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Eurobike 2013: Ritchey Eurobike 2013: Ritchey
2013

Henri Lesewitz' Eurobike-Blog 2013

Henri Lesewitz am 31.08.2013

Henri Lesewitz ist der Fachmann für edles Zubehör und feine Custom-Bikes. Unser Reporter streift durch die engsten Messe-Gänge, um interessante Kleinode der Mountainbike-Szene aufzustöbern.

Mittwoch, 28. August 2013, 08:30 Uhr: Es geht los.

Menschenmassen. Parkplatzsuchverkehr. Überall Ordner, Werbebanner, Fahrräder. Noch nicht mal 09:00 Uhr. Doch die Welle der Einlass-Willigen brandet bereits gegen die Messe-Foyers. Innen, in den mächtig dimensionierten Rümpfen der Hallenklötze, haben die Weltherrscher des Fahrrad-Universums ihre Neuheiten aufgebaut. Was die Wartenden gleichermaßen mit Vorfreude und Sorge erfüllt. Welche Laufradgröße wird diesmal alle anderen ablösen? Kommt der Helm mit integrierter Elektroden-Kappe zum Lenken per Gehirnstrom? Steht ein Revival der Barends bevor? Und was ist eigentlich aus dieser seltsamen Bluetooth-Bremse geworden, die vor zwei Jahren präsentiert wurde? Laufradgrößen, Innenlager-Standards, Schaltungs-Arten, Ausübungs-Sparten – die Neuheiten fliegen einem heutzutage ja nur noch so um die Ohren. Mittlerweile würde man sich wahrscheinlich nicht mal wundern, wenn die Stände noch während der Messe umdekoriert werden würden – mit den Nachfolge-Produkten der über Nacht zu Ex-Neuheiten veralteten Vortags-Ware. Ich mag die Eurobike-Messe trotzdem. Sie ist wie eine Paarungszeremonie. Man hetzt mit tausenden anderen Radverrückten durch die Gänge, begutachtet, prüft und streichelt die Halogen-bestrahlten Schönheiten, um sich dann unsterblich in beispielsweise einen keck geformten Sattel zu verlieben. Oder in einen raffiniert geschwungenen Lenker. Herrgott, habe ich jetzt tatsächlich den Begriff Paarungszeremonie benutzt? Ich sollte weniger Pinguin-Reportagen auf arte schauen. Egal, stürzen wir uns hinein ins Neuheiten-Dickicht. Fünf Tage, 14 Messe-Hallen, 1250 Austeller, 366 Weltpremieren. Ein Bike-industrieller Schwanzvergleich. Also los.

 

Haro Retro-Bike.

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz: Haro 1

Starr, schwer, 3x8 und niemals out: die pure Art zu Biken.

Die Damen am Einlass öffnen die Zugangsschranken, was den Effekt eines Dammbruchs hat. Aufgeregte Menschen strömen in das Hallen-Labyrinth ein, in dem ich mich Kraft meines Presseausweises bereits befinde. Beschließe, mich zunächst einigen privaten Interessen zuzuwenden. Ausgiebige Testfahrten mit Bikes neumodischer Laufradgrößen haben mich zu dem Entschluss gebracht, ein brandneues Bike aufzubauen. Jetzt bin ich auf der Suche nach den letzten noch fehlenden Teilen. 26-Zoll-Laufräder, Vierkant-Innenlager und 8-fach-Kassette. Bei dem besagten Bike handelt es sich um eines der absoluten Messe-Highlights. Okay, von 1991 zwar, aber immerhin. Ein Haro Extreme, Baujahr 1992. Permanent-Lockout, Streckbank-Geometrie, Nix-Carbon-Ausstattung. Ja genau, so ein richtig authentisches Rad, mit dem Biken noch diesen herrlich verwegenen, suizidalen Beigeschmack hat. 

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz

So sahen Bremsen früher aus. Hier die Pracht-Stopper von Westpine.

Damals, Anfang der Neunziger, war Biken für mich ein fertiger Sport gewesen. Da hätte eigentlich nichts mehr hinzu erfunden werden müssen. Jetzt gibt es fernbedienbare Hydraulik-Sattelstützen und elektrisch gesteuerte Federungen. Letztens wollte ich Kurbeln kaufen und wurde gefragt, welchen „Q-Faktor” ich den wünsche. Hat wohl irgendwas mit dem Kurbelabstand zu tun. Meine Güte. Da ist man mal den Hauch einer Minute unaufmerksam. Und schon ist man nicht mehr „up to date”. Was ich allen Trend-Pessimisten aber eigentlich sagen wollte: Die guten, alten Sachen sind trotz alljährlicher Technik-Umstürze nach wie vor im Angebot. Sogar 8-fach-Ritzel. Echt jetzt. Kein Scherz.

 

Open Cycle, Lauf Forks, AX Lightness.

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz

Gerard Vroomen kann es selbst kaum glauben: Der Rahmen seines Open Cycle wiegt trotz Twentyniner-Geometrie nur 900 Gramm.

Stehe am Stand von AX Lightness und starre fassungslos auf die Gabel eines ausgestellten Bikes. Das Ding sieht aus, als wäre sie im Rahmen eines Volkshochschulkurses entstanden. So nach dem Motto: Basteln mit Kunststoff. Oben wie eine starre Gabel, unten eine Art Parallelogramm mit Blattfedern aus Carbon. Soll wohl eine Federgabel sein. Gerard Vroomen nickt bestätigend. Die Gabel stamme von der isländischen Firma Lauf und könne zusammen mit den Rahmen seiner Carbon-Manufaktur Open Cycle bestellt werden. Sozusagen als Set. Drücke probeweise auf dem Lenker herum, um mir einen Eindruck über die Funktion zu verschaffen. Die Gabel federt wie eine normale Gabel im Lockout-Modus, wenn sie noch einen Hauch Restfederweg freigibt. Ein Dämpfungsverhalten ist nicht feststellbar. Kein Wunder. Auf Dämpfer-Kartuschen wurde ja aus Gewichtsgründen auch verzichtet. Ich weiß nicht. Das Ding wirkt auf mich irgendwie angsteinflößend. Was, wenn einen das Biest nach einer Bodenwelle mürrisch in die Büsche katapultiert? 

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz

Skurrile Blattfederung: Das Grund-Konzept der Lauf-Gabel stammt von der Postkutsche.

Aber die superleichten, wirklich schick modellierten 29er-Rahmen von Open Cycle gibt es ja zum Glück auch konventionell ausgestattet. Wobei: Mit Lauf-Gabel würde sich sogar die 7-Kilo-Marke knacken lassen. Das Ausstellungsrad mit AX Lightness-Schnickschnack wiegt rekordverdächtige 6,705 Kilo. Rahmenpreis: 2650 Gramm. www.laufforks.com, www.opencycle.com

 

Moots Nahbs Trail Maintainance Bike.

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz

Da stört kein Baum die wilde Fahrt. Moots-Mann Matt Alford präsentiert das Räumfahrzeug samt Kettensäge.

