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EMTB Bayern Special: Tipps für Ausflüge in Süddeutschland

EMTB Bayern Special: Tour auf den Herzogstand

  • Florentin Vesenbeckh
 • Publiziert vor 3 Jahren

Vom Allgäu bis Berchtesgaden, vom anspruchsvollen Trail bis zur Panorama-Runde: Fünf Locals zeigen ihre Touren-Schmankerl - allesamt echte Highlights für E-Mountainbiker.

Einfach Königlich: Tour auf den Herzogstand


Ein einsamer Gipfel, türkisblaues Wasser und feine Trails – E-Mountainbiker finden ihr Paradies direkt vor den Toren Münchens. Voraussetzung: Ein früher Aufbruch. Eine SonnenAufgangs-tour zum Herzogstand.

König Ludwig II. wusste, wo es in Bayerns Bergen am schönsten ist. Am Herzogstand zum Beispiel, gute 1000 Meter über dem türkisblauen Wasser des Walchensees genoss er viele Momente und schuf eine entscheidende Grundlage, von der Biker 150 Jahre später immer noch profitieren. Der naturbegeisterte Schöngeist ließ hier den königlichen Reitweg für seine Besuche auf dem Gipfel ausbauen und errichtete auf dem Herzogstandsattel das sogenannte "Königshaus". Heute steht auf dessen Fundament das Berggasthaus Herzogstand, eines der beliebtesten Ausflugsziele der Region, dank traumhafter Panoramalage. Wer als E-Biker wie der sagenumwobene Bayernkönig die Schönheit am Herzogstandgipfel genießen will, sollte vor allem eins sein: früh dran. Denn, wer vor der ersten Fahrt der Herzogstandgondel hier ist, profitiert gleich dreifach. Der Sonnenaufgang über den Berggipfeln ist genial, die Wege sind noch frei von Fußvolk, und nach rauschender Abfahrt kann man den restlichen Tag am See genießen.

Anton Brey - Photography All inclusive: karibische Wasserfarben, erfrischende Abkühlung, perfektes Panorama. Wer früh dran ist, hat nach der Bike-Tour noch einen paradiesischen Badetag am Walchensee vor sich.

Es ist Viertel nach sechs am Morgen und stockdunkel. Julian schlägt den Kofferraum zu und schaltet die Stirnlampe an. Im Lichtkegel der Lampen rollen wir vom Parkplatz an der Kesselbergstraße und kurbeln wenig später bereits auf dem königlichen Fahrweg Richtung Herzogstand. Unser Plan: den ebenso berühmten wie beliebten Ausflugsberg vor den Toren Münchens erklimmen und den Sonnenaufgang am Gipfel erleben – und zwar bevor die Gondelbahn die ersten Wanderer oben ausspuckt und der Weg zum Gipfel zum voll besetzten Hindernisparcours wird. Die E-Bikes spielen heute eine entscheidende Rolle, denn ohne die zusätzliche Power wäre die kräftezehrende Auffahrt über die steilen Rampen wohl kaum zu bezwingen.

Anton Brey - Photography Frühaufsteher sind gefragt bei der Tour auf den Herzogstand.

Es ist frisch. Die feuchte Morgenkälte fährt uns in die Glieder. Handschuhe und lange Jacke sind Pflicht. Wir treten schweigend in die Pedale und sind froh über das leise, unterstützende Surren der Bikes. Ruhig und entspannt liegt der Walchensee wie eine riesige, schwarze Pfütze unter uns. Wir steuern auf dem Forstweg entspannt nebeneinander bergauf, die Lichtkegel unserer Lampen tanzen gemeinsam über den Kies. Der Weg läuft zunächst mit gemütlicher Steigung im Wald. Mit leichter Motorunterstützung in niedriger Stufe ideal zum Einrollen und Warmwerden am frühen Morgen. Doch schnell zeigt der Anstieg sein wahres Gesicht und verrät, warum die Tour selbst bei konditionsstarken Bikern als harte Herausforderung bekannt ist. Die Auffahrt ist ein echter Wadenbeißer, der immer wieder extreme Steilstücke mit losem Untergrund aufweist. Ein Knopfdruck für die volle Motorunterstützung ist verlockend, doch wir müssen mit der Akku-Kraft haushalten: 900 Höhenmeter sollten zwar drin sein, doch die Steilstücke ziehen ordentlich Power, und wir wollen nicht riskieren, dass uns auf den letzten Metern die Reserven ausgehen. Wir treten jetzt leicht schnaufend und grinsen uns begeistert an. Die Geschwindigkeit trotz der fiesen Steigung hochzuhalten, macht einfach Laune. "Ich glaub’, hier war ich vor zehn Jahren das letzte Mal mit dem Bike, und ich hätte mich sicher in meinem Leben nicht noch mal hochgequält", sagt Julian und schaut dankbar auf den Motorblock in seinem Bike. Auch wenn die Motorunterstützung konditionell bei uns größere Schmerzen verhindert, ist die Steigung fahrtechnisch nicht zu unterschätzen und erfordert kontrolliertes Treten. Der teilweise recht lockere Schotter und die kernige Steigung verlangen volle Konzentration, um die Traktion am Hinterrad zu behalten. Das macht richtig Spaß, Arbeit für die Feinmotorik nach dem gemütlichen Einrollen. Aber wer die Balance verliert, hat auf den steilen Serpentinen auch mit dem E-Bike seine Mühe, wieder in den Sattel zu kommen.

