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Craft BIKE Transalp 2015: Reportage & Video

BIKE-Transalp: Zwischen Himmel und Hölle

Christoph Listmann am 21.09.2015

Vor 18 Jahren wurde mit der Transalp-Challenge das spannendste Rennformat für Teams geboren. Zur Volljährigkeit gab es eine neue Strecke mit 2700 Höhenmetern pro Tag. Die BIKE Transalp in 7 Episoden.

Startschuss erlöst den Zombie

Auch nach 18 Jahren ist die Transalp noch Lebensinhalt für fast 1000 Biker und Bikerinnen. Ein Festival mit 40 Nationen.

Viele planen ihr Leben um diesen Saison-Höhepunkt drumherum, bekleben ihr Auto mit Team-Namen und Unterstützer-Logos und reisen mit Familie an. Alle holen das Letzte aus sich heraus, egal in welchem Startblock und auf welcher Seite der Ergebnisliste sie stehen. Für ambitionierte Fahrer sind die letzten Tage vor dem Start ein Horror. Irgendwo zwischen Hypochondrie und Essstörung tigert man durch den Alltag, der immer unerträglicher wird, je näher der Starttag rückt. Nach Monaten der Vorbereitung biegt man auf die Zielgerade ein, und die heißt: unmittelbare Rennvorbereitung. Um fit und gesund am Start zu stehen, waren Askese und Trainingsfleiß gefordert. Manch einer wird kurz vor dem Start ungenießbar. Die Partnerin hat Schnupfen – also lieber Abstand halten. Kratzt es etwa im Hals? Oje, die Wade zwickt! Unsicherheit: Hätte ich mehr trainieren können? Welche Reifen soll ich bloß montieren? Der Startschuss erlöst die Transalp-Zombies aus diesem Zustand. Die Beine drehen sich frei, der Puls geht hoch, das Kratzen im Hals ist weg. Alles wird gut. Stärke, Lust und Zuversicht durchströmen jede Faser des Körpers. Die sieben Tage im Sattel sind der Lohn für alle Anstrengungen und Entbehrungen.

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Der Natur ausgeliefert: Das Mittelfeld rauschte auf der fünften Etappe voll in eine Hageldusche. Am Vortag starben in der Region zwei Wanderer durch Blitzschlag.

Das Festival der Schmerzen

Die Mutter aller Etappenrennen belohnt mit Grenz­erfahrungen, die man für Geld nicht kaufen kann.

Es schleicht sich an, das flaue Gefühl im Magen und pflanzt sich in die Beine fort. Tausend Höhenmeter liegen hinter dir, die härtes­ten bäumen sich gerade vor dir auf. Du versuchst, den Gang stehen zu lassen und ahnst schon, dass das nicht klappt. Du schaltest einmal, zweimal. Der Blick auf den Tacho zeigt: Absteigen und Schieben wäre nicht langsamer. Dein Körper ballt sich zur Faust. Verzweiflung macht sich breit. Aus dem Hirnstamm winselt es: Aufhören! Schwarzweißfilm, Testbild, dann flimmert es nur noch vor den Augen. Die Passhöhe scheint unerreichbar weit weg. Du kämpfst, trittst, verfluchst – deinen Partner vor dir, dich selbst, die ganze Mission. Kurz vor der Passhöhe erreicht der Ganzkörperschmerz seinen Höhepunkt. Ein Leidenszustand, der so widerlich wie unbezahlbar ist. Ein Gefühl, das man im normalen Leben nicht erreicht, unbezahlbar deshalb, weil es die meisten Menschen in unserer Komfortgesellschaft nie erleben. Die Grenz­erfahrung unterscheidet dich, macht süchtig, macht stark. Endlich kippt die Strecke ins Tal. Du schnaufst dreimal durch, die Vitalfunktionen kehren zurück. Nach der dritten Serpentine siehst du wieder scharf. Du hast dich selbst besiegt. Du lächelst und weißt: Heute kann dich nichts mehr aufhalten.

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In der Transalp-Woche stößt jeder irgendwann an seine Grenzen.

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Ein Bike-Test unter äußerst realen Bedingungen: Testleiter Listmann eroberte mit Partner Anthes den zweiten Platz bei den Masters.

Gut besohlt ist halb gewonnen – der Wandertag

Das härteste und längste Teilstück der Transalp schüttelte am dritten Tag das Klassement durch­einander. Ein unwiederbringliches Grusel-Erlebnis.