Habe mich kaum von dem visuellen Schock erholt, da erblicke ich bei den Titan-Schweißern von Moots ein Bike, das in die Gattung der Baufahrzeuge zu fallen scheint. Ja wirklich: Ein Räum-Mountainbike! Moots ist ja bekanntlich im schönen Colorado beheimatet, wo sich die Biker ihre Singletrails nach Lust und Laune in die Sensations-Landschaft buddeln. Die Bürgermeister freuen sich, weil sich die Biker freuen, und die Biker freuen sich, dass sie so dufte Bürgermeister habe. Alleine im Mythen-umrankten Durango, wo die Wegebau-Organisation Trails 2000 ihre Zentrale hat, gibt es mehr als 500 Kilometer künstlich angelegte Trails. Ich kann das bestätigen, denn es ist die Erfahrung, die meine Worte nährt. Man fährt und fährt und fährt die ganze Zeit und ist völlig verzweifelt. Kaum glaubt man, alle Trails seien abgehakt, da gibt es – schwupps – schon die nächsten zwei, drei neuen Bike-Parks. Sollte man doch mal in die Situation kommen, unberührte Wildnis vor dem Vorderreifen zu haben, kann man sich mit dem Moots einfach einen Trail bauen. Spaten, Motorsäge, Werkzeug-Tasche – alles ist an Board. 

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz

Erst Klingeling, dann Prösterchen: Likörbecher-Glocke von King Cage.

Ein nettes Ausstattung-Detail, das vielleicht auch noch erwähnenswert ist: Die Titan-Klingel von King Cage, deren Glocke sich abschrauben und als Likörgläschen verwenden lässt. Der Twentyniner rollt auf wüstentauglichen 3.0er Pneus und wiegt je nach Beladung zwischen 20 und 30 Kilo. www.moots.com

 

Rewel Bikes.

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz

Kinder-Bikes, wie Papas sie lieben: Michael Metje schraubt gerne Titan-Flitzer für seinen Sohn zusammen. Vorne: Der brandneue 24-Zöller.

Ein Anruf. Michael Metje ist dran. War ja klar. Zur Erklärung: Michael ist Papa und seit der Geburt seines Sohnes in ständiger Sorge, dass sich der Stammhalter seine zarten Geschmacksnerven an fiesen, schweren, hässlichen 08/15-Bikes verätzen könnte. Michael selbst würde das so nie formulieren, denn natürlich geht es ihm um nichts weiter als um funktionelle Aspekte. Jedenfalls: Als der Kurze drei Jahre alt wurde, sah Papa Michael die Zeit gekommen um zu handeln. Er ließ bei der Titan-Manufaktur Rewel einen Mini-Rahmen schweißen und bestückte ihn ohne Rücksicht auf irgendwelche Kosten. Wie das bei  Kindern nun mal so typisch ist, wuchs der Kleine ziemlich rasch. Was aber kein Problem war, denn der Papa hatte in seiner fürsorglichen Art bereits reagiert und ein Rewel mit 20-Zoll-Rädern am Start. Ihr könnt Euch denken, worauf ich hinaus will. Genau! Der Sohnemann, inzwischen sieben Jahre alt, braucht ein 24-Zoll-Bike und genau das hat Michael nun vergangene Woche fertiggestellt. Die Ausstattung ist bestmöglich. Lefty-Gabel, XX1-Schaltwerk, Schmolke-Komponenten, X0-Bremsen und, und, und. Gewicht: 7,85 Kilo. Und das Investitionsvolumen? Michael grinst: „Im Erwachsenenbereich.” 

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz

Das Cockpit mit allem Pipapo.

Mich fröstelt, wenn ich dran denke, dass mein fast zweijähriger Sohn Tim einmal auf diese Meldung stoßen könnte, um fortan im Jahres-Rhythmus Forderungen nach standesgemäßen Titan-Fahrzeugen zu untermauern. Noch Fragen? Michael kontaktieren? www.mmm-bikes.com

 

Chris King und Olivenöl.

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz

Der König der Steuersätze bei Edeka: Chris King beim Einkauf von Blumenkohl und Olivenöl.

Apropos standesgemäß. Seit jeher wird ja jedes meiner Bikes mit einem Steuersatz von Chris King gekrönt. Na ja, eher umgekehrt. Erst kaufe ich einen Chris King-Steuersatz. Dann überlege ich, was für ein Bike ich an den Steuersatz baue. Diejenigen unter Euch, die noch nicht zutrittsberechtigt sind zu Ü30-Partys, werden sich nicht mehr an die Zeiten erinnern, in denen zu jeder Bike-Wäsche der Wechsel der zermürbten Steuersatz-Kugellager gehörte. Ich habe noch nie von einem zermürbten King-Steuersatz gehört. Die Dinger sind nicht tot zu bekommen. Bei der Bewertung von Neuheiten findet das Thema Zuverlässigkeit meiner Meinung nach zu wenig Berücksichtigung. Chris King ist für mich der größte Innovator der Bike-Szene, weil seine Produkte so klassisch und zeitlos sind. Jahrzehntelang gab es so gut wie keine Fotos von ihm. Und nun aufgepasst: Der Durst auf ein kühles Feierabend-Getränk führte mich gestern in den Edeka-Markt nach Langenargen. Und wer steht dort an der Gemüse-Theke? Na? Na? Exakt! Chris King! Der Steuersatz-Gott aus Amerika höchstpersönlich!  Ich darf hiermit exklusiv verkünden, was sich im Einkaufskorb befand: Blumenkohl, grüner Salat, Olivenöl. Ein Foto des historischen Moments habe ich auch gemacht. Mein Gott, ich bin ja schon voll Groupie-mäßig.

 

Kampagne: Ich trag Helm!

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz

Blutige Stirn, aber ein Lächeln auf den Lippen: Ein Helm muss sein.

Schreie. Hektik. Flüchtende Menschen. Drei Heranwachsende mit eklig aufgeschürften Gesichtern laufen grinsend durch die Hallengänge. Die Messebesucher schauen schockiert. Sie die verprügelt worden? Eine Treppe hinunter gefallen? Aus einem Auto-Wrack gekrabbelt? Aber falls ja, wieso grinsen sie dann so dämlich. „Immer einen Helm tragen!”, sagen sie mir und drücken mir den Flyer einer Helm-Kampagne in die Hand. Ich blicke den Zombie-Typen irritiert hinterher. „Ich trag Helm” steht in riesengroßen Lettern auf den T-Shirts. Die Frage ist nur: Wieso tragen sie dann keinen? www.ich-trag-helm.de

 

Schaltungsröllchen von Ceramicspeed.

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz

Ceramicspeed: Minimale Reibung, kaum Verschleiß: Aber wer zum Teufel zahlt 429 Euro für einen Satz Schaltungsröllchen?

Nachrüst-Schaltungsröllchen zählen für mich zum überschätzen Tuning-Zubehör. Erstens, weil sie nach dem ersten Schlammloch eh versaut aussehen. Und zweitens, weil der Verschleiß von Schaltungsröllchen bisher nicht zu meinen Problemen gehörte. Davon will der nette Mann am Stand vom Ceramicspeed aber nichts wissen. Er preist mir in feinster Verkaufs-TV-Manier das neueste Produkt seines Arbeitgebers an. Titan-Schaltungsrollen für das XX1-Schaltwerk mit spezieller, reibungsminimierender Oberflächenbeschichtung. „Hammeraufwändig herzustellen”, beteuert er, während ich – obwohl reger XX1-Nutzer – leicht desinteressiert auf das graue Pärchen schaue. Als er den Preis nennt, spüre ich das rasante Absacken von Blutdruck. 429 Euro! Für zwei Schaltungsrollen! „Ja, aber dafür halten die ein Leben lang”, wirft der Ceramicspeed-Mann triumphierend sein Pro-Argument in den Raum, dabei milde lächelnd die Arme verschränkend. Komisches Argument, denke ich.

