Reportage: Die erste Hausrunde auf dem E-Mountainbike

Hometrail-Recycling: "Cowboy mit E-Zigarette"

  • Jan Sallawitz
 • Publiziert vor 4 Jahren

Unzählige Male ist Jan Sallawitz mit Freunden und Kollegen über seine Münchner Haus-Trails gebikt. Zum ersten Mal sollte es nun auf dem E-MTB passieren. Eine neue Erfahrung.

Ein bisschen aufgeregt steht das kleine Grüppchen in Bike-Klamotten im Hof vor dem Büro. Gleich kommt Markus vom EMTB Magazin und wird die neueste Generation an Mountainbikes mit Elektro-Antrieb auspacken. Obwohl wir in der Mountainbike-Branche arbeiten und jeder einzelne seit Jahren regelmäßig auf dem Bike sitzt, hat keiner von uns diese neue Sportart mal richtig ausprobiert. Unsere Erwartungen sind also groß – und durchaus sehr unterschiedlich.

Denise organisiert unser Büro und sitzt jede freie Minute im Sattel, trotzdem zählt sie sich eher zu den vorsichtigen Bikern. Vor dem ersten E-Ausflug ist ihr fast ein wenig bange: "Hm, Biken mit Motor. Keine Ahnung, was mich erwartet. Ob man damit abhebt?" Marcus, unser Produkt-Designer, ist technischen Dingen gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen. Er saß vor drei Jahren zumindest mal kurz auf einem E-MTB: "Das hatte keinen Geschwindigkeitsbegrenzer, war also sehr sehr schnell." Bernd ist einer der Geschäftsführer und seit vielen Jahren mit dem Bike auf der ganzen Welt unterwegs. Für ihn steht das Bergab immer im Vordergrund: "Seit meine Mutter mit ihren 72 Jahren ein Pedelec geschenkt bekommen hat, stehen E-Bikes für mich eher in der Rentner-Abteilung." Ich selbst leite das Marketing und liebe alles, was mit Radfahren zu tun hat – schon ziemlich lange und in all seinen Facetten. Nur beim E-Mountainbiken hört der Spaß für mich auf. Elektrische Unterstützung in der Stadt für Postboten und Pizzadienste – okay. Oder auch für stark übergewichtige Mountainbiker auf flachen Forstwegen. Aber wozu bitte braucht es einen künstlichen Antrieb bei einem Mountainbike? Ich dachte immer, es ginge beim Radfahren darum, in die Pedale zu treten – und zwar so fest wie möglich? Ein echter Cowboy würde sich doch auch niemals eine E-Zigarette in den Mund stecken!

Mit Schwung um die Kurve! An Stellen, wo es normalerweise nur ums Weiterfahren geht, fängt auf dem E-Mountainbike der Spaß erst an.

Vor dem Losfahren gibt uns Markus eine kurze Einweisung in die Räder. Am Start: ein Cube, ein Haibike, ein Mondraker und ein Specialized, die durch unterschiedliche Federwege, Laufradgrößen und Motorkonzepte einen guten Querschnitt des aktuellen Marktes abbilden sollen – und zwar im Bereich Pedelecs. Das bedeutet, die Räder haben keinen Gashebel, sondern der Elektromotor unterstützt nur das aktive Pedalieren. Und zwar nur bis zu einer Geschwindigkeit von 25 km/h. Danach muss der Zusatzantrieb aus gesetzlichen Gründen abgeregelt werden, um aus dem Fahrrad kein Mofa oder Elektromotorrad zu machen, für das wieder ganz andere Regeln gelten würden. Skeptische Blicke machen die Runde: "25? Das ist ja nicht sehr schnell", gibt Marcus zu bedenken. Tags zuvor sind wir genau die für heute geplante Runde schon auf normalen Bikes gefahren – und waren dabei oft deutlich schneller unterwegs.

Was passiert, wenn man diese magische Geschwindigkeitsgrenze überschreitet, zeigt sich schon direkt nach dem Losfahren, als die erste Ampel auf Gelb umschaltet und ich der Gruppe trotzdem noch schnell über die Kreuzung folgen will. Der ganz automatische, kurz angesetzte Beschleunigungs-Sprint versackt kläglich im Getriebe, und das eben noch leichtfüßige Schwebegefühl verwandelt sich schlagartig in einen bleiernen Kraftakt, um irgendwie noch den startenden Autos zu entkommen. Na, das kann ja heiter werden!

Dafür gibt’s den Aha-Effekt, als wir ein paar Meter weiter auf einen Radweg einbiegen, der an einer steilen Wiesenböschung verläuft. Ohne jegliche Anstrengung erklimmt das Rad die knackige Steigung, ohne langsamer zu werden. Ein ganz neues Gefühl und eine ganz andere Art zu biken! Jetzt ist unsere Experimentierfreude geweckt. Mit Schwung fahre ich in den ersten Abschnitt unseres Haus-Trails, weil ich weiß, dass gleich links der erste Sprung auf mich wartet. Wie von Zauberhand geschoben, werde ich mühelos schneller. Doch kurz vor dem Absprung ist leider Schluss mit der Beschleunigung. Ich habe die Abregelung vergessen, segele müde über den Kicker und lande krachend mit dem Hinterrad auf dem Landehügel.

Erstaunlich agil: Auch Sprünge sind kein Problem.

An die geltenden Gesetze beim E-Mountainbiken muss ich mich erst einmal gewöhnen. Intuitiv fühlt sich alles wie bei einem ganz normalen Mountainbike an, und durch den Antrieb entsteht ein ausgesprochen leichtfüßiges Tretgefühl, was wiederum in großem Gegensatz zum behäbigen Handling durch das größere Gewicht steht. In den Kurven liegt das Bike absolut ruhig und stabil, was auf den tieferen Schwerpunkt zurückzuführen ist. Aber: Bei 25 Stundenkilometern ist halt einfach Schluss mit aktiver Beschleunigung.

