Test-Report: Rotwild R.G+FS Evo Test-Report: Rotwild R.G+FS Evo

Test-Report: Rotwild R.G+FS Evo

Mit dem E-Downhiller im Bikepark

Christian Schleker am 11.09.2017

Ein Downhill-Bike mit Motor, Was ist das? Sinnlos oder Fortschritt? Im Bikepark gibt’s ja Lifte – und Liftschlangen. Und viel Zeit im Sessel. Na dann, Selbstversuch: Ein Tag im Park – ohne Lift …

"Den Lift willst Du nicht nutzen? Dann kostet Dich der Tag in unserem Park heute gar nix." Die junge Dame an der Liftstation lächelt freundlich. Ich grinse dämlich-verdutzt zurück. Hab’ ich mich verhört? Auf meine Nachfrage, dass ich aber doch trotzdem alle gebauten Trails befahren will und dass das bestimmt ein Missverständnis sei, reagiert sie mit Schulterzucken und kassiert den nächsten Biker ab: "Tagesticket? Macht 28,50 Euro bitte." Hahaaa – ätsch!

Der deutsche Sparfuchs ist eine seltsame Gattung. Er zahlt bereitwillig zehntausend Euro für die neueste Karosse aus Stuttgart, jammert dann aber an der Zapfsäule, wenn der Benzinpreis nur um zwei Cent steigt. Mir geht’s als Bikepark-Fan ähnlich. Sparbuch plündern für den neuen Carbon-Downhiller? Kein Problem. 28,50 Euro fürs Tagesticket? Och nööö! Aber heute ja nicht, denn heute habe ich meinen Lift im Rad verbaut. Als langjähriger Tester für das Schwestermagazin FREERIDE hatte ich schon unzählige Downhiller unterm Hintern. Beim Test auf Lift oder Shuttlebus zu verzichten, kam mir bis dato nie in den Sinn. Wie auch, uphill-taugliche Vertreter dieser Gattung gab es schlicht nicht. Jetzt schon, aber keiner merkt’s. Zumindest auf dem Parkplatz erregt das Rotwild R.G+ FS Evo (was für ein Name!) null Aufsehen. Die technische Innovation ist zu gut versteckt: Der Brose-Motor und der selbst entwickelte Akku mit Carbon-Gehäuse fügen sich so unauffällig in das Design des Bikes, dass nur bei ganz genauem Hinsehen klar wird, was hier los ist.

Test-Report: Rotwild R.G+FS Evo

Assisted climbing 2.0: Der E-Downhiller kombiniert Abfahrtsspaß und Konditionstraining zu einer perfekten Bikepark-Mischung. Mit gering gewählter Unterstützung sind zahlreiche Runs drin, und der Puls bleibt beim Weg zurück zum Trail-Einstieg hoch. Bergab gibt der tiefe Schwerpunkt viel Sicherheit und Laufruhe. Das Ergebnis: mehr Speed. 

Ganz genau spüren, was hier los ist, tue ich sofort. Selbst bei kleinster Unterstützungsstufe (50 Watt) geht der Bolide zielstrebig los. Dabei ist er völlig geräuschlos – abgefahren. Apropos: Vor der Abfahrt muss ich erst mal hoch. Im Bikepark Geißkopf im Bayerischen Wald sind es exakt 325 Höhenmeter vom Parkplatz bis zum Gipfel. An einem normalen Tag gebe ich mir hier im Schnitt zehn Abfahrten. Viel mehr sind wegen des langsamen Lifts und der ab Mittag oft langen Warteschlange kaum drin. Ungefähr so viel will ich auch mit dem Rotwild schaffen – geht das? Das Stichwort Reichhöhe schießt mir ins Hirn. Die ist beim E-Downhiller klar begrenzt, weil der Akku fest im Rahmen verbaut ist. Zwischenzeitlicher Wechsel zwecks Spaßverlängerung ausgeschlossen. Wie viele Auffahrten aber schaffe ich mit dem Trumm? Wie viel Hilfe vom Motor brauche ich dafür? Zehn Auffahrten, das wären 3250 Höhenmeter! Erst jetzt wird mir bewusst, dass dieser Selbstversuch deutlich anstrengender werden wird als ein normaler Test im Park. Aber hey, besser als Büro!