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz

Die Ceramicspeed Schaltungsröllchen in der Alu-Variante sind noch leichter, ebenso komplex beschichtet und sogar etwas günstiger: je nach Ausführung ab 259 Euro.

Ich meine, die Schaltungsmode ist ja inzwischen kurzlebiger als die Jeans-Mode. Andererseits: Neulich stand in der Gala, dass die Fetzen-Jeans vor dem Comeback steht. Das muss man sich mal vorstellen. Da kauft man vielleicht für 429 Euro einen Satz XX1-Schaltungsröllchen. Und dann gibt es nächstes Jahr ein Revival der 8-fach-Schaltung. Zutrauen würde ich es den Trend-Zimmerern der Bike-Industrie. www.ceramicspeed.com

 

René Rosa Cyclestyle.

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz

Glitzer-Fummel für radaktive Ladys: Tina Rosa in pompöser Funktionsjacke.

Zwei Eurobike-Messen ist es her, als ich wohlig gestimmt von „René und Rosa”-Rotwein der Sorte „After Cycling” durch die Gänge schwebte. Mein Versuch, mich erneut unter dem Deckmantel journalistischer Recherche am edlen Tropfen zu laben, scheiterte gerade am nicht mehr verfügbaren Wein. Alles weg. Ausgetrunken. Verkauft. Nichts mehr nachproduziert. „Leider!”, zuckte Tina Rosa Buchholz-Weissinger, die mit 50 Prozent am Firmennamen beteiligt ist, die Schultern. Statt Wein zu keltern näht sie jetzt hochexklusive Rad-Klamotten für die anspruchsvolle Frau. Die Teile sehen aus wie die Fummel, mit denen die Fußballer-Ehefrauen immer rumrennen, wenn sie von den Paparazzi beim Verlassen eines In-Lokals „abgeschossen” werden. Ein Mix aus Funktions-Klamotten, Gala-Outfit und „Harald Glööckler”-Style. Wegen der Goldnähte und den Glitzerstein-Logos. 

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz

Vom Einteiler bis zum Radl-Röckchen hat die René-Rosa-Kollektion alles zu bieten.

Ziemlich abgefahren finde ich ja die 400 Euro teure Allwetter-Jacke mit dem Fellkragen. Leider Echtfell. Aber ich gehe mal davon aus, dass die betreffende Kreatur zu den Klängen einer „Chill Out”-CD zärtlich aus dem Leben gestreichelt wurde. www.renerosa.de

 

Donnerstag, 29. August 2013. Tag 2 der Eurobike.

 

Sattel-Kunst.

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz Essax

Kunst oder Krakelei? Essax nennt es „Art Collection“.

Heute Nacht lag ich wohlig schnurrend im Bett – verzaubert von einem wundervollen Traum. An die genaue Handlung kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber es ging irgendwie darum, dass ich spontan beschlossen hatte, das etwas exzentrische, dafür aber hochglamouröse Leben eines Künstlers zu führen. Woraufhin ständig irgendwelche internationalen Großkonzerne bei mir anriefen, um Autos, Kühlschränke und Uhrenziffernblätter von mir bemalen zu lassen, damit der Schrott dann in streng limitierter Sonderauflage für irres Geld an wohlhabende Kunden verhökert werden kann. Ich war schon ganz genervt von den ganzen Überweisungen. Ich meine, was will man mit dem ganzen Geld? Immerzu Schaltungs-Röllchen kaufen? Keine Ahnung, wie mein Gehirn auf solche Träume kommt. Wahrscheinlich wegen der Sättel von Essax, die mir gestern aus einem halogen-bestrahlten Regal entgegenleuchteten. Sättel von so unscheinbarer Normalität, dass die Augen dran vorbeigucken würden, wenn sie nicht von Essax zur tatsächlich so genannten „Art Collection” veredelt worden wären. Vier verschiedene Künstler hatten sich an je einem Sonder-Design versucht. Wobei ich ja eher vermuten würde, dass es sich bei den Werken um die eingereichten Krakeleien eines Kindergarten-Malwettbewerbs handelt. Also zumindest diesen Farbmurks des angeblichen Künstlers „Uyu” hätte ich mir auch zugetraut. Also liebe Sattelhersteller. Wenn ihr mal wieder eine fetzige Sonder-Edition plant, dann meldet euch ruhig. Ich wäre eventuell sogar bereit, den schweißtreibenden Beruf des Autors für eine steile Künstler-Karriere aufzugeben. www.essax.eu

 

Fatbikes.

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz Sandman

Simon Toplak und Johannes Seitz stehen auf fette Titan-Karren.

Ich bin wieder Bestandteil der staunenden, alles und jeden fotografierenden Menschenmasse, die sich schwitzend durch die Gänge schiebt. Überall Bikes. Überall Teile. Wie wir ja inzwischen alle wissen, hat sich die größte aller Glückskeks-Weisheiten inzwischen bis in die Mountainbike-Welt vorgearbeitet: „Das einzig Beständige ist die Veränderung.” An jeder Ecke neues Zeug, das gerne Trend sein will. Enduro-Bikes, E-Bikes, Bikes mit Lenkern voller Fernbedienungen. Ich hatte ja im ersten Teil dieses Blogs bereits mein Faible für pures, sportliches Geländepedalieren kundgetan. Biken muss auch weh tun. Man muss es spüren in jeder Faser. Und was die Technik anbelangt, so ist es doch die Erotik der Einfachheit, die mich betört. Ich frage mich, ob diese kaum noch zu überblickenden Strömungen wirklich die Nachfrage bedienen, oder ob sie nur dazu da sind, Nachfrage zu generieren. Eine Nische gebärt die nächste. Alles zerfasert in Unterarten, in immer winzigere Biotope monothematisch interessierter Teilbereichs-Biker. Der Sport ist überfacettiert. Aber ist das schlimm? Nö. Überfacettiert ist die Musikszene ja auch und genau das macht sie ja so reizvoll. Diese schrulligen, überbereiften Fat-Bikes zum Beispiel. Gibt es jetzt sogar von Specialized, Kona und Trek. Nur eine weitere plumpe, sinnfreie Modellvervielfältigungsmasche? „Ach was! Man hat keinen Stress mit Federungs-Gedöns. Das ist Fahrspaß pur", beteuern Simon Toplak und Johannes Seitz, die mir just in diesem Moment mit ihren Titan-Monstern der belgischen Custom-Schmiede Sandman vor die Füße walzen. Die beiden sind damit sogar das berühmt-berüchtigte Megavalanche-Downhill-Rennen gefahren. Ich würde ja gerne mal probieren, mit so einem Ding auf Wasser zu fahren. Auf einem See oder so. Bei dem Reifenvolumen ist es doch schon rein physikalisch unmöglich unterzugehen. Einfach die Balance halten und treten. Müsste gehen. www.sandmanbikes.be

 

Yeti A.R.C.

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz Yeti

Der Enkel des legendären Ur-A.R.C.: Carbon-Rahmen, 29 Zoll.

