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True Transalp: Alpenüberquerung mit dem E-MTB

  • Jutta Mlnarschik
 • Publiziert vor 5 Jahren

Ist eine Transalp per E-Mountainbike eine „echte“ ­Alpenüberquerung? Geht das überhaupt und macht es „trotzdem“ Spaß? Ein Abenteuer mit E – und ­einigen Erkenntnissen.

Heeh ... Warmduscher!“ Wie bitte? Wir? Nach fünf Tagen Transalp sind wir gerade am Gardasee angekommen. Wir sind – statt wie alle anderen am Strand ins Wasser zu rennen oder mit den Bikes direkt hineinzufahren (geht ja nicht, wegen des Elektro-Antriebs) – auf die Poller am Bootsanlegesteg von Torbole geklettert und ins kalte Wasser gesprungen. Jetzt pedalieren wir tropfnass die Hafenpromenade entlang und müssen uns beschimpfen lassen?
Zugegeben: Vor fünf Tagen, beim Start in Garmisch, waren wir selbst noch skeptisch. Ob eine Transalp mit ­E-Mountainbikes Spaß macht – oder eine fade Tour auf sanften Forstwegen wird? Ob die Motoren lange Anstiege ohne Überhitzung durchhalten? Wie sich die schweren Bikes auf Trails ­fahren? Und ob die Akkus eine ganze Tages­etappe durchhalten? Wir wollten es ausprobieren und haben eine bunt gemischte Gruppe zusammengestellt. Meine Begleiter: Michaela und Holger, Bike-Guides beim Radreiseveranstalter ULPtours – um die 30 und super fit. Franzi, die Touristikerin des Ladens. Uli, der Chef – Mitte 40, Typ Genussmensch. Constanze, seine Tochter, kurz vorm Abi – gechillt, aber mit Freeride-Talent. Und Markus, früher Testleiter bei BIKE, heute Sport-Fotograf.


Erkenntnis 1

Machen wir uns nichts vor: E-Bikes ­polarisieren. Immer noch und immer wieder. Egal, ob es Touristen am Lago sind, neugierige Normalbiker am Lichtenbergtrail oberhalb von Glurns – "Geht das echt mit den Dingern?" – und deren Ehefrauen – "Wo bleibst denn? ... Hey, de fahr’n fei E-Bike!" – oder Skepsis in den eigenen Reihen. "Also, für mich wär’ das nix", erklärt Michaela gleich am ersten Tag. E-Bike-Touren führen? Dürfen auch gern die anderen. Constanzes zurückhaltendes Schweigen lässt Raum für Interpreta­tionen. Aber ihr stilles Grinsen sagt: gar nicht soo schlecht. Und Uli, Familien­vater und im Hauptjob Ingenieur in einem Industriekonzern, sagt offen: "Ich sehe hier ganz klar die Zielgruppe der Genussradler. Weniger ­Höhenmeter, mehr Pausen auf der Hütte, Kuchen und Kultur." Ob da der Wunsch Vater des Gedankens ist? Sei’s drum.


Erkenntnis 2

Eine E-Transalp ist keine Herausforderung? Quatsch! Unterstützungsstufen sind frei wählbar, das Leiden ist somit einstellbar.

"Ganz ehrlich? Ich find’s geil!" Markus wagt sich als Erster aus der Deckung. Während die anderen noch mit ihren eigenen Vorurteilen ringen, grinst er von einem Ohr zum anderen, die Augen glitzern und er hat einfach Spaß – trotz des schweren Foto-Rucksacks auf dem ­Buckel. Am Anstieg zum Plamort oberhalb des Reschenpass kommentiert er nach ein paar Hundert Höhenmetern belustigt: "Hey, ich schwitz’ schon – des wollt’ ich eigentlich gar nicht." Franzi freut sich besonders an steilen Rampen über den Extra-Schub aus dem ­Motor. Denn mehr Speed bedeutet meist mehr Fun – auch wenn es nur ein paar km/h sind: Bergauf entscheiden sie mitunter darüber, ob man ein Steilstück souverän meistert oder mangels Kraft und Geschwindigkeit an irgendeinem aus dem Boden herausragenden Steinbrocken hängenbleibt. Und selbst Michaela kann am zweiten Morgen ihre gute Laune nicht verbergen: ­"Ruhig, Brauner",­ besänftigt sie grinsend ihr E-Bike, das beim Warten am Parkplatz vorm Hotel, nach leichtem, unbewusstem Druck aufs Pedal, gleich den Motor aktiviert und losspurten möchte.