Den Bikepark bei Bischofsmais habe ich mir für den Test ausgesucht, weil hier gerade der bundesweit erste Uphill-Flowtrail eröffnet wurde. Wenn schon 3250 Höhenmeter, dann doch wenigstens flowig, oder? Auf dem Weg zum Trail-Einstieg spiele ich ein bisschen mit den Cockpitknöpfen. Ein Knopf links am Lenker fährt die Teleskopstütze aus. Leider etwas zu weit für mich Tretzwerg. 150 mm Hub hat Rotwild der Kindshock-Stütze gegönnt. In Kombination mit dem 430 Millimeter langen Sitzrohr sind es ziemlich genau zwei Zentimeter, die ich wieder runter muss, um eine gute Tretposition zu haben. Aber ich bin auch nur 1,72 Zentimeter hoch und habe schlimm kurze Beinchen. Die Sitzposition ist überraschend ausgewogen. Nicht wirklich sportlich, weil Sattel und Lenker auf einem Niveau liegen, aber das Oberrohr ist lang und der Sitzwinkel steil. Knopf zwei ist eigentlich eine Doppeltaste mit Mini-Display. Hier kann ich vier Fahrstufen – dargestellt durch vier mikroskopisch kleine Klötzchen – anwählen. Laut Aufkleber-Info am Motor sind die Fahrstufen in 50, 100, 150 und 320 Watt Zusatzkraft aufgeteilt. Ich gönne mir nur ein Klötzchen und biege vom Schotterweg in den Uphill-Flowtrail ein. Und Flow kommt auf den ersten, eher flachen Metern auch auf. Mit der kleinsten Unterstützung fährt sich das Rotwild in etwa wie ein leichtes CC-Bike. Recht spritzig im Antritt und mit gutem Zug in der Steigung. Geil. Allerdings endet die Ähnlichkeit bei der Gangauswahl: Mit 36er-Kettenblatt und 36 Zähnen als kleinstes Ritzel kann ich heftige Steigungen wohl nur mit mehr Motorleistung bezwingen. Und das heißt weniger Reichhöhe. Also weniger Abfahrten. Also Mist.

Test-Report: Rotwild R.G+FS Evo

Schwertransport mit Style: Gut 23 Kilo zum Table Top flachzulegen, kostet weit weniger Kraft, als vermutet. Und auch der Speed ist auf Augenhöhe mit "normalen" Downhillern.

Zu meinem Glück hat Parkbesitzer Diddie Schneider den Trail so verschnörkelt in den Berg gebuddelt, dass sich die 325 Höhenmeter auf fast vier Kilometern verteilen. Die Steigung bleibt meist unter 10 % und ich bei Stufe 1 und 50 Watt. Zumindest überwiegend. Denn in den Uphill-Anliegern (ja, so was gibt’s jetzt auch) macht kurzes Gasgeben und Durchsurfen auf dem Hinterrad richtig Spaß. Aber das klappt erst mit 150 Watt Unterstützung so richtig. Also bleibe ich die meiste Zeit mit beiden Reifen auf dem Boden, schwitze stur in meinen Fullface-Helm und versuche, durch den Salzwasserschleier die Akku-Anzeige auf dem kleinen Display zu erkennen. Das Stress-Level steigt. Herrschaftszeiten, ist das Akku-Symbol winzig! Oh Gott, flackert da der erste Balken schon? Bin doch noch nicht mal mit Auffahrt eins fertig. Ne, war nur Dreck. Puh.

Nach zwei unvermeidbaren 100-Watt-Rampen (Reichhöhe, Reichhöhe!) und etwa 20 Minuten schweißtreibender Arbeit, bin ich oben. Und treffe am Ausstieg des Lifts zwei Biker, die ich vorhin unten am Parkplatz auch schon gesehen habe. Tatsächlich haben die im Bummellift inklusive Wartezeit beim Einstieg ziemlich genauso lange nach oben gebraucht wie ich. Rein zeitlich sind zehn Abfahrten also drin. Und sogar ’ne Mittagspause. Die werde ich auch brauchen. CC-Bike-Uphill-Fahrleistung beim Downhiller ist zwar schön, 3000 Höhenmeter kriegt man damit aber weiß Gott auch nicht geschenkt. Na, erst mal runter.