Ich stehe am Stand von Yeti und lasse das neue A.R.C. auf mich wirken. Ein schönes Rad, aber zwischen meinen Beinen zuckt es leider nicht. „Na, na, na! Was soll denn dieser primitive Jargon?”, höre ich auch schon die Leser der soeben getippten Zeilen empört aufschreien. Zur Erklärung: Die Firma Yeti war einst eine unermüdliche Gebärmaschine von rassigen, kompromisslosen Mountainbike-Rahmen, die 1992 mit dem A.R.C. ihre ohnehin schon gewaltige Innovationskraft krönte. Der Rahmen war der erste mit konifizierten Aluminium-Rohren und riss mich damals derart in seinen Bann, dass ich meine Seele auf der Stelle einem schmierigen Sparkassen-Bankberater verkaufte, der mir im Gegenzug einen Anschaffungskredit gewährte. Ich war damals auch unsterblich in Yeti-Team-Fahrerin Missy Giove verliebt, die meine Gefühle leider nie erwidert hat. Zum Worldcup in Kaprun, dem ich einmal als Zuschauer beiwohnte, hatte ich extra das „Tabac Original”-Rasierwasser meines Vaters mitgenommen, um bei einem möglichen Aufeinandertreffen (Fahrerlager, Partyzelt) ihre Sinne zu verzaubern. Hat aber nichts genutzt. Mein A.R.C. hängt heute im Wohnzimmer.

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz Yeti

Ein Steuerrohr-Logo wie ein Adelswappen: Früher klebten an Yeti-Bikes nur Aufkleber.

Das 2014er Modell, quasi der Enkel, ist ebenfalls ein tolles Rad. Fließende Rohrübergänge, durchdachte Details, angenehm zeitlose Lackierung. Eine herausstechende Persönlichkeit aber ist es nicht. Was zeigt, wie ähnlich sich die Bikes geworden sind. Die Formen sind das Ergebnis von Mathematik und nicht mehr von Lebensfreude. Nicht die Eier entscheiden mehr für den Kauf, sondern der Kopf. Was ja das Fahrerlebnis im Grunde genommen nicht schmälert. Die Eckdaten: 1170 Gramm Rahmengewicht, 12-mm-Steckachse hinten, breiter 142-mm-Hinterbau, 29er-Geometrie. Preis für das nackte Gestell: 2099 Euro. www.yeticycles.com

 

Sexismus?

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz Firefly

Rahmenbau an der Grenze zum Fetisch: Das 26-Zoll-Firefly von Autor Lesewitz.

Wenden wir uns gleich im Thema Sexismus zu. Doch zuvor noch dieses: Nach Jahren des exotischen Dahinvegetierens wurde das Thema 29 Zoll auf einer der vergangen Eurobike-Messen plötzlich von einigen Branchen-Größen als technische Wunderlösung dekretiert. Euphorische Geschichten wurden verbreitet, die auch bald den Weg in die Medien fanden. Bald hieß es, Twentyniner würden wie von Geisterhand bergauf fahren, von ganz alleine quasi. Und runter erst! Ich fuhr den rauen, kilometerreichen Marathon auf Gran Canaria mit einem 29-Zöller und stellte für mich fest: 26 Zoll ist besser, weil agiler, leichter, beschleunigungsstärker. Im vergangenen Jahr standen dann plötzlich massenhaft Bikes der Laufradgröße 27,5 Zoll auf der Messe. Ich fuhr mit einem solchen Bike den schotterintensiven Marathon am Gardasee und dachte: Ja, okay, fährt gut. Aber 26 Zoll finde ich besser. Jetzt, nur Monate später, gibt es auf der Eurobike-Messe so gut wie keine 26-Zoll-Marathon-Flitzer mehr. 27,5 Zoll sei der Trend der Zukunft, hat irgendeiner verkündet und alle hetzten treudoof hinterher. Ich muss alle, die nun auf einen grollenden Ausbruch von Verbitterung hoffen, aber leider enttäuschen. Dieses anhaltende Laufrad-Absurdum hat mir nämlich endlich mein Traum-Bike beschert. Um mich von jedweden Launen der Industrie abzukoppeln, habe ich mir bei den Titan-Virtuosen von Firefly Bicycles aus Boston einen Rahmen für 26-Zoll-Laufräder bauen lassen. Wird mein Leben lang halten. Und falls in zwei, drei Jahren das 26-Zoll-Revival ausgerufen wird, dann bin ich ganz vorne dabei. Die Bikes von Firefly gehören für mich zu den schönsten, die es im Universum gibt. Schweißer Tyler Evens, vorher bei Independent Fabrication, fertigt die Rahmen mit einer Hingabe, die tief in den Fetisch-Bereich geht. Es gibt sie ausschließlich als Maßanfertigungen.

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz Firefly

Blaumachen? Für Firefly kein Problem. Die Schriftzüge werden auf Titan eloxiert.

Geiles Detail, ach was, eines der vielen geilen Details: Die Schriftzüge werden mit einem speziellen Verfahren ins Titan eloxiert. Wartezeit acht Monate. Firefly hat einen Stand auf der Messe. Zu dem gehe ich jetzt gleich mal, um die Hormone nach all den blassen Serien-Rädern mal wieder ordentlich in Wallung zu bringen. Denn wie gesagt, gleich steht ja noch das Thema Sexismus an. www.fireflybicycles.com

 

Jetzt: Sexismus.

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz Sexismus

Luder in Volllackierung: Promotion-Aktion von Italjet.

So, jetzt aber! Neulich verfolgte ich im Fernsehen die sexuellen Ausuferungen einer sogenannten Tuning-Messe. Es ging um eine Verkaufs-Veranstaltung für plastik-bewehrte Kleinkraftfahrzeuge, was aufgrund der gezeigten Bilder jedoch nur äußerst diffus klar wurde. Halbnackte Luder mit effektvollen Bi-Color-Frisuren räkelten sich auf multi-colorierten Corsa-Motorhauben, was wohl eine Art flankierende Produktwerbemaßnahme der ausstellenden Aerodynamik-Kram-Anbieter darstellen sollte. Nun sollte man ja eigentlich davon ausgehen, dass der Mountainbike-Sport von weit raubeinigerem Image ist, als jenes von jugendlichen Innenstadt-Kraftfahrern. Was in mir die Vermutung reifen ließ, dass es auf der Eurobike ja mindestens ebenso unzüchtig zugehen müsste, wie im erwähnten Fernsehbeitrag (DMAX übrigens, „die Männermarke im deutschen Fernsehen”, so die absolut zutreffende Eigenwerbung). Ich kann aber nach einem ausgedehnten Patrouillen-Gang beruhigen. Nirgendwo Sexismus. Nicht mal die herrlich luderigen Bomber-Girls von Marzocchi sind da. Lediglich der Hersteller eines Elektro-Choppers hat eine Lady in einen Hauch von Lackfetzen gesteckt, damit die Messe-Besucher nicht achtlos an seinem tiefer gelegten Stadtfahrrad vorbeigehen.

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz Sexismus

Foto-Mädchen von German A. mit Carbon-Schönheit von X.C.L.U.S.I.V.E.

Die putzigen Mädchen namens Lena und Svenja am Stand von German A. geben sich ebenfalls alle Mühe, als verruchte Ladies wahrgenommen zu werden. Doch leider verhindern schon ihre tantenhaften Fitness-Studio-Anzüge jeden Verdacht von Erotik. Das Bike, um das sie sich biegen, facht die Wollust des Betrachters dafür umso mehr an. X.C.L.U.S.I.V.E., heißt der offensichtlich an Satzzeichen-Fetisch leidende Rahmenhersteller aus Spanien, der seine Carbon-Rahmen komplett nach Kundenwunsch fertigt. Ja, auch für 26-Zoll-Laufräder. Das Komplett-Rad mit German A.-Gabel und handgebauten Propeller-Rädern von Bike Ahead Composits wiegt 7,4 Kilo. Los, Lena und Svenja, jetzt noch mal alles! Ja! Geil! Brüste raus! Lippen lecken! Na also, geht doch! www.xclusive.es

 

Stahl und 26 Zoll. Oder 27,5. Oder eben 29.

