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EMTB Tuning: Laufradgrößen und Reifenwahl inkl. Reifentest

So holen Sie mehr aus ihrem E-Mountainbike

  • Christoph Malin
  • Christian Piccolruaz
 • Publiziert vor 4 Jahren

Steile Downhills gingen beim Biken schon immer, doch mit dem E-Antrieb machtʼs auch steil bergauf Spaß. Das erfordert von den Entwicklern aber neue Denkansätze bezüglich Laufrad- und Reifengrößen.

Verkehrte Welt. Ging es auf Singletrails bislang um die Abfahrten, macht mit dem E-Antrieb auch das Trail-Biken bergauf richtig Spaß. Was aber Fahrer und Bike plötzlich auf ganz neue Weise fordert. Denn trotz Motorunterstützung ist es alles andere als einfach, einen anspruchsvollen Pfad hochzufahren – sowohl fahrtechnisch als auch konditionell. Neben der Physis des Fahrers muss auch das Bike, insbesondere das Fahrwerk, entsprechende Fähigkeiten mitbringen, um steile Anstiege mit technischen Hürden meistern zu können. Der Hinterreifen muss maximale Traktion liefern, das Vorderrad leicht über Hindernisse rollen. Gleichzeitig darf sich das Bike an Steilstufen aber nicht aufbäumen.

Steilstufen markieren im Uphill die Schlüsselstellen. Ein zentrales Manöver dabei: Man muss das E-MTB jederzeit mit aktiver Entlastung leicht auf das Hinterrad bringen. Auf das Hinterrad? Ja. Und das bei hohem Gewicht von Motor und Akku und dem niedrigen Schwerpunkt? Genau!

Bergab kann man Steilstufen entweder überrollen, oder man springt mit einem Mini-Drop über sie hinweg. In beiden Fällen wird der Fahrer seinen Schwerpunkt nach hinten verlagern, um das Vorderrad zu entlasten und nicht nach vorne wegzukippen. Bergauf funktioniert das Überwinden von Steilstufen auf ähnliche Weise. Um das Prinzip zu verstehen, ein kurzer Ausflug in die Fahrtechnik: Indem man den Körperschwerpunkt vom Sattel in Richtung Lenker aktiv nach vorne bringt und dabei den Lenker kurz anzieht, wird erst das Vorderrad entlastet. Dann wird das Bike vom Fahrer durch das Strecken der Arme nach vorne geschoben und das Hinterrad über die Stufe nachgezogen – nun lastet das Gewicht wieder auf dem Hinterrad. Das Gewicht aufs Hinterrad zu verlagern, ist also in beiden Situationen, bergauf wie bergab, eminent wichtig.

Mit entscheidend dabei ist das Timing und die dynamische Ausführung.

Aber auch das Fahrwerk des Bikes hat einen großen Anteil daran, wie effizient sich Steilstufen bergauf überwinden lassen. Hilfreich dabei: unterschiedliche Laufradgrößen an Vorder- und Hinterrad. Und zwar: hinten kleiner, vorne größer. Vereinfacht gilt: Ein kleines Hinterrad bedeutet eine niedrigere Achshöhe, und das wiederum bedeutet eine verbesserte Fahrdynamik. Außerdem ermöglicht ein kleines Hinterrad, einen Reifen mit großem Volumen zu montieren – und das wiederum garantiert optimale Traktion. Ein größeres Vorderrad dagegen bedeutet eine höhere Achslage, und die verbessert das Überrollverhalten an Hindernissen. Doch jetzt kommt auch noch der Pedelec-Motor ins Spiel. Er sorgt durch zusätzlichen Antrieb für eine völlig unterschiedliche Aufgabenverteilung an Vorder- und Hinterrad. Hinten Traktion, vorne Fahrpräzision. Plötzlich sind also neben unterschiedlichen Laufradgrößen auch noch verschiedene Reifenbreiten vorne und hinten wichtig.

Christoph Malin Klassischer Vorteil unterschiedlicher Laufradgrößen im steileren Bergabgelände: Das kleinere 26-Plus-Hinterrad sorgt für eine verbesserte Lage zum Hang, das größere 29-Zoll-Vorderrad für maximale Bremstraktion und ein sehr gutes Überrollverhalten von Hindernissen. Insgesamt verbessern sich damit Kontrolle und Handling – dann sind auch solche Manöver möglich.

Wir haben uns deshalb für diesen Test folgende Fragen überlegt: Welche Anforderungen stellen wir an unsere Laufrad- und Reifenauswahl, welche Laufrad- und Reifengrößen machen Sinn, wie lassen sie sich idealerweise kombinieren? Vor dem Hintergrund dieser Fragen haben wir verschiedene Test-Bikes (siehe Cube- und KTM-Projekt-Bike) mit unterschiedlichen Laufrädern ausgerüstet und dann verschiedene Reifenbreiten an Vorder- und Hinterrad getestet.


Welche Laufradgrößen und Reifengrößen stehen aktuell zur Verfügung?
26 Zoll, 26 Zoll mit Plus-Bereifung, 27,5 Zoll, 27,5 Zoll mit Plus-Bereifung und 29 Zoll sind die gängigen Größen, wenngleich 26 Zoll mittlerweile ein Nischendasein fristet und breite 26-Zoll-Felgen für Plus-Reifen sehr rar sind.


