Sardinien: Supertrail bei Ulassai im Gennargentu Sardinien: Supertrail bei Ulassai im Gennargentu Sardinien: Supertrail bei Ulassai im Gennargentu

Italien: E-MTB Supertrail Tisiddu auf Sardinien

Sardinien: Supertrail bei Ulassai im Gennargentu

  • Markus Greber
 • Publiziert vor 2 Jahren

In Ulassai, einem kleinen Bergort an der Ostküste Sardiniens, bauen Bike-begeisterte Locals ein kleines Paradies. Sie richten alte Hirtenwege naturnah und optisch kaum merklich für Trail-Genießer her.

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Lorenzo hebt einen Erdklumpen vom Boden auf und zerreibt ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. "Organischer Kalkstein!" Der Deutsch-Italiener sagt es so ehrfürchtig, als wäre er ein Synonym für Goldstaub. Ist er auch, lernen wir. Jedenfalls für Trail-Bauer wie ihn. "Der Stein lässt sich perfekt modellieren. Ganz im Gegensatz zum Granitgestein, das man sonst auf Sardinien so findet."

Lorenzo arbeitet eigentlich als Freeride-Guide im Aostatal. Doch seine Mutter stammt aus dem kleinen, sardischen Bergort Ulassai, an der Ostflanke des Gennargentu-Gebirges. Die Häuser des 1500-Seelendorfes kleben wie eine Schürze um die senkrecht aufragenden Felswände von Monte Tisiddu und Monte Taccu. Schon als kleiner Junge sei er hier mit dem Bike unterwegs gewesen, denn das Pfadnetz der Ziegenhirten sei weitläufig und existiere wahrscheinlich schon seit Jahrhunderten. Doch dann habe er als italienischer Downhill-Meister viele andere, schöne Trails Europas kennen gelernt. Speziell die genialen Hochgebirgspfade im Aostatal, und da sei ihm klar geworden, dass in den Trails seiner sardischen Heimat ein ähnliches Potenzial stecke – wenn man mit der Spitzhacke nur ein kleines bisschen nachhelfe …

EMTB Magazin Der Ulassai-Supertrail in der Kartenübersicht


Die GPS-Daten des Tisiddu-Supertrail in Ulassai/Sardinien aus EMTB 3/2019 können Sie unten kostenlos herunterladen. Der Link führt in den  Delius-Klasing-Onlineshop . Nach einmaliger Anmeldung können Sie die GPS-Daten (kostenlos) in den Warenkorb legen und bekommen sie dann zum Download oder per E-Mail zur Verfügung gestellt.


Die verschachtelten Häusergassen von Ulassai haben wir längst hinter uns gelassen. Schon seit einiger Zeit folgen wir einem Pfad, der sich direkt am Fuß der Felswand des 1000 Meter hohen Tisiddu entlangschlängelt. Sehr kurvig, teils ausgesetzt, aber nie wirklich gefährlich, weil der Kalkstein eben so griffig ist. Von hier oben überblicken wir die buckligen, grünen Bergflanken, die sich in den Horizont staffeln und rechts Richtung Meer abfallen. In der Ferne ragen noch ein paar Felszähne aus dem Grün, aber sonst gibt es nichts, woran das Auge hängen bleiben würde. Kein Haus, keine Straße, kein Strom- oder Funkmast. Einfach nur wilde und nahezu unberührte Natur.

Mit einem gekonnten Move zirkelt Lorenzo jetzt nach links. Der Untergrund wechselt von Fels- auf Waldboden. Eine enge Spur führt steil bergan und hält auf eine Kerbe in der Felswand zu. Eine Geländestufe, die der Trail bald nur noch im steilen Zickzack-Kurs erklimmen kann. Gar nicht so leicht, das Vorderrad am Boden zu halten. Meter für Meter kämpfen wir uns im kleinsten Gang und Turbo-Modus durch die dichte Vegetation. Knorrige Korkeichen, Eukalyptus Bäume und Lärchen spenden Schatten, einzelne Lianen wollen uns dagegen vom Rad holen. Nach einer ausgesetzten, aber mit einem Drahtseil gesicherten Felspassage geht’s schließlich bergab. Garstig und felsstufendurchsetzt windet sich der Trail leicht rutschig wieder ins untere Stockwerk dieser Runde. Wir haben alle Hände voll zu tun, um diesem Pfad zu folgen, daher hält Lorenzo noch mal kurz an, um uns in Ruhe die Namensgeberin dieses Trail-Abschnitts vorzustellen. "Sòrrosa de Maju", sagt Lorenzo und deutet auf die leuchtend roten Blüten, die den Pfad hier oben säumen. "So heißen die Blumen jedenfalls auf Sardisch. Auf Deutsch bedeutet das wörtlich übersetzt etwa Mairose."