Ich beginne, das Gelände nach neuen Herausforderungen abzuscannen, wo ich mit dem Zusatzantrieb punkten kann: kurze, steile Anstiege, enge Kurven bergauf, Wurzelteppiche – alles, was ich auf dem normalen Bike eher als notwendige Übel kenne, wird nun zum Spaßfaktor auf dem E-Mountainbike. Ich halte an, und nach erstaunlich kurzer Zeit schon bleibt auch der – eigentlich langsamere – Rest der Gruppe neben mir stehen. Mal sehen, was die anderen zu den ersten Trail-Kilometern sagen. Marcus hat auf jeden Fall ein Grinsen im Gesicht: "Wow, an den kleinen, fiesen Anstiegen macht das richtig Spaß. In engen Passagen fühlt sich’s dafür etwas träge an. Und das Trikot kann ich morgen noch mal anziehen – kaum geschwitzt." Denise freut sich, dass sie quasi nicht abreißen lassen muss: "Grad bergauf echt super. Bei technischen Passagen aber verunsichert mich die Zusatzkraft
eher." Und selbst Bernd scheint ein bisschen angetan: "Ich muss sagen, die Kombination aus den breiten Plus-Reifen und E-Antrieb macht richtig was her. Ich tu’ mich noch etwas schwer, die richtigen Gänge für die jeweiligen Bergauf- und Bergabfahrten zu finden."

So langsam haben wir
das Prinzip verstanden und gleiten
möglichst genau an der
25-Kilometer-Grenze durch den Wald.

Jetzt liegt aber erst einmal ein Baumstamm im Weg – eine Rampe soll beim Überqueren helfen. Wie gewohnt trete ich kurz davor fest in die Pedale, um das Hindernis zu überwinden – und finde mich plötzlich in der Luft wieder. Der Turbo-Modus hat aus der Auffahrt eine Abschussrampe gemacht. Etwas erschreckt drehe ich mich nach der Landung zu den anderen um und setze dabei nur leicht einen Fuß aufs Pedal. Und schon schießt das Bike wieder los und verbeißt sich mit den Pedal-Pins in meiner linken Wade – autsch!

Vorsicht Turbo-Modus: Damit wird die Rampe über den Baumstamm auch mal zur Abschussrampe.

An Power mangelt es diesen Dingern wirklich nicht. Und richtig eingesetzt ebnet diese an vielen Stellen unserer Hausrunde den Weg: Steilwurzelanstieg? Kein Problem! Steile Lehmböschung mit Stufe am Ende? Easy! Verwitterte, steile Dreißig-Stufen-Treppe? Anspruchsvoll, aber im zweiten Versuch klappt auch das! So langsam haben wir das Prinzip verstanden und gleiten möglichst genau an der 25-Stundenkilometer-Grenze durch den Wald. Der Turbo-Modus ist mittlerweile Standard. Es ist ein bisschen, als hätte man die Ausdauer eines Cross-Country-Profis auf einem Bike mit Bikepark-Performance. Dementsprechend nimmt man das Gelände auch ganz anders wahr, immer auf der Suche nach der nächsten Herausforderung. Und diese findet man – ganz klar – bergauf.

So sitzen wir bei den letzten Sonnenstrahlen des Tages mit breitem Grinsen im Biergarten. Wir sind uns einig, dass E-Mountainbikes ihre Vorzüge eher in den Bergen ausspielen können. Aber uns alle eint das Gefühl, nach vielen Jahren auf dem Mountainbike etwas wirklich Neues erlebt zu haben. Für Denise ist es "die Tatsache, mit einer Jungsgruppe mitfahren zu können". Trotzdem sagt sie: "Ich hebe mir das E-MTB fürs Alter auf." Marcus ist überzeugter: "Auf jeden Fall hammergut! Man kann sogar technisch fahren und springen. Für mich gerne wieder!" Und Bernd sieht viel Potenzial in den breiteren Reifen: "Dicke Reifen ziehen sonst ja richtig den Saft aus den Beinen. Für mich ist das E-MTB ein echter Spaßkatalysator. Gerne wieder!" Und ich? Auf welchem Gerät werde ich morgen meine Hausrunde drehen? Ich nehme körperliche Anstrengung gerne sportlich. Aber gut, man muss sich auch nicht jeden Tag quälen …

Marcus Kern Als Produktentwickler technischen Entwicklungen gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen. Er ist der einzige in der Truppe, der zuvor schon mal eine Runde auf einem E-MTB gedreht hatte.

Bernd Stucke Als Geschäftsführer mangels Freizeit "kein Konditionskönig". Trotzdem standen E-Bikes für ihn bislang "eher in der Rentnerabteilung". Aber Plus-Reifen auf E-Mountainbikes treffen seinen Geschmack.

Denise Klawonn Am liebsten sitzt die zierliche Bikerin auf ihrem Liteville 301 in XS – und zwar das ganze Jahr über und so oft wie möglich. Mit E-Mountainbikes hat sie sich noch nicht beschäftigt. "Hebt man damit ab?"

Jan Sallawitz Neben seinem Hauptberuf im Sport-Marketing seit vielen Jahren auch als Reiseautor tätig. Zur E-Mountainbike-Premiere musste man ihn fast ein bisschen überreden. Fuhr vor Kurzem noch das Cape Epic. "Aber man muss sich ja nicht immer quälen".

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