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz Tommasini

Ein Stahl-Bike für jeden Geschmack: Alle Laufrad-Größen sind möglich.

Thema 29-Zoll noch mal. Für mich ist das ja nichts. Hat sich übrigens schon mal einer überlegt, wie viel mehr Zeit Twentyniner-Besitzer aufwenden müssen, um ihre Bikes aufzupumpen und zu putzen? Da passt ja mehr Luft rein. Und die Felgen sind größer. Und die Ketten sind länger. Und die Luft muss man ja reinpumpen. Und die Felgen abschrubben. Und die Kette ölen. Ein irrer Stress. Ich habe es mal grob überschlagen. Ausgehend davon, dass ich irgendwann als Achtzigjähriger im Schaukelstuhl wippen werde, würden bis dahin sechs Tage, drei Stunden und zwölf Minuten zusammenkommen. An reiner Mehr-Zeit! Höre ich da etwa ein erstauntes Raunen? In der Zeit könnte man auch seine CD-Sammlung nach Alphabet sortieren. Aus dem Blickwinkel heraus hat das nämlich noch nie einer betrachtet. Aber egal. Jeder soll fahren, worauf er Bock hat. Und ich kenne ja tatsächlich zahlreiche 29-Zoll-Fahrer, denen ihr Bike das Lächeln tiefer Zufriedenheit auf die Lippen zaubert.

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz Tommasini

Handgebaut in Italien: Typisch Tommasini.

Für die und auch die Liebhaber aller anderen Laufrad-Arten habe ich jetzt was. Dem anspruchsvollen Fahrrad-Freund muss ich wohl nichts über die italienische Manufaktur Tommasini erzählen. Besonders die Stahlrennräder sind ja Kult. Umso mehr erfreut es mich, dass Tommasini nun ein erstklassig verarbeitetes Bike aus Stahl anbietet. Alle Kabel verlaufen innen. Die Columbus-Rohre sind aufwändig konifiziert. Für mich einer der schönsten Rahmen auf der Messe. Und das Beste: Für 26-, 27,5-, als auch für 29-Zoll-Laufräder. Der Rahmen kostet 1400 Euro. Das wäre was? Dann hier bestellen:  www.bicisport.de

 

Klunker-Leuchte.

Eurobike-Blog 2013 Henri Lesewitz Fabz Leuchte

Schicker Scheinwerfer: Glamour-Funzel aus Hong Kong.

Ihr liebt Kronleuchter, kauft verschnörkelte Kerzenständer in Gothic-Shops und tragt funkelnde Pornostar-Siegelringe? Dann aufgepasst. Gerade befand ich mich auf abschließendem Patrouillen-Gang bezüglich Sexismus-Recherche, da sprach mit ein Herr aus Hong Kong an. Ob ich eine Rad-Lampe zu kaufen gedenke? Ich wollte gerade dankend abwinken, denn schließlich bin ich als gelegentlicher 24-Stunden-Fahrer im Besitz von exquisitem Leucht-Zubehör, da streifte mein Blick die Auslage. Woraufhin grelles Goldgefunkel meine Augen blendete. Also wirklich, so eine geile Lichtdusche habe ich noch nie gesehen. Da würde jeder Proll-Rapper vor Neid erblassen. Den Alu-Körper gibt es aber nicht nur in Gold, sondern auch in allen möglichen anderen Farben. Die Lampe hat 500 Lumen, was okay ist für Schotterwege. Es gibt auch eine Version mit fetten 1600 Lumen, aber die sieht von der Optik her leider etwas zahmer aus. Ein Deutschland-Vertrieb wird gerade gesucht, wie mir der nette Herr aus Hong Kong erzählte. Man könne die Lampe aber auch im Internet direkt bei seiner Firma bestellen. Für 199 Dollar, also etwa 140 Euro. In der ganzen Aufregung habe ich leider vergessen die Homepage aufzuschreiben. Die Firma heißt jedenfalls Fapz.

 

Freitag, 30. August 2013. Tag 3 der Eurobike

 

Gabel für die Ewigkeit.

Eurobike 2013:

Dampfhammer: die ultrastarre Hardcore-Gabel von Nevi lotet die Belastungsgrenze der Handgelenke aus.

In Kanada lebt ein Zahnarzt mit Namen Michael Zuk, was an sich noch keine Sensation darstellt, dafür aber umso mehr die Tatsache, dass der erwähnte Herr allen Ernstes John Lennon zu klonen gedenkt. Okay, es stand in der Rubrik „Klatsch bizarr” der Krawall-Publikation BILD, weswegen ich den Wahrheitsgehalt der Meldung nicht zu 100 Prozent garantieren kann. Angeblich hat der angehende Zombie-Züchter für 24000 Dollar einen Zahn des Ex-Beatles ersteigert und will mit Hilfe dessen nun die DNA von Lennon extrahieren. Wer sich das unvergleichliche, masochistische Gefühl eines Rodeo-Ritts für den Eigenbedarf klonen möchte, der hat nun dank der Custom-Schmiede Nevi die einmalige Gelegenheit dazu. Die Italiener präsentieren eine – äh, tja, wie soll man sagen – eine wirklich starre Starrgabel. Eine Gabel für Leute, die absolut sicher gehen wollen, dass da nichts flext oder federt. Das Ding ist sehr auf Steifigkeit ausgelegt. „Wer zur Hölle tut sich diese Schmerzen an?”, fragte ich mich bereits vor zwei Jahren bei meiner Teilnahme an der zweiwöchigen Selbstzermürbungs-Orgie „Mongolia Bike Challenge”. Denn dort kachelte der Gesamt-Führende mit einem Prototypen-Modell der Wuchtbrumme durch die Gobi-Wüste und das Atlas-Gebirge. Gut möglich, dass Archäologen irgendwann einen rausgerüttelten Zahn von ihm finden und dann daraus Mountainbike-Helden klonen.

Eurobike 2013:

Getestet in rauer, mongolischer Wildnis: Das Modell „Gobi Desert“ in der neuen „Black Titan“-Ausführung. Erhältlich für alle Laufradgrößen.

Nun also die Serien-Version, die konsequenterweise im nicht minder komfort-verweigernden Rahmen-Modell „Gobi Desert” (Black Titanium!) steckt. „Is good fork, very good”, beteuert Nevi-Boss Sergio Finazzi, ein Ex-Straßenprofi, der nicht so gut Englisch spricht. Die Gabel besteht aus Titan, ist für alle Laufradgrößen erhältlich und kostet 990 Euro. www.nevi.it

 

Enduro ist Trend. Ich versteh's nicht.

Eurobike 2013: Ego-Kit

Motor zum Anschrauben: Ist Bergaufkurbeln wirklich so schrecklich?

