereits leer. Also nichts mit Hinunterspülen. Wie eine trockene Scheibe Toastbrot klebt der Riegel in meinem Mund und will nicht hinunter. Irgendwie schleppe ich mich zur zweiten Verpflegungsstation bei Kilometer 78.

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Im letzten Stück bis zum Trudener Horn legte sich die Schotterpiste kräftig zurück.

Dort kippe ich erst einmal eine Flasche Iso-Getränk hinunter, stopfe eine Banae hinterher. Bis ich mich orientiere, fährt Wolfi schon davon. Ich packe noch ein Gel ein und jage hinterher. Drei Kilometer brauche ich, um die Lücke zuzufahren. Pünktlich, als die Steigung zu einem supersteilen Karrenweg wird. Mit Tunnelblick klettern wir Serpentine für Serpentine höher, keiner sagt mehr einen Ton. Erst als eine handvoll Italiener am Streckenrand stehen, wissen wir, dass die Plackerei ein Ende hat. Mit einem kräftigen Schubser bringen sie uns auf Geschwindigkeit und wir biegen in den verblockten, knackigen Abschluss-Trail ein. Der hält einige enge Spitzkehren bereit. Die mögen bei einer Tour ein toller Fahrtechnik-Leckerbissen sein, aber wir wollen einfach nur ins Ziel. Zwei kleine Strauchler überstehen wir unbeschadet und überqueren wenige Minuten später nach 5:12 Stunden die Zeitmess-Matte am Ortseingang von Trento.

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Ausgelaugt, aber glücklich, den letzten schweren Brocken hinter uns gebracht zu haben.

Geschafft! Den Ritt durch die verwinkelten Gassen der schönen Altstadt können wir genießen, denn die Arbeit für heute ist ja bereits getan. Auf einem imposanten Platz inmitten der Altstadt rollen wir schließlich durch den Zielbogen. Wenig später beim Räder-Waschen kocht das Adrenalin allerdings nochmal hoch, denn ein Kollege mit edlem S-Works-Material versucht, sich unfair vorzudrängeln. Eine kurzes Wortgefecht, dann zieht er eingeschnappt ab. Kuschelig eng fällt unser Zimmer heute im Hotel Everest aus. Aber das stört nicht weiter, schließlich motiviert der Sprung in den Gardasee morgen.

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Chaos mit System: Unser überschaubares Zimmer in Trento.

7. Etappe: Trento – Riva del Garda

Statt Sonnenschein und einer gemütlichen Schlussetappe nach Riva erwartet uns eine weitere Regenschlacht. Man muss sich das mal vorstellen: Die Motivation ist am siebten Tag sowieso schon am Boden, der Körper läuft auf Sparflammee und dann mischt sich auch noch ein Wolkenbruch nach dem anderen dazu. Als wir die Schotterstraße zum Monto Bondone hinaufkurbeln, ist das wie beim Schwimmen gegen den Strom. Denn die Wege und Straßen haben sich in Bäche verwandelt und wir versuchen irgendwie dagegen anzutreten. Zum Glück ist es nicht kalt, aber das wäre ja noch schöner. Auch viele andere Teams um uns herum hadern mit dem Wetterpech, fluchen und versuchen ihr Vorderrad über Wasser zu halten.

bike transalp blog etappe 7

Die Abfahrt vom Monte Bondone glich einem Ritt auf einer Welle.

Bei der ersten Abfahrt nach Cavedine hinunter kämpfen wir gegen eine Matschpiste, aufgeweichte Schotterpisten und Wasserpfützen, die unsere Bikes bis zu den Naben verschlingen. Zum Glück lassen sich unsere Bikes nichts von der Schlamm-Schicht anhaben. Klar zickt die Schaltung ein wenig und die Kette mahlt vor sich hin, aber sonst müssen wir mit keinen Defekten und Einschränkungen kämpfen. „Die letzte Banane der Woche“, schreit einer der Verflegungs-Jungs und lächelt unter seiner Regenjacke hervor. Ich greife zu und male mir die warme Dusche im Ziel aus. Am letzten Anstieg gibt Wolfi nochmal richtig Gas, er scheint den Gardasee bereits zu riechen. Ich schinde mich mit ein paar Metern Sicherheitsabstand hinterher. Als wir wenig später die Enduro-Wertung erreichen, erinnere ich mich an die Worte von Rennleiter Marc Schneider vom Vorabend: „Der letzte Trail dieser Transalp...“ Der Trail hat sich längst zum Bach entwickelt und wir stochern mit der braunen Brühe hinab bis das erlösende „Enduro-Finish“-Schild auftaucht. Die letzten Höhenmeter nach Arco vernichten wir auf Asphalt. In einer kleinen Gruppe erreichen wir schließlich das Ortsschild von Riva. Während die anderen um jede Sekunde sprinten, lassen wir es gemütlich angehen und rollen überglücklich und ein wenig stolz über die Ziellinie. Wer hätte das gedacht? Dass wir nach meinem Einbruch am ersten Tag doch noch finishen werden.

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Das obligatorische Bad im Ganges der Mountainbiker.

Mit stolzer Brust lassen wir uns den Zeitnahme-Transponder aus der Startnummer schneiden und nehmen unsere Sieger-Medaille in Empfang. Da keine Bekannten auf uns warten, steuern wir zielstrebig den Bier-Stand an und gönnen uns den verdienten Lohn. Wenig später zieht es uns ans Ufer des Gardasees. Samt Klamotten springen wir hinein und waschen uns im Ganges der Mountainbiker. Ich denke an Kollege Henri Lesewitz, der erst vor wenigen Tagen hier nach seiner Nonstop-Transalp ankam und dasselbe tat.

Fotostrecke: Regenschlacht nach Riva: Die siebte Etappe in Bildern

Fazit: Vier von sieben Tagen Regen, knackige Abfahrten und dasselbe Pensum wie früher in acht Tagen: Die BIKE Transalp zählt nach wie vor zu den härtesten und beeindruckendsten Etappenrennen der Welt. Das internationale Starterfeld aus 40 Ländern untermauert die Attraktivität dieses Monuments des Bike-Sports. Um die sieben Tage durchzustehen, muss man ein ausdauernder Kletterer und versierter Abfahrer sein. Leidensfähigkeit, Team-Geist und Durchhaltevermögen werden auf eine harte Probe gestellt.

Stefan und Wolfi

Stefan Loibl am 24.07.2014