Markus Greber Der Halb-Sarde Lorenzo hat das Bike-Potenzial am Tisiddu neu entdeckt. 

Steil, aber nicht zu steil, und mit ausholenden Kurven eilt der Sòrrosa-de-Maju-Trail nun einen Grat hinaus, flankiert von schulterhoher Macchia. Wir gleiten von einer staubigen Kurve in die nächste. Einige kleine Drops scheinen den Fahrfluss unterbrechen zu wollen, doch der Schwung wird von einem folgenden Anlieger sofort absorbiert. Absprung – sanfte Mulde, Absprung – sanfte Mulde. Dazwischen lauern auch mal hängende Kurven. Lorenzo nimmt sie mit kontrolliert ausbrechendem Hinterrad, weil er weiß, dass ihm der nächste Felsvorsprung wieder Halt geben wird.

Etwa auf halber Höhe treffen wir auf Giovanni. Mit selbst geschweißter Hacke ist er gerade dabei, einen Drop zu entschärfen. "Der hat etwas zu stark gekickt", erklärt der Sarde und reicht uns seine schwielige Hand. "Giovanni gehört zum lokalen Bikeclub Fura Crabas und ist einer der Trailbuilder hier", erklärt Lorenzo. Er vollendet die Vorarbeit der sardischen Regierungsorganisation Forestas, indem er den Trails den letzen Schliff gibt. Förster und Biker arbeiten hier also Hand in Hand – ein skurriler Umstand, den er uns näher erläutern muss: In den Zeiten der Industrialisierung hatte man Sardiniens Wälder für den Bau von Eisenbahnschienen fast komplett abgeholzt. 1960 begann schließlich ein staatlich finanziertes Aufforstungsprojekt. Aus Schäfern wurden Forestas. Doch die Mission "Forestas" war irgendwann erfüllt, und die vielen Förster mussten sich neue Aufgaben suchen. "Zum Beispiel eben das Bauen und Pflegen von Trails!", schließt Lorenzo seinen geschichtlichen Exkurs ab. Das Schönste aber ist, dass die Fura Crabas dabei einen eigenen Stil entwickelt haben. Rein optisch wirken die Trails völlig naturbelassen. Die ein oder andere Kurve ist vielleicht ein wenig runder, als ein Ziegenhirte sie angelegt hätte, aber von einer Bikepark-Wanne sind sie Meilen entfernt. Dennoch steckt in jeder wild in den Trail ragenden Felsnase ein Sinn, wie wir bis hierher schon erfahren durften.

Markus Greber "Fura Crabas", die Ziegendiebe: Im Bikeclub von Ulassai nehmen 20 begeisterte Biker die Schaufel in die Hand, um die freigelegten Trails zu pflegen. Das jüngste Mitglied ist sechs, das älteste 46. 

An einer idyllischen Felsgumpe machen wir kurz Halt, bevor wir auch noch den Monte Taccu in Angriff nehmen. Von seinem Aussichtspunkt Punta Seccu aus reicht der 360-Grad-Blick sogar bis zum Meer. "Und genau dahin wird der Trail demnächst führen. Sie arbeiten gerade mit Hochdruck an der Verlängerung bis zum Strand", strahlt Lorenzo. Damit ist für uns klar: Wir kommen wieder, im Herbst.

Markus Greber Eukalyptus, Eichen, Lärchen: Die Wälder im Hinterland von Ulassai sind wild und spenden Schatten bei der Auffahrt. 


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