Schleppe mich mit müder werdenden Schritten durch die unendlichen Weiten des Außengeländes, als mich der Blitz des Erschreckens durchfährt. Meine Güte, jetzt wurde ich doch tatsächlich fast über den Haufen gekachelt. Mein lieber Scholli. Gerade noch war der Typ mit dem Fahrrad geschätzte 100 Meter weit entfernt. Jetzt wäre ich ihm fast vor das Rad gelatscht, weil er mit abartigem Tempo angeschossen kam. Nein, kein Radrennen im Rahmen des Rahmenprogramms. Überall summen sie hier mit ihren E-Bikes herum. Da muss man so was von höllisch aufpassen. Ich hatte das Thema Trends ja bereits in einem der vorherigen Beiträge anschnitten. Was man definitiv sagen kann: Biken wird immer bequemer. Gestern ließ ich mir an einem Stand diese neuen Enduro-Bikes erklären. Das sei der ganz, ganz große Trend, wurde mir mit feurigen Worten versichert. Das Fahrwerk schlucke alles, man könne – zwar mit Einschränkung – sogar selbst auf den Berg kurbeln. Und Rennen gebe es. Mit Wertungsprüfungen. Aber nur abschnittweise. Und nur bergab. Und hoch könne man auch schieben, wenn man wolle. Also quasi Marathon. Aber ohne Stress. Nur Fun. Ehrlich gesagt: Ich habe es nicht ganz kapiert. Vielleicht muss ich das ja noch mal googlen. Enduro. Ich habe so ein Bike übrigens schon mal ausprobiert und mir dafür den Szene-Codes entsprechend so eine kunterbunte, weit geschnittene Spaß-Hose angezogen. Auf der betreffenden Runde war ich sonst mit dem Hardtail immer über vier Berge gefahren. Mit dem Enduro-Bike (Preisklasse: 6000 Euro!) hatte ich es unter Aufbietung sämtlicher Kräfte mit Ach und Krach auf den ersten Gipfel geschafft (obwohl Marathon-Fahrer!). Ziemlich enttäuschend war dann die sonst so knackige Wurzel-Abfahrt. Ich wartete die ganze Zeit darauf, von der Strecke erschreckt zu werden. Aber es machte nur „Plupp, plupp, plupp” unter mir (Fahrwerk!), während das Fahrgefühl eher dem auf einer asphaltierten Straße entsprach (Fun?). Ich dachte: „Häh? War das jetzt der geile Wurzel-Trail?” Um es abzukürzen: Es hätte schon massiver baulicher Veränderungen am Weg bedürft, um das gewohnte Sahnegefühl mit dem Enduro in ähnlicher Weise wie mit dem Hardtail zu empfinden. Aber wie schon gesagt: Da kann sich ja jeder kaufen, was er will. Jetzt gibt es sogar schon nachrüstbare E-Motoren für die anstiegsgeplagte Enduro-Zielgruppe.

 

Race-Material für die Minis.

Eurobike 2013: Supurb

Bald Manager von Deutschlands jüngstem Rennteam? Christian Schmidt und der 12-Zoll-Renner der Firma Supurb. Mit umgebauten Hipster-Naben in korrekter Fräs-Optik.

Treffe Michael. Den Papa mit den vielen Kinder-Bikes aus Titan (siehe erster Tag). Er berichtet mir exklusiv, dass er nun ein neues „Projekt” angeschoben habe. Ihr könnt Euch denken was jetzt kommt, ich tippe es trotzdem in die Tastatur: Michael baut für seinen Sohn schon mal das nächste Rewel zusammen. Gleich nach der Messe. Diesmal ein Rewel mit 27,5-Zoll-Laufrädern. „Schon mal auf Vorrat”, sagt Michael und fügt hinzu: „Das wird aber dann das letzte Bike.” Ich finde das herrlich. Dieses Leidenschaftliche. Konsequente. So leicht Verrückte. Es kann nur ein Schabernack des Universums sein, dass mir ausgerechnet jetzt Christian Schmidt begegnet. Auch so ein Papa mit Rad-Macke. Ich habe Christian zum ersten Mal beim Kinder-Rennen in Willingen getroffen, wo sein zweijähriger Sohnemann Max mit seinem aufgemotzten Laufrad ultralässig über den Kurs gecruist ist. Da ich ja Vater eines ähnlich alten Steppkes bin, hat er sich nun in die Idee verbissen, das jüngste Renn-Team im Mountainbike-Zirkus auf die Beine zu stellen. Adäquates Material muss natürlich sein. Und das hat Sebastian Tegtmeier am Start. Nämlich einen stylischen 12-Zöller seiner Marke Supurb. Nur 5,5 Kilo. „Ich wäre als Sponsor dabei”, sagt Tegtmeier, woraufhin in Christians Augen das Feuer der Euphorie auflodert. Ich werde mir das mal überlegen. Unser „Mister Flitzpiepe” wird in drei Monaten zwei Jahre alt. Vielleicht schenke ich ihm zum Geburtstag schon mal einen Chris-King-Steuersatz. www.supurb.de

 

Achtung: Schon wieder Sexismus.

Eurobike 2013: Kellys

Luftigkeit kennt keine Grenzen: Nackedei mit Synthetik-Iro am Kellys-Stand.

Aufregung, Hektik. Sabbernde, aufgrund des flinken Schrittes schwer atmende Männer hetzen der dezentral gelegenen Halle A 7 entgegen. „Nackte Weiber! Bei Kellys!”, höre ich einen reproduktionstechnisch offenbar unausgelasteten Typen kreischen, der sich aufgrund des extremen Dahineilens beinahe fahrig im Tragegurt seiner griffbereit gehaltenen Spiegelreflex-Kamera verheddert. Ich möchte mich an dieser Stelle von den zitierten, offenkundig hormon-geleiteten Wortlauten distanzieren. Dennoch fühle ich mich durch meine journalistische Sorgfaltspflicht gezwungen, den Hintergrund des Treibens zu recherchieren. Und tatsächlich. Nackte! Bei Kellys! Wie kann das denn sein? Langjährige Stammleser dieses Blogs wissen: Das muss so sein! Die Nackedei-Show am Stand von Kellys gehört zur Eurobike-Messe wie der Blitz zum Gewitter. Die erfrischend schmale Kausalität zum Thema Fahrrad besteht darin, dass den wohl proportionierten Tschechinnen von einer angezogenen, aber ebenfalls gut proportionierten Tschechin, trikotähnliche Muster auf die freigelegte Anatomie gesprüht werden. Wie man das finden soll? „Geil, die Nippel!”, stupst ein Zuschauermann im Hormonrausch seinen Kumpel an. Arme Lady, denke ich. Da gibt sie wirklich alles, um vollgassexistisch von den Bikes am Stand abzulenken. Und was machen die Männer um sie herum? Haben nur Augen für die Alu-Nippel der Laufräder. www.kellysbike.com

 

Cafe Crema.

Eurobike 2013: Crema Cycles

Stahl-Hardtail mit großer Pufferzone: die Geometrie verträgt Gabeln mit 120 bis 140 Millimetern Federweg.