Erkenntnis 3

Ob mit oder ohne E: Eine Transalp bietet Höhen, Tiefen und zahlreichen Sinneseindrücke. Die Panzersperre aus dem 2. Weltkrieg am Plamort hoch über Nauders

Eines ist auch schnell klar: E-Bikes verschieben nicht nur Leistungsgrenzen, sondern auch Perspektiven. Auf einer E-Bike-Transalp ist nicht derjenige "das Tier", der stets als Erster die Passhöhe erreicht. Sondern einer, der abends am meisten Saft im Akku hat, weil er tagsüber mit niedriger ­Unterstützungsstufe und hohem Krafteinsatz gefahren ist. Wie Constanze. Sie schielt ständig auf die im Display angezeigte Rest-Reichweite und kurbelt lieber tapfer im Eco-Modus, als am Nachmittag ganz ohne Unterstützung dazustehen. Die Furcht ist freilich unbegründet, denn die Reichweitenprognose orientiert sich natürlich – wie beim Auto auch – am aktuellen Fahrstil. Und kein Anstieg dauert ewig. Auch Michaela verdient den Titel "Miss Eco" – aber sie tritt eher aus Stolz in die Pedale denn aus Angst. Uli dagegen knüppelt sein Bike immer ­wieder mal im Turbo-Modus bergauf – und trotzdem zieht es ihn klaglos und ohne Überhitzungs-Erscheinungen jeden Anstieg hoch. Doch auch bergab eröffnen sich neue Welten. Franzi ist begeistert: "Ich fahr’ hier Sachen, die hätte ich mich vorher nie getraut. Das Bike fühlt sich irgendwie sicher an." Markus präzisiert das "irgendwie" aus technischer Sicht, aber nicht weniger begeistert: "Durch den tiefen Schwerpunkt mit dem ­Motor unterm Tretlager und das hohe Gewicht liegt das so satt auf dem Boden, dass es Wurzeln und so einfach wegbügelt. Das bringt echt nix aus der Ruhe!" Entsprechend entspannt turnt er selbst den Waldpfad bergab, der vom Monte Gazza in engen Kehren nach unten führt – für ihn "DER Trail der Saison". Franzi hat’s versucht – und dann doch lieber geschoben. Schließlich verschieben sich Grenzen nicht gleich ins Unendliche. Und wer realistisch ist, überlässt die haarigen Downhills auch dann den Profis, wenn er bergauf 250 Watt Unterstützung hat.


Erkenntnis 4

Tragstrecke oberhalb des Molveno-Sees

Apropos Schieben: Zugegeben, ein 22-Kilo-Bike auf einem schmalen Pfad steil durch den Wald zu bugsieren, ist kein wahres Vergnügen. Weder bergab, noch bergauf. Und das Ding erst einmal auf die Schulter zu wuchten, um ein paar Stufen zu überwinden ... nun ja. Aber: Beides geht – wir haben’s ausprobiert. Vom Molveno-See aus wollten wir noch mal nach oben. Die Aussicht vom Monte Gazza auf den Gardasee und die Brenta in uns aufsaugen. Einen weiteren Downhill genießen. Eine neue Strecke ausprobieren. Dabei haben wir entweder die Beschreibung unseres Hoteliers nicht richtig verstanden, die Karte nicht gewissenhaft gelesen oder einen Wegweiser über­sehen. Egal. So was passiert eben. Die italienischen Schulkinder auf ­Wandertag fanden’s jedenfalls toll. Zuerst, weil wir mit den Bikes – "die sind aber mit Motor, oder?" – zwar schnaufend, aber doch souverän die steilen, betonierten Rampen ­hinauf schnurrten. Dann, weil sie wieder an uns vorbeistiefeln konnten, als wir uns etwas mehr schnaufend und etwas weniger souverän durch die Latschen­kiefern kämpften. Doch nach jeder Plackerei kommt ein Gipfel – und meistens ist er lohnend. Uns jedenfalls belohnte er mit beeindruckenden Ausblicken nach Norden in die Brenta und nach Süden bis zum Gardasee – und Constanze, Holger und Markus obendrein mit besagtem Zickzack-Trail bergab.


Erkenntnis 5

Von wegen Warmduscher: Das Abenteuer E-Transalp war ein geglückter Sprung ins kalte Wasser.

Nun, was bleibt? Die Erinnerung an eine wunderschöne Transalp mit 365 Kilometern und 5.650 Höhenmetern. Mit vielen Wattstunden Strom – und mit extrem viel Spaß. Mit Erfolgs­erlebnissen auf den Trails und Begeisterung für diese Bikes. Mit viel Lust auf mehr solcher ­E-Erlebnisse – und ganz ohne das Gefühl, keine "richtige" Transalp gefahren zu sein. Genau deshalb sind die "Warmduscher"-Rufe in Torbole an uns auch abgeperlt wie das Kondens­wasser am eiskalten – und wie wir ­finden wohlverdienten – Glas Bier zum Abschluss in Mecki’s Bar.

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Themen: AkkuAlpenüberquerungE-BikeE-MTBGardaseeTransalpUli Stanciu


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