Ein Steinbruch hat gekalbt. Dummerweise mitten in die dritte Etappe. Die Strecke von Mittersill nach Sillian über den Dachgarten Europas ist die Königsetappe. Eine Etappe wie eine Kreuzigung. 115 Kilometer lang und fast 3500 Höhenmeter schwer. Nicht nur die sechs Kilometer lange fiese Laufpassage über den Felbertauern schüttelt das Klassement durcheinander. Im Jahr 2005 hat der Übergang Legenden geschrieben und Helden geboren. "Die härteste aller jemals gefahrenen Etappen", hieß es damals. Unvergessen, wie Brett Wolfe aus Alaska – der bein­amputierte Extrem-Biker – die Passage gemeistert hat. Es sind genau diese Etappen, die Geschichten schreiben, Tage die kein Teilnehmer je vergisst. So auch diesmal. Vor zehn Jahren hat Transalp-Vater Uli Stanciu mit dem Felbertauern-Grusel einen Übergang erschaffen, der keiner ist. Einer, auf dem Biker theoretisch und praktisch nichts verloren haben, weil die Passage über den Grund eines Bauern führt, der Biker nicht duldet. Wer es am 21. Juli also bis zur St. Pöltener Hütte geschafft hat, gehört zu einem kleinen Kreis Auserwählter – quasi zu den letzten legalen Passhelden. Doch entgegen der Befürchtungen war die Laufpassage nur für wenige Teilnehmer der Exitus. Sogar das Team Fatboys, Frank und Marco Hässler mit ihren 15 Kilo schweren Fatbikes, schafft es nach zwölf Stunden ins Ziel nach Sillian. Clevere Transalpler trugen wie schon vor zehn Jahren Laufschuhe zum Wechseln im Rucksack mit sich, die Profis von Centurion-Vaude ließen sich von ihren Betreuern andere Schuhe mit griffiger Sohle reichen.

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Selbst die besten Teams mussten teilweise schieben.

Wie unbändig der Willen fürs Finish ist, zeigt das Abenteuer von Gabriel Sindlinger. Der 18-Jährige stürzte in der Laufpassage, sein Bike polterte 150 Meter die Felsen hinunter. Bei der Bergung stellte er fest: Carbon-Felge und -Sitzstrebe gebrochen, der Sattel unauffindbar. Das Ziel: noch fast 100 Kilometer entfernt. Gabriel fixierte Rahmen und Felge notdürftig mit Tape und wickelte als Notsitz einen Ersatzschlauch auf den Sattelstützkopf. Zusammen mit Bruder Tobias kämpfte er sich nach achteinhalb Stunden ins Ziel. Ein Team trat zur dritten Etappe dagegen erst gar nicht an – Höhenangst!

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Die Erlebniswelt Transalp ist eine andere als die, die im Job auf dich wartet. Wer wird dich verstehen, wenn du erzählst von wund geriebenem Hintern, Blutblasen an den Händen, von Unterzucker, der dich nicht mehr scharf sehen lässt oder vom Zwang, jeden Tag zu essen? Innerhalb der Biker-Familie reicht der Blick auf dein Finisher-Shirt – und jeder weiß Bescheid.

Fistbump statt Handshake – das Leben der Betreuer

Auch für die Betreuer ist die Transalp-Woche eine Härteprüfung. Denn gerade bei den Profiteams darf sich niemand einen Fehler erlauben.

Vincent Durand strahlt absolute Ruhe aus. Doch seine Augen sind hellwach, ihm entgeht kein Detail. Der Physiotherapeut von Karl Platt und Urs Huber kennt die Sorgen seiner Jungs, ihre Wehwehchen und die Blähungen, die konzentrier­te Energienahrung verursacht. Hier sind fünf seiner Survival-Regeln für den stressfreien Umgang mit den Profis.

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Vincent Durand, Physiotherapeut bei Bulls, bei der Arbeit.

1) Meine Massage hat kein Happy End. Ich sage niemals einem Athleten, dass er die Massage genießen soll – er wird es nicht. Ich nenne sie übrigens Behandlung, weil meine Methoden schmerzhaft sind und sicherstellen, dass ihr am nächsten Tag wieder fit seid. Ich repariere euren Körper, so wie der Mechaniker euer Bike. Meine Werkzeuge sind Pflaster, Tape und Öl.

2) Ich kenne mich aus mit dem Verschleiß eurer Körper während eines Etappenrennens. Aber wenn ihr merkt, dass ich beim Anblick eurer Wunden oder Knochen blass werde, geht schnell zum Arzt. Für alles, was mit Nadel und Faden zu tun hat, sind die Jungs mit dem weißen Kittel zuständig. Und bitte: Ich behandle nicht eure Sitzprobleme.

3) Ich habe gesehen, wie ihr euch heute früh die Sitzcreme auf den Hintern geschmiert habt. Und ich bin nicht sicher, ob ihr euch die Hände gewaschen habt. Zur Sicherheit ist mir ein Fistbump als Morgengruß lieber als ein High Five.