Zeit für eine Kaffee-Pause. Gehe zum Stand von Ken Bloomer, der Besitzer der feinen Marke Crema Cycles ist und auch Firefly Bicycles nach Deutschland holt. Ken ist ein großartiger Kaffeekocher. Er zelebriert das wie andere Leute Yoga. Doch hoppla! Nicht Ken steht an der Kaffee-Maschine, sondern sein Kumpel Chris King. Das mit dem Koffeingetränk kann ich mir wohl abschminken. Eine unfassbar lange Schlange steht nach Kaffee an. Klar, auch wegen Chris King. Alle haben Rennrad-Mützen der heiligen Szene-Marken auf. Fahrrad-Kulturvolk also. Sehr schön. Lasse mir derweil von Ken das überarbeitete Stahl-Hardtail vorführen. Ein Wahnsinns-Bike mit sportlicher Geometrie und wunderschönen Details. Cool sind die neuen, verstellbaren „Rocket”-Ausfallenden. Dieselben, die auch Chris King für seine nicht minder schicken Cielo-Rahmen verwendet. Der Twentyniner-Rahmen von Crema Cycles wiegt 1800 Gramm und kostet 1900 Euro. Geschweißt wird er bei Brutzler-Legende Mike Truelove in Kanada. www.cremacycles.com

 

Samstag, 31. August 2013. Letzter Tag der Eurobike. Publikumstag.

 

Held des Ostens

Eurobike 2013: Sals El Mariachi Panasonic

Eine Weltreise ohne Technik-Panne? Das simpel gehaltene Salsa „El Mariachi“-Singlespeed in kultiger Panasonic-Optik macht es möglich.

Ihr haltet Pittiplatsch für eine missglückte Turmspringer-Übung? Und ihr seid noch nie beim „Fest des Liedes und des Marsches" in Reih’ und Glied über den Schulhof marschiert? Dann wird Euch möglicherweise auch der Begriff „Friedensfahrt" nichts sagen. Ach herrje, wie erkläre ich das jetzt? Also! Der DDR-Nationalfahrer Olaf Ludwig war der absolute Held meiner Jugend, weil er bei der legendären Friedensfahrt wie am Fließband Etappen gewann. Ich bin nämlich „Ossi", wie geografisch denkende Altbundesbürger gerne sagen. Kurz nach dem Mauerfall fuhr Olaf Ludwig vorübergehend für das Panasonic-Team. Und zwar auf einem hammergeilen Panasonic-Rennrad in hammergeiler Panasonic-Lackierung. Irgendwie muss sich das nachhaltig in meine Tiefenpsyche eingegraben haben. Stehe gerade am Stand von Salsa und spüre massives Kaufverlangen. Die haben doch tatsächlich ein Expeditions-Singlespeed-Bike in genau derselben hammergeilen Panasonic-Lackierung, mit der mein Held Olaf damals über den Asphalt gepresst ist. Also gelb-rot-blaues Dekor auf weißem Grund. Da sieht man mal, wie in der Jugend erlebte Schlüsselreize noch Jahrzehnte später das Konsumverhalten steuern können. Und jetzt kommt es. Das Rad kostet mit Komplett-Ausstattung (Deore-Bremsen, NoTubes-Felgen usw.) überschaubare 1190 Euro. Klar, statt wie einst in der heiligen Garage von Ross Shafer werden die Salsa-Rahmen ja inzwischen fernöstlich günstig am Fließband produziert. Den coolen Rohrsatz-Namen gibt es gratis dazu. Ich zitiere mal wörtlich aus dem Katalog: „nahtlos gezogenes, dreifach konifiziertes Kung Fu ChroMoly". Kung Fu ChroMoly? Ich will nicht wissen welches Kindheitserlebnis der Rohrsatz-Namensgebung zugrunde liegt. Überlegenswert wäre vielleicht auch noch die Anschaffung des Taschen-Ensembles, mit dem die Salsa-Leute das Ausstellungs-Bike vollgeklettet haben. Ich hatte eigentlich nicht vorgehabt, die Welt per Fahrrad zu umrunden. Doch wenn man schon den kompletten Hausstand mitnehmen kann, dann kann man ja auch mal draufloskurbeln. Billiger wird sich eine Weltreise niemals realisieren lassen. Bike und Taschen gibt es zum Anschauen auf der Importeurs-Webseite www.cosmicsports.de, zu kaufen im Fachhandel.

 

Gold-Inflation

Eurobike 2013: Ghost Gold-AMR

Es funkelt und will so gerne Begehren wecken: Das Jubiläums-Ghost hält mit 20000 Euro den Preisrekord der Messe.

Heute ist Besuchertag. Die Messegänge sind noch massiver verstopft, als in den vergangen, sogenannten „Fachbesuchertagen". Während mir die Nachdrängelnden immerzu in die Hacken latschen, fällt mir ein, dass ich in diesem Blog noch gar kein Vollfederungs-Fahrrad gezeigt habe. Ich versichere, dass dies keiner Abneigung gegenüber der erwähnten Bike-Gattung geschuldet ist. Mir ist nur kein spezielles Bike aufgefallen, das in mir das Fotoverlangen geweckt hätte. Okay, mal abgesehen von diesem hier. Preis-Leistungs-Hersteller Ghost wird 20 Jahre alt und fühlte sich aus diesem Anlass dazu inspiriert, seinen Quoten-Hit AMR mit Gold zu überziehen. Das Ganze soll nun als exklusive „Sonder-Edition" verkauft werden. Zwanzig Stück für jeweils 20000 Euro. Nee, oder? Was mir spontan dazu einfällt, ist dieser Gedankenblitz: Ein Ghost AMR hat es ja gerade deshalb auf so gigantische Stückzahlen gebracht, weil es eben kein (!) sammelwürdiges Charakter-Bike ist, sondern ein dem Mainstream angepasster Gebrauchsgegenstand. Der nun folgende Satz muss unbedingt anerkennend verstanden werden, auch wenn er für die Verantwortlichen dieser Gold-Aktion vielleicht bitter klingt. Ein Ghost AMR ist so etwas wie ein Siemens-Kühlschrank oder ein Regal von IKEA. Praktisch, günstig, zuverlässig, gut – doch nun wirklich keine Devotionalie. Würde sich einer für eine fünfstellige Summe ein „Billy"-Regal kaufen, nur weil es vergoldet ist? Andererseits: Hinstell-Schwäne von Swarovski werden ja auch gekauft. Also ich würde mir für 20000 Euro ein 1992er Klein Attitude in „Dolomiti"-Lackierung kaufen, dazu ein schwarzes 1990er Yeti F.R.O. mit weißen Bullseye-Kurbeln sowie das auf der Messe ausgestellte Original-Panasonic-Rennrad von Olaf Ludwigs Tour-de-France-Kollegen Wjatscheslaw Jekimow. Vom Restgeld würde ich Amerika bereisen und anschließend fünf Jahre lang jede Woche das „Montags-Menü" beim Griechen um die Ecke essen. Aber wie schon mehrmals in die Computer-Tastatur massiert: Jeder wie er will. www.ghost-bikes.com

 

Bike-Spülmaschine

Eurobike 2013: Bike Wash Maschine

Ein Aufwasch: Luigi Zappa, Davide Brunati und Fabiano Nava haben eine Spülmaschine für Bikes erfunden.

