Scheffers Visionen - Interview mit Lutz Scheffer Scheffers Visionen - Interview mit Lutz Scheffer Scheffers Visionen - Interview mit Lutz Scheffer
Seite 1: Zukunftsvisionen: E-Mountainbike 2.0

Scheffers Visionen - Interview mit Lutz Scheffer

  • Markus Greber
 • Publiziert vor 4 Jahren

Lutz Scheffer gehört zu den kreativsten Entwicklern in der Bike-Branche. Viele Innovationen gehen auf sein Konto. Jetzt hat sich der Designer und Mountainbike-Philosoph dem Thema E-MTB gewidmet.

Ob Alu-Rahmen mit Oversize-Rohren, Elastomer-Federgabeln oder Full-Suspension-Bikes – bei vielen, großen Innovationssprüngen der letzten Jahrzehnte spielte Lutz Scheffer (49) eine Vorreiterrolle. Er zeichnete Bikes für Rotwild, Centurion und Bergwerk. Später designte er das erste Mountainbike, das Porsche für würdig hielt, den Namen des Sportwagenherstellers zu tragen. Seit den Anfängen von Canyon zeichnet der studierte Industrie-Designer für viele Erfolgsmodelle der Koblenzer verantwortlich. Mit dem E-MTB hat Scheffer jetzt ein neues Steckenpferd gefunden. Seit zwei Jahren brütet der Garmischer über immer neuen Design-Skizzen, Antriebskonzepten und Philosophien. Für EMTB öffnet der Mountainbike-Visionär seine Schatzkiste und erläutert im Interview, was das E-MTB der Zukunft alles können soll.


EMTB: Auf welcher Evolutionsstufe steht das E-MTB momentan?

Scheffer:
Das Bike an sich ist ja schon weitgehend zu Ende entwickelt. Deshalb fangen wir beim E-MTB nicht ganz von vorne an. Ich würde sagen, wir stehen etwa dort, wo die Automobilindustrie in den 70ern stand. Die Autos brachten dich von A nach B. Aber sie brauchten Sprit ohne Ende, hatten kaum präzise Fahreigenschaften, und Elektronik war nur rudimentär vorhanden. Fahrassistenzsysteme und ABS gab es nicht.


Deine bisherigen Designs waren muskelbetrieben. Kommt Dir der Motor jetzt nicht wie ein Fremdkörper vor?
Das ist genau der Status quo. Die aktuellen E-MTBs auf dem Markt sind normale Mountainbikes mit zusätzlich angeschraubtem Motor. Im Prinzip nicht viel anders als die "Saxonette", die es vor Jahrzehnten schon gab. Das soll nicht des­pektierlich klingen, aber wir Designer müssen erst noch begreifen, dass wir gerade die Geburt einer neuen Sportart erleben, die uns völlig neue Freiräume erschließt.


Heißt das, das E-MTB wird sich vom klassischen Mountainbike entfernen und in eine völlig neue Richtung gehen?
Klar. Das MTB und das E-MTB teilen sich zwar den gleichen "Lebensraum". Dennoch treffen zwei unterschiedliche Erlebnisformen des Sports aufeinander. Es klingt vielleicht arrogant gegenüber den Verfechtern des klassischen Bikes. Aber man muss das E-MTB als Weiterentwicklung verstehen. Eine ähnliche Entwicklung haben Mobiltelefone durchlaufen. Vor zehn Jahren hatten sie nur den Zweck des Telefonierens. Heute benutzen wir sie als tragbare Mini-Computer.


Für Kritiker ist das E-MTB ein reines Motorsportgerät. Wie siehst Du das?
Wer die Befürchtung hat, die Grenze zum reinen Motorsport würde überschritten, ist noch nie richtig E-MTB gefahren. Die konditionelle Herausforderung ist mit der beim normalen Biken ebenbürtig. Mit dem Unterschied, dass bei steilen Uphills und beim Überwinden von Hindernissen neue Maßstäbe gelten. Die menschliche Muskelkraft wird auf geniale Weise mit der Kraft des Elektromotors synchronisiert. Das ermöglicht ein fahrtechnisches Level, das wir früher ohne E-Antrieb nicht für möglich gehalten hätten.