Anton Brey - Photography Schlüssel zum Glück: im Morgengrauen lospedalieren, um bei Sonnenaufgang schon kurz vorm Gipfel zu sein. Das garantiert Einsamkeit und magische Momente.

Bei der kleinen Steinalm verliert der Weg seinen Schrecken und öffnet den Blick in den großen Kessel zwischen Herzogstandsattel und Gipfel. Jetzt beginnt der schönste Teil des Aufstiegs. Während ich noch Richtung Gipfel schaue, biegt Julian unverhofft von der Forststraße rechts ab, fährt über ein kleines Wiesenstück und deutet ins Tal. "Hier müssen wir später in den Singletrail abbiegen. Der ist das Sahnestück der Tour! Und weiter unten führt er wieder zurück auf den Forstweg." Viel spektakulärer ist so früh am Morgen allerdings der Blick nach Norden, hinunter in die flache Ebene Richtung München. Wie abgeschnitten fällt der Berg scheinbar senkrecht ab. Weit unten liegt die Landschaft im morgendlichen Blau. Nahe am Boden wabern mystische Nebelschwaden. Kochelsee, Staffelsee und sogar der Starnberger See liegen in Sichtweite, ein Blick wie aus dem Flugzeug. Ganz in der Ferne lässt sich mit etwas Phantasie auch München erahnen. Julian fasst die Szenerie in ein knappes "Wow!". Mehr Worte braucht es nicht, um unser Staunen und den ersten Glücksmoment dieses Tages zu beschreiben. "Grüß Gott!", hallt es durch die Stille. Wir zucken zusammen, als hinter uns ein Mann die Büsche auseinanderschiebt – mit geschultertem Gewehr und in traditionellem Jägergrün. Puh, wir hatten eigentlich gedacht, so früh am Morgen ganz alleine unterwegs zu sein. Doch die Gesellschaft dauert nicht lange. Er wirft uns einen kurzen Blick und ein "Pfiat’s Eich" zu und ist schon wieder hinter dem nächsten Baum verschwunden, als wir ihm unser "Guten Morgen" hinterherrufen.

Anton Brey - Photography Seichte Trails und Forstwege, oder knackige Trail-Abschnitte: Am Herzogstand können E-Mountainbiker aus zwei Abfahrtsvarianten wählen. 

Wir haben auch nicht viel Zeit, den Ausblick zu genießen, denn wir wollen ja noch zum Gipfel, und die Uhr läuft gegen uns. Um Punkt 9 Uhr bringt die erste Gondel Wanderer zum Herzogstandsattel, und bis dahin wollen wir bestenfalls schon auf der Terrasse beim Frühstück sitzen. Jetzt spielt das E-Bike seine Vorteile voll aus – wir arbeiten uns schnell höher und höher hinauf, ohne konditionell ans Limit gehen zu müssen. Die ersten Sonnenstrahlen blinzeln schüchtern über den Berg, als wir das Berggasthaus erreichen. Die umliegenden Berge sind nun in ein kräftiges Orange getaucht – eine echte Traumkulisse, fast schon etwas zu kitschig.