Meine Güte, was erblicken meine von Reizen überfluteten Augen denn da? Der Gipfel der Großartigkeit: Eine Waschanlage für Mountainbikes! „Einfache Installation", „wartungsfreundliche Maschine", „Wasserstrahlen schaden weder Fahrrad noch seinen Bestandteilen", „keine Verseuchung der Abwässer", schreien mich die Pro-Argumente vom handlichen Informationszettel her an. Groß- und Klein-Hirn reagieren umgehend. „Geil!", raune ich und vernehme mit Freude den Anschaffungspreis: 18000 Euro! Billiger als das Klunker-Ghost! Am Gardasee, so wird mir mitgeteilt, gibt es bereits zwei dieser Waschanlagen. Drei Euro koste die vierminütige Automatik-Wäsche. Ich muss mal ausrechnen, ob es sich rentieren würde, mein Bike einmal monatlich per UPS zum Putzen an den Gardasee zu schicken. Ich befürchte nämlich, dass meine Freundin durchdrehen würde, wenn ich den Apparat bei uns in der Wohnung installieren würde. Wobei: Geschirr- und Klamottenwäsche ließen sich damit sicher auch bewerkstelligen. Ich kann es Mausebärchen ja mal vorschlagen. www.qbike.it

 

Spurensuche

Eurobike 2013: Hinterländer Mountainbiker

Biken nach Jahreszahlen: Die „Hinterländer Mountainbiker” jagen bald in Amerika historischen Sensationen hinterher.

Ein Mord? Ein Raub? Eine spektakuläre Hinrichtung? „Total Bombe!", finden das die „Hinterländer Mountainbiker", denen ich gerade in die Arme gelaufen bin. Die Truppe tüftelt ihre Routen anhand von
historischen Ereignissen aus. Manchmal jahrelang. Ich war mit ihnen schon mal auf „Postraub-Tour" und kann versichern, dass sie es gut stauben lassen. Auf den Spuren hessischer Auswanderer sind die bikenden Geschichts-Freaks unter anderem schon durch Japan, China und Brasilien gekachelt. Nun ein neues Projekt: Amerika! Der Chef der Truppe, Uli Weigel, ist schon ganz aufgeregt. „Ein Deutscher hat den Indianern Manhattan abgekauft. Da drüben gibt es unfassbare deutsche Geschichte zu erfahren!", plaudert er. Heinz-Ketchup, amerikanisches Bier, Brooklyn-Bridge, ja sogar die Freiheitsstaue – alles habe deutsche Gene. Nächstes Jahr wird vor Ort recherchiert, natürlich in Lycra-Klamotten. „Total Bombe!", finde ich. Deshalb hier die Homepage: www.himobiker.de

 

Gen-Material

Eurobike 2013: Ritchey

Ein Anblick, wie ihn Klassik-Freunde lieben: Drei Ur-Ritchey, innig vereint auf einem einzigen Quadratmeter.

So, nun noch eine wundervolle Geschichte, die ich der Dramatik wegen in vier Teile aufspalte. Ich weiß bis jetzt nicht, ob sie extra für mich inszeniert wurde, oder ob der sogenannte „Kollege Zufall" wirklich so kreativ ist wie eben erlebt. Beginnen wir mit dem ersten von vier Akten! Ich laufe also mit schwindenden Kräften durch die Hallen, vollgeflimmert von den immer gleichen Formen und Farben. Da erscheint es mir wie eine Fata Morgana. An der Innenwand von Halle A1 stehen angelehnt und angeschlossen drei (!) Ritchey-Fahrräder. Und zwar nicht von dieser möchtegernbilligen Sorte, wie sie der Meister Tom Ritchey inzwischen in Fernost produzieren lässt. Sondern echte, ur-amerikanische Ritcheys mit dem entscheidenden Sitzrohr-Aufkleber „Handcrafted". Ein „P21", ein „P23" und ein „Swiss Cross". Ich kenne Leute, denen beim Anblick dieses Ensembles das Wort „Wixvorlage" aus den sperrangelweit offenen Sabbermündern purzeln würde. Heiliges Oliven-Schiffchen, die Dinger fallen ja schon fast unter Artenschutz! Was für Zucker-Bikes!

Eines der Ersten

Eurobike 2013: Ritchey

Eine der zarten Wurzeln, aus denen einst der Bike-Sport spross: Eines der ersten je gebauten Ritchey.

Es folgt der Akt Nummer zwei: Ich biege um die Ecke, und werde von der überbordenden Schönheit eines der ersten je gebauten Ritchey-Bikes geblendet. Das Bike gehört laut Info-Tafel Thomas Frischknecht. Baujahr frühe Achtziger, 18 Gänge, Phil Wood-Naben, TA-Kurbeln, gelötete Rohrverbindungen. Kenner wissen, dass Tom Ritchey zu den ersten gehörte, die auf dieser Welt je einen Mountainbike-Rahmen fertigten. Gary Fisher behauptet ja immer, er sei der „Godfather". Doch wenn man in Kalifornien mit den alten Helden unterwegs ist und sie drauf anspricht, dann verdrehen sie immer gütig lächelnd die Augen und sagen: „Mensch, der Gary, was der immer rumerzählt." Pssst, nicht dem Frischknecht verraten: Ich habe mir einen klitzekleinen Lacksplitter von Rahmen gepult. Den schicke ich jetzt zu diesem Zahnarzt nach Kanada (der John Lennon-Züchter, siehe gestriger Blog-Teil) und lasse mir dieses herrliche Ritchey von ihm klonen. Ich frage mich, was passiert ist, dass es heutzutage anschraubbare Motoren für Mountainbikes gibt. Lassen wir vor Beginn des dritten Aktes noch kurz die Ritchey-Homepage auf uns wirken: www.ritcheylogic.com

Des Meisters Handschrift

Eurobike 2013: Ritchey

Heiliger Moment: Der Meister Tom Ritchey signiert die Bikes seiner Groupies.

Weiter geht es, dritter Akt: Ich schreite euphorisch aufgeladen der nächsten Halle entgegen, da treffe ich auf eine Truppe offensichtlich Seelenverwandter. Die Typen schieben Stahl-Bikes der eben erwähnten Marke Ritchey sowie einige der gleichermaßen relevanten Marke Breezer neben sich her. Es sind Klassik-Freunde aus meiner schönen Heimat Sachsen, die auf der Messe das Lebensgefühl Biken zelebrieren. „Nicht fragen. Mitkommen!", ermuntert mich der Truppenanführer Toralf Eichhorn, der Truppe zu folgen. Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht, da öffnet sich plötzlich das angesteuerte Hallentor und hinein in den Messe-Quader tritt – Achtung, jetzt beginnt Akt Nummer vier – Tom Ritchey aus Fleisch und Blut! Die Klassik-Jungs stehen voller anhimmelnder Entzückung da wie die Zahnspangen-Mädchen bei den Backstreet-Boys-Konzerten. Ein seltener, großartiger, knisternder Moment ist das. Ich selbst bin vor lauter Aufregung natürlich auch ganz hibbelig. Natürlich lassen sich alle ihre Bikes signieren.

Eurobike 2013: Ritchey

Klasse Foto: Die Radsportfreunde aus Sachsen mit ihren mitgebrachten Klassik-Schönheiten.

Als der große Tom davongeschritten ist, stehen wir da, als wären wir gerade dem lieben Gott begegnet. Wahnsinn! Dieses wuchtige Aufeinandertreffen von Gestern und Jetzt. Thomas Meisel, einer der Klassik-Freunde, formulierte eine Satzperle, mit der ich diesen Eurobike-Blog nun beenden möchte: „Es ist die Musik der wilden Jugendjahre, die einen das Leben lang nicht mehr loslässt."

Ein wahrer Satz. 

In diesem Sinne: All you need is love!

Eurobike 2013: Messeende

Tschüss und Winkewinke– bis zur Eurobike 2014!

 

Henri Lesewitz am 31.08.2013