4) Schaut in den Spiegel, bevor ihr euch nach dem Zieleinlauf knipsen lasst. Dabei werdet ihr sehen, dass der Dreck in jeder Öffnung steckt. Wascht den Schlamm raus, spült Nase und Rachen mit Salzlösung, das verhindert Infektionen. Selbst wenn die Geräusche dabei auch den härtesten Mann erschrecken – es hilft!

5) Physiotherapeuten sind wie Barkeeper oder Psychologen. Wir kennen eure Gedanken, egal ob positive oder negative. Wir haben eine intime Beziehung, keine öffentliche. Social Media ist klasse, um Informationen vom Team zu teilen, aber ein falsch verstandener Kommentar richtet Schaden an. Wenn ihr mich also fragt, ob und was ihr posten sollt, hier ist meine Meinung: Wenn ihr gewinnt, sagt wenig. Wenn ihr verliert, sagt noch weniger.

Die Geschichte vom Hammer und vom Nagel

Zwei sind stärker als einer, so lautet die goldene Transalp-Regel. Denn: Ohne Teamwork gibt’s in Riva kein Finisher-Shirt.

Es sind nur zwanzig Watt, die dir fehlen. Nur zehn Herzschläge mehr als bei deinem Partner. Über jede Kuppe musst du dich ein Quäntchen mehr quälen, jeden Anstieg einen Tick über deinem Wohlfühltempo fahren. Dein Partner erholt sich, dich zählt der Ringrichter an. Du bist der Nagel, dein Partner der Hammer – jeden Tag von neuem. Wer nicht darüber redet, geht kaputt. Der Schwächere bestimmt das Tempo, sagen erfahrene Transalp-Piloten. Nur das Teamwork bringt euch beide nach Riva: Der Stärkere füllt die Flaschen, schiebt an, putzt die Bikes, kümmert sich um das Drumherum. Wer das nicht begreift, scheitert.

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Ohne Teamwork geht bei der Craft BIKE Transalp nichts.

Härter denn je: Schlacht ums gelbe Trikot

Die Craft BIKE Transalp mitzufahren, ist eine Prüfung. Die Transalp zu gewinnen, war härter denn je. Die Sieger fuhren über 400 Watt am Berg.

Mehrere Begleitfahrzeuge, Camper, Mechaniker, Betreuer und Köche. Den Aufwand, den die Profiteams von Topeak Ergon, Bulls und Centurion Vaude betrieben, war enorm. Jede Equipe reiste mit einem Siegerteam und einem hochkarätigen Backup-Duo zum Rennen. Schnell stand fest: Nur vier Mannschaften haben Siegchancen, Markus Kaufmann und Jochen Käß hatten ihren Hattrick quasi angekündigt. Die ersten zwei Etappen gewannen Urs Huber und Karl Platt im Sprint, dann eroberten Kaufmann/Käß das Gelbe Trikot und gaben es nicht mehr her. Sein 40. Etappensieg blieb „Mr. Transalp“ Karl Platt bei seiner 15. Teilnahme verwehrt.

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Centurion Vaude dominiert mit seinen zwei Teams das Geschehen an der Spitze.

Nicht alle Helden tragen Gelb

Echte Helden sind alle, die in Riva über die Ziellinie gefahren sind, egal in welcher Zeit. Die Finisher-Medaille ist eine Auszeichnung fürs Leben.

Nach sieben knallharten, fantastischen Etappen über 611 Kilometer, und 19000 Höhenmeter heißen die schnellsten zwei: Markus Kaufmann und Jochen Käß. Aber auch in den anderen Kategorien und im Mittelfeld war das Tempo höher denn je und die Leistungsdichte gewaltig. Nach 18 Jahren Transalp startet kein Biker mehr unvorbereitet ins Abenteuer, die typischen Schlusslichter und die Flucht vorm Besenwagen gibt es nicht mehr. Exakt 738 Finisher erreichten das Ziel. Mit der Abreise von Riva beginnt der kalte Entzug – der Transalp-Blues. Wenn die Wunden geleckt sind und man sich im normalen Leben wieder akklimatisiert hat, wenn sich die Beine wieder locker drehen, dann sausen wieder die Gedanken durchs Hirn: Was kommt als nächstes? Denn nicht nur die Biker mit den Sponsorenlogos auf den Autos wissen: Nach der Transalp ist vor der Transalp. See you in July 2016!

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Sektdusche im Ziel: Wer den Zielbogen am Gardasee erreicht, darf sich feiern lassen.

Die BIKE Transalp 2016 findet vom 17.-23. Juli 2016 statt. Alle Infos zu Anmeldung und Strecke gibt's hier: www.bike-transalp.de

Christoph Listmann am 21.09.2015

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