Ab hier wird der Weg schmaler. Wir sind früh genug. Kein Mensch ist zu sehen. So pedalieren wir auf dem gut ausgebauten Weg weiter bis zur ersten steinigen Serpentine, die den steilen Gipfelanstieg einläutet. Jetzt wird es sichtbar ruppiger und steiniger. "Sollen wir die Bikes lieber hier stehen lassen und zu Fuß gehen? Oder versuchen wir das Stück zu schieben?", frage ich Julian angesichts der jetzt komplett anderen Wegbeschaffenheit mit steilen Steinstufen. "Vielleicht geht’s ja später wieder besser," meint er optimistisch, und so wuchten wir unsere Bikes weiter bergauf. Das ist mit den schweren Geräten eine echte Herausforderung, die Kraft und Zeit kostet. Aber der Gipfel liegt schon in greifbarer Nähe, und uns hat der Ehrgeiz gepackt. Und so wechseln auf dem schmalen Pfad immer wieder Passagen im Sattel mit Schiebe- und Tragestücken. "Auch eine Art, den Akku zu schonen," lacht Julian keuchend mit dem Bike auf der Schulter. Obwohl es immer noch früh ist, scheint die Sonne schon kräftig vom Himmel, als wir das Gipfelkreuz erreichen. Der Nebel hat sich verzogen, und wir genießen den Rundblick, für den der Herzogstand mit seiner prominenten Lage berühmt ist. Karwendel, Wetterstein, Zugspitze und dazu der Walchensee mit seinen schillernden Farben.

Anton Brey - Photography Tiefblicke auf Kochel- und Walchensee sind bei der Herzogstand-Tour in jedem Fall garantiert.

Glücklicherweise haben wir auch die Aufstiegsroute im Blick, wo nun die ersten Wanderer von der Gondelstation Richtung Gipfel starten. Zeit, aufzubrechen. Die Abfahrt fordert fahrtechnisch alles, was wir zu bieten haben. Langsam zirkeln wir die Bikes bergab. Das Hinterrad versetzen ist hier Pflicht, und trotzdem müssen wir an einigen Stellen passen. "Ich glaube, das mache ich jetzt häufiger als alle zehn Jahre," lacht Julian, als wir wenig später auf der sich langsam füllenden Terrasse am Herzogstandhaus sitzen und einen Cappuccino zur verdienten Brotzeit schlürfen. Es ist halb zehn und der Tag am See liegt noch vor uns.

Die Tour

Ausgangspunkt ist der Parkplatz an der Kesselbergstraße auf 830 Metern Höhe, kurz oberhalb von Urfeld am Walchensee. Man folgt der Forststraße bis zum Herzogstandhaus auf 1575 Metern Höhe. Dort geht es rechts weiter Richtung Gipfel (1731 Meter). Wer keine fahrtechnischen Höchstleistungen bringen will, oder spät dran ist, lässt sein Bike kurz nach dem Herzogstandhaus stehen. Die Abfahrt erfolgt auf dem gleichen Weg. Bei der Steinalm links gibt es eine Variante auf schönem (nicht ganz einfachem) Singletrail, der wieder auf den Forstweg zurückführt und auf diesem bis zum Parkplatz. Als Variante kann an markierter Stelle die Abfahrt über den fahrtechnisch sehr anspruchsvollen Pionierweg bis zum Kochelsee genommen werden. Der Rückweg dann über das Walchenseekraftwerk und die Forststraße bis zurück zum Parkplatz. Gesamtdistanz dann ca. 24 Kilometer, auf genügend Akku-Kapazität achten!
Hinweis: Der Herzogstand ist ein beliebtes Wanderziel, deshalb sollte man die Tour nicht am Wochenende fahren, oder vor der ersten Gondelfahrt (9 Uhr) bereits oben sein.

INFOS


Anreise von München auf der A95 bis Ausfahrt Murnau-Kochel und über Schlehdorf nach Kochel – Kesselbergstraße Richtung Walchensee bis kurz vor Urfeld


Ausgangspunkt Parkplatz Kesselbergstraße auf 831 Metern Höhe
Herzogstandgipfel 1731 Meter Höhe
Höhendifferenz 900 Höhenmeter
Strecke 15 Kilometer (Alternative 24 km)
Fahrzeit 2,5 Stunden inkl. Gipfelaufstieg


Einkehr Das Berggasthaus Herzogstand steht auf der Stelle des historischen Königshauses von König Ludwig II, das 1990 einem Großbrand zum Opfer fiel. Hier gibt es typisch bayrische Gerichte, Brotzeit, Kaffee und Kuchen auf herrlicher Sonnenterrasse mit Ausblick über den Walchensee, auf die östliche Karwendelspitze über Soiernspitz, Stubaier- und Ötztaler Alpen, Wetterstein mit Zugspitze, das Estergebirge bis zu den Lechtaler und Allgäuer Bergen.
www.berggasthaus-herzogstand.de


Beste Zeit ​In der schneefreien Zeit zwischen Mai und Oktober.


Karte Topographische Landeskarte Bad Tölz, Lenggries und Umgebung, Bayer. Landesvermessungsamt, 1:50.000


Infos: Tourismus Walchensee  www.walchensee.de


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