Welche Größe ist ideal fürs Hinterrad?
Gefordert sind: 1) ein großvolumiger Reifen, der maximale Antriebstraktion und Durchschlagschutz bietet. 2) ein niedriger Achsdrehpunkt, und ein gutes Verhältnis zwischen Kettenstrebenlänge und Achsdrehpunkt.


Welche Größe ist ideal fürs Vorderrad?
Ein etwas kleineres Volumen mit mehr Druck für gute Fahrpräzision, gutes Überrollverhalten und einen guten Überschlagschutz. Das liefern 27,5-Zoll-Räder bis maximal 2.6 Zoll Reifenbreite, noch besser aber 29-Zoll-Vorderräder.


Warum hinten 26 Zoll mit Plus-Bereifung?
Weil diese Kombination maximale Traktion bei gutem Durchschlagschutz bietet, außerdem entsteht so mehr Bewegungsfreiheit bei der Gewichtsverlagerung nach hinten: Ein Bike mit mittellangen Kettenstreben lässt sich dann gut auf das Hinterrad ziehen (niedriger Achsdrehpunkt), und sowohl im Uphill als auch im Downhill wird es wendig. Nicht zuletzt ist diese Laufrad-Reifen-Kombi leicht und steif.


Warum nicht 27,5-Plus am Hinterrad?
27,5-Plus am Hinterrad kombiniert mit 29 Zoll am Vorderrad bietet sich eher für große Biker an. Das Bike kommt aber höher und wird dadurch im Handling schlechter. Deshalb fahren kleine und mittelgroße E-Mountainbiker besser die Kombination aus 26-Plus hinten und 27,5 Zoll vorne.


Warum 27,5-Plus vorne eher nicht?
27,5-Zoll-Plus-Reifen müssen mit weniger Luftdruck gefahren werden, damit man das Volumen ausnutzt – dann reagieren sie aber schwammig, bei gleichem Gewicht wie 29-Zoll-Normal-Reifen sind sie außerdem weniger robust.


Warum besser 29 Zoll vorne?
Die positiven Fahreigenschaften eines 29-Zoll-Bikes stammen zu 90 Prozent vom Vorderrad. Das hinterhergezogene Hinterrad spielt jedoch im Gegensatz zum geschobenen Vorderrad beim Überrollwiderstand praktisch keine Rolle. Außerdem rühren die guten Kletter- und Traktionseigenschaften eines klassischen 29-Zoll-Bikes vom hohen Hinterradachsdrehpunkt her. Der erzeugt ein sogenanntes Rückdrehmoment in Steilpassagen (daher ist Wheelie-Fahren mit einem 29er-Bike schwieriger). E-Mountainbikes hingegen haben von vornherein 20 bis 30 Millimeter längere Kettenstreben und einen etwas steileren Sitzwinkel, sodass der Rückdrehmomenteffekt eines 29-Zoll-Hinterrades beim Bergauffahren gar nicht benötigt wird. 29 Zoll macht daher am E-MTB nur am Vorderrad Sinn, bietet ein unübertroffen gutes Überrollverhalten und den besten Überschlagschutz.


Und wie sieht unser E-Bike-Wunschreifen aus?
Leichtbaureifen und feinstollige Profile haben am E-MTB nichts verloren. Bei einem Gesamtgewicht von 22 bis 25 Kilo spielt das Reifengewicht eine untergeordnete Rolle. Dagegen steigen die Anforderungen an Karkasse und Reifenprofil in Sachen Durchschlagschutz, Brems- und Antriebstraktion. Unser Wunschreifen am Hinterrad hat deshalb ein grobstolliges Blockprofil für Brems- und Antriebstraktion, eine weiche Gummimischung an den Außenstollen, eine etwas härtere Mischung in der Mitte, einen stabilen Karkassen-Aufbau sowie ein hohes Reifenvolumen bei 3,0 Zoll Reifenbreite. Unser Wunschreifen am Vorderrad hat eine insgesamt weiche Gummimischung für maximale Traktion, ein grobstolliges Profil sowie eine Breite zwischen 2,5 und 2,6 Zoll für viel Lenkpräzision.



Fazit von Christoph Malin, EMTB-Tester:

Die Zukunft des E-Mountainbikes wird über verschiedene Laufradgrößen und Reifenbreiten sowie -mischungen am Vorder- und Hinterrad führen. 29 Zoll am Vorderrad bieten besseres Überrollverhalten, Lenkpräzision und erhöhte Seitenführung. Gleichzeitig kann mit einem kleineren Laufrad hinten die Reifenbreite erhöht, der Grip maximiert und dadurch die Kraft des Motors optimal genutzt werden. Durch zusätzliche Features wie absenkbare Gabeln erfolgt die Anpassung der Bike-Geometrie noch besser an die Anforderungen.

Unser Tipp für die schnelle Nachrüst-Tuning-Lösung: 26 Zoll mit 2,8–3,0-Plus-Bereifung hinten und 27,5 Zoll x 2,5–2.6 Zoll Reifenbreite vorne. Der Außendurchmesser dieser Kombination ist nahezu gleich. Für größere Biker kommt auch die Kombination aus 27,5-Plus hinten und 29 Zoll vorne in Frage. Langfristig wird sich wahrscheinlich die Kombination aus 26-Plus hinten und 29 Zoll mit 2,4 bis 2,6 Zoll breiten Reifen vorne etablieren. Diese Kombination ist für alle Körpergrößen ideal zu fahren und bietet den besten Mix aus Gewicht, Steifigkeit und Performance.

Christoph Malin Christoph Malin, EMTB Tester und Fotograf


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