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"Zehn Auffahrten. Das wären 3250 Höhenmeter! Erst jetzt wird mir bewußt, dass dieser Selbstversuch deutlich anstrengender wird, als ein normaler Downhiller-Test im Bikepark. Aber hey, besser als Büro!" Christian Schleker

Ist der Sattel aus dem Weg, fühle ich mich auf dem Rotwild sofort heimisch. Die Geometrie ist modern und genau so, wie sie aktuell auch bei motorlosen Konkurrenten zu finden ist. 450 Millimeter Hinterbaulänge sind passend zum langen Reach. Für die Abfahrt schalte ich den Brose-Antrieb aus. Bis auf die ersten Meter am Einstieg und zwei kurze Beschleunigungspassagen nach Spitzkehren weiter unten im Trail, gibt es hier für das "E" nix zu tun. Ohne Unterstützung spüre ich das Gewicht deutlich – aktuelle Carbon-Bikes dieser Klasse sind bis zu 7 Kilo leichter. Aber kaum zieht die Schwerkraft am Rotwild, gibt’s kein Halten mehr. Bin ich heute gut drauf, oder liegt’s am Bike? Jedenfalls walze ich durch die mondgesteinsartigen Brocken im oberen Teil des Trails, wie selten zuvor. Das Rad verspringt nicht, ich treffe die Linie super. Und dann tauchen die ersten Felskicker vor mir auf. Springen mit massivem Übergewicht – im Freibad ist das peinlich. Und hier? Oha, das fühlt sich aber anders an! Ich segle weiter als gewohnt. Und ich habe erst mal gefühlt weniger Kontrolle über den Weg, den das E-Bike mit mir nimmt. Mehr Schwungmasse, die es zu kontrollieren gilt. Pure Physik. Und ich mitten drin. Verrückt. Nach nur etwas über vier Minuten bin ich wieder unten. Gute Zeit, guter Flow. Sattel hoch und nach links Richtung Uphill, statt wie sonst nach rechts Richtung Lift. Auffahrt zwei. 50 Watt. Steigender Puls. Salzwasserschleier vor den Augen. Schnaufschnauf. Vier Runs schaffe ich bis zur Mittagspause. Beim letzten Anstieg gönne ich mir ein paar Mal zusätzlich die 100 Watt. Im Display fehlen jetzt zwei von vier Akku-Klötzchen und meine Abfahrtszeiten werden immer schneller. Noch mal vier? Erst mal Bier. Alkoholfrei.

Test-Report: Rotwild R.G+FS Evo

Dass ein Downhiller mit Akku und Motor als Zusatzlast gut springt, hätte Tester Christian Schleker vor dem Selbstversuch niemals geglaubt. Und dass mit dem Rotwild R.G+ FS Evo die Auffahrt fast genauso viel Spaß bringt wie die Abfahrt, erst recht nicht. Ein E-Bike-Skeptiker weniger. 

16 Uhr. Abfahrt 6. Zweimal hat’s mich in der Steinwüste fast geschmissen. Die Konzentration lässt zusehends nach. Die Kondition ist eh am Limit. Akku leer. Also meiner. Im Display des Rotwilds lockt ein letztes Klötzchen. Na los, du Wicht. Langsam nerven mich die Uphill-Anlieger. Will keine mehr sehen. Will heim. Run acht. Ich bin durch. Mit letzter Kraft klicke ich mich zu den 150 Watt hoch – und werde sanft bergan geschubst. Bis kurz vor Schluss, dann erlischt die Kraft im R.G+ FS. Schieben. Ächzen. Und mit hängender Zunge zurück ins Tal. Der Lift hat zu. Alle weg. Last man standing.

Fazit:  Ein E-Downhiller im Bikepark. Ist das sinnvoll? Ich finde Sport sinnvoll, deshalb ist meine Antwort: Ja! Die Mischung aus vollwertigem Abfahrtsspaß und heftigem Konditionstraining im Wechsel funktioniert gerade in kleineren Parks mit weniger Höhenmetern super. Zur Nachahmung empfohlen.

Test-Report: Rotwild R.G+FS Evo

Jetzt muss nur noch das Liftpersonal aufgeklärt werden, dann ist die Welt wieder rund.


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Christian Schleker am 11.09.2017