Was ist genau der Unterschied?
Der Motor unterstützt die Fortbewegung in jeder Hinsicht. So bleibt in allen Fahrsituationen der Flow erhalten. Plötzlich meistert man mit einem Lächeln im Gesicht Situationen, an denen man sonst hätte schieben oder absteigen müssen.


Ist der Strom die Energiequelle der Zukunft, auch umwelttechnisch betrachtet? Oder sind die heutigen E-Bikes nur eine Zwischenstufe auf dem Weg zum Antrieb mit Brennstoffzellen?
Strom als Energiequelle halte ich beim Bike für extrem effizient, weil das Fahrzeuggewicht gegenüber anderen E-Mobilen extrem niedrig ist. Der Energiegehalt einer vollen Batterieladung von 500 Wh entspricht zwei Schnapsgläsern Dieselkraftstoff. Mit dem Kraftstoffverbrauch eines extrem sparsamen Autos, das – sagen wir – vier Liter auf 100 Kilometer braucht, könnte man einen E-MTB-Akku 400 mal vollladen.


Deine Zukunftsvisionen sehen wir auf den Skizzen. Was werden, in die Nussschale gepackt, die wichtigsten Merkmale eines E-MTBs in allernächs­ter Zukunft sein?
Auf jeden Fall, und das zeichnet sich ja heute schon ab, werden Federwege von 160 Millimetern und mehr zur Normalität werden. Ebenso wie traktionsstarke, drei Zoll breite Reifen. Eine elektronische Traktionskontrolle wird das Befahren von steilen Bergaufpassagen erleichtern. Und ein spezielles Power-Management-System regelt die Antriebskraft, um in Spitzkehren nicht zu überpowern. Spezielle Radsensoren und ein Lenkwinkelsensor übernehmen dabei die Regelung. Ebenso selbstverständlich wird ein ABS-System am Vorderrad mit Überschlagschutz werden.


Im neuen Flyer Uproc 7 kommt erstmalig ein Panasonic-Motor mit Zweigang-Getriebe zum Einsatz. Ist das der richtige Weg in die Zukunft?
Absolut. Ein vorgeschaltetes Getriebe ist zwingend der nächste Schritt, vor allem, wenn man die Reichweite erhöhen will. Die konsequent ausentwickelte Lösung sieht man auf meiner ersten Skizze, dem Getriebe-Bike.


Wie kann ein zusätzliches Getriebe die Reichweite erhöhen?
Je kleiner ein Elektromotor ist, desto effizienter funktioniert er im hohen Drehzahlbereich. Lässt man ihn unterhalb einer bestimmten Drehzahl laufen, dann wird er heiß und zum Stromfresser. Die Schlussfolgerung daraus heißt: Man muss den Motor in allen Fahrzuständen möglichst hoch drehen lassen. Mit dem E-MTB fährt man zwischen Schrittgeschwindigkeit und 25 km/h. Ein Bosch-Motor dreht beim langsamen, steilen Bergauftreten zu langsam, also nicht im Optimalbereich. Ein Zusatzgetriebe könnte ein paar hundert Höhenmeter mehr Reichweite bringen.


Lutz, Du bist bekannt als Chefdesigner bei Canyon. Auf Deinen Zeichnungen ist der Canyon-Schriftzug nicht zu übersehen. Wie viel Entwicklungs-Power investieren die Koblenzer in das Thema E-MTB?
Klar, man weiß auch in Koblenz, dass die E-MTBs zukünftig einen großen Teil des Marktes einnehmen werden. Natürlich kommt von Canyon demnächst ein E-MTB.


Wird das ein Rahmen mit einem der bekannten Motorensysteme oder eine völlig eigenständige Entwicklung sein?
Zunächst einmal werden sicher bestehende Systeme implementiert. Aber es würde nicht dem Selbstverständnis der Firma entsprechen, wenn man nicht etwas Eigenes, Eigenständiges planen würde. Die hier gezeigten Skizzen und Visionen geben einen Eindruck davon.

Colin Stewart Hat gut lachen: Lutz Scheffer, Bike-Designer und Visionär, hat mit dem E-MTB einen neuen Wirkungskreis gefunden. 

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